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Der Schlaf der Vernunft: Über Kriegsklima, Nazis und Fakes

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Das neue Buch der Tucholsky-Preisträgerin über die bedrängenden Schrecken der Gegenwart

«Der Schlaf der Vernunft», benannte Francisco de Goya seine berühmte Radierung, «gebiert Ungeheuer». Die heutigen Ungeheuer sind so bedrohlich wie selten in der die Erosion der Demokratie von rechts und durch Fake News in den Debattenräumen, der Klimawandel, ein Krieg, der uns in eine weltumspannende Katastrophe reißen kann.

Sind die von uns gewählten Entscheidungsträger in einen Tiefschlaf der Vernunft gefallen? Jedenfalls halten sie nicht hinreichend Schaden von ihrem Volk ab, wozu sie sich verpflichtet haben. Sie versagen darin, eine Friedensordnung zu gewährleisten, das Kippen des Klimas zu verhindern, Fluchtursachen zu bekämpfen. Sie gehen ein Weltkriegsrisiko ein. Und nicht einmal den Ausgleich zwischen Ost und West bekommen sie hin. Daniela Sie selbst sind der Rechtsruck.

Alles, was passiert, ist Teil einer Reihe von Ursachen, lehrt uns Immanuel Kant. Deshalb ist es von größter Bedeutung, wo man bei einer Erzählung den Anfang setzt. Was geht einer «Zeitenwende» voraus? Und wie finden wir den Weg in ein vernünftiges politisches System mit Teilhabe für alle? Ein Weckruf in Zeiten des Albtraums.

177 pages, Kindle Edition

Published October 15, 2024

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About the author

Daniela Dahn

32 books4 followers

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Displaying 1 - 3 of 3 reviews
Profile Image for Janina.
890 reviews82 followers
March 6, 2025
Woah. Dass das so eine CRAZY Leseerfahrung wird, hätte ich nicht erwartet, als ich es wegen Titel und Cover (Goya!) in meinen Korb gelegt habe. Jedes Mal, als ich ein bisschen zugestimmt habe, ist das folgend in eine extremere Richtung gegangen. Ich dachte, ja, Nuancen, Wechselwirkungen und Bedingungen von Ereignissen, vor allem in der Politik, sind wichtig, dann kamen Begriffe wie 'Panikmache' und 'Angst-Propaganda' und ich dachte, okay, ich persönlich hätte das anders formuliert, aber -- Und dann ging es in eine Putin-freundlichere Richtung und ich dachte, okay, die Vorgeschehnisse sind wichtig und Unsicherheiten gibt es, aber ich würde nicht von einer unbegründeten 'Dämonisierung Putins' und 'die alte Mär vom aggressiven russischen Bären' sprechen. Dann kamen die Thematisierung der Herabsetzung von Ostdeutschen, Kapitalismus-Kritik, mehr Fokus auf die Friedensbewegung statt weitere Kriege, das Kritisieren der Hamas als auch der israelischen Regierungshandlungen, das Aussprechen gegen Rechtsextremismus und ich dachte, stimmt, okay, jetzt geht es wieder, und dann kommt Lob an Sahra Wagenknecht und ihr Bündnis und ich stimme nicht ganz zu, aber das ist okay. Dann wird von Polizeigewalt gesprochen und dass auch Justiz/Medien etc. leider viel dafür getan hat, dass rechtsextremes Gedankengut weniger hart bestraft wurde/wird und die Trennung zwischen Ost- und Westdeutschen immer noch so scharf ist und da war ich größtenteils wieder im Boot und dann im letzten Abschnitt spricht Dahn über Corona. Menschengemachtes Virus, im Labor hergestellt, Bio-Waffen, "Bioterrorismus-Agenten" (S.170), "Militarisierung der Pandemiepolitik" (S.173), "Alle scheinbar unsinnigen Richtlinien seien mit dem einzigen Ziel verhängt worden, Angst zu schüren, um die Zustimmung zum Lockdown bis zur Impfung zu erreichen, so Lerman," (S.174) und "Nur Unwissende waren zu verängstigen durch das unbegründete "Hochskalieren" der Risikobewertung der Pandemie, die sinnlose 2G-Regel (Zutrittserlaubnis nur für Geimpfte und Genesene) oder die absurde Forderung des RKI-Chefs, Masken auch im Freien zu tragen und die Maßnahmen als Standard zu akzeptieren" (S.174/5). Uff. Das fand ich dann endgültig zu viel. Unsinnig? Unbegründet? Sinnlos? Absurd? Ich habe nochmal gegoogelt und es sind ca. 7 Millionen Tote weltweit, allein in Deutschland ca. 180.000. Mal abgesehen von der Zahl an Menschen, die LongCovid oder sogar ME/CFS nach einer Infektion entwickeln. Und by the way, Corona verbreitet sich durch Tröpfen und Aerosole, die länger im Schwebezustand in der Luft verbleiben (wie zum Beispiel bei Rauch etc.) und dadurch auch über größere Distanzen ein Infektionsrisiko darstellen, ergo, so absurd ist es wohl nicht auch im Freien eine Maske zu tragen. :)
Profile Image for Frank.
616 reviews128 followers
November 1, 2024
Mit dem Schlusskapitel hadere ich ein wenig, weil die These, Covid 19 sei einem Labor in Wuhan entsprungen, das im Auftrag der USA und anderer Staaten unter dem Deckmantel möglicher Terrorismus- Abwehr an biologischen Waffen forscht, ist zu stark, als dass man sie unter Berufung auf bloße Indizien und die Meinung einer Handvoll von Journalisten und Wissenschaftlern seriös vertreten könnte. Nichtsdestotrotz sind die Anschuldigungen so schwerwiegend, dass sie - wenn sie mit guten Gründen (von wem auch immer) vorgebracht werden - eine Untersuchung allemhl rechtfertigen. Untersuchungsausschüsse sollten also nicht nur das Regierungshandeln mit Blick auf die Einschränkung von Rechten oder mögliche Interessenkongruenzen mit Big Pharma aufdecken, sondern sich der Frage der Herkunft des Virus umfassend widmen. Dann schauen wir weiter.

Davon ab ist der Text jedoch uneingeschränkt zu empfehlen. Unaufgeregt und doch engagiert wird noch einmal vorgetragen, was sich Ostdeutsche seit 1990 vom "Westen" so alles unterstellen lassen mussten. Dabei sind drei Schwerpunkte auszumachen: Es geht Dahn um Demokratie und die Medien als den sie tragenden (oder als Kriegshetzer eben untergrabenden) Kräften, um die Macht- und Eigentumsordnung und endlich die Frauenfrage, wobei sie sich - das sei gleich zu Anfang erwähnt - von alle Varianten eines ostdeutschen Identitätsdiskurses abgrenzt. Ohne das Konzept zu erwähnen, hält sie es eher mit dem Nicht- Identischen bei Adorno, das meint, es gäbe in jedem Menschen einen nicht in hohle Abstrakta wie "Staat", "Nation" oder "Kultur" und "Rasse" auflösbaren Rest, der ihn unverwechselbar und eben auch widerständig mache. Freilich ist dieser "Rest" oft vom Mainstream- Gesülze der Medien oder der AfD verschüttet- Dahn geht es erkennbar darum, ihn freizulegen und vorzuführen, durchaus in Abgrenzung etwa zu Dirk Oschmann, der mit seiner These von der Erfindung des Ostens durch den Westen in gewisser Weise auf eine Ost- Identität abhebt. Gegen seine zentralen Argumente wendet Dahn ein, dass es a) nie darum hätte gehen dürfen, für eine Anpassungsleistung belohnt werden zu wollen (weswegen man über das Ausbleiben der Belohnung "vollwertig" zu sein auch nicht jammern sollte) und dass Oschmann b) zu sehr die Sicht einer gekränkten Ost- Elite einnimmt, ohne eine andere Lösung als eben die westliche Akzeptanz der Anpassung der "Ossis" an den Westen vorzuschlagen. Dagegen setzt Dahn zu Recht das Selbstbewusstsein einer anderen, deswegen jedoch nicht weniger wertvollen Lebenserfahrung und Lebensleistung.

Damit ist der Kern der anderen Herangehensweise von Dahn getroffen: 1989/ 90 ging es der DDR- Opposition und durchaus auch Teilen der westdeutschen Gesellschaft um mehr, als nur um den Anschluss an D-Mark-Land. Sie stellt heraus, wie die Versuche, ein neues Demokratiemodell mit mehr wirklicher Volksbeteiligung zu etablieren, von den Herrschaftseliten der Bundesrepublik gnadenlos bekämpft wurde. So gesehen "ticke" der Osten in der Tat anders als der Westen, in dem oft politische Forderungen als "radikal" gelten, die Dahn für eher zahnlos und systemangepasst hält. Meint: Wenn man den Ostlern Demokratiefeindlichkeit unterstellt, dann unterstelle man, dass es keine anderen als die westlich- etablierten Wahldemokratievorstellungen geben könne. Dass in diesem System Wahlversprechen das Papier nicht wert sind, auf das sie geschrieben werden, ist im Osten den Menschen offensichtlich klarer als im Westen, weshalb die Partei- Bindung kaum ausgebildet ist.

Derselbe Befund gelte hinsichtlich der privatkapitalistischen Eigentumsordnung, die im Osten aufgrund anderer Erfahrungen nicht als "alternativlos" betrachtet wird. Wie wahldemokratisch ins Amt gehobene Politiker/innen mit Versuchen, hier das Grundgesetz und den in Befragungen festgestellten Volkswillen in Stellung zu bringen, umgehen, machen der Umgang mit der Verfassungsinitiative der letzten Volkskammer der DDR, aber auch das Abwürgen von "Deutsche Wohnen enteignen" u.a. deutlich. Nichts davon sei geeignet, Vertrauen in "die Demokratie" herzustellen. Das sehen Steffen Mau und eigentlich auch Oschmann ähnlich und es wäre spannend gewesen, Dahns Meinung zu Maus Vorschlägen für mehr direkte Demokratie im Osten zu hören. Aber ein Buch kann nicht alles leisten. Immerhin ist jetzt schon klar, dass eine Alternative zur bestehenden Situation in andersartigen Demokratievorstellungen und Eigentumsregelungen gesehen wird, die eine Wiederholung z.B. der kalten Enteignung von Lebensleistungen durch den Millionen Ostdeutsche betreffenden und - natürlich im Westen nicht geltenden - Grundsatz "Rückgabe vor Entschädigung" unmöglich machen. Darin wie auch in den massenhaften Abwicklungen/ Entlassungen sieht Dahn übrigens das zentrale Trauma der Wendegeneration im Osten. Nicht zu Unrecht, wie ich als Zeitzeuge sofort bestätigen kann.

Von mir verdrängt, aber von Dahn prononciert hervorgehoben, ist die bis heute anhaltende (das wird auch mit statistischem Material belegt) gegenseitige Fremdheit der Feminismen West und Ost. Dahn schildert einen sie verstörenden Vorfall, in dem sie 1990 den Blumengruß ihres Westverlegers vor einem Versammlungshaus in Empfang nehmen musste, weil Männer bei der Veranstaltung, zu der sie geladen war, ausgeschlossen blieben, damit Frauen sich besser "entfalten" könnten. (Ich musste beim Lesen lachen und daran denken, wie ich - ebenfalls 1990 - arglos in den Raum ging, wohin sich die Genossinnen des "Sozialistischen Forums" zur "Frauen- Auszeit" zurückgezogen hatten, um zu sehen, was die da so machen. Der folgende Aufruhr ließ mich, der ich weder Böses wollte noch Böses ahnte, fast um mein Leben fürchten. ;-) ) Gegen Männer- Feindschaft, die Diskriminierung des Kinderwunsches und Frauenkonkurrenz um Aufstiegs- Chancen führt Dahn selbstbewusste Erotik, überhaupt das Selbstbewusstsein von Frauen, die eigenes Geld wie Männer (und das nicht nur in Teilzeit) verdienen ebenso an wie die Vereinbarkeit von Karriere und Kind, die in der DDR selbstverständlich war. Somit macht sie in den Frauen die größte Gruppe innerhalb der "Identitäts- Ossis" aus, die im Vergleich zu ihrem Status quo ante am meisten verloren hat und bis heute widerständig darauf beharrt, dass "nicht alles schlecht war im Osten", auch wenn ihre gender-studies-gebildeten Westkolleginnen das nicht verstehen können. Und was die Männer anbetrifft: Am Streit um das Abtreibungsrecht sei die Einheit fast gescheitert, weil selbst christliche Ost- Männer dem vorgeschobenen religiösen Moralquark aus dem Westen 1990 vollkommen verständnislos gegenüber standen. Das kann ich, der ich einst in Sachsen die linke Frauenrechtsorganisation LISA quasi mitgegründet habe (mit Billigung der Frauen!) nur bestätigen. Diesen Rückfall ins geistige Mittelealter haben wir schwer verwunden - bis heute.

Was sonst? Der Reichtum an Gedanken, oft nur in Nebensätzen angerissen (z.B. wenn sie immer wieder auf die Friedensfrage zurückkommt), ist hier kaum wiederzugeben. Dahn schöpft aus dem Vollen, meint: dem Fundus ihrer publizistischen und politischen Erfahrungen und dem der über lange Zeit sorgsam zusammengetragenen Quellen. Damit gelingt ihr ein bemerkenswertes Plädoyer auch gegen das Vergessen, gegen die immer kürzere Halbwertzeit der Erinnerung an Skandale, Ungerechtigkeiten, Demütigungen, abgewürgte Aufbrüche und vieles mehr. Sich dieser "Auffrischungs- Kur" zu unterziehen, stimmt nicht eben optimistisch, weil es als Kompendium gescheiterter Träume, Hoffnungen und Kämpfe gelesen werden kann. Die Autorin weiß das und mahnt, Veränderungen dennoch immer wieder zu versuchen. Sie zitiert ausgiebig Kant, womit schon klar ist, wie sie denkt: An aufgeklärter Vernunft und widerständigem, damit notwendig selbstaufklärendem Handeln führt kein Weg vorbei. Anders geht es nicht, wenn wir das "Kriegsklima" überwinden wollen, ohne das alles nichts ist.
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