Der Rechtsstaat bricht sein zentrales Versprechen: das Versprechen, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Aber sie sind nicht gleich. Das Recht hierzulande begünstigt jene, die begütert sind; es benachteiligt die, die nichts haben. Wirtschaftsdelikte in Millionenhöhe werden mit minimalen Strafen belegt oder eingestellt. Prozesse gegen Menschen, die einen Wodka stehlen, enden hart und immer härter. In einer spannenden Reportage deckt Ronen Steinke systematisches Unrecht auf. Er besucht Strafanstalten, recherchiert bei Staatsanwälten, Richtern, Anwälten und Verurteilten. Und er stellt dringende Forderungen, was sich ändern muss.
Langsam verstehe ich den Wunsch vieler nach der 3,5 Sterne-Marke…
Erstmal zum positiven: Das Buch beschäftigt sich mit einem sehr spannenden, gesellschaftlich hoch relevanten, aber viel zu wenig thematisierten Komplex: den teils ungerechten, auf finanziellen Hintergründen aufbauenden Ungleichbehandlungen im deutschen Strafsystem. Dabei zeigt der Autor eindrücklich, wie das System die Reichen schnell entschuldigt und die Armen immer mehr ins Elend stürzt. Ein Buch, das man auf jeden Fall gelesen haben sollte, wenn einem nach dieser Beschreibung noch keine Stichworte wie „Tagessatzsystem“, „Strafbefehl“ oder „Ersatzfreiheitsstrafe“ in den Sinn gekommen sind. Auch die vielen Fallbeispiele veranschaulichen das Ganze gut!
Hier beginnt jetzt leider die Kritik: ich habe das Buch leider einfach mit zu viel Vorwissen (vor allem aus dem Kriminologie-Schwerpunkt und einem Strafverteidiger-Praktikum) gelesen, weshalb im Endeffekt kaum neues dabei war - klar, dass das dann nur bedingt Spaß macht. Vllt liegt es auch daran, dass ich das Buch manchmal dann doch sehr einseitig darstellend fand und in der Komplexität mancher Themen nur das Unrecht beleuchtet wurde, nicht die vielseitigen Gründe dafür. Dazu kommt noch, und das hat mich wirklich enttäuscht, dass das Buch zwar „Vor dem Gesetz“ im Titel hat, sich letztlich aber einzig und allein auf Strafrechtliche Themen beschränkt.
Und ein letztes: es gibt auch andere große Strafrechtler außer Thomas Fischer, wenn es darum geht, die Meinung gestandener BGH Richter zu zitieren.
Sehr gut recherchierte und aufgearbeitete Reportage, mit vielen Lösungsansätzen und Denkanregungen die es schafft, alle Fakten zu vermitteln ohne trocken zu wirken. Klare Empfehlung, sollte jede:r gelesen haben!
So wichtig, wirklich ein Mustread. Dazu ist es auch nicht zu trocken geschrieben. Ich habe so oft beim Lesen den Kopf geschüttelt weil ich so wütend geworden bin, lest dieses Buch.
In "Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich" zeigt der Autor Ronen Steinke auf, inwieweit deutsche Gesetze und das deutsche Justizsystem, gut betuchte Mitmenschen begünstigt und Ärmere benachteiligt. So ist es in Deutschland zum Beispiel nicht verpflichtend, dass ein Verteidiger bei Prozessen anwesend ist; wenn denn überhaupt ein Prozess vor Gericht geführt wird!
Inhaltlich ist das Buch eher eine Zusammenstellung von älteren Erkenntnissen als ein neuer Standpunkt zum Stand unseres Rechtssystems. Um auf demselben Wissenstand zu sein, wie jemand der das Buch gelesen hat, hätte man auch die zahlreich angegebenen Quellen wälzen können. Was das Buch trotzdem lesenswert macht, sind die zahlreichen Anekdoten und Geschichten aus den Gerichtssälen, die Steinke erzählt: Von Drogenabhängigen, denen es in den Gefängnissen schlechter geht als auf der Straße, von einem Osnabrücker Ehepaar, das den Fiskus um etwa 84 000 Euro betrogen hat und dafür jeweils 3 Jahre und 10 Monate Gefängnisstrafe bekommen hat, aber auch von Volkswagen CEO Herbert Diess, dem persönlich eine Strafe von 4,5 Millionen Euro auferlegt wurde, die im Endeffekt aber VW bezahlt, als Betriebsausgabe verbucht, dadurch den Gewinn geschmälert und die Steuerlast verringert hat.
Diese Ungleichheit prangert Steinke an und macht im letzten Kapitel Vorschläge, wie das deutsche Rechts- und Justizsystem reformiert werden könnte, um ebendiese Ungleichheit/-behandlung von Armen und Reichen zu verhindern oder mindestens zu schmälern.
"Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich" ist schön aufbereitet, einfach zu lesen und jedem zu empfehlen, der sich grundlegend mit der Ungerechtigkeit im deutschen Rechtssystem auseinandersetzen und diese näher betrachten will.
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Wow, dieses Buch macht so unfassbar wütend 🫠 Pflichtlektüre - für Jurist:innen sowieso - aber auch als interessanter Einblick für Nichtjurist:innen. Bin ein sehr großer Fan von guter Recherche & somit auch von Ronen Steinkes Arbeit und den äußerst umfangreichen Fußnoten und Literaturhinweisen.
Einfach und überzeugend argumentiert. Wahrscheinlich hätten manche Beispiele und Wiederholungen weniger das Buch nicht schlechter gemacht. Außerdem findet keine kritische Einordnung der Beobachtung in systemische Logiken statt - nur zu sagen, dass der Klassenbegriff möglicherweise in der postmodern entgrenzten Welt etwas unterkomplex ist, erklärt Vieles noch lange nicht. Nichtsdestotrotz empfehlenswerte Lektüre und verdienstvoll von Ronen Steinke die deutsche Rechtspraxis in verschiedenen Dimensionen auf soziale Ungleichheiten abzuklopfen und gangbare Lösungswege aufzuzeigen.
Sie dachten, die deutsche Justiz wäre unfair? Buckle up, it's even worse than we thought.
Jetzt doch noch irgendwie in einem Rutsch durchgelesen, obwohl man die einzelnen Kapitel auch wunderbar häppchenweise hätte zu sich nehmen können. Steinke formuliert und belegt an zahlreichen Beispielen Kritik an der Justiz, die mich im im Groben vielleicht nicht überrascht, aber doch in den Vergleichen und Details bewegt hat. Dabei bleibt der Text verständlich genug für alle Nicht-Jurist*innen (dankenswerterweise, sonst hätte ich es kaum über das Vorwort hinausgeschafft). Aspekte der Intersektionalität werden dabei manchmal der Eigenleistung der Leser*innen überlassen, nur angedeutet oder nicht weiter gedacht (und das ist auch fine so - hier geht es hauptsächlich um Klassismus und nicht jeder Text kann alles bis ins kleinste Detail beleuchten, nur so als Warnung). Macht, wie jede gute politische Schrift, wütend. Bin Fan.
interessantes buch über die ungerechtigkeit des deutschen strafsystems, das reiche menschen milder behandelt und arme menschen noch ärmer macht, marginalisiert und benachteiligt. dass das so ist, ist keine überraschung, die zahlen und fakten dazu zu lesen trotzdem schockierend. das buch liest sich einfach und schnell und wirkt nicht übermäßig akademisch trocken und ich finde es toll, dass der letzte teil des buches aus appellen/notwendigkeiten zur veränderung besteht, statt lediglich missstände anzuprangern.
sehr konzise zusammenfassung, die beschreibt, was im deutschen rechtssystem falsch läuft mit tipps am ende, wie es besser geht. ist halt ein buch aus 2022 mit älteren zeitbezügen (hartz iv, alte drogenbeauftragte etc). da kann ich aber drüberschauen, du auch, sari?
Vieles von dem, was Ronen Steinke schreibt, ist nicht neu, vor allem, wenn man beruflich mit dem Justizsystem zu tun hat. Trotzdem ist dieses Buch wichtig, weil es die Informationen bündelt und in einer erfrischenden Klarheit zusammenfasst. Neben Klassismus geht Steinke auch auf Rassismus, Saneismus und andere systemische Problembereiche ein, auch wenn diese etwas knapper beleuchtet werden. Stilistisch liest sich das Buch hervorragend, eine gute Mischung aus Ankedoten und Lebensschicksalen im Stil einer Reportage und harten Fakten.
Einziger Wermutstropfen: die Endnoten, die zudem kapitelweise durchnummeriert sind. Ich hätte sie gerne auch gelesen, aber das ständige blättern hat mich komplett aus dem Lesefluss gerissen.
Überraschung: Das deutsche Justizsystem ist ungerecht. Vor allem jene werden belangt und kriminalisiert, die ohnehin schon hart vom Leben gebeutelt sind, wo kleine Diebstähle aus der Not heraus geschehen (shame on you, wohlhabendes Deutschland), um Grundbedürfnisse zu decken.
Gerechtigkeit in der Justiz geht alle etwas an, es muss im gesellschaftlichen Interesse der Bevölkerung sein, dass »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich« konsequent umgesetzt wird.
Große Empfehlung! Verständlich geschrieben und unterhaltsam zu lesen, dabei trotzdem wissenschaftlich, gründlich und tiefgehend. Ein Thema, über das viel zu wenig gesprochen wird und dessen Aufdeckung einen beim Lesen wütend macht. Für mich eines der besten Sachbücher der letzten Jahre, ein must read für alle, die irgendwie Interesse an Politik, Jura, Gesellschaft, Diskriminierung usw. haben.
Bittere Bestandsaufnahme der deutschen Justiz – und ihrer systemischen Schieflagen. Theoretisch ist vieles davon nicht neu: Wohlhabende und gesellschaftlich Privilegierte profitieren deutlich stärker vom Rechtssystem als sozial Schwächere. Diese Erkenntnis ist kein Geheimnis , wird aber hier belegt und konkretisiert.
Das Buch zeichnet das Bild eines Staates und einer Gesellschaft, die sich gerne als egalitär begreifen, es aber in vielen Lebensbereichen – vor allem in der Justiz – nicht sind. Die deutsche Justiz: schwer zugänglich, selbstreferenziell und in vielen Fällen blind für die Realität der Menschen, über die sie urteilt. Wer sich im privaten Alltag öfters mit Juristen umgibt, merkt schnell, dass das auf viele Mitglieder der Justizkaste zutrifft.
Die Idee der Gleichheit vor dem Gesetz in Deutschland bleibt Wunschdenken.
Habe das Buch verschlungen!! Und viel verstanden glaub ich. Bin auch sauer. In Deutschland gibt es mehr Drogenabhängige, die in Gefängnissen sitzen, als in Therapieeinrichtungen. Wirtschaftskriminelle können die Kosten für ihre Geldauflage oder Geldstrafe als „Betriebsausgaben“ von der Steuer absetzen. Die Dealer, die vor Gericht landen, bilden ein Spiegelbild der Hypothesen, mit denen Ermittler zu Beginn an ihre Arbeit herangegangen sind. Solche und andere Problematiken erklärt der Autor sosoo gut aus juristischer Perspektive.
gut recherchiert und aufgearbeitet. das justizsystem diskriminiert diejenigen, die sowieso schon unter dem system "kapitalismus" leiden. trotz des aufzeigens von missständen im juristischen kontext, fehlt mir die einordnung in das große ganze. warum können sich reiche aus ihrer kriminalität herauskaufen? warum werden vor allem diejenigen belangt, die nichts haben? wo ist hier die verhältnismäßigkeit? ein bisschen kapitalismuskritik wäre hier angemessen gewesen.
Ist für mich als junge Juristin eine Art innerliche Diskussionsgrundlage und ein Buch, was man deswegen auf jeden Fall griffbereit im Regal haben sollte