Am 30. November 1989 wurde der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen in Bad Homburg mit einer Sprengladung getötet – einer der letzten Morde der Rote Armee Fraktion. Achtzehn Jahre lang hat die Journalistin und Autorin Carolin Emcke geschwiegen zu dem Terror der RAF und damit auch über das Attentat an ihrem Patenonkel Alfred Herrhausen. In diesem berührenden, so persönlichen wie politischen Text plädiert die Autorin dafür, endlich das eisige Schweigen zwischen Tätern und Opfern des RAF-Terrors zu brechen. Sie plädiert jenseits von juristischer Sühne (oder Gnade) für einen gesellschaftlichen Dialog, für eine Aufklärung im emphatischen Sinne. Freiheit gegen Aufklärung – nur das könnte, Carolin Emcke zufolge, dabei helfen, die Epoche des deutschen Terrors wirklich zu begreifen. Der Text ist ein moralisches Plädoyer gegen Gewalt, aber auch gegen Rache und Verachtung als gesellschaftliche Antworten darauf.
Carolin Emcke, geboren am 18. August 1967 in Mülheim an der Ruhr, lebt als freie Publizistin in Berlin. Sie studierte ab 1987 Philosophie, Politik und Geschichte in London, Frankfurt am Main und an der Harvard University. Ihre Doktorarbeit „Kollektive Identitäten. Sozialphilosophische Grundlagen“ wurde 2000 im Campus Verlag veröffentlicht.
Von 1998 bis 2006 arbeitete Carolin Emcke als festangestellte Redakteurin beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. Ab 1999 bereiste sie als Auslandsredakteurin zahlreiche Krisenregionen und berichtete unter anderem aus dem Kosovo, Afghanistan, Pakistan, Irak und dem Gaza-Streifen. Aus den Briefen, die sie zwischen 1999 und 2003 an ihre Freunde schrieb, entstand 2004 ihr erstes Buch „Von den Kriegen – Briefe an Freunde“ (S. Fischer Verlag).
2003 bis 2004 ging Carolin Emcke für ein Jahr als Visiting Lecturer an die Yale University und lehrte unter anderem über „Theorien der Gewalt“. Seit 2004 kuratiert und moderiert sie zudem die monatliche Diskussionsreihe „Streitraum“ an der Berliner Schaubühne. Von 2007 bis 2014 arbeitete sie als freie Autorin für DIE ZEIT und veröffentlichte Reportagen aus dem Irak, Haiti, dem Gazastreifen sowie zahlreiche Essays. Seit Oktober 2014 schreibt sie für die Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung eine wöchentliche Kolumne.
Carolin Emcke wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Lessing-Preis des Freistaats Sachsen (2015), dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay (2014) und dem Theodor-Wolff-Preis (2008). 2010 wurde sie zur Journalistin des Jahres gewählt. Im Oktober 2016 wird mit „Gegen den Hass“ eine essayistische Auseinandersetzung mit dem Rassismus, dem Fanatismus und der Demokratiefeindlichkeit erscheinen.
2016 erhält sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.
das brechen des schweigens gegen amnestie: es liest sich wie ein hot take, ist aber weder oberflächlich, noch spontan (18 jahre!), dafür überlegt und selbstkritisch und -reflektierend und recherchiert und belegt.
ich kenne die autobahn, die allee, den kreisel, die straße, das parkhaus, das schwimmbad vom (unpolitischen) aufwachsen in der frankfurter peripherie wie meine westentasche. wie konnte ich nicht wissen, was 1989 dort passiert ist? wussten es meine eltern? wie hätte ihnen das entgehen können? haben sie es mir also vorsätzlich verschwiegen? weil sie einem kind die (ab)gründe der grausamkeit des terrors nicht erklären konnten? weil die täter selbst, sich darüber bis heute in schweigen hüllen?
es - ihre erfahrungen und gedanken, die doch sehr abstrakten lösungsansätze - lässt mich etwas nachdenklich, wenn nicht sogar ratlos, zurück.
Carolin Emcke gehört meiner Meinung nach zu den klügsten Intellektuellen, die in dieser Zeit zu dieser Zeit etwas sagen können. Keines ihrer Bücher hat mich bisher enttäuscht und gerade deshalb hatte ich großen Respekt davor, diese Auseinandersetzung mit der RAF aus ihrer Perspektive zu lesen; Sorge, die Patentochter eines der Mordopfer müsse sich den bürgerlichen Narrativen der Verteufelung und Verachtung widerspruchslos anschließen. Emcke aber gelingt auch hier eine ebenso kluge wie herausfordernde Gratwanderung zwischen dem, was sie als Angehörige und damit Betroffene fühlt, und dem, was ihren Ansprüchen als explizit linker Intellektuellen gerecht werden muss. Ein anstrengendes, aber definitiv lesenswertes Buch!
„Getrieben vom Zorn jedenfalls werden wir die Gewalt von heute und die Gewalt von gestern nicht überwinden. Je zorniger wir reagieren, je mehr wir uns hineinsteigern in diese aufgewühlte Wut gegen die anderen, umso mehr deuten wir auf das, was am Grund dieses Zorns liegt: die eigene Schwäche.“
Carolin Emcke schildert in einem Verständnis, welches für ein Opfer der RAF nicht denkbar sein könnte. Sie verlangt ein Ende des heiligen Omertas der RAF und im Gegenzug die Straffreiheit. Unglaublich! Und doch stimme ich ihr in nahezu allen Fragen, Forderungen und Wünschen zu.
Ein unglaubler Essay über das Schweigen dreier Generationen, die auf beiden Seiten gelitten haben.
Carolin Emcke fordert in ihrem Essay Amnestie für Aufklärung: Wenn die Täter der RAF reden, sollen sie Straffreiheit bekommen, und sogar bislang unbekannte Täter soll Straffreiheit gewährt werden. Die Idee selbst wird mit guten politischen und psychologischen Erwägungen begründet, die persönlichen Auswirkungen des Herrhausen-Attentats (sie war Patenkind von Herrhausen) mal tastend, mal schonungslos geschildert. Dennoch teile ich die Schlussfolgerung "Amnestie für Aufklärung" in ihrer Radikalität nicht. Für mich besonders bemerkenswert war die Vielzahl der Fragen, die Emcke sich über die RAF stellt und die sich heute, 2017, exakt so in Bezug auf den Nationalsozialistischen Untergrund stellen. Beispiel: "Das ist das Gewalttätigste an der Gewalt des Terrors: die Sprachlosigkeit. Ich weiß nicht, ob sich die Täter jemals überlegt haben, was es heißt, »abzutauchen«. Nicht vor der Staatsgewalt, nicht vor der Strafe, nicht vor dem Gefängnis. Sondern vor dem Gespräch, vor der Pflicht, Rede und Antwort zu stehen."
Ein weiteres Beispiel: "Entscheidet man sich erst zum Mörder zu werden? Und danach für das Opfer? Das muss wohl so sein. Denn es kann ja kein Opfer geben ohne vorherigen Entschluss zu töten. Wenn aber zuerst feststeht, dass man töten wird, und erst anschließend das Ziel ausgesucht wird – wie kann man dann noch den Mord durch die Auswahl des Opfers rechtfertigen?" Beim NSU waren die migrantischen Opfer sog. Repräsentanzopfer (Originalbegriff Oberstaatsanwalt Weingarten/OLG München), dh sie wurden nicht wegen ihres individuellen Lebens getötet sondern weil sie per se das zu Bekämpfende repräsentieren. Die getötete Polizistin Kiesewetter fällt aus diesem Beuteschema heraus. Wenn man Zschäpe im Prozess glauben darf, wurde Kiesewetter wegen ihrer Waffe getötet. - Auch das ist eine gängige "Zweck-heiligt-Mittel"-Opfer-Auswahl von Terroristen, wie sie auch bei der RAF anzutreffen ist. Das wichtigste Beispiel, betreffend V-Mann Siegfried Nonne: "Wie qualifizierte sich so eine Figur eigentlich als V-Mann? Ein depressiver Alkoholiker, der lange in der Psychatrie gesessen hatte, in dessen Keller Sprengstoffspuren gefunden wurden. Nur leider nicht dieselbe Sorte wie die bei dem Mord auf Alfred Herrhausen verwandte. Waren die Ermittlungsbehörden eigentlich rücksichtslos oder gleichgültig? Perfide oder inkompetent? Hatten sie einfach eine Statistik zu erfüllen? Standen Budget-Verhandlungen an? Wen wollten sie damit bloß beeindrucken? Wovon wollten sie damit ablenken? Wen wollten sie damit beschützen?" - Exakt diese Fragen: Mit wem paktiert der Staat, wenn er V-Leute anwirbt? Welchen Preis ist man bereit zu zahlen? Wieso werden wenige bis keine Erkenntnisse aus dem Pakt gewonnen? Diese Fragen stehen beim NSU-Komplex bis heute ganz oben und sind weitgehend unbeantwortet. Lediglich Thüringen hat als Konsequenz aus dem ersten Untersuchungsausschuss V-Leute als Instrument zur Aufklärung in der rechten Szene vorerst abgeschafft. Alle anderen Länder und der Bund behalten dieses erwiesenermaßen seit Jahrzehnten hochproblematische "Aufklärungsinstrumentarium" der V-Leute bei.
Hab das Buch über einen langen Zeitraum immer nur so episodenhaft gelesen, was ich schade finde, da ich deswegen die Gesamtheit des Buches sicher nicht so ganz greifen kann. Auch fehlt mir teils auch das Hintergrundwissen zur RAF. Hab das Gefühl dieses Buch wird nochmal gelesen irgendwann. Aber sonst unglaublich kluge Gedanken (Amnestie für Aufklärung, (il)legitime Gewalt, uvm) , Carolin hat einfach abgeliefert !!