Der neue Comic von Anke Feuchtenberger beginnt mit einem Versprechen in der Kindheit: Kerstin und Effi versprechen einander, sich für immer zu lieben und einander auch noch als Erwachsene am Geländer der Brücke zu treffen. Um das zu besiegeln, muss Kerstin ihre Hand in den ausgestopften Kopf des Keilers, der an der Wand hängt, legen, was ihr gar nicht behagt. Auf der nächsten Seite findet sich das Bild auf dem Cover wieder: Mehrere weiblich gelesene Personen waten durch Wasser – ist es ein See? – und tragen in ihren Händen büschelweise Seetang – oder sind es büschelweise Haare an Köpfen?
Die vielgefeierte deutsche Comickünstlerin legt mit „Genossin Kuckuck“ ein fulminantes Werk vor. Es ist in einem Schaffensprozess von über zehn Jahren entstanden und speist sich aus autobiografischen Erlebnissen ebenso wie aus fantastischen, poetischen und surrealen Elementen. Der über 400 Seiten umfangreiche Comic lebt von großformatigen Kohle- und Bleistift-Zeichnungen, die – im Gegensatz zu den skizzenhaft anmutenden Panel-Sequenzen in roter Tusche – zum längeren Betrachten einladen.
Der Comic erzählt vom Leben in Deutschland in der DDR, vom Aufwachsen auf dem Land, der Suche nach einem Zuhause und vom Erinnern. Das Motiv der (Ver-)Wandlung ist allgegenwärtig: Von einem Panel zum nächsten verwandeln sich die Menschen in Tiere, in Hunde, Schweine und Schnecken; mitunter geben Masken die darunterliegenden Gesichter preis. Diese permanenten Metamorphosen, die die Geschichte vorantreiben, streichen die Ambivalenz der Figuren heraus. Die Reaktionen angesichts der porträtierten Insekten, Waldtiere, Heim- und Nutztiere changieren zwischen Ekel und Sinnlichkeit. Es ist keine chronologische Geschichte, die hier erzählt wird, den Bildern wohnt eine Rätselhaftigkeit inne, die nie ganz entschlüsselt werden kann und die wohl auch die oft irrationale, irrwitzige Perspektive eines Kindes, aus der erzählt wird, wiedergeben soll. Zwischen Text und Bild passiert viel Unheimliches. So ist auch Gewalt ein wiederkehrendes Thema: sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung (als Waffe im Krieg), patriarchale Gewalt, Gewalt an Kindern, Kriegstrauma und das Schweigen über Gewalt, das neue Traumata produziert und intergenerational fortwirkt. Die sehenswerte Ausstellung „Gewalt erzählen“ widmet sich übrigens differenziert und facettenreich diesem Thema im Sigmund Freud Museum in Wien (inkl. Originale von Anke Feuchtenberger zur Ansicht).