Eine Frau ist krank, sie wird sterben. Ihr Ehemann begleitet sie. Die Reise geht über hundert Tage, sie führt in drei Kliniken, zu zahlreichen Ärztinnen und Ärzten und schliesslich nach Hause. Die Frau ist Ruth Schweikert, sie hat vor Jahren über ihre Krebserkrankung ein Buch geschrieben, «Tage wie Hunde». Eric Bergkraut schreibt das Buch fort, es wird zur Hommage auf seine Partnerin. Direkt und behutsam zugleich beschreibt er den gemeinsamen Weg. Er blendet zurück auf ein gemeinsames Leben mit Höhen und Tiefen, die erste Begegnung steht neben den letzten Gesten. «Hundert Tage im Frühling» ist das berührende Dokument eines Abschieds. Und wird zugleich zu einem Lebensbuch, das Mut spendet. Vielleicht nicht auf ein anderes Leben nach dem Tod. Aber auf das Leben bis dahin.
Erik Bergkrauts Frau Ruth Schweikert erkrankt 2016 an einem tripelnegativen Brusttumor, der als besonders aggressiv gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit eines Tumorrezidivs (Wiedererkrankung). Als sie 2023 neu erkrankt, kann die Patientin wie schon bei ihrer ersten Diagnose schwer loslassen, pflichtbewusst will sie berufliche Termine wahrnehmen und fühlt sich ihren Student:innen verpflichtet. Die fünf Monate, die der Familie bis zu Schweikerts Tod bleiben, dokumentiert der Ehemann in Tagebuchnotizen, im Wechsel mit eigenen Erinnerungen, Auszügen aus „Tage wie Hunde“ und ersten Texten aus der Schulzeit der Autorin. Eric Bergkraut betont, dass er kein Autor sei, sondern u. a. Regisseur. Er grübelt über Grenzen des Privaten und darüber, wie viel er zukünftigen Leser:innen zumuten darf. Der Abbruch einer geplanten Reise zu einem der Söhne des Paars gibt das rasante Tempo vor, in dem sich der Zustand der Patientin verschlechtert. Wie schon bei der ersten Erkrankung tritt Ruth Schweikert dem Krebs mutig und pflichtbewusst entgegen. Sie absolviert diszipliniert nacheinander mehrere Therapien, auch wenn man über den Sinn dieses Methodenclusters streiten könnte. Nach Behandlungen in mehreren Kliniken und der deprimierenden Einsicht, dass Patient:innen u. a. auf Fallpauschalen reduziert werden, wird Schweikert schließlich zuhause im Kreis ihrer Familie von einem Palliativ-Pflegedienst versorgt. Die Begegnung mit den Pflegekräften konfrontiert das Paar mit deren Erlebnissen im Ukraine- und Jugoslawienkrieg.
Fazit Berührt haben mich außer der mit Ironie gespiegelten innigen Beziehung des Paars und seiner Söhne die vielen Besuche von Weggefährten in Ruth Schweikerts letzten Lebenstagen. Eric Bergkrauts Notizen ergänzen „Tage wie HundeTage wie Hunde“; Schweikerts eigenes Krankheitstagebuch muss man jedoch nicht vorher gelesen haben.
--- Ruth Schweikert(1965-2023), in Lörrach geboren und in der Schweiz aufgewachsen, lebte mit ihrer Familie in Zürich. 1994 debütierte sie mit dem vielbeachteten Erzählungsband »Erdnüsse. Totschlagen«, es folgten die Romane »Augen zu« (1998), »Ohio« (2005) und »Wie wir älter werden« (2015). Für ihre Arbeit wurde sie mit zahlreichen Preisen geehrt.