Ein feministischer Monolog in literarischer Form
Katie Buckleys Debütroman "Hero" fragt: Kann man lieben und trotzdem frei sein? Die Autorin, geboren in Cornwall und aufgewachsen in Kanada und Großbritannien, hat Kreatives Schreiben an der Royal Holloway University in London studiert und wurde 2021/22 mit einem Stipendium der London Library ausgezeichnet. Ihr literarisches Debüt erschien 2024 im S. Fischer Verlag und wurde bereits vielfach als literarisches Ereignis im feministischen Diskurs gewürdigt.
Worum geht’s genau?
Die Protagonistin Hero lebt mit ihrem Partner zusammen, als dieser ihr einen Heiratsantrag macht. Doch statt in Freude auszubrechen, bittet sie um sieben Tage Bedenkzeit. Diese Woche nutzt sie, um sich mit voller Wucht selbst zu befragen: Wer bin ich, und wer darf ich sein, wenn ich "wir" sage? In einer Mischung aus tagebuchähnlichen Reflexionen, Erinnerungen, Gesprächsszenen und literarischen Einschüben rekonstruiert sie ihr Leben, ihre Beziehungen, ihre Ängste und Verletzungen. In der zweiten Person Singular geschrieben, richtet sich die Erzählung an den Partner, aber auch an sich selbst – und indirekt an uns Leser:innen.
Meine Meinung
Ich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut. Der Gedanke, dass eine Frau sich sieben Tage Zeit nimmt, um über einen Heiratsantrag nachzudenken, schien mir eine spannende und sehr gegenwärtige Idee. Der Einstieg fiel mir jedoch nicht leicht: Die Wahl der zweiten Person Singular im Präteritum war ungewohnt, ja irritierend. Doch bald empfand ich genau diese Perspektive als einen klugen Kunstgriff: Sie schafft Intimität, Direktheit, macht mich zur Verbündeten, Zeugin, Adressatin.
Der Roman ist erzähltechnisch anspruchsvoll. Hero springt durch ihre Biografie, durch vergangene Beziehungen, schmerzhafte Erlebnisse und feministische Reflexionen. Erzählt wird fragmentarisch, collageartig, fast wie ein literarischer Flickenteppich. Dadurch fehlt eine klassische narrative Struktur, was anfangs herausfordernd ist, aber zunehmend stimmig erscheint. Denn das Fragmentarische entspricht genau dem Prozess, den Hero durchlebt: Ein Zusammenfügen von Erfahrungen, ein Versuch, sich ein eigenes Bild von sich selbst zu machen.
Ein zentraler roter Faden: die Erfahrung von Mädchen und Frauen in patriarchalen Strukturen. Die meisten ihrer vergangenen Beziehungen sind von Übergriffigkeit, Dominanz, Abwertung geprägt. Männer, die sie kontrollieren, kleinhalten, manipulieren. Das zieht sich wie ein durchgehendes Thema durch das Buch. Besonders eindrücklich fand ich das Zitat auf Seite 124: "Wenn du weißt, was gut für dich ist, lächle niemals einem Mann zu [...] Gehorsamkeit ist der Preis fürs Überleben." Ein Satz, der mir lange nachgegangen ist, weil er so viel darüber aussagt, wie viele Frauen gelernt haben, sich selbst zu schützen – durch Anpassung, Schweigen, Selbstzensur.
Ähnlich kraftvoll ist die Szene mit ihrer Mutter (S. 126): "Du glaubst, du bist frei, und dann heiratest du [...] Und dann – ist es vorbei." Das sind Worte, die generationsübergreifende Prägungen sichtbar machen. Kein Wunder, dass Hero Angst davor hat, in der Rolle der Ehefrau zu verschwinden.
Viele ihrer Männer erscheinen als narzisstisch, intellektuell herablassend oder schlicht emotional unzugänglich. Auf Seite 69 etwa heißt es: "Er wollte im Moment leben, was bedeutete: Sprich niemals über die Zukunft, hinterfrag mich nie, hab keine Wünsche oder Bedürfnisse." Hero lässt uns teilhaben an diesen Momenten der Erniedrigung, aber auch an ihrer Wut, ihrem Zorn, ihrer Sehnsucht nach einem Leben jenseits von Rollen und Erwartungen.
Ein weiteres Zitat, das mir sehr naheging, steht auf Seite 128: "Ich will wie ein Mann sein. Ich will alles haben können." Es bringt Heros Wunsch nach Autonomie und Gleichwertigkeit auf den Punkt – und zeigt zugleich, wie tief das Gefühl sitzt, dass Frauen diese Selbstverständlichkeit verweigert wird.
Und dennoch ist "Hero" kein Opferroman. Vielmehr zeigt er eine Frau auf der Suche: nach sich selbst, nach einer eigenen Stimme, nach einem eigenen Erzählen. "Fortan du zu sein statt ich, klingt für mich wie ein Todesurteil" (S. 148) – dieser Satz bringt genau das auf den Punkt: Die Angst, sich in einer Beziehung zu verlieren, nicht mehr als eigenständiges Ich zu existieren.
Auch die literarischen Einschübe – etwa das feministische Märchen über die Meerjungfrau oder Heros Gedanken über Manets Barfrau (S. 35) – fand ich sehr gelungen. Sie erweitern den Text, bieten Metaebenen, und machen deutlich, wie tief Hero mit Literatur, Kunst, weiblichen Erzliniend verbunden ist.
Trotz aller starker Szenen hatte ich aber auch Schwierigkeiten mit dem Buch: Hero bleibt für mich über weite Strecken distanziert. Ich habe sie nicht durchgängig gespürt, konnte manche ihrer inneren Bewegungen nicht ganz nachvollziehen. Und auch wenn ich die Fragmentierung als Stilmittel verstehe, wäre mir an manchen Stellen eine klarere Struktur lieb gewesen.
Trotzdem – oder gerade deshalb – finde ich: "Hero" ist ein wichtiges Buch. Es bringt vieles zur Sprache, was sonst zu oft verdrängt wird. Es zeigt, wie komplex, schmerzhaft und widersprüchlich weibliche Lebenswege verlaufen können. Und dass es keine einfachen Antworten gibt.
Fazit
"Hero" ist ein literarisch anspruchsvolles, kluges und feministisches Debüt. Kein Buch zum schnellen Weglesen, aber eines, das bleibt. Eines, das Fragen stellt, die wichtig sind. Und das die Stimmen von Frauen ernst nimmt. Von mir gibt es dafür 3,5 von 5 Sternen.