Artemisia Gentileschi war die berühmteste Malerin des Barock, malte – ungewöhnlich für eine Frau damals – wie ihre männlichen Kollegen große Formate mit alttestamentarischen Inhalten. Kunsthistorikerinnen der jüngsten Zeit ist es zu verdanken, dass sie und ihre Bilder wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit gelangt sind. Besondere Aufmerksamkeit hat dabei auch die vermutete Vergewaltigung erfahren, die durch Gerichtsakten belegt scheint.
Damit beginnt die Romanbiographie von Gabriela Jaskulla. Nacherzählt wird allerdings nicht eine Szene, wie sie damals hätte stattfinden können, sondern Jaskulla stellt Aufnahmen zu einem Film dar, der im 21. Jahrhundert über Artemisia gedreht wird. Diese Filmszenen unterbrechen die chronologisch erzählte Handlung immer wieder und sollen wohl für heutige Leser Distanz zum Geschehen schaffen, Interpretationen von Artemisias Geschichte problematisieren. Denn die Überlieferung von Fakten aus Artemisias Leben ist lückenhaft, es gibt Briefe, Gerichtsakten, Steuerunterlagen. Da ist viel Raum für Deutung und Fantasie.
Artemisia verliert im Alter von elf Jahren ihre Mutter, wächst in Rom bei ihrem Vater, dem Maler Orazio Gentileschi auf. Sie muss von Kindheit an Verantwortung übernehmen, im Haushalt arbeiten und ihrem Vater zur Hand gehen. Der erkennt ihr Talent und fördert sie. Sie lernt Caravaggio kennen, heiratet, geht nach Florenz, wird als erste Frau in die Akademie aufgenommen, wird berühmt, hat Affären, muss einige ihrer Kinder früh begraben, macht Schulden, flieht vor den Gläubigern, geht nach Venedig, nach Neapel, dann nach London, zurück nach Rom, wieder nach Neapel und malt und malt. Der Ehemann geht schon bald verloren. Sie ist eine bewundernswert selbstbewusste Frau. Sie bestreitet ihren Lebensunterhalt selbst und führt eine eigene Werkstatt.
Das Buch wird als Romanbiographie bezeichnet. Das heißt, wir erfahren von möglichen Vorgängen, wahrscheinlichen Begegnungen. Die wenigen bekannten Fakten bilden aber die Grundlage. Jaskulla hat gründlich recherchiert und sich Artemisias Leben vorgestellt. Man folgt der Autorin sehr gern, denn sie schreibt so, dass uns Artemisia wirklich nahekommt und sich ihre Bilder einprägen. Danach sieht man sie (bei der Suche im Internet) mit anderen Augen.
Mein einziger Kritikpunkt: Die Handlungsunterbrechungen durch den Einschub von Diskussionen einer Filmcrew sind überflüssig und stören die schöne Darstellung.
Wer Artemisia ohne Romanfiktion kennenlernen will, kann das Buch von Susanne Partsch über sie lesen.