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Antisemitismus und postkoloniale Theorie: Der »progressive« Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung

Postkoloniale Theorien prägen derzeit den globalen Kultur- und Wissenschaftsbetrieb. Was als Versuch begann, den spezifischen Erfahrungen in kolonial geprägten Gesellschaften Rechnung zu tragen, ist zur großen Erzählung einer Kritik des »westlichen Verständnisses« von Vernunft und legitimer politischer Ordnung mutiert. Trotz aller Beschwörung von Komplexität wird dabei das Motiv der »Kolonialität« zum Hauptkriterium von Geschichtsbetrachtung, philosophischer Reflexion und Sozialkritik erklärt. Das Bild, das prominente Vertreter dieses Ansatzes von Antisemitismus und Holocaust einerseits, Judentum und Zionismus andererseits zeichnen, weist systematische Verzerrungen auf: Unterschiedliche Formen und Radikalitätsgrade der begrifflichen Einebnung oder Verharmlosung von Antisemitismus, der Relativierung der Shoah sowie der Dämonisierung Israels. Das Buch zeigt, dass solche längst akademisch anerkannten Thematisierungen von Judentum und Antisemitismus nichts zum Verständnis des Judenhasses beitragen und ein Faktor für dessen Erstarken sind.

407 pages, Paperback

Published March 25, 2024

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About the author

Ingo Elbe

30 books2 followers

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Displaying 1 - 4 of 4 reviews
Profile Image for Florian Lorenzen.
176 reviews209 followers
August 28, 2024
Das Israel-Feindschaft, Antsem1tismus und die Ablehnung der Hol0caust-Erinnerungskultur oftmals Bausteine der radikalen Rechten sind, dürfte den meisten vermutlich geläufig sein. Das sich solche Phänomene allerdings auch in bestimmten linken Kontexten beobachten lassen, ist wiederum die zentrale These von Ingo Elbes neuem Buch „Antisem1tismus und postkoloniale Theorie“, das im März dieses Jahres bei der Edition Tiamat erschien. Elbe konstatiert einen „progressiven“ Angriff auf Israel, Judentum und Hol0causterinnerung, die sich bei vielen postkolonialen Denkern und Aktivisten wiederfinden lassen. Elbe zeigt auf, wie postkoloniale Konzepte wie das „Othering“ oder der „Orientalismus“ gegen Israel und Juden, aber auch gegen den Westen im Allgemeinen gewendet werden und hierdurch eine antiuniversalistische Schlagseite entfalten.

Elbes inner-linke Kritik an der postkolonialen Theorie weiß durchaus zu überzeugen, denn seine Kritikpunkte werden akribisch mit Quellen belegt und die Schlussfolgerungen, die daraus abgeleitet werden, sind nachvollziehbar. Dadurch ist das Werk insgesamt auch viel weniger polemisch, als ich es zunächst erwartet hatte. Zwei Kritikpunkte würde ich dennoch anführen wollen. Zunächst: „Antisemitismus und Postkolonialismus“ fokussiert die Verbindung zwischen diesen beiden genannten Phänomenen, wodurch das Werk aber auch den Charakter einer Generalabrechnung mit den „postcolonial studies“ erhält. Die Verdienste dieser Theorierichtung hätten meines Erachtens stärker betont werden müssen, um zu einer ausgewogeneren Gesamtbeurteilung dieser Denkschule zu kommen. Andererseits: Das Fazit ist kurz – zu kurz – gehalten. Im Sinne eines besseren Leseverständnisses hätte es dem Buch gutgetan, hier noch einmal alle wesentliche Kritikpunkte zusammenzufassen.

Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ingo Elbe mit „Antisem1tismus und postkoloniale Theorie“ eine wichtige Kritik vorgelegt hat, die den Finger in die Wunde legt und der inhaltlich wenig entgegenzusetzen ist.

Review bei Instagram: https://www.instagram.com/p/C_NJkJjO1aO/
Profile Image for David.
111 reviews13 followers
October 31, 2024
"Elbe kann zwar 600 Seiten (über Marx) schreiben, ohne einen originellen Gedanken zu formulieren" (Unbekannt) - er kann aber auch sure as hell 350 Seiten über Antisemitismus schreiben und als originell gedachte Gedanken zerstören...
Profile Image for Clemens.
64 reviews1 follower
August 24, 2026
Ingo Elbes „Antisemitismus und postkoloniale Theorie“ ist ein intellektueller Hammer. Kein Buch, das man „gerne“ liest – aber eines, das man gelesen haben muss, um den aktuellen Zustand der Geisteswissenschaften und des öffentlichen Diskurses zu verstehen. Fünf Sterne für eine Arbeit, die mit fast schon brutaler Präzision das auseinander nimmt, was sich in weiten Teilen der akademischen Linken als unhinterfragbare Moralität tarnt.

Elbes größter Trumpf ist seine Methode: Er führt keinen Meinungsstreit, er betreibt Forensik. Kapitel für Kapitel nimmt er die großen Namen – Said, Spivak, Bhabha, aber auch zeitgenössische Epigonen wie Judith Butler, Jasbir Puar oder die BDS-Bewegung – und unterzieht ihre Kernthesen einem rigorosen Realitätsabgleich. Zitat für Zitat, Fußnote für Fußnote (und das Buch hat viele davon) konfrontiert er die postkoloniale Erzählung mit historischer Empirie, Quellenlage und logischer Konsistenz. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Was als „Kritik der Macht“ firmiert, entpuppt sich wiederholt als Konstruktion, die Fakten ausblendet, um das eigene Weltbild zu retten.

Der erste große Schlag sitzt: Elbe zeigt minutiös, wie die postkoloniale Theorie Antisemitismus begrifflich liquidiert. Indem sie Antisemitismus kurzerhand als Subkategorie von „Rassismus“ (oder gar als „Rassismus gegen Araber“ im Sinne eines pervertierten Orientalismus-Begriffs) einordnet, wird seine spezifische Struktur – die Chiffre für Macht, die Projektion von Weltherrschaft auf „die Juden“, die eliminationistische Tendenz – unsichtbar gemacht. Wer Antisemitismus nur als „Rassismus gegen Weiße“ oder „europäisches Phänomen“ lesen kann, muss jüdischen Erfahrungswelten und der Realität israelischer Bedrohung blind werden. Elbe führt das an Dutzenden Textstellen vor: eine systematische Theorieblindheit, die methodisch angelegt ist.

Noch bedrückender ist das Kapitel zur Holocaustrelativierung. Elbe arbeitet heraus, wie die postkoloniale Theorie die Shoah nicht nur „kontextualisiert“ (was legitim wäre), sondern sie funktional entwerten muss: entweder als „europäisches Ereignis“, das den Blick auf „wahre“ koloniale Verbrechen verstellt, oder, perfider, als Instrument jüdischer Macht („Holocaust Industry“, „Waffe der Asche“). Die Analyse der „biopolitischen“ Lesarten (Mbembe, Agamben-Epigonen) und der „multidirektionalen Erinnerung“ (Rothberg) zeigt: Hier wird nicht erinnert, sondern umgedeutet und zwar so, dass jüdische Opfer wieder zu Tätern gemacht werden können.

Der dritte große Strang ist die Dämonisierung Israels. Elbe führt den Begriff des „postmodernen Jew-Splitting“ ein: Die Trennung in „gute Juden“ (anti-zionistisch, diasporisch, „universalistisch“) und „schlechte Juden“ (zionistisch, staatlich, „partikularistisch“) ist kein neues Phänomen, aber die postkoloniale Theorie liefert ihm das akademische Gütesiegel. Israel wird nicht als Staat unter Staaten kritisiert, sondern als Inbegriff des Kolonialen, Rassistischen, Apartheidhaften essentialisiert – ein „Teufel der säkularen Staatenwelt“ (S. 185). Elbe belegt eindrucksvoll, wie diese Lesart notwendig auf die Negierung jüdischen Selbstbestimmungsrechts und die Umdeutung von Selbstverteidigung als Aggression hinausläuft.

Ein eigenes Kapitel gilt der Verleugnung islamischen Antisemitismus. Elbe zeigt, wie die postkoloniale Brille Muslime per se als „Subalterne“ und damit als Opfer definiert – mit der Konsequenz, dass antisemitische Ideologien (von Muslimbrüdern bis Hamas, von Al-Husseini bis Qutb) entweder ausgeblendet, „kontextualisiert“ bis zur Unkenntlichkeit oder gar als „antikolonialer Widerstand“ umgedeutet werden. Das ist nicht nur analytisch falsch, es ist politisch gefährlich.

Elbe schreibt trocken, präzise, akademisch im besten Sinne: argumentativ, nicht affektiv. Wer dieses Buch liest, kann danach nicht mehr so tun, als sei der „postkoloniale Ansatz“ nur ein harmloses Analyse-Tool. Er ist – so Elbes These, und er beweist sie – eine Weltanschauung, die Antisemitismus nicht nur nicht sieht, sondern strukturell nicht sehen kann, weil ihr theoretisches Gerüst (Kolonialität als Welterklärung, Intersektionalität als Hierarchie der Opfer) keinen Platz für die Spezifik des Judenhasses lässt.

Das ist kein „Kampfbuch“ von rechts. Es ist eine „linke Kritik an einer verirrten Linken“. Wer sich für Theorie, Antisemitismusforschung oder die intellektuellen Wurzeln des aktuellen Campus-Antisemitismus interessiert, kommt an diesen 400 Seiten nicht vorbei. Ein Standardwerk.
Profile Image for Mo.
4 reviews2 followers
May 21, 2025
„Die paternalistische postkoloniale Parteinahme für den wirklichen oder vermeintlichen Underdog ist das kümmerliche Residuum linker Herrschaftskritik - Wer kein Argument hat, hat wenigstens eine Identität und eine Herkunft.“
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