Das Requiem ist die letzte Messe, die man auf Erden erwarten Sie ist eine Liturgie fürs Ende. Doch nirgends steht geschrieben, dass es bei dieser ernsten Angelegenheit nicht auch heiter zugehen kann. requiem ist eine mitreißende, poetische Erzählung, die zur lustvollen Traumreise Von einer Wohnung mit Blick auf den Teufelsberg fallen wir durch die Zeiten, schweben über Berge und Täler, fahren quer durch die Mark und die Meere. So kommen wir zu den Delfinen im Landwehrkanal und bis an den Santa Catalina Beach in Kalifornien – bevor sich an einem ganz unerwarteten Ort die Pforten der Unterwelt öffnen. Und hin und wieder blinzeln wir hinüber ins Paradies.
In einer atemlosen Geschichte zeigt Alexander Schnickmann, wozu Literatur imstande ist. requiem ist ein Buch für eine Nacht und die Ewigkeit.
Warten lernen und dabei / nicht zu verzweifeln nur mit / der Einsamkeit in the meantime / musst du irgendwie umgehen der Trauer / nach dem ersten Atemzug (S.18f.)
Requiem ist ein Langgedicht (170 Seiten!), das keine Luft lässt. Ein fiebriges, unaufhörliches Sprechen, das ohne Punkt und Komma auskommt und dadurch konsequent jeden Fluchtweg versperrt.
glaub ich kauf mir einen Fernseher / schaue am Handy nach Fernsehern / glaub ich kauf mir einen riesigen / kauf mir zehn riesige Fernseher / zwanzig riesige Fernseher und / häng alles voll damit kein Stück / mehr Raufaser alles Bildschirm / zwanzig riesige Fernseher hängen / in meinem Zimmer und auf jedem / läuft die Tagesschau jeden Tag / und jede Nacht die Tagesschau / ich will jeden Tod sehen jeden / muss jeden Waldbrand / jedes versunkene Schiff [...] / darf nichts mehr verpassen / darf nie wieder die Augen schließen (S.169)
Schnickmanns Stimme ist wuchtig, manchmal hypnotisch, fast musikalisch in ihrer Verzweiflung. Das funktioniert, besonders wenn man sich völlig darauf einlässt und das richtige Setting findet. Dafür braucht es Geduld. Und Offenheit.
Und doch: Für mich war es zu lang. Zu geschlossen in seiner Klage, zu repetitiv in seiner Atemlosigkeit. Der Sog ist da, aber er zieht nicht immer weiter, sondern auch tiefer in die Monotonie. Ein „elaboriertes Katastrophenszenario“ (FAZ), ja. Aber auch (teils) ein poetischer Overkill.
Der Planet stirbt und der eigene Körper ist sterblich. Wie traurig! Ist da wer, hört jemand die Trauerlitanei? Der Autor meint: ja. Es sind ein paar starke Stellen im Buch enthalten. Lyrikfans wird es gefallen, mir war es zu lang.
Es braucht das richtige Setting für das Buch und man muss sich darauf einlassen. Hat man das, nach einigen Seiten und Anläufen, einmal geschafft, lässt es einem bis zum Schluss keine Zeit zum Atmen.
Irgendwann hört man von Theodizee und entweder renounced man Gott und vergisst, dass es die Kirche überhaupt gibt, oder man schreibt ein Requiem, there is no in-between.
Ich hab bei den allermeisten Büchern zumindest eine vage Ahnung, wie die Denk- und Schreibprozesse dahinter so ablaufen. Nicht dass ich sage, ich könnte das dann genauso, aber ich versteh‘s so in etwa. Bei dem Buch bin ich wirklich komplett lost, wie aus menschlichen Gehirnwindungen so etwas entstehen kann.
Requiem ist ein Fiebertraum, von dem man nicht erwachen möchte. Die dystopische Sogkraft, die Schnickmanns Verse aufweisen, wäre in anderer literarischer Form schwer umsetzbar. Er schafft es den Lesenden die heute leider wenig rezipierte Lyrik zugänglich zum machen. Die Monotonie lässt einen nicht Luft holen; man muss sich bremsen um nicht unkontrolliert nach Luft zu schnappen. Das ist spannendes Gegenspiel zum Warten des lyrischen Ich's, welches es immer wieder hektisch durchbricht. Es geht den Impulsen nach, die die meisten Menschen aus Vernunft unterdrücken würden. Im ersten Moment verstörend und dann seltsam befriedigend.