Die Person Ida wurde doch so gut angelegt und dann wurde hier nichts draus gemacht. Alles Vorherige wurde im Rausch des zweiten Buches nicht genutzt. Selten war ich so enttäuscht von einer Geschichte. Von 22 Bahnen war ich (nicht übermäßig begeistert, da ein wenig zu teenie-mäßig) aber schon ein Fan und musste daher unbedingt wissen, wie es mit Ida weitergeht. Lohnt nicht, da die Ida aus dem zweiten Teil nichts, aber auch gar nichts, mit der detailreichen, tiefgründigen, und stets bedachten Ida aus dem ersten Band zu tun hat. Auch deren vorherige Eloquenz muss gelitten haben, da nun ihr (größtenteils englischsprachiger) Wortschatz anscheinend nur noch Adjektive mit dem Prefix „scheiß-“ kennt. Auf keinen Fall kann dieses Buch ein Lektorat erfahren haben. In einer Deutschklausur würde der Folgefehler der Redundanz irgendwann den ganzen Rand ausfüllen. Brüllen brüllen brüllen. Ich hätte von Anfang an zählen sollen (man konnte es alleine auf jeder dritten Seite mindestens 5x finden), aber das Wort „brüllen“ wurde derart inflationär eingesetzt, dass ich irgendwann laut lachen musste vor Entsetzen. Mein Kopf brüllte. In meinem Kopf brüllte es. Das Meer brüllte. Alles hat gebrüllt. Wie wärs mit denken, sagen, schreien, rufen, toben, ausrufen, dröhnen? Stellenweise wirklich direkt hintereinander, brüllte, brüllen, brüllte. Eine derart hochtrabende, gewollt metaphorische, und gleichzeitig nichtsaussagende Sprache. Dem Buch hat es absolut an Tiefe gemangelt, alle - wirklich toll und mühsam aufgebauten - Details aus dem ersten Buch waren komplett vergessen worden. Beispielsweise Idas Charakter: Ihr Zugang und ihr Einsatz von Kunst und den Figuren die sie kreierte war im ersten Buch so besonders; im zweiten Buch, aus dem Nichts, ist sie dann aber einfach Schriftstellerin. Man bekommt als Leser davon nie was zu sehen und auch der Kontakt zu Tilda (der vorher ihr Lebenselixier war) bricht vollständig ab und diese kommt gar nicht mehr wirklich vor. Ida hat absolut keine Persönlichkeitsmerkmale außer Rauchen, Drogen, exorbitanter Verwendung von Anglizismen (und wenn ich das sage, muss es wirklich zu viel sein) und erfährt 1:1 die exakt identische Liebesgeschichte wie Tilda in Buch 1. Man weiß von Seite 1 an, mit wem sie zusammen kommt, man hat dieses Mal den stylischen Stüssy-Träger statt Carhartt-Enthusiasten (Buch 1) der offensichtlich Range Rover fährt und natürlich weltbekannter DJ ist (aber auf Rügen lebt und nicht arbeiten muss). Dieses gesamte Marken-Erwähnen hat mich schier wahnsinnig gemacht. Es ist keine Windjacke, es ist eine Helly-Hansen-Jacke. Er trägt nicht einmal sondern hundertmal Carhartt und Stüssy (und natürlich weiß ich genau welcher Typ Mann damit gemeint ist, vermutlich der Typ Mann der der Autorin zusagt) und sie kuschelt sich nicht in seinen Pullover sondern in seinen Stüssy-Pullover. Hä? In welcher Welt ist das jetzt relevant für mich? Warum wird dieser Schwerpunkt gesetzt? Es zerstört eher die Barriere die man zur echten Welt aufbauen möchte, indem man liest - zumindest tut es das, wenn es derart extrem verwendet wird. Es ist so unnötig dieses berlinerische Branding zu betreiben und damit auch alle Klischees zu bedienen; sei es mit den Drogen oder der Sprache, die wirklich verhindert, dass dieses Buch generationsübergreifend gelesen werden kann (und das sage ich als Gen-Z, die so spricht aber deswegen nicht auch so lesen möchte). Mit Wörtern wie "creepy", "aka" (statt alias), "rant", "checken" (sag doch einfach mal verstehen), "chill mal" u. Ä. verbaut sich die Autorin auch eine Menge potentielles Publikum und schwächt ihre Eloquenz und ihr Ausdrucksvermögen bzw. die Qualität dessen. Die gesamte Sprache hat unter dem Drang, sie möglichst aktuell zu gestalten, gelitten. Mein persönliches Highlight: Die Tasten meines MacBooks brüllten mich an. Heidewitzka. Ich könnte noch seitenweise weiter „ranten" so unangenehm war dieses Buch geschrieben und so weit entfernt vom ersten Teil hat es sich befunden. Ich glaube die Autorin hat wirklich alle Klischees die sie ja auch selbst erfüllt (Mikropony - dieses verspottet sie ja auch in Teil 1 - Literatur in Berlin, Drogen etc.) in Ida gesteckt und sich absolut keine Gedanken mehr zu der vorhergehenden Charakterkonstruktion gemacht. Weder Mariannes Geschichte wird aufgeklärt (und ihre Erkrankung fügt absolut nichts aber auch gar nichts zur Geschichte bei), noch gibt es eine Konfliktlösung mit Tilda oder ein aufklärendes Moment mit der Mutter ... letztendlich bezieht sich alles auf Leif (so heißt der Range Rover-fahrende DJ, kein Witz) der natürlich mal wieder der rettende Prinz ist, genau wie zuvor Viktor bei Tilda, die keinerlei Rettung benötigte. Die weiblichen Hauptcharaktere werden damit so geschwächt und die eigentliche Story zu reduziert, wenn die Auflösung immer der Kerl ist. Dass auch die Liebesgeschichte exakt identisch war wirkte einfach nur faul und repetitiv. Ich habe mich (durch die einfache Sprache sehr schnell) durch dieses zusammenhangslose Werk gequält und kann nicht glauben wie so etwas veröffentlicht werden konnte. Zuletzt hat sie sich à-la Sally Rooney (die ich mag) auch von diversen Satzzeichen verabschiedet, was leider die enorm hohe Quote an „Ich“-Satzanfängen nur noch mehr unterstrichen hat. Sie hatte noch teilweise ihre Momente mit tollen Sätzen, diese waren jedoch in Teil 1 viel häufiger zu finden und der Satzbau hat mich besondere Beschreibungen vermissen lassen. So vieles wurde aufgebaut ohne dem nachzugehen: Wozu die Storyline mit Leifs Opa? Wozu (den carhartt-tragenden) Jasper und Mandys eisige Art? Was steckte dahinter? Alles, was endlich mal Tiefgang geboten hätte, wurde nicht weiter verfolgt; stattdessen wurden lieber seitenweise Klamotten beschrieben oder lyrische Versuche oder Gedankengänge gestartet, die leider eher banal als neu oder interessant waren. Am meisten Persönlichkeit hatte zuletzt Knut, alles andere waren oberflächliche Figuren. Wirkt alles sehr überstürzt, mit wenig Tiefgang, und zu gewollt „quirky“. Schade!