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Schlangen im Garten

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Familie Mohn hat die Mutter verloren. Jetzt steht sie im Verdacht, die Trauerarbeit zu verschleppen. Das Leben muss doch weitergehen, sagen die Nachbarn, meint das Traueramt. Doch Vater Adam, die wütende Linne, der nach Hause zurückgekehrte Student Steve und Micha, der Jüngste, wollen nicht weitergehen. Sie möchten Johanne bewahren – nicht nur in ihren eigenen Erinnerungen, sondern in unzähligen Geschichten, die deren Leben so vielleicht gar nie geschrieben hat.

236 pages, Kindle Edition

First published August 24, 2022

4 people are currently reading
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About the author

Stefanie vor Schulte

5 books14 followers

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Community Reviews

5 stars
43 (23%)
4 stars
62 (33%)
3 stars
53 (28%)
2 stars
20 (10%)
1 star
6 (3%)
Displaying 1 - 30 of 45 reviews
Profile Image for Meike.
Author 1 book5,047 followers
November 29, 2022
What the Paulo Coelho is this?! Stefanie vor Schulte's sophomore novel tells the story of the Mohn family - father, 20-year-old son and two young children - who lost their mother/wife, Johanne. In overwritten, overstuffed and overused metaphors, the text explores the difficulty of facing grief: Johanne's diaries are ripped up and eaten, a mysterious official from the office of grief appears to enforce emotional work (it's a German novel after all), the virtuous homeless (!) woman features (Lord have mercy!), the title-giving snakes linger around, there is speechlessness, helpless violence, a body of water is crossed (OH COME ON!!!), a brave little boy helps in the old people's home and the outside world generally challenges the family to function. *siiigh*

This text is descriptive to the max and tries to rely on feverish moods to evoke the pit of sadness the family is drawn into, but alas, the result is cheesy and does everything to push emotional buttons, which is the opposite of seriously pondering emotional states of grief: This book is about affect and effect, and I was annoyed by the grandiose, not exactly subtle images that lead nowhere. No, just no.
Profile Image for Frederike.
182 reviews177 followers
August 31, 2022
Jahreshighlight.

Bereits nach dem ersten Satz wusste ich: Dieses Buch, das wird was ganz Fantastisches. Und der erste Eindruck sollte nicht täuschen. Mit ihrer so markanten, schwerelosen Art, selbst die banalsten Handlungen in etwas Magisches zu verwandeln, erzählt Stefanie vor Schulte in „Schlange im Garten“ eine Geschichte vom Abschiednehmen, vom Trauern und Erinnern, von Zusammenhalt und unendlicher Liebe. Und vom Loslassen, Erwachsen werden, Heilen und Geheilt werden. Es ist dieses Spielerische, die kindlich-fantasievolle Nuance, die sie nebenbei in die Sätze einfließen lässt, die der getrübten, schmerzvollen Atmosphäre etwas Märchenhaftes verleiht, die so bitter nötige Hoffnung. Einfühlsam gibt sie den Kindern und ihrem Vater Raum, ihr Innerstes, ihre persönlichen Erinnerungen, Ängste und Wesenszüge, zu entfalten, und ermöglicht es ihnen so, gerettet zu werden. Und nicht zuletzt auch, dem ihnen ungefragt auferlegtem Stigma zu entheben, den Erwartungen der Nachbarn, der Gesellschaft, wie sie zu trauern haben, die von ihnen immer als „die Familie mit der toten Mutter“ reden wird.

Es ist eine Geschichte, die das Herz in der Faust der Worte eng macht, gleichzeitig aber eine alles erstrahlende, wärmende Hoffnung innehat, die bis in die Zehenspitzen kriecht. Und glücklich macht. Unfassbar glücklich und hoffnungsvoll.
150 reviews
May 10, 2025
2024:
Ich lasse es etwas reifen. Kompromisslos zieht vor Schulte durch, das hat meinen Respekt. Trotzdem ist es irgendwie schiefrund und nicht so vollendet wie Junge mit Schwarzem Hahn.

2025:
Ich habe es reifen lassen. Mit der Lektüre des Nachfolgeromans Das dünne Pferd im Hinterkopf finde ich, dass diesem Roman ein bisschen die dunkle Seite fehlt, die Grausamkeiten, die Junge mit schwarzem Hahn oder Das dünme Pferd auch ausgemacht haben. Die Trauer in der Familie wirkt etwas überzogen, der bildhafte Stil der Autorin gibt allem noch einen puderzuckrigen Anstrich. Der Alltag könnte auch für viele eine Dissonanz mit der märchenhaften Erzählweise bilden. All das sind Dinge, an denen ich mich selbst aber kaum störe. Nur will der schiefrunde Eindruck nicht gehen.
Profile Image for Babywave.
357 reviews128 followers
September 28, 2024
Mal ein ganz anderes und gleichzeitig sehr besonderes Buch.

Stefanie vor Schulte schreibt über die Familie Mohn.
Es gibt den Vater Adam und die Geschwister Steve, Linne und Micha.
Alle haben sie einen überwältigenden Verlust erlitten. Sie haben Johanne verloren. Johanne war Mutter und Ehefrau und hinterlässt ihre Familie, die mit diesem Verlust nicht gut zurecht kommt. Wie auch? Wie trauert man, wie lange trauert man? Wie bleibt man dabei noch eine Familie? Und was, wenn die unterschiedlichen Arten zu trauern, diese Familie noch weiter auseinander treiben?
Die Autorin schreibt hier einen ganz unkonventionellen Roman. Sie findet Metaphern, die ganz fein eingewoben werden in die Geschichte und uns spüren lassen, wie die Familie sich fühlt, wie sie versuchen, an Johanne fest zu halten und versuchen, sich dabei nicht selbst aufzulösen.
Für mich ein ganz fein, ruhig erzähltes und dabei häufig auch skurriles Buch, welches die Trauer über einen Verlust dabei immer ganz ohne Kitsch und trotzdem gefühlvoll erzählt.

Für mich persönlich ein Herzensbuch. Man sollte sich in die Geschichte fallen lassen und keinen Ratgeber erwarten. Dieses Buch fängt einen ein wenig auf und zeigt, dass es unterschiedliche Wege gibt zu trauern. Das es Zeit und Verständnis braucht und wenn man offen dafür ist, auch hilfreich, wenn man sich in seiner Trauer unterstützen lässt und vor allen Dingen dem Leben im Hier und Jetzt zugewandt bleibt.

♥️
Profile Image for Jin.
848 reviews148 followers
August 29, 2022
Es war... anders. Der Leser begleitet eine Familie, wie sie den Tod der Mutter verarbeitet. Es tauchen dabei nicht nur der Vater und seine Kinder auf, sondern noch diverse andere kuriose Gestalten, wie die scheinbar Obdachlose mit ihrem Hund und der Beamter vom Traueramt. Den Anfang fand ich schwer, ich konnte keinen Anschluss zu den Kindern oder zum Vater finden, und ich musste mich wirklich durch die Seiten kämpfen. Aber das letzte Drittel des Buches fand ich wieder bezaubernd. Das war es auch, was ich eigentlich von Stefanie vor Schulte erwartet hatte, diese berauschende Magie, ein besonderes, kurioses Märchen für Erwachsene zu schaffen. Das Buch liegt zwischen 3-4 Sternen und kommt nicht an "Junge mit schwarzem Hahn" ran, aber ich bin schon gespannt auf das nächste Buch der Autorin.

** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
Profile Image for Andrea.
924 reviews46 followers
August 30, 2022
" Er wünschte, sie hätten einen inneren Reißwolf, sodass schäbige Bemerkungen nicht eindringen könnten, sondern gleich zu Beginn, bevor sie Herz und Hirn erreichten, in Streifen geschreddert würden."

Johanne Mohn stirbt und hinterlässt einen Mann und drei Kinder. Und Familie Mohn kann Johanne einfach nicht loslassen, kann ihre Trauer nicht beenden so dass letztendlich Beschwerden der Nachbarn beim Traueramt eingehen. Doch wie bringt man jemanden dazu, mit der Trauer abzuschließen.

WOW, was für ein Buch. In einem unglaublich literarischem, poetischem, marchenhäften Stil erzählt die Autorin uns über die Trauer einer Familie und wie sie eben nicht einfach mit ihrem großen Verlust fertig werden. Dabei trauert jeder auf seine eigene Weise und doch verlieren sie sich als Familie nicht aus den Augen. Helfer in ihrer Trauer finden sie in sehr skurrilen Figuren, die das Buch und das Leben der Familie sehr bereichern. Nicht immer ist die Geschichte nah an der Realität aber immer ist diese Geschichte nah an meinem Herzen. Ich liebe die Ideen der Autorin und ihren Schreibstil, der nicht ganz einfach ist, aber eine unglaubliche Sogwirkung auf mich hatte, so dass ich das Buch in einem Rutsch an einem wunderbaren Sonntagnachmittag durchgesuchtet habe. Kein einfaches Buch, kein leichtes Thema, kein angenehm rundes beschauliches Ende. So, wie auch Trauerarbeit sehr persönlich und individuell ist, so wird auch dieses Buch sicherlich sehr individuell wahrgenommen werden und jeder mag sich für sich das herausnehmen, was ihm gut tut. Ein Ritt auf der Rasierklinge zwischen Wachen und Traum, zwischen Realität und Fantasie. Ein Buch dass mich an genau den richtigen Stellen kratzt und kitzelt und nicht mehr loslässt.
Profile Image for miss.mesmerized mesmerized.
1,405 reviews42 followers
August 24, 2022
Güldene Kammer Nummer 14, drittes OG rechts. Dort wohnt Familie Mohn. Vater Adam, die Kinder Micha, Linne und Steve. Alles war gut, doch jetzt ist nichts mehr gut, denn Mutter Johanne fehlt und nach und nach lösen sich die Erinnerungen auf und gehen Gegenstände kaputt, die sie mit ihr verbunden hatte. Alles, was der Familie geblieben ist, sind die Tagebücher, die sie nicht lesen, sondern aus denen sie allabendlich Seiten reißen und essen. Jedes der vier Mitglieder geht anders mit der Trauer um, aber niemandem gelingt es wirklich, mit der großen Lücke, die die Abwesenheit reißt, umzugehen.

Stefanie vor Schulte macht in ihrem zweiten Roman Trauerarbeit zum zentralen Thema, bzw. eher nicht stattfindenden Trauerarbeit, denn alle Figuren in „Schlangen im Garten“ sind einfach alleingelassen mit dem Schrecken, der das plötzliche Fehlen in ihnen auslöst.

Der Vater wird apathisch, schafft es nicht, die Strukturen aufrecht zu erhalten. Micha versinkt in einer Traumwelt, Linne reagiert mit Trotz und Wut, die sich in Gewalt äußern. Steve, etwas älter als die Geschwister, versucht aufzufangen, was der Vater nicht leisten kann und leidet doch selbst auch. Die Nachbarn und Lehrer beobachten, was mit den vier passiert, doch statt zu helfen, klagen sie an, beschweren sie sich, versuchen sie zu bestrafen. Warum funktionieren sie einfach nicht mehr? So sind sie untragbar, suspekt.

Die Reaktionen der einzelnen Figuren auf den plötzlichen Tod der Mutter sind für mich gut nachvollziehbar und wirken authentisch. Jeder reagiert auf seine Weise, hat andere Bedürfnisse, gerät auf andere Weise aus der Bahn. Der gegenwärtige Glaube, dass man schon nach zwei Wochen wieder ins alte Leben zurückkehren könne, als wenn nichts geschehen wäre, ist absurd, wusste man früher doch von einem ganzen Trauerjahr, das es erfordert, um das Leben ohne einen geliebten Menschen zu gestalten. Erschreckend, wie empathielos das Umfeld reagiert, dem offensichtlich Verständnis, aber auch Mittel fehlen, um adäquat zu reagieren und mit dem umzugehen, was die Familie durchmacht.

Das Ende stimmt zwar etwas versöhnlich, aber es bleibt ein fader Beigeschmack, denn der Roman zeigt genau das auf, was heute unsere Gesellschaft prägt: niemand will wirklich damit konfrontiert werden, dass es einem anderen nicht gut geht. Alle sollen doch bitte reibungslos funktionieren und die ihnen zugewiesene Rolle ausfüllen. Ausreißer sind ein Problem fürs System, dabei würde ein wenig Zuwendung und Verständnis schon so viel bewirken können.

Sicherlich kein leichter Roman und bestimmt kein Thema, das jeder mal eben nebenbei konsumieren kann und will, aber lesenswert ist er allemal.
Profile Image for Ellinor.
764 reviews363 followers
November 20, 2022
Was macht man mit einer Autorin, deren Werke man sprachlich sehr schön findet, denen man inhaltlich allerdings nichts abgewinnen kann? In diesem Fall war meine Antwort „abbrechen“.
Anfang des Jahres las ich Junge mit schwarzem Hahn. Damals hatte ich das gleiche Problem, konnte mit der Geschichte jedoch deutlich mehr abgewinnen, auch wenn mir weiterhin nicht ganz klar war und ist, worauf die Autorin eigentlich hinauswollte. Diesmal war mir die Handlung jedoch noch fremder. Es geht um verschleppte Trauerarbeit, was an sich eine durchaus spannende Thematik sein kann. Doch dann wird eine Behörde zur Trauerbewältigung ins Spiel gebracht. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich mit der Geschichte nicht mehr wirklich warm werden. Da das Buch nur 240 Seiten hat, wollte ich es eigentlich beenden, entschied mich dann aber doch für den Abbruch.
Vielleicht liegt meine Reaktion auch an einer Rezension, die ich irgendwo gelesen habe: Dort verglich der oder die Rezensent*in das Werk mit Coelho. Ich glaube, ab diesem Zeitpunkt war es bei mir vorbei, denn es gibt kaum einen Autor, mit dessen Werk ich weniger anfangen kann, als mit seinem.
Profile Image for Ena.
50 reviews4 followers
November 1, 2022
Neues Lieblingsbuch gemeinsam mit dem zweiten Roman der Autorin - Junge mit schwarzem Hahn!
Profile Image for Carla.
1,035 reviews134 followers
August 21, 2022
"Ich will überhaupt nicht verstanden werden. Das hatten wir doch abgemacht. Keiner versteht irgendwen. Ich will nicht verstanden werden. Ich will auch Mama nicht verstehen."
"Nein?"
"Nein", sagt Linne. "Ich will sie zurück." (S.85)


"Schlangen im Garten" ist ein Buch im Tanz zwischen Realität und Fantasie. Es hat mich ein bisschen an ein Märchen erinnert, das im wirklichen Leben spielt.

Familie Mohn trauert, nachdem die Mutter stirbt. Vater Adam, Tochter Linne und die beiden Söhne Micha und Steve versuchen, irgendwie mit ihrem Leben weiterzumachen. Doch sie spüren das klaffende Loch, das die Mutter hinterlassen hat, mit jedem Schritt, den sie gehen. Nachbarn und Traueramt wollen aber, dass das Leben weitergeht und das führt zu einigen Konflikten.

Sprachlich ist das Werk sehr interessant, ab und zu hat mich der eigenwillige Sprachstil aber auch aus dem Lesefluss gerissen. Auch der Plot hat mich nicht unbedingt mitgerissen. Die Figuren sind das, was mich so bewegt hat. Und das gilt nicht nur für Familie Mohn als die Protagonisten, sondern auch für die Nebencharaktere, die sich nach und nach in ihr Leben schreiben.

Eine schöne Geschichte, die ans Herz geht!
Profile Image for Aleshanee.
1,724 reviews125 followers
August 29, 2022
Der Klappentext klingt jetzt gar nicht nach einer Geschichte, die ich lesen würde - und ich wusste auch ehrlich gesagt überhaupt nicht, was mich hier erwartet. Warum ich das Buch lesen wollte? Weil mich das Debüt der Autorin "Junge mit schwarzem Hahn" so begeistert hat und ich unbedingt noch mehr von diesem eigenwilligen und originellen Stil lesen wollte.

Auch hier taucht man wieder in eine Welt ein, die teilweise schwer zu erfassen ist. Die Geschichte spielt dieses Mal in der Gegenwart und beschäftigt sich mit der Trauerbewältigung einer Familie, in der die Ehefrau und Mutter gestorben ist.


Zum Abendbrot isst er jetzt immer eine Seite aus dem Tagebuch seiner verstorbenen Frau. Er isst sie roh, und er tut es aus Liebe.
Zitat, erster Satz


Den Einstieg fand ich schon sehr genial! Die Notiz- bzw. Tagebücher der Verstorbenen sind ihnen heilig. Sie lesen nicht darin, möchten sie aber auf diese Weise bei sich tragen, bei sich behalten und die Erinnerungen an sie sozusagen einverleiben.
Adam, der Vater, ist völlig überfordert und kommt mit der Situation nicht klar. Er kündigt seine Arbeit und kämpft dagegen an, sich zu verlieren. Er will für seine Kinder da sein, will alles richtig machen, findet aber keinen Weg aus seiner Traurigkeit.
Micha ist 11 und er sucht sich einen Halt, denn er fühlt sich wie Wasser, weich, treibend und hofft auf ein Ufer, dass er erreichen kann.
Linne ist 12 und dagegen voller Wut, die sie auch auslebt. All die Gefühle hat sie in sich verborgen, zusammen gedrängt und hart werden lassen wie Steine. Sie weiß nicht, damit umzugehen, und so lässt sie ihre Hilflosigkeit an anderen aus, um sich nicht mehr selbst so zu fühlen.

Dann ist da noch Steve, der große Bruder, 20 schon. Er kommt zurück nach Hause, um für Ordnung zu sorgen, zu helfen, zu unterstützen. Aber auch er weiß nicht so recht, fühlt sich rastlos und befangen...

Erschwerend kommen die Einmischungen von außen dazu. Die Nachbarn, Bekannte, die Schule von Linne - sie alle glauben zu wissen, was die Familie durchmacht und doch kann niemand in diese Seelen blicken und verstehen. Die Gefühle bei einem Verlust sind natürlich oft ähnlich und doch geht jeder auf seine ganz eigene Art damit um und es braucht seine Zeit, um das zu verarbeiten.
Auch der Trauerbegleiter Ginster, der die Familie hier regelrecht verfolgt und beobachtet, hat seine eigene Geschichte, seine eigene Vergangenheit, mit der er kämpft:


Ich mag die Menschen nicht. Sie verschließen die Augen vor der einzigen Wahrheit, die es in Verbindung mit Verlust gibt: dass wir uns an diesen gar nicht gewöhnen, sondern tatsächlich einfach vergessen. Es uns aber natürlich nicht eingestehen wollen und uns für das Vergessen schämen.
Zitat


Zu viele Enttäuschungen haben ihn zu einem Hass auf die Menschen geführt und er erwartet nichts gutes mehr - wird aber nicht verschont von dem Neid, der sich in ihn hineinfrisst, wenn er bemerkt, dass andere glücklich sind.

Das Thema von Verlust und Trauer ist jetzt nicht unbedingt meins und vielleicht hat mich deshalb hier die Autorin auch nicht so ganz erreichen können wie in ihrem Debüt. Ich glaube auch, dass ich manches nicht verstanden habe und vielleicht bei einem zweiten Mal lesen besser verstehen würde. Vieles bleibt zwischen den Zeilen und versteckt sich hinter der imaginären Schreibweise, die Realität und abstrakte Vorstellungen vermischen. Es gibt keine komplexen Szenarien oder ähnliches, das Thema beschränkt sich allein auf die Gefühlswelt dieser Menschen und doch ist es sehr fordernd, sich auf diese unterschiedlichen Stimmungen einzulassen.

Hilfe bekommt die Familie schließlich von unerwarteter Seite. Von zufälligen Begegnungen, die sie wieder herausholen aus dem Bodenlosen, die Verstehen und mit ihren Geschichten weitere Ebenen schaffen, um nach dem hilflosen Treiben im Nichts wieder festen Boden spüren zu können.

Ich fand es vom Stil her wieder absolut ungewöhnlich und mir gefällt diese Art sehr - auch wenn es mich dieses Mal nicht so erreichen konnte, was am Kern des Themas lag. Die Gefühlswelt der jeweiligen Figuren hat sie jedenfalls großartig an mich herangetragen, das war schon wirklich außergewöhnlich! Nur schade, dass ich nicht immer "dahinter" blicken konnte, was aber einfach an meiner Distanz zu dem Thema liegen kann.
Das Lesen selbst war jedenfalls eine Art sanfter Rausch, eine Illusion inmitten der Wirklichkeit, die mich sehr beeindruckt hat.

Weltenwanderer
Profile Image for mari_liest.
317 reviews
September 10, 2022
„Ob die Dinge die Mutter wohl auch vermissen. Zwei Woche nach ihrem Tod zerschellt die Teekanne. Später folgen hier und da Teller und Tassen. Ein besonders alter Pfefferstreuer, eine Vase mit Fadenglas. […] Und als wüssten diese Gegenstände um den Verlust, löschen sie sich aus.“ (S. 6)

Johanne ist tot. Sie wird nicht wiederkommen. Sie ist weg. Fort. Für immer. Solange alle anderen leben. Was bleibt übrig, wenn jemand für immer fort ist? Was bleibt von einer Familie, wenn jemand aus ihrer Mitte gerissen wird? Wie kann man der Person, die für immer im Herzen bleiben wird, trotzdem nahe sein, um nicht das Gefühl des Vergessens zu bekommen? Zurück bleiben nur ihre Tagebücher.

„Möbel und Bilder versuchen, das gelebte Leben festzuhalten. Konservieren die Bewohner in ihren Erinnerungen, als hätte man sie in Gelatine begraben.“ (S. 11)

Schmerzliches erfährt die Familie Mohn, als die Mutter, Ehefrau, Gefährtin den Kampf verliert und sich alle nur zerrissen fühlen. Steve, der älteste Sohn, Student, kehrt nach Hause zurück. Der jüngste, Micha, ist paralysiert. Linne, die wütende Tochter, bricht völlig aus, wird aggressiv. Vater Adam, steht neben sich. Und dann ist da noch B. Ginster, der Trauerbegleiter. Die Familie im Auge behaltend, die offensichtlich die Trauerarbeit nicht erledigt, alles ignoriert. Wie soll er denn seine Arbeit ohne deren Hilfe erledigen? Und die Nachbarn, mit tlw. empathielosen Ansichten, ihrer eigene Probleme ohnmächtig, sich lieber konzentrierend, auf das „Unnormal-Sein“ anderer. Die Familie muss doch endlich aus ihrem Tief kommen. Es kann doch nicht ewig so weiter gehen. Und in all diesem Chaos, diesem Weltschmerz, den die vier fühlen, ihrer Machtlosigkeit das Geschehene rückgängig zu machen, finden sie auf humorvoll, wehtuenden Pfaden, in vereinter Kraft mit anderen Menschen, die Wege mit Johannes beschritten, und Zusammenhalt, den Weg zurück ins Leben. Ohne Johanne. Johanne nur mehr in ihren Herzen.

Die Autorin hat für mich hier wieder ein tolles Werk geschaffen. Der Schreibstil ist unverkennbar. Der Umgang mit den Emotionen, verwoben mit dem Unverständnis Fremder ist extrem gut gelungen. Die Herausarbeitung von Themen der Trauer, des physischen Da-Seins, aber psychischen Weg-Seins hat in mir nie Unwohlsein aufkommen lassen. Der Umgang der Gesellschaft, mit der Ohnmacht des Vaters … so treffend! Fremde verstehen immer erst, wenn sie selbst Betroffene sind. Die Entwicklung der Figuren ist fein ausgearbeitet und ich habe jede Zeile genossen, mitgefühlt, mein Herz hat sich an so vielen Stellen zusammengezogen und dennoch konnte ich mich auch mitfreuen, wenn es Schönes zu lesen gab.

Dies ist kein Wohlfühlbuch. Es ist eines voller Trauer, die spürbar und fühlbar ist. Wir sind beim Lesen Begleiter*innen in einem Trauerprozess von vier Menschen. Dennoch lohnte sich für mich jede Zeile dieses wunderbaren Buches.
Profile Image for Franziska (tintenklexxe).
240 reviews25 followers
July 15, 2024
Der Roman hat toll angefangen, aber gegen Ende hin etwas nachgelassen. Die Prosa ist großartig und wie die Autorin die Trauer der Familie Mohn beschreibt hat mich sehr mitgerissen. Zum Ende hin hat mich die Geschichte dann verloren...
Profile Image for Marie Riedl.
55 reviews2 followers
November 21, 2022
Nach “Junge mit schwarzem Hahn” waren die Erwartungen hoch – und sie wurden auf jeden Fall erfüllt.

Stefanie vor Schulte ist dem märchenhaften Stil treu geblieben und führt einen in eine fast Traum gleiche Welt zwischen eine trauernden Familie und ihre skurrilen Wegbegleitern.

Die Geschichte war für mich allerdings etwas weniger greifbar als die Handlung in ihrem Debütroman. Bei Junge mit Schwarzem Hahn war es für mich leichter Gelesenes in meinen Gedanken zu Bildern werden zu lassen. Das war hier teilweise, vor allem gegen Ende, schwieriger – das ist aber definitiv ohne Wertung geschrieben, sondern vielmehr als Feststellung gedacht.

Wenn man sich darauf einlässt ein wirklich herzerwärmender Roman voller liebenswerter Charaktere und neuen Bildern, die im Kopf entstehen dürfen.
Profile Image for Aus Liebe zum Lesen.
269 reviews8 followers
August 28, 2022
Nach dem großen Erfolg ihres Debütromans kam diese Woche das neue Buch von Stefanie vor Schulte bei Diogenes heraus: „Schlangen im Garten“ – ein Roman über die Trauerverarbeitung.

Johanne war die Mutter und das Herzstück von Familie Mohn. Ihr Tod bringt das Familiengefüge komplett durcheinander. Auf sehr surreale Weise nähert sich die Autorin dem Thema Trauer. So gibt es ein Traueramt und dessen Mitarbeiter, die die ordnungsgemäße Trauerarbeit überwachen (eigenartigerweise gibt es dieses eine Amt hierzulande tatsächlich nicht ;) ). Die Familie versucht, die Erinnerungen zu verarbeiten, indem sie z. B. Seiten oder Wörter aus Johannes Tagebuchs essen. Mir war es vor allem auf den Schluss zu ein bisschen zu viel des Skurrilen.

Die Nebenfiguren sind gut ausgearbeitet, jede für sich auch ein Unikat und bringen ein bisschen Farbe in die Familie. Denn diese bleibt mir bis zum Schluss fern und ich habe kein klares Bild der Mohns, am ehesten noch von der Verstorbenen. Ein Umstand, den ich bedauerlich finde, wollte ich das Buch und die Familie doch mögen.

Am Ende lässt mich „Schlangen im Garten“ etwas ratlos zurück. Aus den Merkwürdigkeiten muss und wird sich wohl jeder Leser etwas anderes zusammenreimen, was prinzipiell nicht schlecht ist, und dennoch würde ich mir wünschen, die Autorin hätte mir doch etwas Konkreteres zu erzählen gehabt.
Profile Image for Susanne Rust-Dröge.
96 reviews2 followers
October 17, 2024
Als ich die ersten Seiten gelesen habe, war meine Begeisterung groß, diese tolle Sprache, dieses wichtige Thema, alles sehr emphatisch...
Aber im Verlauf hat dieser Roman nichts mehr mit Trauerbewältigung im realischen Sinne zu tun. Leider so gar nicht meins.
Profile Image for Mike.
39 reviews4 followers
September 10, 2022
„Sind nicht alle zu hassen, die unbeschadet durch diese Welt kommen?“

Eine emotionale und von Metaphern geprägte Reise

Familie Mohn, seit unbestimmter Zeit nur noch bestehend aus Vater Adam und den drei Kindern Micha, Linne und Steve, hat ihre geliebte Mutter verloren. Sie versuchen weiterhin festzuhalten an der Mutter Johanne. Die Tagebücher ihrer Mutter lesen sie nicht. Stattdessen bereiten sie diese jeden Abend zu und essen diese. Während die Familie versucht, klarzukommen, wird ihr von Nachbar*innen und dem Traueramt vorgeworfen, dass sie die Trauerarbeit verschleppen würden. Laut der Gesellschaft soll Familie Mohn ihren Blick in die Zukunft richten, schneller trauern und „normal“ weiterleben. Die Familie krallt sich lieber an Erinnerungen und Geschichten, die so nie passiert sind. So werden aus Erinnerungen Geschichten und aus Geschichten werden „Erinnerungen“…

Dieses Buch ist so märchenhaft geschrieben, dass man als Leser*in mehr als einmal fragend innehält und nicht weiß, ob das, was passiert Realität oder Metapher ist und auch wofür die Metapher stehen soll, wird nicht immer direkt klar. Somit weiß man als Leser*in nicht immer, was real ist und wird vom Schreibstil verwirrt. Das kann man als störend wahrnehmen oder auch als Chance, sich mit seinen Gedanken und möglichen Varianten der Handlung auseinanderzusetzen. Das Buch bietet somit auch sehr viel Möglichkeit sich auszutauschen und unterschiedliche Interpretationen zu entwickeln. Dementsprechend fokussiert sich meine Rezension jetzt natürlich auf meine Interpretation und meine Perspektive.

Für mich hatte dieses Buch eine einzigartige märchenhafte und vor allem merkwürdige Stimmung, die ich kaum beschreiben kann. Ich bin mir sicher, dass alle, die dieses Buch gelesen haben, mir da zustimmen werden.
Man versteht nicht so ganz, was die Familie will, bzw. wie sie das erreichen wollen, was sie sich wünschen: Am Liebsten hätten sie ihre Mutter zurück. Da dies aber unmöglich ist, wünscht sich die Familie Trost und Erlösung von dem Schmerz. In ihrer Not verschlingen sie die wahren Geschichten und Erinnerungen der Tagebucheinträge und schreiben stattdessen eigene Geschichten, die so nie stattgefunden haben.

Genau das hat für mich stark wie eine Parallele Jesus Tod und der Erfindung von Geschichten geklungen. Das Buch spricht nie explizit über Religion und wirkt auf keiner Seite besonders religiös. Trotzdem gibt es einige Hinweise auf eine Verbindung. So die christlich geprägten Namen der Eltern „Adam“ und „Johanne“ sowie dem Titel „Schlangen im Garten“, was natürlich auf das Paradies und Adam und Eva anspielen könnte. Für mich aber der wichtigste Aspekt ist, dass Linne wortwörtlich als Geröll bezeichnet wird, dass die Spuren/wahre Identität ihrer Mutter vertuscht oder begräbt. Familie Mohn löscht die historische Johanne fast aus und alles, was übrig bleibt sind erfundene Geschichten, unter denen die wahre Johanne für uns Leser*innen ungreifbar und nicht wie eine reale Persönlichkeit scheint. In den Geschichten heilt und rettet sie Leute, hat Zauberkräfte und repariert zerbrochenes. Für mich (als Atheist) bieten sich da also doch ein paar Gründe zur Annahme, dass diese Parallele der Autorin durchaus bewusst war und sie darauf hätte anspielen können. Aber letztendlich bleibt es natürlich eine Vermutung.

Abseits von dem religiösen Motiv erzählt das Buch die komplexe Gefühlsreise der Familie Mohn und wie es nach dem Tod auf der Erde mit den Hinterbliebenen weitergeht. Dabei schafft es die Autorin, den Emotionen als Hauptmotiv genug Raum zu schaffen. Es wird schnell klar, dass es nicht um einen hochspannenden Roman, sondern viel mehr die realistische Erzählung vom Umgang mit Emotionen geht. Man fühlt sich als lesende Person im Buch schnell so verloren wie die Protagonist*innen sich in ihrer Welt voll Trauer und Schmerz fühlen. Es bietet sich also wirklich viel Gelegenheit um nachzudenken.

Einen für mich wesentlichen Aspekt des Buches macht die Gesellschaftskritik aus. Der Umgang der Gesellschaft mit Familie Mohn sagt viel über uns als Gesellschaft im echten Leben aus. So kritisiert die Autorin hier den Egoismus und die Empathielosigkeit sowie den Leistungsdruck in unserer Gesellschaft. Andere Menschen nehmen sich heraus, darüber zu urteilen wie lange und auf welche Art die Familie trauern darf und stigmatisieren die Familie. Diese Stigmatisierung wird von der Familie Mohn auch erkannt (Ende erstes Drittel). Aber sich davon loszulösen scheint für sie keine Relevanz zu haben. Sie scheinen in ihrer eigenen Welt zu leben und nicht mit der Gesellschaft zu interagieren.

Für mich war es ein unglaublich interessantes und spannendes Buch. Die Charaktere schienen mysteriös und von ihrer Trauer eingenommen. Das Ende beschäftigt mich auch jetzt nach Beenden des Buches noch. „Schlangen im Garten“ ist ein Buch, dass ich sehr gerne gelesen habe und Leuten empfehlen kann, die sich auf eine emotionale märchenhafte Reise begeben wollen. Der Schreibstil ist zunächst gewöhnungsbedürftig, passt jedoch hervorragend zur gesamten merkwürdigen Stimmung.

Als Abschluss empfehle ich allen, die das Buch lesen oder gelesen haben noch den Song „Vom Vergessen“ von „CONNY“. Dieser greift für mich auch einige der im Buch genannten Motive auf.
Profile Image for Sternenstaubsucherin.
674 reviews2 followers
July 14, 2024
Der Anfang hat mir richtig gut gefallen, bis der magische Realismus herein brach, ab da hatte ich ich dann so meine Probleme.
Da ich mit magischen Realismus nicht so viel Erfahrung habe, werde ich das Buch bei Gelegenheit noch einmal lesen. Aber erstmal lesen ich ihren Debütroman.
Profile Image for Lili.
172 reviews5 followers
September 25, 2022
(Zu)Treffend

Was hatte mich die poetische und doch bildgewaltige Sprache vor Schultes in ihrem Debüt „Junge mit schwarzem Hahn“ doch bereits begeistert und mich glauben lassen, sie könne mir die ödeste Geschichte der Welt präsentieren und ich würde mich ob ihres Ausdrucks dennoch von der ersten bis zur letzten Seite an jener erfreuen. Mit ihrem zweiten Buch verfestigte die Autorin nun diesen Eindruck; noch zwei Bücher mehr und ich werde einfach jedem von meiner neuen, liebsten zeitgenössischen deutschen Autorin vorschwärmen.
„Schlangen im Garten“ wirkt im Gegensatz zum Debüt nicht wie ein mystisches Märchen, sondern viel mehr wie eine kalte Dystopie, in der Emotionen nüchtern begegnet werden soll, die aber konträr zu dieser Erwartungshaltung von Impulsivität und Individualität geprägt sind: Erzählt wird von einer Familie, die kürzlich die Mutter bzw. Ehefrau verloren hat, und deren Mitglieder allesamt anders mit ihrer Trauer umgehen und sich, in den Augen Außenstehender, viel zu sehr darin verlieren, weswegen sich das „Traueramt“ einschaltet, das auf schnellere Akzeptanz drängt, und prüfen will, ob die Familie überhaupt „richtig“ trauert.

Wie ich schon sagte, fehlt „Schlangen im Garten“ zwar die durchgängige märchenhafte Mystik des Debüts der Autorin, beinhaltet aber doch ein gewisses Maß an Fantastik und auch die Bildsprache muss hier vielfach noch gedeutet und interpretiert werden. Es ist kein einfaches Buch, das nicht noch ein Mit- oder Nachdenken erfordern würde. Trotz solcher Elemente wie dem Traueramt habe ich diesen Roman nun doch auch sehr zeitgenössisch, und gar nicht als in irgendeiner Zukunftsvision oder zumindest in einer alternativen Gegenwart angesiedelt, empfunden, wozu sicherlich vor Allem beigetragen hat, dass diese Thematik der Trauer gegenwärtig ist. Es wird vermutlich keine Lesende dieses Buchs geben, die nicht bereits selbst einmal einen geliebten Mensch verloren haben; wir alle kennen wohl diese Sprüche in Richtung „So langsam muss er aber mal drüber hinwegkommen, Mama ist schon zwei Jahre tot.“ oder „Was? Sie hat jetzt einen Neuen? Schon? Ist ihr Mann nicht grad erst zwei Jahre tot?“ oder „Der hat sich auf der Geburtstagsfeier prächtig amüsiert; ich selbst hab den da einmal lachen sehen!; obwohl seine Frau vor fünf Monaten erst beerdigt worden ist.“ oder oder oder.
„Schlangen im Garten“ konzentriert sich sehr auf die Gefühlswelt der einzelnen Figuren; abseits der Trauer passiert hier nix; und ich fand es wunderbar, wie und dass die Charaktere hier so unterschiedlich gezeichnet wurden und man merkte, dass es da einfach kein richtig und kein falsch, geschweige denn diese eine bestimmende, Verhaltensweise gab.
Hier dürfte es immer die eine Person geben, mit deren Verhalten man sich identifizieren kann, und die Anderen eignen sich, die eigene Meinung und eventuelle Vorurteile zu reflektieren; mir hat es zumindest geholfen, bestimmte Auftretensweisen innert einer Trauerphase mal anders betrachten zu können. Bei einem akuten Todesfall im persönlichen Umfeld würde ich definitiv nicht zu diesem Roman greifen, aber zum Abschluss einer Trauerphase könnte ich es mir durchaus als tröstlich und „verstehend“ vorstellen; generell würde ich „Schlangen im Garten“ aber eher in einer nachdenklichen und eventuell sentimentalen Phasen des Lebens, die völlig losgelöst von jeglichen (erwartbaren) Todesfällen sind, zu lesen vorziehen. Es rührt doch schon sehr an.
137 reviews1 follower
October 23, 2022
Ein poetisch geschriebener Roman, der sich empathisch mit dem Thema "Trauer" auseinandersetzt

Inhalt: Seitdem Johanne Mohn gestorben ist, ist für die Familie Mohn nichts mehr so, wie es mal war. Vater Adam ist schlichtweg überfordert mit der Situation, der jüngere Sohn Micha zieht sich in sich selbst zurück, die Tochter Linne beginnt, sich mit anderen Kindern zu prügeln, und der älteste Sohn Steve versucht irgendwie, die Familie durchzubringen. Erschwerend kommt hinzu, dass alle den Mitgliedern der Familie Mohn vorschreiben, wie diese zu trauern (oder besser: nicht zu trauern) haben. Doch dann treffen die Mohns auf drei Personen, die nicht unterschiedlicher sein könnten: einen schweigsamen Riesen, der auf dem Friedhof sitzt, eine Obdachlose, die einen Ball Gassi führt, und eine Handwerkerin, die Besonderes herstellt – Begegnungen, die das Leben der Mohns verändern werden.

Persönliche Meinung: „Schlangen im Garten“ ist ein Gegenwartsroman von Stefanie vor Schulte. Erzählt wird der Roman hauptsächlich aus den personalen Erzählperspektiven von Adam, Linne, Micha und Steve (später treten noch weitere Erzählinstanzen/-situationen hinzu, die ich aber hier nicht spoilern möchte). Inhaltlich dreht sich der Roman um das Thema „Trauer“ und den Verlust eines geliebten Menschen: So werden in emphatischer Weise einerseits die Trauerrituale der Mohns ausgeführt, andererseits die individuellen Bewältigungsstrategien der einzelnen Familienmitglieder erzählt. In diesen Trauerprozess treten immer wieder weitere, empathielose Figuren ein, die den Mohns vorwerfen, sie würden falsch trauern. Besonders die Nachbarn der Mohns bombardieren diese mit (scheinbar) weisen Ratschlägen, obwohl sie die Mohns wenig bis gar nicht kennen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto stärker häufen sich phantastische Elemente, sodass die Handlung immer mehr in Richtung magischer Realismus tendiert. So entsteht bei „Schlangen im Garten“ ein schönes Wechselspiel zwischen erzählter Wirklichkeit und dem Wunderbaren, bei dem man letztlich nicht eindeutig zuordnen kann, was tatsächlich die erzählte Wirklichkeit und was das Wunderbare ist. Dadurch zieht sich eine latente Spannung durch die Handlung. Nicht alles wird innerhalb der Handlung von „Schlangen im Garten“ geklärt, vieles bleibt offen. Diese Offenheit des Romans passt aber sehr gut zu seinem Inhalt: Auch auf die im Roman aufgeworfene Frage, wie man „richtig“ trauert, kann es keine allgemeingültige Antwort geben; jede*r muss einen für sich passenden Weg finden. In diesem Sinne spiegelt sich die Offenheit der Frage nach dem „richtigen“ Trauern gewissermaßen im offenen Ende des Romans. Der Schreibstil von Stefanie vor Schulte ist sehr poetisch und metaphernreich, sodass man – obschon man ein Prosawerk liest – oft den Eindruck hat, Lyrik vor sich zu haben. Durch diesen lyrischen Ton entstehen während der Lektüre einige schöne und eindrückliche Bilder. Insgesamt ist „Schlangen im Garten“ ein poetisch geschriebener, z.T. surreale Bilder erzeugender Roman, der empathisch mit dem Thema „Trauer“ umgeht, allerdings auch Fragen offenlässt. Diese Offenheit hat mich aber weniger gestört, da sie zum Inhalt des Romans passte.

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August 29, 2022
“Zum Abendbrot isst er jetzt immer eine Seite aus dem Tagebuch seiner verstorbenen Frau. Er isst sie roh, und er tut es aus Liebe.“

So beginnt das Buch und genau so geht es weiter. Eine Frau stirbt und hinterlässt Mann und Kinder. Eine Familie, die mit dem Leben ohne sie und der Trauer um sie komplett überfordert ist.

Vater Adam geht ein. Ist abwesend, auch wenn er da ist. Sohn Steve versucht Verantwortung für die Familie zu übernehmen und vergisst sich selbst dabei. Tochter Linne flüchtet sich in Aggressionen, der äußere Schmerz tut doch viel weniger weh als der Innere. Nesthäkchen Micha beobachtet und flüchtet in die eigene Welt.

Lange scheint sie nur ihre Trauer zu verbinden, doch mit der Zeit tauchen immer mehr Leute auf. Erinnerungen werden wach und vor allem geteilt. Familie Mohn überwindet die Gräben, die der Verlust zwischen ihnen geschaffen hat, und es ist ein ganz besonderes Gefühl, ihnen dabei zuzuschauen.

“Wer beim Trauern auffällt, richtet gesellschaftlichen Schaden an. Es macht Ärger, wenn einer seine Arbeit aufgibt, wie Adam es getan hat. Wenn Studenten ein Semester aussetzen wie Steve. Wenn Kinder aus der Reihe tanzen wie diese Kinder. Es gilt, das Sterben generell fernzuhalten, denn sonst wird nicht mehr richtig gelebt und konsumiert.“

Natürlich handelt es sich hier um eine sehr emotionale Geschichte. Das Thema ist kein Leichtes und hier gibt es viel, was schief gehen kann. In meinen Augen ist aber verdammt viel gut gelaufen.

Mir haben die Charaktere total gut gefallen. Nein, super sympathisch waren sie erst alle nicht, aber sie wachsen. Sie fallen hin, sie stehen auf, sie machen weiter, auch wenn sie gar nicht wollen. Die Geschichte entwickelt sich wie von allein und ich bin nur so durch die Seiten geflogen.

„Aber Linne und Micha stehen wie kleine Automaten, die ihre Aufgaben ordnungsgemäß erledigt haben, denen aber im System die Funktion fehlt, was zu tun ist, hat man eben diese Aufgaben ausgeführt. Vielleicht ist es ja das, was Steve gerade bei sich und den anderen spürt. Ob sie deswegen alle auseinanderfallen. Weil ihnen die Funktion fehlt, was zu tun ist, stirbt einer von ihnen.“

Es passieren einige absurde Dinge, die die Stimmung immer wieder aufhellen und einfach zu dieser besonderen Situation passen. Die Tragik kommt aber natürlich nicht zu kurz, wir haben hier kein easy Wohlfühlbuch und das zeigt auch der Schreibstil. Teilweise etwas schnörkelig und detailliert, manchmal für mich fast schon zu abgehackt. Hier ist auf jeden Fall etwas Konzentration erforderlich.

Schlangen im Garten ist eine zarte Geschichte voller Trauer und Erkenntnisse. Ich habe Familie Mohn einfach in mein Herz geschlossen und bin froh, dass ich sie begleiten konnte. Eine Geschichte, die ins Herz geht und sich festsetzt.
Profile Image for Marie.
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September 10, 2022
"Linne ist ein Stein, der fliegen kann. Ein Felsen, der Höhlen verschließt und Menschen vergräbt."

Schon in diesen kurzen Sätzen entfaltet sich Stefanie vor Schultes mystisch-märchenhafte Bildsprache, die auf ungewöhnliche Analogien baut und an mittelalterliche Allegorien erinnert. Der Stil der Autorin zeichnet sich dadurch aus, dass die Realität märchenhaft erscheint und der Leser nicht weiß, wo die Gedankenwelt der Figuren endet und die fiktionale Wirklichkeit beginnt. Das macht es so schwer zu beschreiben, worum es in dem Roman eigentlich gilt. Denn die vielfältigen Bilder, Symbole, Anspielungen und Verweise lassen sich kaum vollständig nach einmaligem Lesen deuten. Demnach ist die nachfolgende Inhaltsangabe mehr als persönliche Deutung der Geschichte zu sehen als als eine Zusammenfassung, die Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Familie Mohn hat die Mutter bzw. Ehefrau verloren und steht nun mitten im Trauerprozess. Der Trauerbeamter Ginster hat eine ganz genaue Vorstellung, wie man richtig trauert und versucht, den Prozess zu überwachen. Doch die Mohns wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie man sich von einem geliebten Menschen verabschieden - weder von Behörden noch von den Nachbarn. Und schon gar nicht wollen sie, dass jemand anderes entscheidet, wie sie sich an die verstorbene Johanne erinnern sollen. Denn Trauer - das sollte doch etwas Privates sein. Und so verspeist die Familie - welch Sinnbild - Stück für Stück die Tagebücher der Frau. An Stelle der Erinnerungen eines Lebens setzen sie Geschichten und Erinnerungen anderer. Ob diese zutreffen oder doch eher Ausdruck einer Art Rückeroberung des Trauerprozesses sind, bleibt offen.

Vor Schulte zeichnet eigenwillige Figuren, die sich dem Leser bis zum Schluss nicht vollständig erschließen. Bidlreich erzählt sie von einem Außen, dass immer mehr in sich zusammenfällt, während eine Familie nach der Stabilität im Innen sucht. Und während der Leser gerade denkt, er habe etwas verstanden, wechselt die Erzählung wieder rasant die Richtung. Und so gelingt es auch ihm nicht, die Verstorbene Frau und den individuellen Trauerprozess der Familie Mohn zu fassen. Das macht die Erzählung zum einen spannend. Zum anderen ist diese experimentelle Herangehensweise nicht gerade zugänglich. Schlangen im Garten ist daher kein Roman, den man zur Entspannung nebenbei lesen kann. Diejenigen, die nicht gut mit literarischer Offenheit und Ambiguität umgehen können, sollten lieber zu einem anderen Werk greifen. Schriftstellerisch ist das Buch aber ein Kunstwerk.
Profile Image for Roxana.
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September 1, 2022
"Schlangen im Garten" hat mich hat mich fasziniert, wie alle Gärten und Wiesen, die ich in der Zeit meiner Lektüre durchstreift habe… Stefanie vor Schulte ist mit ihrem zweiten Roman ein nahegehendes Portrait einer trauernden Familie gelungen, das mich als Leserin nicht mehr losgelassen hat und auf eine sehr liebevolle Art durch eine eigene Trauerphase begleitet hat.
Jede einzelne Figur hat eine Tiefe und ist wunderbar ausgearbeitet. Besonders herausragend ist in meinen Augen die obdachlose Bille mit ihrem Einkaufswagen voller Taschen und Geschichten gezeichnet.
Die fantastischen Elemente, die sich durch die Geschichte ziehen, sind so sinnig eingesetzt, dass sie nie zu viel wirken und sich ganz natürlich in die Handlung einfügen. Vor Schultes Sprache ist poetisch, opulent und gleichzeitig klar und deutlich.
Das Buch zeigt auf, wie wichtig Trauerarbeit ist, unterstreicht aber, dass es in ihr kein "falsch" gibt. Dies wird durch die Figur des Ginster verdeutlicht. Er arbeitet für das Traueramt, eine Art Geheimpolizei, die überwacht, ob trauernde Personen ja auch "richtig" trauern, um möglichst schnell wieder arbeits- und systemfähig zu sein. Im Laufe der Geschichte verfällt er allerdings dem Charme der Familie und erkennt, dass er ihnen den Freiraum geben sollte, den sie einfordern. Gerade dieser Aspekt war für mich als im selben Moment trauernde Person sehr wertvoll.
Ich danke Stefanie vor Schule (& Diogenes und NetGalley) für dieses Buch und empfehle es allen, die gerne etwas herzerwärmendes in einer kalten Zeit lesen möchten.

"Wenn Micha schläft, scheint ihm alles Wasser.
Sinkt er auf sein Bett, läuft dunkles Nass in ihm an. Er wird Woge, See oder ein Meer. Auch ein Fluss, schwarz und nebelverhangen. Und das in letzter Zeit immer öfter, so dass er meint, er bade jede Nacht im Styx. Er legt sich Münzen auf die geschlossenen Augen, um die Überfahrt notfalls bezahlen zu können. Aber noch wacht er morgens auf, das Geld längst verrutscht und in den Laken vergraben. Vielleicht wird er es sich doch unter die Zunge legen. Aber er mag den Geschmack nicht." (S. 9)

"Johanne ist nicht mehr hier. Nur wenige Dinge sind noch übrig. Aber in diesen scheint ein Laut, ein Duft, eine Seele geborgen. " (S. 162)
Profile Image for Sabine Winkler.
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September 26, 2022
Aus dem Tagebuch der Mutter
Nach Johannes Tod wird ihre Familie verdächtigt, die Trauerarbeit zu verschleppen. Nicht nur das Traueramt, auch die Nachbarn sind sich darüber einig. Nur die Familie selbst, Vater Adam, Tochter Linne und die Söhne Steve und Micha möchten ihr Leben nicht einfach so fortsetzen. Sie wollen Johanne in wahren – und auch erfundenen - Geschichten bei sich behalten.
Das unverkennbare Diogenes-Cover zeigt das Bild einer Frau. Die Frau, die in dieser Geschichte schon gar nicht mehr lebt; die Frau, die auch gleich im starken ersten Satz des Buches auftaucht. Vor Schultes Sprachstil ist sehr beeindruckend, sie schafft es selbst Alltäglichem mit ihren genauen Beschreibungen Wichtigkeit und vor allem Poesie zu verleihen.
Jede Person geht anders mit Trauer um, und doch meint das Umfeld oft besser zu wissen, wie man mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen hat. Die Autorin erschafft dazu sogar ein eigenes Traueramt, dessen Beamte die Beobachtungen über die Hinterbliebenen in ihren Berichten festhalten. Die Charaktere sind sympathisch und in ihren Eigenheiten dennoch sehr realistisch gezeichnet, selbst das Verhalten des Trauerbeamten wird nicht nur hinterfragt, sondern schlüssig erklärt.
Vor Schulte beschreibt die Trauer und die Auswirkungen auf das Leben der Hinterbliebenen auf grandiose Weise. Wohin mit der Verzweiflung, der Wut, dem Verloren-Sein? Wie umgehen mit der Unfähigkeit zu handeln, mit den verpassten Möglichkeiten? Jeder Mensch, der schon einmal getrauert hat, wird sich in dieser Geschichte wiederfinden. Menschen, denen dieses Gefühl bisher noch erspart geblieben ist, werden einen Schimmer davon bekommen, wie es ist, wenn einem der Boden unter den Füßen plötzlich weggerissen wird.
Und doch ist es kein trauriges Buch, sondern vielmehr eine wunderschöne Geschichte, die von Hoffnung und Liebe erzählt. Ich habe noch kein vergleichbares Buch gelesen, dass mit Trauerbewältigung besser umgegangen wäre als dieser Roman. Schade, dass fünf Sterne das Maximum an Bewertung sind. Diese Geschichte verdient mindestens zehn davon.
166 reviews1 follower
August 28, 2022
Die Mohns haben Mutter Johanne verloren und trauern. Vater Adam taumelt nur noch durch die Welt; der älteste Sohn Steve ist zurück nach Hause gekommen, um irgendwie zu helfen; Linne ist einfach nur noch wütend und Micha weiß nicht wohin. Johanne ist überall, vor allem in ihren Tagebüchern, dessen Worte sie nicht lesen, sondern essen, Streifen für Streifen jeden Tag, doch die Trauer lindert das nicht. Unerwartet kommen die Bille, der Brassert und Marlene auf die Bühne und leisten die Trauerarbeit, die der eigentlich dafür zuständige Ginster bewerkstelligen sollte, aber immer wieder scheitert.
„Schlangen im Garten“ von Stefanie vor Schulte ist der Nachfolger von „Junge mit schwarzem Hahn“, welches ich letztes Jahr geliebt habe. Dieser Roman ist ähnlich, zumindest was die Sprache anbelangt. Sie ist abstrakt und poetisch, doch ist diesmal das Thema anders und scheint mehr in unserer Welt verwurzelt zu sein. Allerdings ist der Schauplatz nur auf den ersten Blick im Hier und Jetzt verhaftet, auch in „Schlangen im Garten“ verschwimmt die Realität und geschehen fantastische Dinge, aber in einem Maß, welches für mich absolut lesbar ist. Stefanie vor Schultes Stil ist deutlich zu erkennen und ich liebe ihre kurzen Sätze, mit denen sie mit Leichtigkeit schafft ganze Szenen und auch Emotionen zu transportieren. Sie beweist, dass man oft nicht so viele Worte braucht wie man meint und auch ihr kreativer Umgang mit der Kombination von Worten hat mir wieder sehr gut gefallen.
„Junge mit schwarzen Hahn“ fand ich noch ein bisschen besser. Vielleicht weil der Fokus auf nur einer Person gelegen hat. Manchmal war es bei „Schlangen im Garten“ arg chaotisch und verworren, sodass ich drohte in den Seiten verloren zu gehen. Trotzdem ist er ein ganz besonderer Roman über Verlust, Trauer und dessen Bewältigung. Und ich werde mit Sicherheit noch die hoffentlich zahlreichen Nachfolger lesen, die wahrscheinlich auch wieder so ein schönes Cover bekommen.
Profile Image for Alina_liest07.
132 reviews6 followers
August 21, 2022
Eine magische, zu Herzen gehende Geschichte
Familie Mohn versucht den Tod ihrer Mutter bzw. Frau klar zu kommen. Während die Familienmitglieder ganz unterschiedlich mit ihrer Trauer umgehen, schalten sich Nachbarn und Traueramt ein und immer mehr skurrile Charaktere treten in das Leben der Familienmitglieder.

In einer einzigartigen, märchenhaften Sprache zeichnet die Autorin berührende Bilder und fängt die Trauer und den Verlust, aber auch die Liebe in all ihrem Facetten zwischen den Zeilen ein und spielt mit unserer Wahrnehmung. Die wunderbar getroffenen Figuren versuchen in einer zwischen surreal und märchenhaft wechselnden Umgebung, ihre Trauer zu verarbeiten: Die Familie isst wortwörtlich die Tagebücher der verstorbene Mutter, Linne prügelt sich ihre Trauer heraus, Steve sieht Gesichter…Ganz nebenbei treten Bille, Marlene, Brassert und der Trauerbeamte Ginster in das Leben der Familie.

Es sind vor allem die vielseitigen Charaktere und ihre Wunden und Narben, aber auch ihre Stärken, die mich berührt haben.
Um es mit Ginsters Worten zu sagen: „Sind nicht alle zu hassen, die unbeschadet durch diese Welt kommen?“
Ein eigenartiges Buch, welches das Thema Trauer auf seine ganz eigene Art behandelt - ein Trost spendendes Buch, was uns hoffentlich dazu ermutigt in der Trauer, aber auch in anderen Bereichen, unseren eigenen Weg zu gehen und nicht von gesellschaftlichen Erwartungen und Zeitschienen bestimmen lassen. In einer Welt in der es immer schnell weitergehen soll, lädt dieser Roman uns ein innezuhalten und unser Herz einzuschalten.

„Schlangen im Garten“ ist kein Buch, durch dass ich durchgeflogen bin - immer wieder musste ich innehalte um die surrealen und berührenden Szenen wirken zu lassen.
Der Erzählstil wird sicherlich nicht alle ansprechen und mitreißen, aber für alle die sich darauf einlassen wollen, ist dieser Roman eine Herzensempfehlung!
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September 17, 2022
Trifft mitten ins Herz

Nach dem Tod von Johanne gerät das Familienleben von ihrem Mann Adam und den Kindern Steve, Linne und Micha ins Wanken. Der Familie fällt es schwer, mit dem Verlust umzugehen. Auch wenn sie zusammen sind, finden sie keinen richtigen Zugang zueinander, dabei brauchen sie mehr Halt denn je. Ihre Leere und Ohnmacht versuchen sie auf unterschiedliche Art zu kompensieren: Der Vater isst z.B. die Tagebuchseiten seiner Frau und Linne geht keinem körperlichen Konflikt aus dem Weg. In dieser eh schon schweren Zeit werden auch noch die Nachbarn und das Traueramt auf die Familie aufmerksam, denn in der Gesellschaft wird es nicht gern gesehen, dass man so lange und auf so ungewöhnliche Weise um eine geliebte Person trauert. Hilfe kommt ausgerechnet von Menschen, die die Mutter nicht gekannt haben können, die Erinnerung an sie aber mit liebevollen Abenteuergeschichten wieder zum Leben erwecken und so der Familie neue Wege eröffnen.

Die Geschichte der Familie Mohn ist irgendwo angesiedelt zwischen Realität und Fantasie – das lässt das Buch an einigen Stellen etwas skurril wirken, macht aber auch seinen ganz besonderen Charme aus. Lange nachhallen wird bei mir aber vor allem die besondere Sprach- und Bildgewalt sowie die Intensität, die damit hervorgerufen wird. An einigen Passagen ist mir beim Lesen beinahe das Herz gebrochen, so gut fängt die Autorin den Schmerz der einzelnen Familienmitglieder in Worten ein.

Für mich ist „Schlangen im Garten“ ein modernes Märchen mit viel Tiefgang, das in mir ein farbenprächtiges und berührendes Kopfkino ausgelöst hat. Ein Buch, das ans Herz geht. Zum Abtauchen an gemütlichen Leseabenden. Ich kann es nur empfehlen.

Jetzt muss ich wohl doch noch das Erstlingswerk „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte lesen, oder? 😉 Was meint ihr?
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July 18, 2022
Die Mutter und Ehefrau ist tot. Nie wieder ihre Stimme hören, ihre Hände spüren, nie wieder die eigenen Gedanken, Gefühle und Sorgen mit ihr besprechen. Ein Mann und drei Kinder leiden unter diesem Verlust, Jeder geht anders mit der Trauer um. Eine Metapher ist, das die Tagebücher von ihr gegessen werden aber ein Kind rettet immer wieder einen Streifen in der Hoffnung noch einmal einen Gedanken der Mutter zu erhaschen oder noch einmal ihre Schrift zu sehen.
Dazu tauchen noch andere Figuren auf die in irgendeiner Weise Bezug zur Frau und der Familie haben. Es wirkt eigenartig wie sie versuchen den Hinterbliebenen bei der Trauer zu helfen.
Ich empfand das erste Buch der Autorin als ein modernes Märchen für Erwachsene. Es war gut zu lesen und daher waren die Erwartungen zu diesem Buch groß. Es ist meiner Meinung nach etwas Anderes, ein reales, wichtiges, emotionales Thema spielt hier die Hauptrolle.
Trauer haben wir alle schon erlebt, jeder geht damit anders um. Einige können darüber reden, andere ziehen sich zurück. Jeder Mensch hat seine eigenen Rituale mit dem Verlust umzugehen.
Ich glaube die Autorin will uns darin bestätigen. Macht das was ihr für richtig haltet, macht das was ihr fühlt, Ihr bestimmt wann die Trauer nicht mehr so sehr schmerzt. Nicht die anderen entscheiden wann es Zeit ist wieder unter Menschen zu gehen, wann man sich wieder freuen kann, wann man jemanden Neues kennen lernt, oder vielleicht sogar lieben lernt. Das alles sind ganz allein Empfindungen die nur die Trauernden verfolgen können. Wenn dieses Buch uns dabei hilft, weil die Familie sich Mühe gibt für sich allein zu handeln, uns selber wieder zu finden, dann ist es ein wichtiges Buch.
Profile Image for Charlie.
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August 30, 2022
In „Schlangen im Garten“ von Stefanie vor Schulte trauert die verbliebene Familie Mohn um die verstorbene Mutter, auf eine ganz eigene Art und Weise.

Nach „Junge mit schwarzem Hahn“ hat mich Stefanie vor Schulte wieder einmal bezaubern können. Die Geschichte von Familie Mohn, deren Mitglieder wohl die Trauerarbeit „verschleppen“ und damit die Aufforderung eines mysteriösen Traueramtes bekommen, diese Trauerarbeit schnellstmöglich abzuschließen und wieder zur Normalität zurück zu kehren, war bezaubernd. Die Charaktere sind sehr eigen und jeder hat seine eigene Art entwickelt, mit dem Verlust der Mutter klar zu kommen. Dass am Ende noch mehr Menschen dazu kommen, und erzählen, was sie vermeintlich mit Mutter Johanne erlebt haben, hat das Buch sehr rund gemacht, ich hätte mir jedoch diese Geschichten schon ein wenig eher in der Geschichte gewünscht.

Die Charaktere sind jeder auf ihre Art verträumt und gehen anders mit der Realität um, als es normalerweise passiert. Das kennen wir schon aus „Junge mit schwarzem Hahn“, aber es hat bis hier nicht an Charme verloren. Die Entwicklung jedes Charakters bis zu dem Punkt, den Verlust der Mutter anzunehmen ist nachvollziehbar gestaltet und hat keine Logiklücken.

In dem Roman ist kein Wort zu viel, jedoch hätte ich schon gerne mehr über das Traueramt und seine Arbeit erfahren, weil dies eher unbeachtet im Hintergrund bleibt und weniger erläutert wird.

Alles in allem aber ein zauberhafter Roman, der mir sehr ans Herz gegangen ist.
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