In ›Spur und Abweg‹ stellt Kurt Tallert sich der Verfolgungsgeschichte seiner Familie. Das Besondere an seinem Schicksal und seiner Perspektive auf die deutsche Kurt Tallert ist heute 37 Jahre alt, und doch wurde sein Vater als junger Mann noch von den Nazis als sogenannter Halbjude verfolgt. Bei der Geburt seines Sohnes ist Harry Tallert 58 Jahre alt. Und stirbt zwölf Jahre später. Was bleibt sind Erinnerungen, Notizen, Briefe, Fotos. Spuren eines beschädigten Lebens. Auf diesen Spuren wandelt Kurt Tallert. Sie führen ihn ins Bad Honnef seiner Kindheit, in zahllosen Regionalzügen quer durch die Republik und schließlich zu seiner jüdischen Urgroßmutter Berta – und zu der Was hat das eigentlich alles mit mir zu tun? Eine Liebeserklärung an einen traumatisierten Vater, sprachgewaltig, bewegend und radikal intim. Kurt Tallert führt uns vor Augen, dass Erinnern oder Vergessen nicht für alle Gegenstand einer Entscheidung ist.
»In den Spuren und Abwegen kann ich nur vage betrachten, was von der Vernichtung blieb, und das ist eben einerseits ein ganzes Menschenleben und andererseits nicht viel.« Kurt über seinen Vater (169)
Mit 17 Jahren war Kurt’s Vater als Halbjude im Lager Lenne (Niedersachsen) interniert und hat das Zwangsarbeitslager der Nazis überlebt, während andere Familienangehörige durch die Nazis ermordet werden. Mit 58 Jahren wird der Journalist und Politiker Harry Tallert (1927-1997) ein letztes Mal Vater — von Kurt als Jüngstem von vier Kindern — und verstirbt 12 Jahre später. Kurt Tallert hatte also nicht viele gemeinsame Lebensjahre mit seinem Vater und nähert sich diesem mit seinem autobiografische Werk mittels einer literarischen Analyse. Welche Auswirkungen kann das erlittene Leid durch die Nazis auf nachfolgende Generationen haben? Inwiefern prägt dies die Folgegenerationen? Genau diese Fragen greift Kurt Tallert einfühlsam, eindringlich und äußert akribisch in seiner literarischen und gegenwärtigen Spurensuche auf.
»Mein immer gut gekleideter Vater sitzt in einem Büro an einem unscheinbaren Schreibtisch, während sich zu seiner Linken ein Zirkuskrokodil an der Tischkante abstützt. […] Auf dem Foto blickt er dennoch gelassen zu dem mittels Kühlung ruhiggestellten Raubtier, als wäre dieses archaische Reptil ein Stück gezähmter Vergangenheit. Diese Bedeutung konnte das Bild wohl nur für mich haben.« 55f 🐊
In seinem Sachbuch »SPUR UND ABWEG« setzt sich der Autor Kurt Tallert intensiv mit seinem Vater und damit schlussendlich auch sich selbst auseinander. Die Leerstellen, die sein Vater hinterlassen hat, untersucht Kurt in diesem Buch intensiv, indem er Unterlagen, Tagebücher, Aufzeichnungen, Briefe und Karten des Vaters studiert, analysiert und in historische Kontexte setzt. Zudem berichtet er von seinen eigenen Kindheitserinnerungen und setzt diese in den Kontext des Lebens seines Vaters. Mit 6 Jahren betritt Kurt zum ersten Mal gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald:
»Heute sehe ich das Bild des sechsjährigen Jungen, der auf dem ehemaligen Appellplatz steht, sich umblickt, in sich kehrt und nicht wieder ganz aus sich herauskommt. Oder zumindest nicht als derselbe. Ich glaube, an diesem Tag wurde mir die Skepsis als eine Art Urvertrauen in die Enttäuschung eingepflanzt. Ich lernte, dass es möglich war, jederzeit möglich, dass die Umwelt sich gegen einen kehrte, dass sie mit einem brechen konnte, dass sie einen brechen würde, dass es Situationen gab, in denen ein Mensch aus allen Situationen gerissen werden konnte, und dass er nichts dazu tun musste und nichts dagegen tun konnte, außer - und das ist recht erbärmlich - Glück zu haben.« 37
Dieses sehr persönliche, intensive Zeugnis und Auseinandersetzung mit dem Leben des eigenen Vaters sowie den eigenen Anteilen an der Erinnerung ist sehr interessant und umfangreich. Stellenweise empfand ich die Lektüre so, dass der der Autor abschweift und der roten Faden etwas verloren geht. Nichtsdesto trotz ist es ein sehr wichtiges Zeitzeugnis, das vergegenwärtigt, wie sehr die deutsche Geschichte Generationen nach wie vor prägt; wie wichtig es ist, uns immer wieder zu erinnern: NIE WIEDER IST JETZT. Ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen!
Das Sachbuch "Spur und Abweg" von Kurt Tallert hat mich leider ein wenig enttäuscht. Meiner Meinung nach hat der Klappentext zu hohe Erwartungen geweckt. Das Cover hat mir aber sehr gut gefallen. Im Buch wird die Hintergrundgeschichte dazu erzählt, was ich toll fand.
Jedoch ist mir bereits zu Beginn des Buches aufgefallen, dass der Schreibstil nicht einfach zu lesen ist. Tallert verwendet viele komplexe Wörter und Fachbegriffe, (die ich teilweise nachschlagen musste) verschachtelt die Sätze und findet oft einfach keinen Punkt. Dadurch wurde der Lesefluss des Öfteren erschwert und unterbrochen, was ich schade finde.
Inhaltlich gesehen hatte er meiner Meinung nach auch keinen roten Faden. Er erzählt von Kindheitserinnerungen, schweift ab und wird dabei sehr philosophisch, kommt dann aber nicht zum Ursprungsthema zurück und man hat das Gefühl, die Ursprungsgeschichte wurde nicht zu Ende erzählt. Dabei finde ich gerade die Erzählungen aus der Kindheit am interessantesten und hätte gerne länger darüber gelesen.
Interessant und auch wie im Klappentext versprochen "bewegend und radikal intim" sind die Tagebucheinträge, Notizen und Briefe des Vaters. Dadurch kam sehr gut sein Leid, welches er aus der Zeit mittrug und den Versuch glücklich zu sein zum Vorschein. Wie er mit der Alkoholsucht und den Depressionen zu kämpfen hatte, wurde auch aufwühlend beschrieben und ich habe sehr mitgefühlt. Das Gedicht "Nachts und wach" auf Seite 162 musste ich auch erstmal auf mich wirken lassen; es hat mich schon sehr ergriffen.
Zusammenfassend gesagt, fragte ich mich während des Lesens oft: "Was willst du uns mit dem Buch sagen?" Diese Frage hat sich bis zum Schluss für mich nicht beantworten lassen. Ich hätte es besser gefunden, wenn die Lebensgeschichte des Vaters mehr im Vordergrund gestanden hätte und Tallert seine Gedanken dazu minimiert hätte. Daher leider nur 2 Sterne von mir, wobei ich so persönliche Erzählungen immer schwer mit Sternen bewerten will, bzw. kann.
Kurt Tallert schreibt mit seinem Debüt die Geschichte seines Vaters, seiner Familie, seinem Jüdischsein, aber auch seine eigene Verflechtung mit dem Nationalsozialismus und der Shoah. Dabei fließen immer wieder Briefe und Notizen des Vaters, in seiner Jugend KZ-Häftling und später Bundestagsabgeordneter, in das Buch mit ein, welche die Geschichte nahbar und echt machen. Durch die verschiedenen lyrischen, literarischen wie auch popkulturellen Referenzen, die in den Text eingebunden sind, merkt man, dass der Autor und Germanist mit Sprache umgehen kann. Dennoch wirkt die Sprache an einigen Stellen sehr elitär und philosophisch, was mir das Lesen erschwerte und ich nur portionsweise vorankam. Das Buch wirkt auf mich wie ein Stück Selbsttherapie, in dem Kurt Tallert sich mit seinem Generationentrauma befasst und sich ständig der Frage stellt, wie und warum die Verfolgung jüdischen Lebens im Nazideutschland noch so stark in ihm nachhallt. Die Sichtweise eines Nachkommens 1. Generation eines KZ-Häftlings ist spannend, aber auch anspruchsvoll und hatte teilweise Spuren und Abwege, bei denen ich ausgestiegen bin.
Spur und Abweg - Kurt Tallert [nicht angefordertes Rezensionsexemplar] - Abgebrochen.
Kurt Tallerts Vater, Harry Tallert, wurde von den Nationalsozialisten als sogenannter “Halbjude” verfolgt und war im Arbeitsager interniert, später wurde er Politiker in der Bundesrepublik. Mit 58 Jahren wird er erneut Vater - von Kurt - der aufgrund des Alters nur wenige Jahre gemeinsam mit seinem Vater hat und nach dessen Tod mit vielen Fragen zurückbleibt. In Briefen, Notizen, Fotos und Erinnerungen versucht er sich diese zu beantworten, zu erklären, welche Auswirkungen die Erfahrungen seines Vaters auch auf die Nachfolgende Generation hatten.
Diese Fragen finde ich super spannend und die Familiengeschichte an sich hat mir auch gefallen. Leider belässt es Tallert nicht dabei, sondern vermischt diese mit philosophischen Abschweifungen und Erklärungen zu Holocaust und Kolonialismus. Nicht nur hatte das Buch dadurch für mich keinen roten Faden, diese Teile waren sprachlich auch sehr hochgestochen und anstrengend zu lesen. Dachte der Autor, er braucht diese Teile, um seinem Buch (akademische) Validierung zu verleihen? Für mich hat das auf jeden Fall überhaupt nicht funktioniert und mir jegliche Lust zu lesen genommen. Dazu kamen einige Aussagen zu Kolonialismus und Holocaust, die mindestens diskutabel sind und bei denen ich auch nicht so ganz verstehe, wieso sie so im Buch gelandet sind.
Ich habe das Buch bei ca. 90 Seiten abgebrochen. Mir hat es aufgrund dieser Gründe einfach den Spaß am lesen genommen, ich hätte mich weiter zwingen müssen, und das mag ich einfach nicht mehr tun. Schade, weil ich das Thema sehr spannend und wichtig finde und auch Harry Tallert - den ich davor überhaupt nicht kannte - interessant fand. Ist eins dieser Bücher, bei denen ich mir wünsche, dass jemand im Lektorat gnadenlos den Rotstift ausgepackt hätte, und alles außer der Familiengeschichte rausgestrichen hätte, dann wäre es eher mein Buch gewesen.
Zugegeben, über die Gestaltung des Umschlages kann man geteilter Meinung sein. Mich hat das Krokodil am Schreibtisch und der mäßig interessierte Herr dahinter zumindest nicht gestört. Was immer damit auch gemeint sein soll, einen Hinweis auf den Inhalt des Buches gibt das Cover nicht. Dann schon eher der Titel.
Aber um die vielen Spuren verfolgen zu können, dabei auch die Wege, Ab- und Umwege einzuordnen, dazu muss man das Buch komplett lesen. Der Autor macht es einem nicht gerade leicht - aber die Geschichte, die er zu erzählen hat, ist auch tatsächlich alles andere als leicht. Je tiefer man in die Familie eintaucht, insbesondere in die des früh verstorbenen Vaters, um den es in dem Buch hauptsächlich geht, umso tiefer und intensiver wird das Bild dessen, der als Halb-Jude oder Halb-Arier ein problematisches Leben führte. Und dessen Erlebnisse sowie die seiner "gemischten" Eltern und Vorfahren immer wieder Einfluss haben auf seine Entwicklung. Während und auch nach der Nazi-Zeit.
Ich habe das Buch nun durchgelesen, bin den Spuren gefolgt, habe manchmal unterbrechen müssen, um das Gelesene verarbeiten und "verdauen" zu können. Es ist keine Unterhaltungslektüre. Es ist ein wichtiges, hochinteressantes und brillant geschriebenes Zeugnis eines Lebens, das auf seine ganze Umwelt einen großen Einfluss hatte - bis in die Gegenwart hinein.
Für mich ist diese Lektüre eine uneingeschränkte Empfehlung!
Sprunghafte Gedankengänge, komplizierter Schreibstil. Das Cover macht neugierig, zeigt es doch Harry Tallert in einem Fenster mit Blick auf ein Krokodil im unteren Ausschnitt. Das autobiografische Werk über die deutsch-jüdische Familie Tallert verfolgt die Spur des halbjüdischen Vaters Harry, die sein Sohn Kurt anhand von diversen Unterlagen wie Notizbüchern, Fotos, Briefen, Recherchen und eigenen Erinnerungen nachzuzeichnen versucht. Besser nachvollziehbar sind die niedergeschriebenen Gedanken, Ängste und Traumata des Vaters als die manchmal sprunghaften gedanklichen Streifzüge des Autors über internationalen Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung. Diese schwer verständlichen Abwege sind zum Teil seinem zu komplizierten Schreibstil geschuldet, der auch den Lesefluss behindert. Bei zu langem, verschachteltem Satzbau vermag man schlecht den beschriebenen Inhalt herausfiltern. Der rote Faden verliert sich manchmal in nicht nachvollziehbaren philosophischen Gedankengängen. Familienbezogene Informationen dieser Familiengeschichte in Bezug auf die Nazizeit sind ebenso interessant und emotional greifbar wie darin eingeflochtene historische Gegebenheiten.
Tallert ist der letzte Sohn des ehemaligen MdB Harry Tallert und nur wenig jünger als ich. Sein Vater wurde als Kind von den Nazis als Halbjude verfolgt - der Sohn schreibt jetzt über das Nachleben dieser Verfolgung. Wie ist sein Vater damit umgegangen? Wie geht er selbst damit um? Das Buch ist etwas ziellos, etwas kreisend, etwas unstrukturiert-erzählend, es will auch ganz bewußt kein Sachbuch sein. Was ich dabei begriffen habe: das ist aus gutem Grund so. Denn als persönlich Betroffener - und man kommt auch als Deutscher nicht umhin, persönlich von der Shoa betroffen zu sein, wenn man sich damit halbwegs eingehend beschäftigt - ist die Shoah etwas, was alles zerschlägt, das die Voraussetzung für "Struktur" sein könnte. Für einen Boden unter dem Füßen, für Worte. Und für alles, was folgt.
"Nicht dass mein Vater dies oder jenes wsr, sondern dass man ihn als dies oder jenes verstanden hat, genau genommen missverstanden hat, hätte ihn das Leben kosten können. [...] Aber was war er dann? Einfach nur ein Mensch? Gegen diese naive Vorstellung hat mich die Geschichte meines Vaters immunisiert. Denn was folgt schon daraus, dass jemand ein Mensch ist? [...] Wenn es innerhalb des Rahmens der Menschlichkeit liegt anderen Menschen das Menschsein abzusprechen, dann ist das Menschsein kein Garant dafür, ein Mensch zu sein."
Und so kreist das Buch in seinem Bemühung, diese Fassungslosigkeit zur Sprache zu bringen vor allem um etwas, was jenseits aller Menschen, die oft mindestens klischeehaft, gefühllos und beschränkt daherkommen, unbestreitbar "da" ist: um Orte. Vor allem um den einen Ort, der eigentlich keiner ist - den Ettersberg, vulgo Buchenwald. Hier war der Autor mit seinen Eltern bereits mit sechs Jahren zum ersten Mal - und er kehrte seither immer wieder zurück "an einen dieser Orte, deren Bedeutung für diejenigen, die an ihnen zu Zeitzeugen wurden, sich mir nie ganz erschließt. Was bedeuten sie für die Gegenwart? Zumindest in der Theorie sind sie von einer starken Symbolkraft, Zeichen f��r etwas, das als Teil unserer Geschichte - wenn dieser Begriff nicht ganz sinnlos sein soll - auch unsere Gegenwart noch etwas angeht. Wenn aber dieser Ort ein Zeichen ist, [...] wiensteht es um die Übersetzbarkeit dieses Zeichens? Ich sehe einen fast menschenleeren Ort, der aber ganz menschgemacht ist. Ich sehe die Ebene in der thüringischen Landschaft und sehe doch nur den menschlichen Zusammenhang, in dem sie steht, [...] der seinerseits ganz mit der Entmenschlichung in Verbindung steht, mit der Absicht, Menschen aus allen menschlichen Zusammenhängen herauszureißen. Die ungeheuerlichen Taten, die hier begangen wurden, lassen sich nicht zur Natur verklären. [...] Sie haben sich in diese Landschaft eingeschrieben, die sich einfach nicht auf Abstand halten lässt, auch nicht mit der Beteuerung, dass ich ihre Bedeutung nie ganz verstehe. Denn die Betonung unseres Unverständnisses ist auch ein Versuch der Entlastung. [...] Was bleibt zu sagen?"
Das Buch ist ein beeindruckender Versuch, hier Worte, eine Sprache (und dann auch noch: eine deutsche Sprache!), einen Umgang und Verständnis zu finden. Man kann sich dem entziehen und ich bin sicher: 95% von uns tun das nicht nur ausnahmsweise, sondern eigentlich permanent. Das ist menschlich. Menschlich ist es nicht.
Tallert ist der letzte Sohn des ehemaligen MdB Harry Tallert und nur wenig jünger als ich. Sein Vater wurde als Kind von den Nazis als Halbjude verfolgt - der Sohn schreibt jetzt über das Nachleben dieser Verfolgung. Wie ist sein Vater damit umgegangen? Wie geht er selbst damit um? Das Buch ist etwas ziellos, etwas kreisend, etwas unstrukturiert-erzählend, es will auch ganz bewußt kein Sachbuch sein. Was ich dabei begriffen habe: das ist aus gutem Grund so. Denn als persönlich Betroffener - und man kommt auch als Deutscher nicht umhin, persönlich von der Shoa betroffen zu sein, wenn man sich damit halbwegs eingehend beschäftigt - ist die Shoah etwas, was alles zerschlägt, das die Voraussetzung für "Struktur" sein könnte. Für einen Boden unter dem Füßen, für Worte. Und für alles, was folgt.
"Nicht dass mein Vater dies oder jenes wsr, sondern dass man ihn als dies oder jenes verstanden hat, genau genommen missverstanden hat, hätte ihn das Leben kosten können. [...] Aber was war er dann? Einfach nur ein Mensch? Gegen diese naive Vorstellung hat mich die Geschichte meines Vaters immunisiert. Denn was folgt schon daraus, dass jemand ein Mensch ist? [...] Wenn es innerhalb des Rahmens der Menschlichkeit liegt anderen Menschen das Menschsein abzusprechen, dann ist das Menschsein kein Garant dafür, ein Mensch zu sein."
Und so kreist das Buch in seinem Bemühung, diese Fassungslosigkeit zur Sprache zu bringen vor allem um etwas, was jenseits aller Menschen, die oft mindestens klischeehaft, gefühllos und beschränkt daherkommen, unbestreitbar "da" ist: um Orte. Vor allem um den einen Ort, der eigentlich keiner ist - den Ettersberg, vulgo Buchenwald. Hier war der Autor mit seinen Eltern bereits mit sechs Jahren zum ersten Mal - und er kehrte seither immer wieder zurück "an einen dieser Orte, deren Bedeutung für diejenigen, die an ihnen zu Zeitzeugen wurden, sich mir nie ganz erschließt. Was bedeuten sie für die Gegenwart? Zumindest in der Theorie sind sie von einer starken Symbolkraft, Zeichen für etwas, das als Teil unserer Geschichte - wenn dieser Begriff nicht ganz sinnlos sein soll - auch unsere Gegenwart noch etwas angeht. Wenn aber dieser Ort ein Zeichen ist, [...] wiensteht es um die Übersetzbarkeit dieses Zeichens? Ich sehe einen fast menschenleeren Ort, der aber ganz menschgemacht ist. Ich sehe die Ebene in der thüringischen Landschaft und sehe doch nur den menschlichen Zusammenhang, in dem sie steht, [...] der seinerseits ganz mit der Entmenschlichung in Verbindung steht, mit der Absicht, Menschen aus allen menschlichen Zusammenhängen herauszureißen. Die ungeheuerlichen Taten, die hier begangen wurden, lassen sich nicht zur Natur verklären. [...] Sie haben sich in diese Landschaft eingeschrieben, die sich einfach nicht auf Abstand halten lässt, auch nicht mit der Beteuerung, dass ich ihre Bedeutung nie ganz verstehe. Denn die Betonung unseres Unverständnisses ist auch ein Versuch der Entlastung. [...] Was bleibt zu sagen?"
Das Buch ist ein beeindruckender Versuch, hier Worte, eine Sprache (und dann auch noch: eine deutsche Sprache!), einen Umgang und Verständnis zu finden. Man kann sich dem entziehen und ich bin sicher: 95% von uns tun das nicht nur ausnahmsweise, sondern eigentlich permanent. Das ist menschlich. Menschlich ist es nicht.
Harry Tallert ist “Mischling ersten Grades”, zumindest wird er dazu gemacht, durch die Nürnberger Rassengesetze, durch die Gefangennahme und Deportation in das Arbeitslager Lenne, wo er bis zur Befreiung 1945 für die deutsche Rüstungsindustrie schuften muss. Es ist ein Stempel, eine Identität, die ihm als Jugendlicher aufgedrückt wird und die ihn sein ganzes Leben bestimmen wird.
Als “Halbjude” zwischen den Stühlen von Opfern und Tätern sitzend, versucht er das Unbegreifliche zu erklären, die Absurdität, die Unmenschlichkeit der NS-Zeit zu verstehen. Ein Unterfangen, dass ihn bis zu seinem Tod nicht mehr loslassen soll, ihn seinen Schmerz in Alkohol und Schmerzmitteln ertränken lässt.
“Die Einteilung der Menschen in Täter und Opfer und die gleichzeitige Einsicht in die phänomenologische Fragwürdigkeit einer solchen Einteilung ließen meinen Vater zu einer Zeit über die ganze Menschheit stolpern, in der er eigentlich erst einmal eine Person hätte werden sollen.” (S.17)
So beschreibt es sein Sohn Kurt Tallert in diesem Buch, einer Mischung aus Erinnerungen an seinen Vater und seiner persönlichen Auseinandersetzung mit dem grauenhaften Schicksal seiner Familie während des Holocausts.
Mit viel Einfühlungsvermögen schafft es Kurt Tallert die Verzweiflung seines Vaters zu beschreiben und liefert gleichzeitig einen essenziellen Beitrag zu gesellschaftspolitischen Diskursen der Schuld und Erinnerungskultur. Wo erinnert man sich? Wie anders erinnert man sich, wenn man selbst Holocaust-Opfer in der Familie hat? Und wie geht man mit Schuld in der eigenen Familie um?
Viele Stellen habe ich unterstrichen, oft hat mich das Buch zum Nachdenken angeregt und doch war ich am Ende ratlos, als ich es zuklappte. Kurt Tallert scheint sich im Kreis zu drehen, findet keinen roten Faden in seiner Geschichte. Immer wieder reist er nach Buchenwald, nach Lenne, nach Theresienstadt, versucht die Lücke zwischen Geburts- und Todesdatum seiner Verwandten zu füllen, einen Ort des Erinnerns zu finden, zu begreifen. In seinem Schreibstil spiegelt sich die eigene Verzweiflung wider, das über Generationen vererbte Trauma. Vielleicht muss es deshalb so sein. Vielleicht muss das Buch einen verwirrt und ratlos zurücklassen, denn das Unbegreifliche kann nicht begreifbar gemacht werden. Aber es muss erinnert werden.
Ein, trotz aller Schwierigkeiten den Gedankengängen Tallerts zu folgen, wichtiges Buch! Insbesondere in Zeiten, in denen geschichtsrevisionistische Tendenzen wieder an Zuspruch gewinnen.
Der Musikproduzent und Rapper Kurt Tallert (*1986) erkannte schon im Geschichtsunterricht der 90er Jahre klarsichtig, dass der Holocaust für ihn nicht nur ferner Schulstoff ist: Sein Vater ist ein Überlebender. Auch mit über 60 Jahren noch gezeichnet von den Erfahrungen, die er als Jugendlicher im Zwangsarbeiterlager und der Gestapohaft gemacht hat. Den Jungen Kurt beschäftigt all das sehr, ohne dass er mit dem Vater im Detail darüber sprechen kann. Es ist seine Mutter, die ihm und seinem Bruder Buchenwald zeigt und über die Familie ihres Mannes spricht.
Nach dem Tod seines Vaters nähert sich der Autor diesem an, forscht in seiner Familiengeschichte, liest die Akten und die Briefe, fährt nach Theresienstadt und wieder nach Buchenwald. Er denkt über das Schicksal seiner jüdischen Urgroßmutter nach, die 80-jährig aus dem Seniorenheim nach Auschwitz gezerrt und genau wie ihre Tochter ermordet wird. Er liest die Akten aus dem „Wiedergutmachungsverfahren“ seines Großvaters, der als Holocaustüberlebender in der BRD der 50er Jahre demütigenden Prozeduren unterzogen wird. Und Kurt Tallert reflektiert über seine Familiengeschichte. Die Verwandten, die er nie kennengelernt hat. Aber auch über den Gerechtigkeitsinn seines Vaters, des Bundestagsabgeordneten, der sich gegen Herbert Wehner auflehnt, als die SPD-Fraktion der oben Ex-Nazi als obersten Verfassungsschützer. Und über seine Dämonen.
Herausgekommen ist ein lesenswertes, manchmal wütendes und immer spannendes Buch, das heute mehr denn je gelesen werden sollte.
Zum Inhalt: Kurt Taller nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit seiner Familie, insbesondere seines Vaters, der in jungen Jahren noch als Halbjude verfolgt wurde. Als der Autor zur Welt kam, war der Vater bereits 58 Jahre und stirbt nur 12 Jahre später. Durch Erinnerungen, Briefe und Fotos inspiriert macht Kurt Tallert sich auf den Weg in die Vergangenheit. Meine Meinung: Das Buch ist schon etwas besonderes, es zeichnet ein Bild eines Mannes, der die Verfolgung der Nationalsozialisten hautnah erleben musste und dieses Trauma auch sein Leben lang nie ganz hinter sich lassen können. Es zeichnet aber auch ein Bild von der Liebe eines Sohn und eines Vaters, die viel zu wenig Zeit miteinander hatten. Mir hat das Buch gut gefallen, denn der Blick des Sohnes auf die Vergangenheit des Vaters brachte eine besondere Sichtweise mit, die mir gut gefallen hat. Fazit: Sehr persönlich
Sehr wichtig, aber sehr anspruchsvoll! Finde die Sprünge angebracht, die viele kritisieren, da sie 1. nichts weiterführen, was den Abweg zur Exkursion machen würde und 2. das Erleben transgenerationalen Traumas realistischer abbilden, als ein chronologisches Erzählen. Hatte nur das Gefühl, er hat das Empfinden seine Intelligenz unter Beweis stellen zu müssen, was ich schade finde, weil er das in seiner bisherigen künstlerischen Karriere in gleichem Maße bereits getan hat.
The author of the book was born in 1986. His father lived from 1927-97. The author's grandfather was a jew and hence both his grandfather and his father were persecuted by the nazis. His father's late age at birth led to the curious situation that the son of a Nazi victim is growing up with the grandchildren of Nazi perpretrators.
The book is much stronger in its descriptive than in its analytical parts (Adorno, Wittgenstein, Wu-Tang Clan) but the latter ones are easy to skip. The cover is great.
Ich bin auf das Buch durch meinen Musik-Feed aufmerksam geworden, denn hinter Kurt Tallert verbirgt sich auch der Musiker „Retrogott“. Mich hat natürlich interessiert, was für ein Buch wohl ein Hip-Hop-Künstler geschrieben hat, der häufig mit intelligenten Texten brilliert hat.
Das Buch reflektiert die entfernten jüdischen Wurzeln des Autors anhand der Aufarbeitung der Biografie seines Vaters. Der Vater war ein in der NS-Zeit Verfolgter und Überlebender, der nach dem Krieg Zeit seines Lebens traumatisiert blieb, aber dennoch politische Karriere machte.
Ich empfand das Buch als außerordentlich wertvoll. Es thematisiert für mich die NS-Zeit, Verfolgung und Ermordung aus einem teilweise neuen Blickwinkel, da ständig die Identitätsfrage gestellt wird. Als kleinen Kritikpunkt sehe ich lediglich, dass einige Passagen etwas zu hochtrabend formuliert waren.