Als der Protagonist in Patrick Holzapfels Debütroman Hermelin auf Bänken durch den neunten Wiener Gemeindebezirk läuft, geschieht etwas geradezu Unerhörtes: Er kommt vom geraden Weg ab, beginnt, den mäandernden Schritten eines in Hermelin gehüllten Obdachlosen zu folgen, und findet sich schließlich unvermittelt wieder – auf einer aus zwanzig dünnen braunen Holzplatten bestehenden Parkbank. Von hier aus, wo ihm die Zeit endlich aufzuhören scheint, entfaltet sich allmählich ein alternativer Stadtplan, den der Erzähler sitzend erkundet, denn: »Je länger man sitzt, desto mehr erfährt man über die Bank. Und zugleich erfährt man auch etwas über Menschen, die auf Bänken sitzen«; Menschen wie Manuela mit ihrer umfassenden, wenn auch völlig nutzlosen Kenntnis der Filmgeschichte, wie Yong, der über seine unzähligen Schachtriumphe schwadroniert, oder eben wie den Erzähler, der auf der Suche nach dem Hermelinkönig mit leisem Witz und Ironie selbst zum König wird und erkennt, dass jede Bank die Geschichte einer Person erzählt und ihre Leidenschaften, Ängste und Hoffnungen in einen Ausblick verwandelt.
Sitzen als subversive Praxis. Versuche, der Zeit ein Schnippchen zu schlagen. Ein Graben nach Mythen und Geschichten, Alltägliches von Bänken beobachtet. Literarische Close-Ups zwischen Leben und Tod. "Meine Hoffnung: im dauernden Sehen nicht mehr gesehen werden. Die Wirklichkeit: ich sehe mich nur selbst." Man spürt essayistische Traditionslinien; viel Benjamin, viel Kracauer. "Hermelin auf Bänken" fällt auf sehr interessante Weise aus der Gegenwart, könnte teils auch ein Text aus dem frühen 20. Jahrhundert sein und ist doch ein ganz aktueller, gekonnt zeitloser und selbstreflexiver Großstadtroman. Der unsentimentale Schmerz im Umgang mit dem Erinnern und Trauern hat mich bewegt wie lange kein Text. Eines der schönsten Abschlusskapitel überhaupt. Nur Liebe für dieses grandiose und originelle Debüt!
Das Buch thematisiert das Trauern auf Bänken – als Symbol für einen Platz in der Gesellschaft. Es steht für eine Abschottung von der Außenwelt, sowohl von anderen Menschen als auch von sich selbst. Trauerarbeit als Perspektive und retrospektive Linse, durch die das Buch betrachtet werden kann. Es ist keine Anleitung, sondern vielmehr eine Möglichkeit, einen tieferen Subtext zu eröffnen. Insbesondere in den letzten Stunden, die er mit seiner Mutter verbrachte – auf der Bank, wo sie einfach zusammensaßen – entfaltet sich eine Tiefe und Nahbeiheit.
Bewegung und Sichtbarkeit spielen eine wichtige Rolle. Sehen und gesehen werden des Individuums und der sozialen Komponente. Ausserdem thematisiert der Text den Gegensatz zwischen Stillstand und Bewegung: die Gemeinsamkeit und Gegensätzlichkeit von Sitzen auf einer Bank („Bankieren“) und Flanieren. Beides transgressive, sich einander gegenüberstehnde Gesten.
Ich hatte wenig emotionalen Zugang zum Text und habe das Gefühl, den Protagonisten zwar gesehen zu haben, aber nur sporadisch Empathie aufbauen zu können. Meistens in den Passagen, in denen er sich mit den Mitmenschen auseinandersetzt, ins besondere mit seiner Mutter. Trauer empfinde ich als eine Ur-Gewalt – die auch unkontrollierbar und unberechenbar sein und auftreten kann. Der Protagonist im Text empfindet anders. Er muss sich Zeit für Trauer nehmen und bewusst Plätze aussuchen. Es gibt wenig Unmittelbarkeit in dem Roman, diese hätte ich mir zeitweise gewünscht. Jedoch meandert und flaniert man beim Bankieren mit dem Protagonist und erfährt verschiedenes in unterschiedlichen Phasen des Lebens. Die Konstruktion der Parallelgeschichte mit Prince empfand ich als eher unnötig. Stattdessen hätte ich mir lieber spontane Begegnungen und Momentaufnahmen gewünscht, die sich, für mich, nicht konstruiert anfühlen, sondern sehr bereichernd.
Die Sprache ist zweifellos schön, und die Repetition, das Jagen nach dem inneren Frieden, dem Sandler, dem Ankommen in der Gesellschaft funktionieren als Motive und bilden ein Gesamtes, wenn auch auch manchmal nicht aneinanderhängend, weil der Roman während des Sitzens seine eigene Entwicklung und Phasen folgt. Der Text hat eine Melancholie, viele unausgesprochene Konflikte, die nicht an die Oberfläche kommen, aber immer Unruhe mit sich bringen. Einige Sätze waren so eindrucksvoll, dass ich sie festhalten wollte, doch durch den Lese-Zeitdruck für den Buchclub ging das leider nicht. Wenn ich jetzt Bänke sehe, denke ich anders über sie und nehme sie anders wahr – das zeigt, dass der Text Kraft besitzt und Auswirkungen auf den Leser haben kann.
„Auf Bänken sitzend, erfühle ich die kleinsten Schwankungen der Temperatur, ich werde zum Windtaster, Regenriecher und erkenne Wolken, bevor sie entstehen. In dieser Nacht sehe ich, wie der dunkle Himmel sich minütlich von einer Blaustufe zur nächsten verfärbt. Das sich verabschiedende Licht verschwindet nie ganz. Es bleibt ein Fast-Nichts, eine schwache Zeichnung des vergangenen und kommenden Tages. Das Licht bleibt, ganz so wie eine, die geht, aber weiß, dass sie zurückkehren wird. Sie lässt ihre Sachen da, und alles riecht noch nach ihr, und ehe man sie vermisst, kündigt sich, mit einem fernen Schimmer, ihre Rückkehr an.“
„Man tanzt Schach. Ich schaue zu und erkenne das Leben der Stadt auf den quadratischen Feldern. Die Geradeausmenschen, die sich aus dem Weg gehen oder aufeinander treffen. Die Diagonalmenschen, die nach Abkürzungen suchen. Die Regenten und die, die für sie schuften. Die strenge Ordnung, aus der man Auswege sucht. Die Bank, von der aus ich all das betrachte."
„Je mehr ich schaue, desto klarer erkenne ich, dass ich von den Bänken aus nichts von den Dingen sehen kann, um die es mir eigentlich geht. Sie finden im Unsichtbaren statt. Die Menschen auf den Straßen verbergen das, was sie ausmacht. Gefühle sieht man nicht. Gedanken sieht man nicht. Die Zeit sieht man nicht. Ängste sieht man nicht. Trauer sieht man nicht. Freude sieht man nicht. Was ist mit mir? Sieht man mich?"
„Meine Hoffnung: im dauernden Sehen nicht mehr gesehen werden. Die Wirklichkeit: Ich sehe mich nur selbst."
Ein Roman über Trauer, Geradeausmenschen und das Bankieren. Niemals direkt, eher zart und sacht; niemals wertend, eher beobachtend und entschleunigt. Einige sehr schöne Formulierungen. Einige sehr gute Gedanken. Ein stilles Buch. Ohne Handlung. Daher leider auch ohne drive, ohne Bindung. Ein bisschen zu fad für meinen Geschmack.
Ein Debutroman der Extraklasse. Ein Mann sitzt auf Bänken in Wien. Thats it: er bankiert. Der „Bankier“ ist der Flaneur des 21. Jahrhunderts. Im Widerstand zu den getriebenen „Geradeaus-Menschen“, nimmt sich Patrick Holzapfel die Zeit einfach zu sein. Am Anfang des Buches begegnet der Erzähler einem Obdachlosen im Hermelinemantel auf der Bank sitzend. Von ihm wird er inspiriert und beginnt sein Leben auf Bänken. Obwohl das Buch eine Hommage an die Kontemplation ist und mit seinen Beobachtungen des Stadtlebens im hier und jetzt aufgeht, so gibt es gleichzeitig eine Jagd. Die Jagd nach dem Obdachlosen im Hermelinmantel. Der Erzähler will den Mann wiederfinden, der sein Leben verändert hat. Verwoben ist die Geschichte ganz subtil mit Erinnerungen an die verstorbene Mutter des Autors.
Die großen Fragen des Lebens lassen sich am besten mit großer Leichtigkeit von Bänken aus betrachten. Das Buch verändert den eigenen Lebensrhythmus. Lässt man sich darauf ein, eröffnet sich die Stadt neu. Die Dinge fangen an zu sprechen.
Also zu allererst, es stößt mir sehr übel auf, dass hier nun das Wort „Sandler“ verwendet wird, als wäre das einfach ein süßer wiener Dialekt-Begriff. Das Wort wird nach wie vor vor allem abwertend und beleidigend verwendet und auch wenn der Protagonist und ich-Erzähler selber in die Realität dieser diskriminierten, von Verdrängung betroffenen Gruppe eintaucht, sollte dieser Begriff weder im Buch, noch in den Rezensionen hier unkritisch reproduziert werden. Unabhängig ob das Wort nun von der Tätigkeit der Schwemm-Sand-Gewinnung am Donau-Ufer, von der Aussandung von Ziegelsteinen oder aus dem hebräischen „zandik“ für Tagedieb kommt: dieser Begriff wird in der Realität als Beleidigung oder abwertende Bezeichnung verwendet. Ich bitte inständig diesen Begriff nicht einfach zu reproduzieren.
Nun zum Inhalt: hat mir an sich gut gefallen, ich hab geweint, geträumt, mich ab und an auch bissi aushaltbar gelangweilt. Kann dieses Buch an sich weiterempfehlen, als Trauer-Lektüre, nicht aber als Buch um die Realität wohnungs- und obdachlosen Menschen nachvollziehen zu können. Mir hat die Romantisierung nicht so gut gefallen, sowie dass die (politische) Kritik und Wut mit ein paar „scheiss Staat“ abgehandelt wurde. der Autor kommt recht spät drauf, dass Bänke als Teil defensiver Architektur aktiv als Verdrängungsmechanik umgestaltet wurden.
Was ich dem Buch jedoch zugestehen muss: es hat eine rührende und berührende Herangehensweise an das Thema Trauer.
Freundschaft: in dem Fall kann eins sich das gendern sparen, denn es geht hier explizit um männlich sozialisierte Freundschaft. Und die ist bodenlos. Hätte ich solche Freund:innschaften, würde ich ertrinken in Isolation. Niemand hört dem anderen zu, beide projizieren auf das Gegenüber und niemand versucht den anderen zu verstehen. Aua. Aber schön dargestellt.
All in all war das Buch ein schneller 1-day-read, ich hatte fun und bereue nicht, es gelesen zu haben.
Namenloser Erzähler „bankiert“, sitzt also auf Parkbänken, beobachtet seine Stadt Wien und deren „Geradeausmenschen“ und stellt dich dabei allerlei Fragen. Dieser Aussteigerroman im Thomas Berndhard’schen Setting transportiert mit seiner leichten, sanft-poetischen Sprache einen Text über das Leben, den Tod, das Trauern und die Vergänglichkeit von allem Dazwischen. Ein schönes Buch, luftig leicht und doch existenziell. Hat spaß gmoacht.
fand die passagen über trauerarbeit und den melancholischenund aus der welt gefallenen ton echt schön und gut geschrieben aber dafür, dass viele figuren ohne festen wohnsitz sind, hat der roman erstaunlich wenig von substanz über das thema zu sagen
“Eigentlich trinke ich nicht Aber warum eigentlich nicht? Ich werde eine Ausnahme machen und mit diesem Mann auf dem Boden statt auf einer Bank sitzen. Der Schnaps hilft gegen die Kälte, und die Gesellschaft auch. So sehe ich das, und ich sehe nicht schlecht.“
"Sie spricht, als würde ihr Schall von einem inneren Zweifel eingeholt. Jedes Wort, das sie sagt, wirkt ein bisschen vergeblich, aber umso schöner, weil sie es trotzdem gesagt hat."
"Er versucht, die Form zu wahren. Er sitzt ganz gerade, obwohl es ihn sichtlich anstrengt. Er trägt eine schöne Jacke mit Schal. Aber wenn ich in seine Augen blicke, erkenne ich eine Angst, die wie ein Parasit auf den von ihm gewahrten Förmlichkeiten sitzt. Seine Pupillen bewegen sich zu schnell. Sein Blick senkt sich früher, als er sollte. Ich kenne diesen Blick. Ich habe ihn schon gesehen. Man vergisst diesen Blick nicht. Wenn man im Lachen Schmerzen sieht. Wenn man in der Zärtlichkeit einen Abgrund erahnt. Es ist ein Blick, der sich davor fürchtet, erwidert zu werden. Er fürchtet, dass er sich verrät. Bestimmte Menschen haben diesen Blick an sich. Sie wollen noch sehen, wissen aber, dass sie dabei gesehen werden."
"(...) Sie würde also sicher einen falschen Eindruck bekommen. Sie würde glauben, ich würde mich gehen lassen. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Ich lasse mich sitzen.(...) Es ist zu spät. Ich habe sie nicht angesprochen. Das ist nicht schlimm. Wahrscheinlich ist es sogar gut so. Ich bin mir sicher, dass wir nicht viel gemeinsam haben. Sie spaziert, und ich sitze. Das sind Unterschiede, die man nicht so leicht überbrücken kann."
"Ich sitze und schaue, sitze und schaue. Die Welt zieht vorbei. Der Hermelinsandler ist nicht mehr. Ich kann es nicht ändern. Prince ist gestern umgezogen. Ich habe geholfen. Caro war schon in Deutschland. Es hat nichts bedeutet. Prince hat gesagt, dass er sich melde. Gut, habe ich gesagt. Mehr haben wir nicht gesprochen. Prince hatte es eilig wie ein Fisch. Jetzt sitze ich auf einer morschen Bank im Lainzer Tiergarten. Je mehr ich schaue, desto klarer erkenne ich, dass ich von den Bänken aus nichts von den Dingen sehen kann, um die es mir eigentlich geht. Sie fin- den im Unsichtbaren statt. Die Menschen auf den Straßen verbergen das, was sie ausmacht. Gefühle sieht man nicht. Gedanken sieht man nicht. Die Zeit sieht man nicht. Ängste sieht man nicht. Trauer sieht man nicht. Freude sieht man nicht. Was ist mit mir? Sieht man mich?"
beim stöbern in der buchhandlung bin ich auf dieses kleine buch gestoßen und obwohl ich noch nie davon gehört habe, hat es mich sehr angesprochen. das war ein sehr spezielles leseerlebnis, aber es hat mir gut gefallen. ich habe mich durch dieses buch viel mit zeit, bedachtsamkeit, langsamkeit, mit der hingabe für eine einzelne tätigkeit beschäftigt. ich mochte die philosophischen referenzen, ich mochte den schönen sprachstil, die melancholie. der roman funktioniert unabhängig von der zeit in der man ihn liest, er bleibt allgemein gültig, wie er auch schon vor 100 jahren gültig gewesen wäre. ein unaufdringlicher text, der mich nie ganz an sich binden konnte, aber in erinnerung bleibt.
„Es kommt vor, dass eine Bank, auf der man besonders gern sitzt, plötzlich nicht mehr da ist. Da hat man kein Mitspracherecht. Bänke unterscheiden sich da nicht von Menschen.“ (Holzapfel 2024: 16)
„Die meisten Bänke, auf denen man sitzt, vergisst man wieder. Was bleibt, sind Ereignisse: eine Begegnung, ein Regenschauer, eine Erkenntnis. Ich habe keine Erkenntnisse, aber manchmal regnet es.“ (Holzapfel 2024: 20)
„Im Weiß seiner Augen sehe ich ein geplatztes Äderchen — zu wenig Schlaf, zu viele Träume.“ (Holzapfel 2024: 22)
„Es gibt den suchenden Blick der Wartenden, die ständig hoffen, in den unzähligen Bewegungen die eine zu entdecken, die ihnen gilt.“ (Holzapfel 2024: 34)
„Auf den Wiesenflächen breiten die Menschen ihre Decken aus. Sie zerren ihre Verpflegung in den Schatten. Ich beobachte das und frage mich, ob das alles im Leben ist: sich zu entscheiden zwischen Schatten und Sonne, immer wieder, bis einem die Entscheidung abgenommen wird.“ (Holzapfel 2024: 37)
„Dieses Mädchen schaut über die Kante ihres Buches durch die im sanften Wind sich betastenden Grashalme in ein ungewisses Farbenspiel, in dessen Zentrum ich im Sprühregen der Teichfontäne an meine Mutter denke.“ (Holzapfel 2024: 42)
„[…] sich immer mit dieser leidenden Entspannung zurücklehnend, mit der Sitzende gerne vermitteln, dass sie zwar genießen, es ihnen aber eigentlich und im Leben generell nicht gut gehe.“ (Holzapfel 2024: 46)
„Ich will wach sein, ganz gegenwärtig der Welt entrinnen.“ (Holzapfel 2024: 56)
„In dieser Nacht sehe ich, wie der dunkle Himmel sich minütlich von einer Blaustufe zur nächsten verfärbt. Das sich verabschiedende Licht verschwindet nie ganz. Es bleibt ein Fast-Nichts, eine schwache Zeichnung des vergangenen und kommenden Tages. Das Licht bleibt, ganz so wie eine, die geht, aber weiß, dass sie zurückkehren wird. Sie lässt ihre Sachen da, und alles riecht noch nach ihr, und ehe man sie vermisst, kündigt sich, mit einem fernen Schimmer, ihre Rückkehr an.“ (Holzapfel 2024: 57 f.)
„Je öfter ich auf Bänken sitze, desto klarer sehe ich mich selbst als alten Mann, der irgendwann einmal schwer atmen und das Laub betrachten wird.“ (Holzapfel 2024: 77)
„[W]enn ich in seine Augen blicke, erkenne ich eine Angst, die wie ein Parasit auf den von ihm gewahrten Förmlichkeiten sitzt. Seine Pupillen bewegen sich zu schnell. Sein Blick senkt sich früher, als er sollte. Ich kenne diesen Blick. Ich habe ihn schon gesehen. Man vergisst diesen Blick nicht. Wenn man im Lachen Schmerzen sieht. Wenn man in der Zärtlichkeit einen Abgrund erahnt.“ (Holzapfel 2024: 109)
„Wahrscheinlich hätte ich sie in den Arm nehmen sollen. Aber das war nicht unsere Stärke, körperliche Nähe. Nicht meine und nicht ihre. Trotzdem erinnere ich mich vor allem an die Berührungen.“ (Holzapfel 2024: 122)
„All die Vergeblichkeit! All die mühevollen Jahre der Liebe! Und dann, an deren Ende, sitzt man auf einer Bank. […] Wann hat das wohl begonnen? Als er heimlich ihren Namen auf das Holz einer Bank schrieb? Oder als er zum ersten Mal ihre Hand nahm und sie ihn zum Abschied auf die Wange küsste? Oder als sie nicht mehr voneinander lassen konnten, sich zwischen den Schenkeln berührten in der kühlen Abendluft und alles um sich ausblendeten? Sie und er auf einer Bank? Nicht auf zwei nebeneinanderstehenden Bänken, sondern auf einer? Oder hat es begonnen, als sie zum ersten Mal miteinander sprachen? Sich in die Augen sahen? Flüsterten und dabei ihre Stimmen neu erfanden? Stundenlang, bis der Parkwächter kam und ihnen mitteilte, dass er nun abschließen müsse? Und wann, wiederum, hat es geendet? Als sie einander nichts mehr zu sagen hatten und nur noch genervt auf der Bank hockten? Oder als sie wegblieb und er allein auf der Bank wartete? Stundenlang, bis der Parkwächter kam und ihm mitteilte, dass er nun abschließen müsse? Kratzte er noch ihren Namen aus dem Holz und ging nach Hause?“ (Holzapfel 2024: 123 f.)
„Das Licht erschwert sich, die Stadt seufzt unter dem Violett, das sich nach und nach unter die Klarheit des Tages mischt.“ (Holzapfel 2024: 136)
„Er sagt, dass wir uns vielleicht sehen könnten, wenn er zufällig in der Nähe sei. Ich höre das und weiß, dass wir uns nicht mehr oft sehen werden.“ (Holzapfel 2024: 142)
„Auf einer Bank ist man ein Bürger, auf der Straße Dreck.“ (Holzapfel 2024: 145)
„Er ist in einen Sack gekommen, und der Sack wurde, begleitet von diesem unerträglichen Geräusch, mit einem Reißverschluss verschlossen, und niemand hat ein Fenster geöffnet.“ (Holzapfel 2024: 147)
„Je mehr ich schaue, desto klarer erkenne ich, dass ich von den Bänken aus nichts von den Dingen sehen kann, um die es mir eigentlich geht. Sie finden im Unsichtbaren statt. Die Menschen auf den Straßen verbergen das, was sie ausmacht. Gefühle sieht man nicht. Gedanken sieht man nicht. Die Zeit sieht man nicht. Ängste sieht man nicht. Trauer sieht man nicht. Freude sieht man nicht. Was ist mit mir? Sieht man mich?“ (Holzapfel 2024: 152)
„Die Toten schweigen, aber sie hören zu.“ (Holzapfel 2024: 158)
„Versprichst du mir etwas? Ich zögerte nicht: Ja. Was soll ich dir versprechen? Sie wartete einen Augenblick. Dann sah sie durch ihren Schleier in meine Augen und sagte: Denke ab und an an mich. Ich nickte. Das war ihr genug.“ (Holzapfel 2024: 160)
„Jede Bank, schreibe ich, würde die Geschichte einer Person erzählen, ihre Leidenschaften, Ängste und Hoffnungen in einen Ausblick verwandeln.“ (Holzapfel 2024: 162)
Hermelin auf Bänken – Patrick Holzapfel Patrick Holzapfel gelingt mit seinem kurzen Roman „Hermelin auf Bänken“, was jeder Autor eines literarischen Werkes versucht und nur selten erfolgt: Verdichtet und pointiert schreibt er über die individuelle Trauergeschichte und Konfliktbewältigung eines jungen Studenten, die sich allerdings parallel als universell menschliche Erfahrungen deuten lassen. Geschaffen wird dadurch Literatur in ihrer Essenz, nämlich der Transfer von Weisheit und Gefühlen über die Barriere der engsten Verbindungen und über die Zeit hinweg.
Der Protagonist des Romans entdeckt im „bankieren“ eine Erfüllung, die ihm hilft, seinen Alltag und seine Vergangenheit auszublenden. Die Vergangenheit ist belastend, denn sie ist verbunden mit Erinnerungen, die zwar nicht immer schön waren, aber die mit Menschen – speziell mit der Mutter – einhergehen, die nun niemals wieder kehren werden. Denn die Mutter des jungen Mannes, aus dessen Sicht der Roman erzählt wird, ist verstorben. Eine Binsenweisheit lautet, man würde erst erwachsen, wenn die eigenen Eltern nicht mehr leben. Was dies gegenwärtig bedeutet, möchte und kann man wahrscheinlich in der unmittelbaren Trauerphase nach dem Verlust nur schwer ertragen. Deshalb ist auch die Gegenwart eine Last, aus der es gilt, eine Ausflucht zu finden. Bänke und das Bankieren eignen sich dafür ideal. Die unscheinbaren Sitzgelegenheiten erscheinen als Fels in einem mitreißenden Alltagsfluss; wer sich auf ihnen niederlässt, der vereint sich mit der Bank; er trotzt dem reißenden Strom. So schafft es der junge Mann seine Trauer und Melancholie auszutricksen, jedenfalls in den Stunden – und sie sind zahlreich, werden immer zahlreiche – des Bankierens, in denen er beobachtend auf den verschiedensten Bänken Wiens sitzt. Spazieren, so der Protagonist sei damit verglichen Grund weg ungeeignet, denn man bewege sich stets mit dem Fluss, auch wenn man noch so langsam schleiche. Beim Bankieren kann sich der Mensch auf Details fokussieren, die niemand sonst in der Hast des Alltags wahrnimmt, die generell niemand wahrnehmen kann, der nicht bankiert. Dies aufzuschreiben, macht sich der junge Mann zu Nebenaufgabe während des Bankierens – um das festzuhalten, was sonst dem Versinken geweiht ist.
Das Bankieren ist auf einer Metaebene als Widerstand gegen gesellschaftliche Normen – gegen das „Normale“ deutbar. Wer bankiert, der will ausbrechen und sich widersetzten. Den eigenen Gefühlen und Gedanken, der Gesellschaft schließlich auch der Zeit. Das Bankieren sei zeitlos, so der Protagonist. Es gäbe keine Vergangenheit, keine Gegenwart und keine Zukunft. Nur in diesem Zustand erscheint der junge Mann seine Existenz ertragen zu können. Der letzte Aspekt, den Verlust der Zeit, erhofft er sich auch, weil er keine Zeitform ertragen kann. Auch die Zukunft ist aussichtslos. Die Angst zu vergessen und zu verlieren, was das Individuum, was die eigene Persönlichkeit ist, sieht er insbesondere in seinem Freund Prince bestätigt, der als trotziger Kommilitone in die Erzählung eingeführt wird und schließlich doch zu eben jenem „Fisch“ wird, der mit dem Strom schwimmen muss, den beide zu Beginn des Romans so verabscheuen. So wird die Zeit geschildert, als eine zunehmende Last, die, je länger sie dauert, die Konformität mit allem herbeiführt und Individualität und Freiheit bis zum Verlust abschleift. Der Bankier, er vermag sich die Individualität durch seinen Ausbruch aus diesen Zwängen zu erhalten. Er schlägt der Zeit und der Konformität ein Schnippchen. König dieser Fähigkeit ist ein Sandler im Hermelin-Mantel, eine göttliche Erscheinung, die dem Protagonisten zu Beginn des Romans begegnet und zu dem er, als gotthafte Idealfigur hinstrebt. Erst zum Ende des Romans wird dieser Hermelinkönig wieder gesehen werden und sogleich wieder zu verschwinden. Ein anderer König wird folgen. Der finalen Bogen, den Patrick Holzapfel auf den letzten Seiten spannt, ist simpel aber angesichts der Abhandlung des Romans über Zeit und Zeitverlust genial.
Der Roman lässt sich vielschichtig interpretieren. Er behandelt existenzielle Fragen nach dem Platz des Einzelnen in der Gemeinschaft. Behandelt wird aber auch die permanente Suche nach Sinn in einem Leben, was absurd uns sinnlos erscheint. Das Bankieren bietet dem Protagonisten ein Ende, wenigstens aber eine Pause von der Suche. Wer nicht sucht, der muss auch nichts finden; wer nichts finden muss, ist frei. Offen bleibt, ob es einen Weg gibt individuelle Freiheit und Konformität zu vereinbaren, ob man ein Fisch sein kann, ohne mit dem Strom des Flusses schwimmen zu müssen. Der Hermelinkönig scheint es geschafft zu haben – so meint jedenfalls der Student. Bis auch dieser von der Zeit eingeholt wird, Was bleibt ist ein Hermelinmantel. Der König ist fort, aber seine Zeichen bleiben. Vielleicht muss man so auch eine Bank betrachten: Niemand kann ewig bankieren, aber eine Bank ist immer in der Nähe, um sich für einen Moment allem – auch der Zeit – zu entziehen.
„Hermelin auf Bänken“ ist ein bedeutungsvoller und philosophischer Roman über die Existenz als Individuum und als Person im Konflikt und in Konformität mit anderen Menschen. Literarisch schreibt der Autor, pointiert und gefühlvoll, ohne jedoch ins kitschige abzudriften. Sowohl auf Ebene der Handlung wie auf der Deutungsebene ist das Buch ein anregendes und zeitloses Werk.
Der Protagonist zieht von Bank zu Bank in Wien. Er betrachtet, „bankiert“, reflektiert über das was man in und an Bänken sehen kann, und von Bänken aus sehen kann. Ich finde es spannend was passiert wenn man eine alltägliche Sache wie eine Sitzbank (oder dem Sitzen auf einer solchen) nimmt und einmal genauer hinschaut, auseinander nimmt, sein Handeln und Denken darum zentriert.
Das Buch ist aufgeteilt in kleinere Abschnitte von einigen Seiten. Die dadurch eher diskrete Erzählweise gibt der Geschichte aber eine Realitäts- und Alltagsnähe und dadurch eine Flüssigkeit auf eine eigene Art und Weise. Dadurch, dass ich einige Jahre in Wien gelebt habe, haben die meisten Ortsangaben schon Bilder hervorgerufen, was der Leseerfahrung noch etwas Nostalgisches gegeben hat.
Zwischen den Bänken ist es eine Geschichte über das Erwachsen werden, die Suche nach dem Sinn, den Umgang mit Schicksalsschlägen, über Verlust, Gemeinschaft, Leben und Tod, und den Wert eines Menschen. Man könnte sagen es ist eine Geschichte über den Menschen und das Leben. So wie jede Geschichte.
Eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Geschichte über das „Bankieren“, aber im Subtext doch über gewöhnliche Fragen und Gedanken eines Menschen. Das Ungewöhnliche und Gewöhnliche trifft sich im Alltäglichen für den, der hinschaut.
„Je mehr ich schaue, desto klarer erkenne ich, dass ich von den Bänken aus nichts von den Dingen sehen kann, um die es mir eigentlich geht. Sie finden im Unsichtbaren statt. Die Menschen auf den Straßen verbergen das, was sie ausmacht. Gefühle sieht man nicht. Gedanken sieht man nicht. Die Zeit sieht man nicht. Ängste sieht man nicht. Trauer sieht man nicht. Freude sieht man nicht. Was ist mit mir? Sieht man mich?“
Berührend und schlicht. Eine Reise ins "Ich" - unprätentiös, mit einem Blick für die kleinen Dinge, die nur beim Entschleunigen auffallen. Sprachlich nicht immer großartig, dafür authentisch. Ein Abschied auf Raten.
Berührend schöne Sprache. Lustig und tief traurig. Melancholisch. Trauerarbeit die immer wieder durchblitzt. Durch das Bankieren werden die Unsichtbaren des Alltags sichtbar. Eine Kritik am Leben der „geradeaus“ gesellschaft die verlernt hat zu bankieren.
"Sie würde also sicher einen falschen Eindruck bekommen. Sie würde glauben, ich würde mich gehen lassen. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Ich lasse mich sitzen."
Ein Buch über Achtsamkeit, Trauer und Einsamkeit inmitten der Grosstadt. So liebevoll formuliert, dass man irgenwann mit Leuchtstift liest. Schönes abgleiten in den süssen, hermelinweichen Wahnsinn.