Spätestens seit dem 7. Oktober, dem Hamas-Massaker in Israel und der folgenden Bombardierung Gazas sowie der daraus resultierenden humanitären Katastrophe, finden Menschen in allen Teilen der deutschen Gesellschaft sich wieder in einer neuen Isolation oder gar Angst. Es häufen sich offene Briefe, Veranstaltungsabsagen und Begriffsstreitereien in einem Ton der Endgültigkeit. Langgehegte Allianzen werden gelöst, Gespräche versiegen. Die trennende Macht der Differenzen basiert nicht zuletzt auf der realen Erfahrung von Antisemitismus und Rassismus legen. Wer davon profitiert, sind die Rechtspopulisten. Diejenigen, die der liberalen, wertebasierten Gesprächskultur ebenso den Garaus machen möchten wie unserer Demokratie insgesamt.
Welchen Mut, welche Kraft und Toleranz für Ambiguität und Streit können wir, müssen wir gar, aufwenden, um die Logik der Verhärtung auf der Seite derer, die unsere Welt zu einer besseren machen möchten, zu stoppen? Die hier versammelten halten am Austausch fest, so schwierig er sein mag. Nachdenklich, mit unverstelltem Schmerz und ungebrochenem Willen zum wechselseitigen Abwägen sprechen sie trotzdem miteinander. Dieser Band ist die greifbarste Utopie unserer Tage.
"um ihnen zu vermitteln: ich fühle dich, bin aber nicht gegen die anderen, weil es kein gefühl des "gegen sein" geben sollte. und viele menschen diesen appell als besänftigung verstehen oder naiv abtun und nicht die umarmung dahinter fühlen."
das war mein lieblingsabschnitt in diesem buch. ich möchte es nicht raten, da die perspektiven in diesem sammelband so unterschiedlich und alle berechtigt sind. ein wirklich gutes plädoyer fürs verstehen und zuhören. besonders emotional kann man hier, denke ich, viel mitnehmen, wenn man sich drauf einlassen kann.
‚Vielleicht ist das die Zäsur: Dass der Glaube an ein Wir zerreißt.‘, schreibt Lena Gorelik in der u.a. von ihr veröffentlichten Anthologie ‚trotzdem sprechen‘.
In einer Zeit der vielen Krisen, zeigt für mich der aktuelle Nahost-Konflikt wie durch ein Brennglas, wie unfähig wir (geworden) sind, Gespräche zu führen. Wie polarisiert unsere Gesellschaft derzeit ist. Und ob gesprochen wird, oder nicht, es irgendwie immer falsch scheint.
Diese Anthologie ist keinen Tag zu früh veröffentlicht worden. Und hoffentlich auch nicht zu spät. In ihr werden Stimmen wieder hörbar, die mehrperspektivisch sind. Was ist mit Juden*Jüdinnen? Was ist mit Palästinenser*innen? Was macht der Krieg und der Umgang damit mit den Menschen? Was macht das Reden oder nicht-Reden darüber mit den Menschen? Wer kommt zu Wort? Wer nicht? Was wird weggelassen? Wie blicken wir in Zukunft auf diese Zeit zurück? Welche Art von Gesellschaft werden wir sein bzw. möchten wir sein?
Ohne Antworten auf alles parat zu haben, teilen hier Menschen ihre Gedanken, die uns hoffentlich wieder mehr hören, fühlen und verstehen lassen.
In einer rasanten Zeit, in der sich Menschen mit Meinungen selbst überholen, ist dieses Buch eine wohltuende Entschleunigung. Nicht nur bezogen auf den Nahostkonflikt. Doch gerade hier fördert Wissen Empathie, von der wir alle etwas mehr gebrauchen könnten.