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Wissenschaftsfreiheit und Moral
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March 16, 2025
In "Wissenschaftfreiheit und Moral" verteidigt Henning eine klassische einerseits-andererseits Position: Einerseits sei es keine legitime Kritik an einer wissenschaftlichen Position, dass sie mit tiefverwurzelten moralischen Überzeugungen in Konflikt gerät. Andererseits seien in der Wissenschaft durchaus die Irrtumskosten zu beachten: Sind diese Kosten hoch, steigen auch die epistemischen Standards. Im Ergebnis sollen Wissenschaftler:innen Thesen, die in Konflikt mit tiefverwurzelten moralischen Überzeugungen stehen, nur akzeptieren, wenn diese Thesen besonders gut durch die Evidenz belegt sind. Die praktischen Konsequenzen, die Henning daraus zieht, sind jedoch überschaubar: De-Platforming – keine Einladung zu einem Vortrag, keine Drittmittelfinanzierung u.ä. – sei nur zulässig, wenn das "Begründungsdefizit so beträchtlich ist, dass damit die *Grenzen der Wissenschaftlichkeit* verlassen werden" (281). Bei der von ihm untersuchten Literatur zu IQ und "Hautfarbe" sei dieses Begründungsdefizit beträchtlich genug für De-Platforming, bei TERF-Publikationen wie z.B. "Material Girls" von Stock nicht. Weitergehende Protestformen, von Sitzblockaden über Störungen im Hörsaal, oder gar Cancelling lehnt Henning dagegen als ungerechtfertigt ab.
Henning fährt sehr viel philosophische Theorie für recht wenig Ertrag auf, so jedenfalls mein Eindruck. Bei seiner Kritik an Thesen zu IQ und Hautfarbe spielen die (vermeintlich) erhöhten Evidenzanforderungen fast keine Rolle mehr – die Kritik sollte auch diejenigen überzeugen, die an diese Publikationen dieselben Standards anlegen wie z.B. an Spezialpublikationen aus der Astronomie. Bei seiner Diskussion der Debatte um Geschlechterbegriffe spielen die erhöhten Evidenzanforderungen wiederum deshalb kaum eine Rolle, weil Henning sie nicht als verletzt ansieht. Er stimmt Stock (oder Byrne) zwar nicht zu, gesteht ihnen aber das Bemühen zu, hohe Evidenzstandards zu erfüllen. Vielleicht hätten mehr und andere Beispiele sinnvoll gewesen, um den zentralen Begriff der Irrtumskosten und der damit einhergehenden Evidenzanforderungen besser zu illustrieren. Wie steht es mit dem Genozid am armenischen Volk? Sind hier die Irrtumskosten besonders hoch? Oder zählen die Irrtumskosten hier nicht, weil sie nicht aufgrund des Inhalts, sondern nur aufgrund der Eigenheiten des türkischen Nationalismus hoch sind? Was ist mit der These, die NATO-Staaten trügen eine oder keine Mitschuld am Russisch-Ukrainischen Krieg? Was sind hier warum die Evidenzanforderungen? Was ist mit Thesen, der Klimawandel werde besonders schlimme oder weniger schlimme Konsequenzen haben? Soll man hier besonders hohe Evidenzanforderungen stellen, da die These Auswirkungen auf unsere Motivation bei der Reduktion der THG-Emissionen haben könnte? Ich bin mir unsicher, wie ich Hennings Vorschlag anwenden sollte, und hätte daher gerne mehr über mehr Beispiele erfahren – nicht im Sinne einer erschöpfenden Behandlung, aber im Sinne von Hinweisen, wie man überhaupt im Rahmen seines Vorschlags über solche Beispiele nachdenken sollte.
Henning fährt sehr viel philosophische Theorie für recht wenig Ertrag auf, so jedenfalls mein Eindruck. Bei seiner Kritik an Thesen zu IQ und Hautfarbe spielen die (vermeintlich) erhöhten Evidenzanforderungen fast keine Rolle mehr – die Kritik sollte auch diejenigen überzeugen, die an diese Publikationen dieselben Standards anlegen wie z.B. an Spezialpublikationen aus der Astronomie. Bei seiner Diskussion der Debatte um Geschlechterbegriffe spielen die erhöhten Evidenzanforderungen wiederum deshalb kaum eine Rolle, weil Henning sie nicht als verletzt ansieht. Er stimmt Stock (oder Byrne) zwar nicht zu, gesteht ihnen aber das Bemühen zu, hohe Evidenzstandards zu erfüllen. Vielleicht hätten mehr und andere Beispiele sinnvoll gewesen, um den zentralen Begriff der Irrtumskosten und der damit einhergehenden Evidenzanforderungen besser zu illustrieren. Wie steht es mit dem Genozid am armenischen Volk? Sind hier die Irrtumskosten besonders hoch? Oder zählen die Irrtumskosten hier nicht, weil sie nicht aufgrund des Inhalts, sondern nur aufgrund der Eigenheiten des türkischen Nationalismus hoch sind? Was ist mit der These, die NATO-Staaten trügen eine oder keine Mitschuld am Russisch-Ukrainischen Krieg? Was sind hier warum die Evidenzanforderungen? Was ist mit Thesen, der Klimawandel werde besonders schlimme oder weniger schlimme Konsequenzen haben? Soll man hier besonders hohe Evidenzanforderungen stellen, da die These Auswirkungen auf unsere Motivation bei der Reduktion der THG-Emissionen haben könnte? Ich bin mir unsicher, wie ich Hennings Vorschlag anwenden sollte, und hätte daher gerne mehr über mehr Beispiele erfahren – nicht im Sinne einer erschöpfenden Behandlung, aber im Sinne von Hinweisen, wie man überhaupt im Rahmen seines Vorschlags über solche Beispiele nachdenken sollte.
July 21, 2026
Zu Beginn möchte ich erwähnen, dass ich gerne auf Deutsch lese und mich sehr für die wissenschaftliche Methode sowie für Moral als politische Legitimationsstrategie interessiere – daher wollte ich dieses Buch eigentlich wirklich mögen. Doch wie viele philosophische Bücher, die in Bereiche außerhalb der Philosophie vordringen, stützt es sich auf eine nicht existierende oder satirische Realität, die der eigenen Argumentation dient.
Seine erste Fallstudie zur angeblichen durchschnittlichen IQ-Differenz zwischen Schwarzen und Weißen, hat einen von der Moral geprägten Konflikt meines Wissens nach nicht ausgelöst. Wir wissen schon, dass die Rasse sozial konstruiert ist und hegten nie viel Vertrauen auf IQ als Messung der menschlichen Intelligenz. In einer hypothetischen Welt, die Hennings Argumentation dient, könnte sowas ein Problem werden, aber in unserer müssen viel mehr gegensätzliche Belege widerlegt werden, bevor sowas zeit- und energiegemäß überhaupt ernst genommen werden sollte.
Die Trans-Debatte ist - wie alle, die mit der Queer-Community überhaupt mal auseinandergesetzt haben, wissen - sozial-sprachlich, nicht biologisch. Jeder weißt, dass Trans-Frauen eine andere Biologie haben als Cis-Frauen, daher die Chirurgie und Hormonen und alles. Die richtige Pronomen zu verwenden dient, ihre selbst-ausgewählte SOZIALE Rolle zu respektieren, und entspricht keine Wahrnehmung einer nicht-existierenden Genetik. Sowas sollte nicht erklärt werden müssen; guck mal ne ContraPoints-Video an smh. Diese zweite Fallstudie hat nichts mit der Wissenschaftsfreiheit zu tun.
Ich hätte mehr als die ersten paar Kapitel lesen können, aber das Leben ist kurz, und es lohnt sich meiner Meinung nicht, meine begrenzte Zeit mit solcher hypothetischen Argumentation zu verbringen. Ich wende mich lieber an Geschichtsbücher die kulturspezifische Moral vergangener Gesellschaften objektiver analysieren können.
Seine erste Fallstudie zur angeblichen durchschnittlichen IQ-Differenz zwischen Schwarzen und Weißen, hat einen von der Moral geprägten Konflikt meines Wissens nach nicht ausgelöst. Wir wissen schon, dass die Rasse sozial konstruiert ist und hegten nie viel Vertrauen auf IQ als Messung der menschlichen Intelligenz. In einer hypothetischen Welt, die Hennings Argumentation dient, könnte sowas ein Problem werden, aber in unserer müssen viel mehr gegensätzliche Belege widerlegt werden, bevor sowas zeit- und energiegemäß überhaupt ernst genommen werden sollte.
Die Trans-Debatte ist - wie alle, die mit der Queer-Community überhaupt mal auseinandergesetzt haben, wissen - sozial-sprachlich, nicht biologisch. Jeder weißt, dass Trans-Frauen eine andere Biologie haben als Cis-Frauen, daher die Chirurgie und Hormonen und alles. Die richtige Pronomen zu verwenden dient, ihre selbst-ausgewählte SOZIALE Rolle zu respektieren, und entspricht keine Wahrnehmung einer nicht-existierenden Genetik. Sowas sollte nicht erklärt werden müssen; guck mal ne ContraPoints-Video an smh. Diese zweite Fallstudie hat nichts mit der Wissenschaftsfreiheit zu tun.
Ich hätte mehr als die ersten paar Kapitel lesen können, aber das Leben ist kurz, und es lohnt sich meiner Meinung nicht, meine begrenzte Zeit mit solcher hypothetischen Argumentation zu verbringen. Ich wende mich lieber an Geschichtsbücher die kulturspezifische Moral vergangener Gesellschaften objektiver analysieren können.
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