In einem idyllischen kleinen Dorf vor den Toren einer großen Stadt, die auch Berlin sein könnte und die die Jungen und Schönen vor kurzem zu ihrem Familienparadies erkoren haben, um ihren Kindern eine Kindheit fernab der Gefahren der Stadt zu ermöglichen, eröffnet eines Tages ein kleiner Laden, der hauptsächlich Honig sowie kleine, aber sehr angenehme Dinge von geringem Wert verkauft. Die Einheimischen verlieben sich schnell in den kleinen Laden und seinen Besitzer, der Honigmann genannt wird, vor allem die Kinder aus der nahe gelegenen Schule und ihre Mütter. Eines Tages erreichen jedoch seltsame, unangenehme Nachrichten über den Honigmann die Mütter: Der Mann könnte ein Pädophiler sein. Eigentlich spielt es keine Rolle, ob der Mann wirklich ein Pädophiler ist oder ob er einer war und nach Verbüßung seiner Strafe seine zweite Chance sucht. Was in diesem Roman zählt, ist die Reaktion der Menschen. Ihre Verstärkung durch die Medien und ihre Umwandlung in blinde Wut, unfähig, Vernunft zu hören, bereit, die Gerechtigkeit in die eigenen Hände zu nehmen. Was zählt, ist der Abstieg der friedlichen Dorfbewohner in die Barbarei des „Auge um Auge“, eine Barbarei, die es dem anderen nicht erlaubt, seine Gründe zu verteidigen. Eine Barbarei, die verhindert, dass man sieht, wo die wirklichen Probleme liegen, die die Unschuldigen überwältigt und das soziale Gefüge aus den Angeln hebt. Dennoch hat das Buch selbst einige Schwächen. Erstens sind die Zwischenspiele, in denen einige Figuren über sich selbst sprechen, zu zahlreich und manchmal widersprüchlich. Und wenn man bedenkt, was die vorherrschende Botschaft des Romans zu sein scheint, nämlich eine vorwiegend soziale Botschaft, hätte man das letzte Kapitel vermeiden können, indem man den Honigmann einem unbekannten Schicksal überlässt, denn es wird sehr deutlich, dass es nur wenig braucht, um in diese Art von Barbarei abzusteigen.
Diese Geschichte wird um den Honigmann herum erzählt, der gegenüber der Schule einen Deko- und Honigladen betreibt. Obwohl sich die Handlung um ihn und seine (schlimme!) Vergangenheit dreht, tritt er kaum in Erscheinung. Um so mehr jedoch die Menschen um ihn herum: die in so wohlgeordneten Verhältnissen lebenden Leute beginnen, Gerüchte zu streuen, sich zu verbünden, zu streiten. Sie stacheln sich gegenseitig an, schwimmen mit dem Strom der Entrüstung, wechseln die Richtung, wenn der Strom sie wechselt. Die heftige Dynamik wird nicht zuletzt durch Social Media angeheizt. Am Ende bleibt das schale Gefühl, dass es nur Verlierer gegeben hat, in jeder Hinsicht. Und leider, so muss man es sagen, fühlt sich alles sehr aktuell und real an....
Das Buch ist trotzdem eine auch unterhaltsame Lektüre. Die einzelnen Personen sind so lebendig beschrieben, dass man sich jede einzelne und ihre Rolle in der Handlung gut vorstellen kann.