»(…) Ist ja nicht lang her, dass das hier noch so in Holiday Spot war, und zwanzig Jahre später ist das alles tot. Das eignet sich gut als Backdrop für uns, so schlimm sich das anhört. Wenn die Leute das im Fernsehen sehen, mit unserer Message, dann verknüpft sich da vielleicht was. Wie dringlich das alles ist, inzwischen.(…) Es ist ja schon zu spät, eigentlich.«
Schon lange kommen keine Gäste in das einzige Hotel, das sich in Bad Heim, ein Kurort, befindet. Es ist umgeben mit einem Wald voll mit Bäumen. Jedoch mit brutalen Folgen, die seit den Bränden im Sommer jeglichen Reiz verloren hat.
Als ein plötzlich unerwarteter Besuch für Iris, die Hotelbesitzerin, mehr Gründe zur Sorge mit sich bringt, heißt sie eine Mutter und die Tochter herzlich willkommen.
Iris merkt schnell die unangenehme Luft als bei der Rezeption die Mutter den Ausweis nicht findet. Ist sie auf der Flucht von ihrem Mann?
Ein Sommer, der sich wie eine Ewigkeit anfühlt.
In ihrem Debütroman schreibt Franziska Gänsler in knapp 200 Seiten beeindruckend eine etwa in meinen Augen melancholische Situation. Zentrales Thema scheinen die Waldbrände für die Geschichte zu sein. Denn es kommen Warnmeldungen, dass niemand das Haus verlassen solle. Temperaturen steigen auf bis zu 42 Grad. Schutzmasken werden – lustigerweise – zur fast einzigen Möglichkeit den unerträglichen Rauch zu ertragen. Faszinierend, finde ich, wie Franziska kleine, aber wichtige Details einbaut, um das zentrale Thema – die Klimakrise, die Waldbrände – nochmals hervorzuheben: „Das Lenkrad war so heiß, dass ich die dünnen Baumwollhandschuhe anzog, die ich für diesen Zweck im Auto liegen hatte.“ (s.134).
Oft durch solche Beschreibungen versucht Franziska die Lesenden daran zu erinnern, dass es nicht nur um XY geht. Sondern oft intersektional ist.
Als ein Mann mehrmals im Hotel anruft und nach der Mutter und der Tochter fragt, wird Iris misstrauisch. Wem soll sie vertrauen? Wem schenkt sie ihren Glauben? Die Mutter verheimlicht etwas. Auch scheint es von Zeit zu Zeit Lücken in ihrer Fürsorge zu geben, was ihre kleine Tochter in eine ziemlich gefährliche Situation gebracht hat.
Der Anrufer meint die Mutter bräuchte professionelle Hilfe, sie sei mit der Tochter weggelaufen. Er vergewissert Iris, dass die Mutter eine ziemlich gute Schauspielerin sei und deswegen aufpassen sollte.
Iris stellt die Mutter namens Dori zur Rede. Plötzlich erinnert die Story Iris an ihre eigene Familiengeschichte.
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Mein einziger Kritikpunkt ist die Verwendung des J-Wort, das für drogenabhängige Menschen verwendet wird. (Junk bedeutet Müll. Menschen mit Suchtproblemen oder psychischen Problemen sind kein Müll)!
Franziska Gänsler überzeugt mit einer einfachen, aber geschickten Sprache das Weltgeschehen, das aktueller wie noch nie zuvor ist. Dennoch rückt die Klimakrise bewusst in den Hintergrund, ist aber durch die klugen kleinen Details immer präsent.
Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich bisschen gebraucht habe die Geschichte zu mögen. Überzeugen konnte mich die Autorin durch das ständige Kopfkino! Dieses Buch ist ein absolutes Lesehighlight und perfekt für den Sommer. Unbedingt lesen!
»Geschlechterverständnisse, Konsum, Selbstverantwortung, Sexualität, soziale Strukturen. Die beiden betrachteten diese Themen wie selbstverständlich aus einem Blickwinkel, den ich bisher nicht in Betracht gezogen hatte. Alles schien fluid, alles schien von ihnen aufgebrochen worden zu sein, mit dem Ehrgeiz, es neu zusammenzusetzen, passend zu machen, auszurichten auf eine veränderte, bessere Zukunft.« (s.167)