Ein heißer Sommer, ein Land im Umbruch, eine Familie in den Brachen der Vergangenheit Ein Sommer im Vakuum von alter DDR-Realität und einem Leben im wiedervereinigten Deutschland. Pilly ist dreizehn und sehnt sich nach Veränderung. Doch ihre Familie hängt am Gestern. Mit starkem poetischen Gespür erzählt Patricia Hempel vom Ende einer Kindheit und eines Landes, von einer ungewissen Zukunft und den Leerstellen in unseren Geschichten.
Elbe-Grenzgebiet, 1992. Die Mischanlagen und Fließbänder des Betonwerks stehen still. Ebenso wie das Leben der Menschen in dem fiktiven Planort am Wasser. Während Pilly um jeden Preis versucht, die Aufmerksamkeit der älteren Katja zu gewinnen, verzieht ihr Vater sich immer häufiger ins Gasthaus im Ort. Die Mutter ist schon lange weg, angeblich im Westen, auch wenn kaum jemand ein Wort darüber verliert. Die Tanten wollen sich den Traum vom Goldenen Westen verwirklichen und setzen dabei ihre Lebensgrundlage aufs Spiel, während die alte Lehrerin von nebenan glaubt, dass sie viel enger mit Pillys Familie verstrickt ist, als alle ahnen.
Noch ist für sie alle in diesem Sommer nichts verloren. Doch dann brennen eines Nachmittages die Gärten der vietnamesischen Vertragsarbeiter ab. Und Pilly steht plötzlich einer Frau gegenüber, die behauptet, ihre Mutter zu sein.
Der Roman „Verlassene Nester“ bietet eine vielschichtige Erzählung, die in der Zeit nach der Wiedervereinigung spielt und sich mit den Spannungen und Unsicherheiten dieser Ära auseinandersetzt. Der Sommer 1992 im ehemaligen Grenzgebiet der Elbe wird hier zu einer Übergangsphase, nicht nur für das Land, sondern vor allem für die Protagonistin Pilly und ihre Umgebung. Mit der Schilderung ihrer Suche nach Zugehörigkeit und der Ergründung der Dynamiken in ihrer zerrütteten Familie stellt der Roman Fragen nach Identität und dem Umgang mit Veränderungsprozessen.
Was mich besonders angesprochen hat, ist die eindringliche Sprache des Romans und die vielschichtige Darstellung der Charaktere. Viele Perspektivwechsel zeigen verschiedene Sichtweisen auf die Ereignisse im Dorf, die die Leserschaft wie Puzzleteile zusammensetzen muss. Gerade dieser erzählerische Ansatz, der das Fragmentarische der Geschichte betont, spiegelt die Verwirrung und Orientierungslosigkeit wider, die die Menschen kurz nach der Wiedervereinigung im Dorf empfinden.
Eine Herausforderung des Romans liegt jedoch darin, dass er subtil mit historischen und politischen Kontexten spielt, die nicht jeder Leser oder jede Leserin unmittelbar parat haben mag. Das kann einerseits ein Anreiz sein, sich tiefer mit der Geschichte auseinanderzusetzen, andererseits könnte es dazu führen, dass bestimmte Nuancen und kritische Themen unbeachtet bleiben. Für diejenigen, die den Roman ohne Hintergrundwissen lesen, bleibt möglicherweise ein Teil der gesellschaftskritischen Tiefe verborgen, die das Buch zu bieten hat - z.B. die Gleichgültigkeit der Dorfbewohner:innen gegenüber den Anschlägen auf Vertragsarbeiter:innen und ihre Weigerung, ihnen gegenüber Empathie zu empfinden und diese zu Wort kommen zu lassen, weil sie vor allem mit sich und eigenen Sorgen beschäftigt sind. Trotzdem könnte darin auch eine Stärke von „Verlassene Nester“ liegen: Es bietet Raum für Interpretation und fordert eine aktive Leserschaft, die bereit ist, sich mit den komplexen Verstrickungen von Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen.
Insgesamt empfinde ich den Roman daher als gelungen, besonders wegen seiner Sprache und der vielschichtigen Erzählweise. Aber ich bin unsicher, ob er für jede Leserin und jeden Leser gleich zugänglich ist. Vielleicht liegt darin aber auch seine Qualität: Er bietet eine Lektüre, die nicht sofort alles preisgibt, sondern zur Reflexion und zum Nachdenken anregt.
Sommer 1992, in einer namenlosen Kleinstadt im Osten: Pilly ist an der Grenze zwischen Kind und Teenager und verbringt die Ferien zuhause. Der alleinerziehende Vater verbringt seine Freizeit in der Kneipe, wo er mit den Stammtischler*innen über die "Wende" schimpft. Um Pillys Mutter ranken sich ein paar Geheimnisse: ist sie allein in den Westen geflohen? Oder mit dem Gemeindepfarrer?
Pilly langweilt sich viel und hängt bei ihren Tanten oder der alten Frau Klinge ab, die von den Leuten im Ort gemieden wird. Doch dann freundet sie sich mit Katja und Bine an, oder wird vielmehr zu deren Hund in einem merkwürdigen Spiel. Pillys Wunsch, dazuzugehören, wird nur durch ihr Begehren für Katja getoppt, doch die schwärmt für den älteren Marcik.
"Verlassene Nester" ist mehr als ein Coming-of-Age Roman, denn wir folgen nicht nur Pillys Perspektive, sondern lernen auch die anderen Hauptpersonen besser kennen: Martin, Pillys Vater, der seine Frau vermisst und sich fragt, ob sein Spitzeln für die Stasi mit ihrem Verschwinden zu tun hat. Katharina, Pillys Tante, die mit ihrer Partnerin Eli eine Fischräucherei im Ort betreibt und deren Träume vom Umzug nach Italien nicht teilt. Frau Klinge, die pensionierte Lehrerin, für die Pilly mehr ist, als ein Nachbarskind, die um ihren Sohn trauert und um das Ende des Sozialismus. Am Rand der Geschichte stehen weitere Figuren, die das Bild komplettieren und "Verlassene Nester" zu einem intensiven, tiefgründigen Leseerlebnis machen.
Historische Wahrheiten bilden den Rahmen der Geschichte und durchdringen sie an vielen Stellen, ohne dass der Roman ein politischer wäre. Es geht um die Realität von Treuhand und gierigen Investoren, um die Brandanschläge auf vietnamesische Vertragsarbeiter, um die Zukunftsangst derer, die dem westlichen Braten nicht trauen und die Euphorie derer, die vom Wohlstand des Kapitalismus träumen. Das alles wird jedoch wenig erklärt. Leser*innen, denen das historische Vorwissen fehlt, kriegen hier einiges gar nicht mit, was dem Lesevergnügen aber sicher keinen Abbruch tut.
"Verlassene Nester" ist kein easy read, denn auch wenn die Sprache leicht und klar ist, durchdringt eine schwere Melancholie die Geschichte. Einsamkeit, verlorene und enttäuschte Hoffnung und unglückliche Liebe sind die Gefühle, die ich als die dominierenden wahrgenommen habe. Ich hoffe, Pilly geht es gut, da wo sie jetzt ist.
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CN: mehrfache Reproduktion der rassistischen Fremdbezeichnung für Vietnames*innen in der DDR, Alkoholismus, Gewalt gegen Tiere, Thematisierung von Suizid, Verlust eines Kindes, Tod.
Es ist Sommer 1992 im Planort an der Elbe im Gebiet der ehemaligen DDR, wo Pilly Jäckel mit ihrem Vater Martin lebt. Die Mutter der 13-Jährigen ist schon vor der Wende verschwunden, der Vater flüchtet sich in den Alkohol. Die Teenagerin versucht, die Zuneigung der älteren Schulkameradin Katja zu gewinnen, die jedoch lieber mit einem Jungen anbändelt. Doch das soll nicht Pillys einziges Problem bleiben…
„Verlassene Nester“ ist ein Roman von Patricia Hempel.
Untergliedert in drei Teile und insgesamt 27 Kapitel, umspannt die Geschichte mehrere Monate. Erzählt wird nicht nur in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Pilly, sondern auch aus weiteren Perspektiven, von denen die eine oder andere entbehrlich gewesen wäre.
In sprachlicher Hinsicht hat der Roman seine Stärken. Die anschaulichen Naturbeschreibungen sind besonders gelungen. Kreative Wortschöpfungen stechen hervor. Zudem fallen immer wieder starke Bilder auf. Andererseits haben sich mir spezifisch ostdeutsche Begriffe teilweise nicht aus dem Kontext erschlossen.
Das Personal ist ein wenig zu umfangreich. Zu Beginn fiel es mir nicht leicht, die verschiedenen Charaktere und ihre Beziehungen zueinander zu sortieren. Im Fokus steht Pilly, eine durchaus realitätsnahe und interessante Figur, die mir allerdings bis zum Schluss ein bisschen fremd blieb.
Was die Themen angeht, wirkt der Roman ebenfalls überfrachtet. Es geht um Rassismus, Aspekte des Erwachsenwerdens, wirtschaftlichen Niedergang, Suchterkrankungen, Flucht, Stasi, Gentrifizierung und vieles mehr. Einiges wird bloß angerissen, sodass der Eindruck entsteht, dass die Autorin möglichst viele Themen unterbringen wollte.
Auf den knapp 300 Seiten nimmt die Geschichte nur sehr langsam Fahrt auf. Später wird die Handlung deutlich unterhaltsamer und turbulenter. Sie bietet sogar Überraschungen. Der Schluss hat mich dennoch etwas enttäuscht, da einige Fragen offen bleiben und manche lose Fäden nicht wieder aufgegriffen werden.
Sowohl das Cover als auch der mehrdeutige Titel sind auf positive Weise ungewöhnlich. Sie passen sehr gut zur Geschichte.
Mein Fazit:
Mit „Verlassene Nester“ hat mich Patricia Hempel leider nicht komplett überzeugt. Die Geschichte hält interessante Themen und Ideen bereit, lässt aber zu viele Leerstellen.
Spiegelt so genau die Verwirrung der Wendezeit, dass es unheimlich ist. Grundstücke mit Wasseranschluss werden verscherbelt, Fabriken schliessen, Kneipe statt Arbeit, die Stasi darf man jetzt offen verachten, alle dürfen jetzt auch offen andere Menschen verleumden, Ausländer, die vorher abgeschottet waren und als Vertragsarbeiter kein Teil der Gesellschaft waren, sind plötzlich ein Problem, mit dem die Menschen nicht gerechnet haben, Ausländerhass bricht sich Bahn und die Treuhand verhökert alles. Werte, die 40 Jahre halten, sind nichts mehr wert. Der Westen ist auf einmal da, aber die Strassen sind immernoch kaputt und die Wohnblöcke trist. Plötzlich brechen Dinge, die zuvor keiner gesagt hat, an die Oberfläche. Gesellschaft zersplittert und keiner weiss mehr, wo er oder sie hingehört. Wir hatten zum Abitur das A vom Arbeitsamt auf dem T-Shirt, weil wir dachten, aus uns wird sowieso nichts in einer Region mit 13 Prozent Arbeitslosigkeit.
Ungewissheit und Ängste gut durch die bedrückende Erzählweise ausgedrückt. Mir ist Pilly irgendwie sehr ans Herz gewachsen und auch die anderen Charakterzeichnungen fand ich an einigen Stellen sehr gelungen. Trotzdem habe ich mich dabei erwischt, wie ich manche Stellen überflogen habe oder zu teilen nicht ganz reingekommen bin
Patricia Hempels Roman Verlassene Nester entführt uns in den Sommer 1992, kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands, in eine fiktive Ortschaft an der Elbe. Im Zentrum steht die 13-jährige Pilly, die versucht, in einer zerrissenen Familie und einer ebenso fragmentierten Gesellschaft ihren Platz zu finden. Patricia Hempel, geboren 1983 in Berlin, studierte zunächst Archäologie, bevor sie sich dem Literarischen Schreiben widmete. Sie ist bekannt für ihre Arbeit in der queeren Literaturszene und engagiert sich in der Förderung von Diversität im Literaturbetrieb. Verlassene Nester ist ihr zweiter Roman und wurde für den Alfred-Döblin-Preis 2023 nominiert.
Worum geht's?
Pilly lebt mit ihrem trinkenden Vater in einem trostlosen Ort an der Elbe. Ihre Mutter, eine ehemalige Olympiateilnehmerin, hat die Familie verlassen, und auch sonst scheint die Familie von den Nachwirkungen der DDR-Zeit und der Wende geprägt zu sein. Während Pillys Vater sich in Alkohol flüchtet und die Tanten von einem besseren Leben im Westen träumen, sucht Pilly verzweifelt nach Halt. Diesen glaubt sie in der älteren Mitschülerin Katja zu finden, doch diese Beziehung verläuft nicht so, wie Pilly es erhofft. Als die Gärten der vietnamesischen Vertragsarbeiter abbrennen, erreicht der Sommer einen Wendepunkt, und Pilly steht plötzlich ihrer vermeintlichen Mutter gegenüber.
Meine Meinung
Das Cover hat meine Neugier geweckt, und nach dem Lesen kann ich sagen, dass es sehr gut zur düsteren und beklemmenden Atmosphäre des Buches passt. Leider muss ich gestehen, dass der Roman insgesamt überhaupt nicht meinen Erwartungen entsprach. Vielleicht liegt es daran, dass ich – als Österreicherin – mit der deutschen Geschichte nicht so vertraut bin und in der Schule kaum etwas über die DDR und die Wende gelernt habe. Viele der Wörter und Ausdrücke im Buch waren mir fremd, und ich hatte Schwierigkeiten, den verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Bezügen zu folgen. Es wird vorausgesetzt, dass die Lesenden über umfassendes Wissen zur DDR-Zeit verfügen, was das Verständnis deutlich erschwert.
Ein weiteres großes Problem für mich war die Vielzahl der Figuren, die in der Geschichte auftauchen. Ich konnte kaum nachvollziehen, in welcher Beziehung die Charaktere zueinander stehen, was es zusätzlich kompliziert machte, den roten Faden zu behalten. Oft wechselte die Perspektive mitten im Kapitel oder sogar im Absatz, was das Verstehen der Handlung noch schwieriger machte. Es wäre hilfreich gewesen, wenn die Kapitel klarer strukturiert gewesen wären, zum Beispiel mit Hinweisen darauf, wessen Perspektive gerade erzählt wird.
Inhaltlich finde ich das Thema des Buches durchaus spannend. Die Darstellung von Vater-Tochter-Beziehungen, der Auswirkungen der Wende und Pillys innerer Kampf, erwachsen zu werden, sind interessante Aspekte. Doch die Art, wie dies umgesetzt wurde, hat mich nicht überzeugt. Die ständigen Rückblenden und Zeitsprünge waren oft verwirrend, und ich verlor schnell den Überblick. Besonders schwierig fand ich es, dass mitten im Absatz von der Gegenwart in die Vergangenheit gesprungen wurde, ohne klare Trennung. Das führte dazu, dass ich mich ständig orientieren musste, was mir das Lesevergnügen nahm.
Im Laufe des Romans hatte ich den Eindruck, dass viele Handlungsstränge entweder offenblieben oder einfach fallengelassen wurden. Es schien, als hätte sich die Autorin bei der Vielzahl der behandelten Themen ein wenig verzettelt. Dabei sind diese Themen doch so wichtig, wie beispielsweise die Darstellung des zunehmenden Rassismus in der Gesellschaft oder die ersten queeren Beziehungen während der Jugend. Zudem setzte das Buch einiges an Vorwissen voraus, um die feinen Zwischentöne zu verstehen, was das Lesen zusätzlich erschwerte. Auch die im Klappentext angekündigte Geschichte über das Verschwinden von Pillys Mutter vermittelte den Eindruck eines zentralen Handlungsschwerpunkts, der jedoch nicht im erwarteten Maße ausgearbeitet wurde.
Es gab jedoch einige Passagen, die mir sehr gut gefallen haben, insbesondere die bildhaften Beschreibungen der Trostlosigkeit und Pillys Beziehung zu ihrem Vater. Diese Abschnitte waren eindrucksvoll und emotional, doch insgesamt war die Lektüre für mich eher eine Herausforderung als ein Genuss. Ich musste mich regelrecht zwingen, das Buch zu beenden, was leider kein gutes Zeichen ist. Auch der Mangel an Erklärung für bestimmte historische und gesellschaftliche Hintergründe hat dazu beigetragen, dass ich viele Situationen und Begriffe nicht deuten konnte.
Fazit
"Verlassene Nester" ist ein Roman mit einem starken Thema und durchaus poetischen Momenten, doch die unklare Erzählweise und die Vielzahl an unzureichend beschriebenen Figuren machten es für mich zu einer anstrengenden Lektüre. Obwohl es einige schöne Passagen gab, konnte mich die Geschichte als Ganzes nicht überzeugen. Daher vergebe ich 2 von 5 Sternen.
„Verlassene Nester“ von Patricia Hempel, erschienen 2024 bei Tropen und nominiert für den Alfred-Döblin-Preis 2023, ist ein Roman, der sich anfühlt wie einer dieser letzten Spätsommertage, warm, aber auch schwer, der Herbst schon spürbar, es liegt ein letztes Bienensummen in der Luft und die Menschen sind etwas träge, der nahende Winter macht alle ein wenig melancholisch, aber noch ist es ja Sommer.
Es ist 1992, noch relativ kurz nach der Wende, wir befinden uns in den neuen Bundesländern, recht grenznah der ehemaligen Grenze zwischen DDR und BRD. Pilly, ein 13-jähriges Mädchen, befindet sich mitten im Umbruch, einerseits kickt die Pubertät, andererseits kickt die Wiedervereinigung. Pillys Mutter ist vor einigen Jahren unter nicht geklärten Umständen verschwunden, Pillys Vater ist alkoholsüchtig und hat das Herz am rechten Fleck, aber auch einen Koffer, der ein großes Geheimnis birgt und den Kopf voll mit Sorgen, die ihn davon abhalten, sich gut um Pilly zu kümmern. Das Leben tropft vor sich hin, der Westen rückt irgendwie immer näher, und die Dagebliebenen pendeln zwischen sehnsuchtsvoller Verheißung und Festhalten am Alten, von dem ja vieles auch schön und gut war. Zwischen Spielplatz, Kleingartenparzelle und Plattenbau entspinnt sich das Leben mit all seinen Grausamkeiten – aber auch mit einer tief verwurzelten Gemeinschaft.
Hempel schreibt sehr atmosphärisch und lässt mit vielen Details die beschauliche und übersichtliche Kindheitswelt von Pilly entstehen. Beschaulich ist diese nur auf der Oberfläche, darunter brodeln die Konflikte – aber man hat gelernt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Jede Menge Zeitkolorit und ausführliche Beschreibungen lassen die Zeit kurz nach der Wende sehr lebendig werden, allerdings gibes wenig Erläuterungen, so dass für Menschen ohne DDR- oder Geschichtswissen Google wahrscheinlich der beste Freund beim Lesen dieses Buches wird; hier wäre ein Glossar vielleicht eine hilfreiche Maßnahme gewesen. Die Beobachtungen sind nüchtern und unsentimental, ich hatte teilweise beim Lesen eine Dokumentarfilm-Erzählerstimme im Kopf, aber das war für mich stimmig. Das Erzähltempo ist langsam, was sich zu Beginn des Romans noch gut anfühlt, mit zunehmendem Handlungsfortgang dann aber doch etwas anstrengend wird. Es werden sehr viele Handlungsstränge und Figuren aufgemacht, die leider nicht alle und nicht einmal fast alle zu einem Ende geführt werden. Dabei bleiben auch einige zentrale Fragen offen, was mich in diesem Fall doch sehr gestört hat, da die Antworten auf die offenen Fragen entscheidend wären. Das Ende des Buches war für mich sehr herbeigeholt, fast hatte ich das Empfinden, die Autorin hat keinen anderen Ausstieg aus einer Geschichte gefunden, die sie nicht weiter am gleichen Ort fortschreiben wollte. Das fand ich schade, denn der Konflikt der Dagebliebenen hätte mich gerade vor Ort weiter interessiert.
Es ist ein Buch, dass ich über weite Strecken sehr gern gelesen habe und in dem ich wirklich viel über die DDR und das Leben nach der Wende gelernt habe. Aber auch ein Buch, das mich irgendwann ein bisschen verloren hat und sehr unbefriedigt zurücklässt, weil es keine wirklichen Entscheidungen treffen möchte. Was mir gut gefallen hat, ist die immer wieder auftretende Einbindung des Buchtitels in die Handlung – und dass zu keinem Zeitpunkt gewertet wird. Wir müssen noch heute die Wiedervereinigung, die doch eher ein Verschlucken war, aufarbeiten. Dass das nicht geschieht, ist ein großer Fehler, der sich aktuell in Wahlergebnissen darstellt. Die Wurzeln davon kann man in diesem Buch spüren. Insofern auf jeden Fall eine Leseempfehlung und der Vorschlag, sich in die Köpfe der Menschen hineinzuversetzen, die noch beide Systeme erlebt haben. Insgesamt reicht es leider dennoch nur für 3,5 Sterne, da ich die gleichbleibende Ausführlichkeit irgendwann ermüdend fand und mir ein starkes Ende fehlt.
Ein großes Dankeschön an lovelybooks.de und den Tropen Verlag für das Rezensionsexemplar!
VERLASSENE NESTER Patricia Hempel Sommer 1992, Elbe-Grenzgebiet:
Der 13-jährigen Pilly stehen lange Sommerferien bevor. Im Gegensatz zu ihren Klassenkameraden wird sie nicht in den Urlaub fahren. Ihr Vater verbringt die Nachmittage in der Dorfkneipe – nur jeden zweiten Mittwoch kocht er für sie ein Mittagessen. Von Pillys Mutter fehlt jede Spur, vermutlich hat sie sich über die Grenze abgesetzt, um dem tristen Grau des Wohnkomplexes zwischen Kaserne und stillgelegtem Betonwerk zu entkommen.
Aus Langeweile fühlt sie sich zu zwei älteren Mädchen hingezogen, die ein altes Betonrohr auf einem Spielplatz als ihren Rückzugsort nutzen. Zunächst darf sie der „Hund“ der Mädchen sein, später wird sie hier ihre erste Zigarette rauchen.
Der einzige Halt, den Pilly erhält, kommt von ihren zwei lieben Tanten, den Schwestern ihrer Mutter. Diese versuchen jedoch gerade, auf der Welle mitzusurfen, die der Mauerfall mit sich gebracht hat, und probieren, ihre kleine Immobilie – die Fischbude am See mit der schlechten Wasserqualität – an die „gierigen“ Wessis zu verkaufen.
Und dann ist da noch Frau Klinge, die ehemalige Lehrerin ihres Vaters, die immer ein offenes Ohr für Pilly hat und gemeinsam mit ihr die Hausaufgaben macht. Dass diese ältere Dame ein Geheimnis hütet, weiß Pilly nicht.
In einer eindringlichen, leicht verwobenen und distanzierten Sprache schildert die Autorin das Leben und die Atmosphäre unmittelbar nach dem Mauerfall. Es ist eine Suche nach Identität und einer neuen Zukunft, da die Menschen nach der Wiedervereinigung in einer trostlosen Existenz ohne Arbeit und Perspektiven zurückblieben.
Berührt hat mich Pilly, die die Demütigungen der sogenannten Freundinnen über sich ergehen ließ, nur um Anschluss zu finden. Das Ende hat mir mein Herz gebrochen. 4/ 5
„Verlassene Nester“ ist ein Roman der Autorin Patricia Hempel, in dem sie das Lebensgefühl der Menschen im Grenzgebiet in der Zeit nach der Wende darstellt.
Die Handlung beginnt im Sommer 1992 im ehemaligen Elbe-Grenzgebiet. Die dreizehnjährige Pilly lebt mit ihrem Vater in einem trostlosen Wohnkomplex zwischen einem stillgelegtem Betonwerk und einer Kaserne. Ihre Mutter ist verschollen. Philly fehlt der Halt und den sucht sie auf dem Spielplatz bei Katja und Bine, die ein wenig älter sind als sie. Die beiden lassen sie mitspielen, aber von wirklicher Freundschaft kann hier keine Rede sein, es ist vielmehr ein Machtspiel. Aber nicht nur Pilly sucht Halt, auch die Erwachsenen sind so kurz nach der Wende entwurzelt.
Der Schreibstil der Autorin ist schnörkellos und authentisch. Sie versteht es die Atmosphäre und das Lebensgefühl der Menschen gut darzustellen. Da die Anzahl der Charaktere von Beginn an recht hoch ist, habe ich ein wenig gebracht, um in die Handlung hineinzukommen. Die Handlungsstränge wechseln von Kapitel zu Kapitel. Diese haben eine angenehme Länge, es sind 27 auf nur 304 Seiten.
Auch wenn das Buch weniger historisches Hintergrundwissen vermittelt als ich erwartet habe, fängt es den Zeitgeist und das Leben der Menschen im Grenzgebiet gut ein. Verstärkt wird dies durch typische ostdeutsche Begriffe, die ich allerdings nachschlagen musste, da sie für mich nicht selbsterklärend waren.
Mir gefiel, dass hier insgesamt viele verschiedene gesellschaftskritische Themen und Konflikte angesprochen wurden und auch mit ihren Wendungen in der Handlung konnte mich die Autorin überraschen. Einige Stellen habe ich als ein wenig langatmig empfunden und ziehe deswegen bei meiner Bewertung einen Stern ab.
1992. Ein Ort an der Elbe, in der ehemaligen DDR. Pilly, knapp 13 Jahre alt hat Sommerferien und vegetiert vor sich hin und schließt sich zwei Mädchen an für die sie tiefere Gefühle entwickelt. Pilly wächst bei ihrem Vater auf, Mutter nicht vorhanden. Ein wirklich zutiefst unschönes Szenario was hier nicht nur im Kleinen in Pilly`s Kernfamilie gezeichnet wird, sondern weitere Kreise zieht um den gesamten Ort. Eine Bankrotterklärung für die Gegend.
Diese Lektüre war wieder einmal eine, die mich etwas ratlos zurücklässt. Denn ich fand es auf den letzten Metern, ca. 30 Seiten vor dem Schluss, dann doch sehr gut und in der Auflösung einiger Enden sehr gelungen.
Auch habe ich die fatal trostlose Grundstimmung so kurz nach der Wende in diesem Elbegrenzgebiet auf der Seite der ehemaligen DDR gut inszeniert gefunden. Dieser diffuse Zustand von Zerfall und Aufbruch zugleich. Menschen, die sich befreit und auch verloren fühlen. Das war richtig gut eingefangen.
„Vor allem diskutierten sie über die Wende, die wie ein Radierer die Fehler im System hatte korrigieren sollen, doch stattdessen den halben Ort entfernt hatte.“ S. 122
Aber insgesamt ein Buch, dass keine gute Stimmung generiert und mich oft über die Charaktere im Buch hat ärgern lassen. Hinzu kommt eine Art der Erzählung, die mit Rückblenden arbeitet. Was an sich gut ist, aber die Art und Weise war anstrengend, da zum Teil mitten im Absatz von der Rückblende zurück in die eigentliche gesprungen wurde. Da war dann so manches Mal der rote Faden verloren.
Ihr seht, es gab Elemente, die ich sehr positiv bewertete, aber in der Summe war es nicht ganz das meine.
Es ist ein wunderschönes, tief berührendes Buch, das zwei große Veränderungen im Leben der Protagonistin Pilly in den Fokus rückt: den Mauerfall und ihren Übergang von der Kindheit zur Jugend. Wobei die Einflüsse des Mauerfalls eher ihre Bezugspersonen mehr beeinflusst. Hempel erzählt die Geschichte auf eine abwechslungsreiche Weise, indem sie verschiedene Perspektiven einbindet. Neben Pilly kommen auch ihr Vater, ihre Tante und hin und wieder auch andere Dorfbewohner zu Wort, was der Geschichte viel Tiefe und Dynamik verleiht.
Besonders berührend fand ich die Art und Weise, wie Hempel die persönlichen Erfahrungen und Gefühle ihrer Charaktere einfängt und gleichzeitig den größeren historischen Wandel thematisiert. Es ist eine Geschichte, die sowohl melancholisch als auch hoffnungsvoll wirkt und die Atmosphäre der Zeit nach dem Mauerfall sehr gut thematisch aufgreift. Ich habe mehrfach den Kopf geschüttelt wie gefühlt mit dem Bulldozer einfach über alles gegangen wurde, ohne Rücksicht auf Verluste, Gefühle und Kultur.
Der Roman liest sich ausgesprochen flüssig, und ich hätte problemlos noch weiter lesen können. Besonders zum Ende des Sommers hat dieses Buch für mich stimmungsmäßig perfekt gepasst – ein wahres Jahreshighlight! Es ist ein Buch, das man mit Liebe und Aufmerksamkeit liest und das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Ein Ort in Ostdeutschland kurz nach der Wende, drei Mädchen im Teenager-Alter spielen Machtspielchen, die Erwachsenen hängen noch irgendwo zwischen den Systemen. Die 13-jährige Pilly wächst beim Vater auf, ihre Mutter ist irgendwann verschwunden, die Tanten bieten ihr weibliche Fürsorge. Große Teile des Buchs nimmt die Dynamik der „Freundinnen“ ein, die im Freien herumhocken und gelangweilt scheinen. Pilly, die dazugehören will, wird erniedrigt, und das hätte für meinen Geschmack nicht ständig wiederholt werden müssen. Die eigentlich spannenden Fragen, die sich beispielsweise um Verrat oder Verlassen drehen, werden angedeutet, aber nicht vollständig aufgeklärt. „Mein Vater gab der »Wende« die Schuld am »Personalmangel«, und wie immer, wenn es in den Gesprächen der Erwachsenen um die Wende ging, verstand ich kein Wort.“ Nun betrifft dies zwar mehr die ältere Generation, doch auch in der präsenteren Kinderebene wäre das Wahrnehmen des anderen Systems ein interessanter Aspekt gewesen, doch dieser wird gar nicht beleuchtet. Und so bin ich nach der Lektüre dieses Buchs etwas unbefriedigt in Anbetracht meiner Erwartungen an den Inhalt. Die Sprache, die das Vokabular von Ort und Zeit berücksichtigt, und die Erzählweise, die durch den Wechsel von Perspektiven für Einblicke sorgt, habe ich als sehr ansprechend empfunden.