Wahlsiege extremistischer Parteien, Angriffe auf Politiker, offener Antisemitismus und Wir spüren immer deutlicher, Demokratie, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit sind keine Selbstverständlichkeit, sie müssen geschützt und verteidigt werden. Die Bedrohung ist konkret, doch was ist es eigentlich genau, das es zu verteidigen gilt und wofür es sich zu kämpfen lohnt? Was steht hier und jetzt auf dem Spiel, für jeden Einzelnen und jede Einzelne? Das ist der Ausgangspunkt für 26 Autorinnen und Autoren, die sich dem Thema auf sehr unterschiedliche, dabei durchweg persönliche und stets erhellende Weise widmen.
Mit Beiträgen von Gabriele von Arnim, Lukas Bärfuss, Marcel Beyer, Jan Brandt, Dietmar Dath, Thea Dorn, Tomer Dotan-Dreyfus, Can Dündar, Dana Grigorcea, Dinçer Güçyeter, Daniel Kehlmann, Per Leo, Michael Maar, Tanja Maljartschuk, Colum McCann, Matthias Nawrat, Ronya Othmann, Necati Öziri, Kathrin Röggla, Sasha Marianna Salzmann, Jochen Schmidt, Clemens J. Setz, Ulrike Sterblich, Antje Rávik Strubel, Deniz Utlu und Stefanie de Velasco.
Essays, teils literarische, meist autobiographische Reflexionen über die Demokratie in Deutschland und darüber hinaus von Schriftsteller*innen und Kulturschaffenden. Regt zum Nachdenken an und mir hat das Format gefallen. Wer etwas profundes und eher akademisches sucht, wird damit nicht glücklich. Aber mir hat es gut gefallen.
Ich hatte gehofft hier einen umfassenderen Überblick zum Zustand der deutschen Demokratie zu bekommen. Erhofft und vielmehr erwartet, unterschiedlichste Perspektiven mit all ihren Erfahrungen zu lesen, sowie deren Ideen zur Bewältigung der Vertrauenskrise. Stattdessen habe ich meiner Meinung nach hier übervereinfachte Darstellungen gelesen die nach dem Kredo gehen: „Wir haben Angst und Sorge (das möchte ich nicht absprechen). Daran trägt nur die AfD Schuld und Menschen bzw. große Teile der Gesellschaft, die uns widersprechen. Schaut mal was 1933 passierte sowie in andere Länder.“ Ich habe fast in keinem einzigen Text etwas zu Ursachen, Gründen, Fehlentscheidungen und den damit verbundenen gesellschaftlichen Dynamiken gelesen. Hat denn jemand sich überhaupt die Mühe gemacht mit Menschen (die hier subtil pauschal als Rechte bzw. Rechtsradikale dargestellt werden) zu sprechen statt über sie ? Enttäuschend und zeigt für mich einen besorgniserregenden Zustand der deutschen Gesellschaft.
Sehr enttäuschend. Hatte eigentlich gehofft, dass, wenn Schriftsteller gefragt werden, sich zu diesem Thema zu äußern, es ein bisschen komplexer zugeht als in einer beliebigen Talkshow. Die Einleitung von Gabriele von Arnim und der erste Text von Thea Dorn lassen nichts Gutes ahnen: Die Demokratiefeinde sind immer die, die nicht meiner Meinung sind. Und die Demokratie ist in dieser banalen Weltsicht selbstverständlich nur von Rechts bedroht. Polen und Ungarn sind die üblen Beispiele in der EU, und die AfD wird zwar kaum erwähnt, aber ist im Grund die ganze Zeit gemeint. Das die "sehr geehrten Damen und Herren der demokratischen Fraktionen", wie sie sich im Bundestag immer nennen, vor lauter Angst um die Demokratie alles daran setzen, um die demokratischen Hebel außer Kraft zu setzen, damit auch ja nicht der kleinste Hauch von AfD Einfluss haben könnte, das bespricht kaum jemand. Da kann schon mal untergehen, dass Dietmar Dath die bundesdeutsche Demokratie dermaßen kritisiert, dass er sich im autoritären Gehabe des Staatssozialismus verfängt. Positiv zu erwähnen: Jochen Schmidt, der es wie gewohnt biographisch angeht, und ganz genau zuhört, wenn rechtsradikale Stimmen bei einem Klassentreffen der eigenen Mutter mal leiser und mal auch lauter sich äußern. Der komplexeste Ansatz gelingt Clemens Setz, der auch biographisch beginnt, sich aber Schritt für Schritt die Demokratie erarbeitet, als müsse er für sich selbst eine Verfassung zimmern.