Das Buch könnte auch heißen: "Geschichte eines Kindes und einer Frau"
Das Buch besteht aus zwei deutlich voneinander getrennten Textteilen. Der erste Teil bildet die behördliche Suche nach dem Vater eines neugeborenen Jungen 1953 in Green Bay, USA, dessen Mutter eine Weiße ist, der aber "negroide" Züge aufweist, also (vermutlich) von einem Schwarzen gezeugt worden sein muss. Das Besondere an diesem ersten Teil (der sich später fortsetzen wird) ist einerseits das unverkennbar rassistische Gedankengut, das zur Bestimmung eines Menschen herangezogen wird. So wird der IQ des Kleinkinds mehrmals gemessen (!) und als schrumpfend bestimmt, da dies typisch für die Rasse sei. Auch die Mutter will den Vater von "Danny" Daniel geheim halten, um im Städtchen nicht sanktioniert zu werden, wenn der Erzeuger ein Schwarzer wäre. Außerdem ist der unerbittliche Protokollstil bemerkenswert, der aus der Feder einer rassistischen, bürokratischen "Jederfrau" stammt, die den Vater ausfindig machen und die Rasse des Jungen bestimmen soll.
Den zweiten Textblock bilden die Schilderungen der Autorin Franziska, die im Rahmen eines Schreibstipendiums 2013 nach Green Bay reist und dort zufällig auf Joan stößt, die spätere Ehefrau von "Danny" Daniel. Dieser ist nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Franziska "Fran" und Daniel "Danny" teilen sich das Schicksal des Außenseiters durch Herkunft, denn sie ist (wie die Autorin) die Tochter eines Österreichers und einer Südkoreanerin. Sie wird von Joan in den USA nun immer asiatisch gedeutet. Dadurch kommt es zu einigen Diskussionen und Erinnerungen Frans an ihre Kindheit. Allmählich fängt Fran Feuer für Dannys Geschichte und möchte dabei helfen, den Vater ausfindig zu machen.
Auf einer allgemeinen Ebene hat mir die zweifache sprachliche Umsetzung des Themas gefallen. Besonders der Protokollstil mit seiner vorgeblichen Nüchternheit, aber durchschimmernden Menschenverachtung schafft es, ein beklemmendes Bild eines rassistischen Amerika zu erzeugen, in dem die Wertigkeit und Trennung der Rassen überhaupt nicht in Frage gestellt wird. Frans Erzählton dagegen ist angenehm elegant, sie beschreibt Einzelheiten durchaus poetisch.
Allerdings krankt das Buch meiner Meinung nach daran, dass wir von Anfang an Komplize des Buchs sind und bis zum Ende in keinem Detail herausgefordert werden, unsere Haltungen zu reflektieren. Das Buch sagt uns durchgehend das, was wir mit dem Aufschlagen der ersten Seite aktiviert haben: Rassismus ist eine schreckliche Erfahrung, es gab ihn damals, es gibt ihn heute, heute äußert er sich anders. Mir persönlich ist das inhaltlich und "moralisch" zu dünn, zu einfach, zu gefällig. Ein Roman, der sich dem Beleg dieses Umstands widmet, ohne diesen Beleg in eine ansprechende Geschichte zu kleiden, mag als politisches Paper für junge Menschen dienen, als Roman verschenkt er die Möglichkeiten seiner Form.
Es gab nämlich durchaus Stellen, die aufregend hätten sein können: Einmal gesteht Fran, dass sie ihre Mutter als Kind gerne provoziert habe; sie habe deren Worte absichtlich nicht verstehen wollen, um die Mutter mit deren schlechten Deutschkenntnissen zu konfrontieren und sie auszuschließen. Leider werden diese psychologisch dichten Passagen nicht ausgedeutet. Auch die Tatsache, dass Danny entgegen der rassistischen Lesart im College überaus beliebt ist und von seinen Lehrer als begabt bezeichnet wird, wird nicht kontextualisiert. Offenbar soll Danny hier als Individuum gegen die Gesellschaft ins Recht gesetzt werden, was ich menschlich nachvollziehen, aber erzählerisch nicht ganz begreifen kann.
Auf der speziellen Ebene haben mich einige Kleinigkeiten oft abgelenkt: die extrem vielen Personen im Protokollteil (die auch sämtlich mit Auflistung ihres Aussehens auftrumpfen), der in meinen Augen unnötige Reflex, auch Nebenfiguren eine melodramatische Vorgeschichte zu verpassen (die Tochter der Protokollführerin wird nach einer schmerzhaften Trennung 10 Jahre einsam in einer abgelegenen Hütte leben) sowie ein manchmal recht simpel gelöster Rassismus, wenn der gerade nötig ist, um die Story voranzutreiben (Frans eigener Vater stößt sie nach der Matura plötzlich von sich, sie solle endlich mal zur Mutter, ihre eigentliche Wurzel suchen, ob sie sich schon mal im Spiegel angeschaut habe, sie sei keine echte Wienerin...) Und die Tatsache, dass Fran die geheimsten Gedanken ihrer Mitmenschen auch in deren Kindheit kennt, hat mich zumindest irritiert, auch wenn ihr der Zaubertrick als Autorin natürlich zur Verfügung steht. Die letzten 30 Seiten sind voller inhaltlicher Wiederholungen, mir kam es so vor, als sollte dieses Buch künstlich über die Schallmauer von 200 Seiten gedrückt werden.
Ein Buch also, das nicht schlecht geschrieben ist, sogar erzählerisch einiges wagt (u.a. auch Gedankenstriche, um Erzählerwechsel zu markieren), das aber über die Zustandsbeschreibung zweier Fallbeispiele damals wie heute nicht hinauskommt. Ein Buch, das zwischendurch theoretische Passagen enthält, die identitätspolitische Forderungen enthalten, ohne dass diese in die Geschichte eingebaut werden, das mich (aufgrund der Kürze) gerade noch unterhalten und nicht gelangweilt hat, auch wenn es nicht mehr von mir wollte als mein Nicken.