4,25 - Selten mag ich Bücher mit allzu naiven Protagonisten, aber dieses Buch stellt eine Ausnahme dar.
Der im globalen Norden aufgewachsene, verhältnismäßig privilegierte Protagonist ist neben einer innerlichen Leere von einer unglaublichen Orientierungs- und Hilflosigkeit geprägt, sich im Leben und in den komplexen und bedrohlichen Realitäten des politischen Weltgeschehens zurechtzufinden und mit ihnen umzugehen - in einem Ausmaß, das mich beim Lesen abwechselnd bedrückt hat, wütend gemacht hat und verzweifeln ließ.
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Das Setting des Anfangs des Buches, der am Vorabend der Islamischen Revolution im Iran spielt, ist gut gewählt, um die moralische Komplexität der Weltrealität darzustellen. Kracht gelingt dies hervorragend: Es wird mehr als deutlich, dass mit der Islamischen Revolution ein Unheil über den Iran hereinbricht, das Grausames für die dort lebenden Menschen mit sich bringen wird. Kracht malt aber keineswegs ein idyllisches Bild des am Westen orientierten vorrevolutionären Iran, sondern schafft es, die Widersprüche und das Leid unter dem Schah von Persien anzudeuten, sowie die Obszönität und die Verdrängungsleistungen der privilegierten Personen (zum nicht kleinen Teil Westler) darzustellen.
Der Protagonist des Buches nimmt jedoch weder das aktuelle Leid noch das drohende Unheil wirklich wahr oder ernst, sondern versucht sich mehr schlecht als recht in ein Interesse am Schönen zu flüchten. Wirklich glücklich wirkt er dabei aber nicht, sondern orientierungslos und verloren - was sich im Laufe des Buches durch Schicksalsschläge, wie dem Verlust seines Partners, und durch sein passives in die Katastrophe treibenlassen nur weiter verstärkt.
Das Fühlbarmachen der krassen Diskrepanz zwischen dem real existierenden und aufziehenden Leid einerseits und dem dieses Leid verdrängenden Protagonisten andererseits funktioniert auch deshalb so gut, weil es Kracht in 1979 außergewöhnlich gut gelingt, atmosphärische Bilder dieses Widerspruchs in meinem Kopf zu erzeugen. Noch ein Jahr nach dem Lesen habe ich beispielsweise gestochen scharf Bilder der Feier im Kopf oder kann die unheilvolle, aufziehende vorrevolutionäre Stimmung in den Straßen Teherans förmlich spüren - aber auch die innerliche Leere des Protagonisten oder das Depremierende an den Interaktionen zwischen dem Protagonisten und seinem Partner.
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Nachdem der Protagonist einigermaßen passiv durch das Geschehen treibt, wird sein Versuch, der belastenden und komplexen Gegenwart durch eine Hinwendung zur Natur und zu sich selbst zu entkommen, als eine ins Absurde karikierte Regression bei einer Reise durch Tibet dargestellt.
Eine gewisse Erleichterung von der Verantwortung, selbst durch die komplexe Realität navigieren zu müssen, findet der Protagonist ausgerechnet an dem grausamsten aller im Buch beschriebenen Orte: einem Arbeits- und Umerziehungslager im sozialistischen China. Dort wird ihm Stück für Stück sein schon vorher nahezu vollständig verkümmertes Urteils- und Moralempfinden abtrainiert, bis er dieses gänzlich an die Partei abgibt. Nun ist er die Bürde los, selbst Verantwortung für sich, seine Lebensgestaltung und seine Handlungen übernehmen zu müssen - und man merkt, makabererweise, dass ihn dies trotz der objektiv schlimmen Umstände im lager in gewisser Weise erleichtert.
Spätestens hier ist nun beim Lesen der Kontrast zwischen dem beschriebenen Schrecken und der immer stärker werdenden Gleichgültigkeit des Protagonisten diesem Schrecken gegenüber kaum mehr auszuhalten. Ich wollte den Protagonisten wachrütteln, damit er irgendwie zu Vernunft kommt… doch dafür wäre es wohl eh zu spät gewesen.
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Die Szenen im Arbeitslager sind mir auch deshalb so nahegegangen, weil unter dem Gestus des „Wir wollen die Welt verbessern“ die Soldaten und Aufseher noch die allergrößten Grausamkeiten gerechtfertigt haben. Vor dem Hintergrund, dass Millionen von Menschen mit genau dieser Begründung in den letzten 100 Jahren bei linken Weltverbesserungsprojekte Leid zugefügt wurde oder getötet worden sind ist das für mich als politisch weit links stehenden Menschen doch etwas "too close to home".
Es bleibt inständig zu hoffen und darauf hinzuarbeiten, dass selbstverantwortliches Denken und interner Widerspruchsgeist in der Linken gestärkt werden. Und dass nicht weiterhin automatisiert interne Kritik mit verinnerlichten Schlagworten wie „bürgerliches Denken“ weggefegt und problematisiert wird, noch ehe sie ernst genommen oder über sie nachgedacht wurde.
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Der letzte Satz des Buches kann einem selbst (aber auch dem Westen als Ganzem) einen Spiegel vorhalten, indem er - natürlich überspitzt - aufzeigt, auf welch eine ohnmächtige Bankrotterklärung es eigentlich hinausläuft, wenn man sich wie der Protagonist des Buches auf eine Minimalmoral zurückzieht:
Ich habe nie Menschenfleisch gegessen.
Diese Minimalmoral, auf die man sich individuell (/und der Westen sich kollektiv) zurückzieht, hilft einem, sich selbst noch beruhigend einzureden, dass man - auch wenn die Welt verrückt und schrecklich ist - moralisch integer sei. Die eigene Verantwortung an der Misere und die Verantwortung dafür, dass sich etwas ändert, kann mit ihr hervorragend abgewehrt werden. Und als wäre das nicht schon genug, ist der moralische Anspruch an sich selbst zwar nicht falsch aber häufig lächerlich gering.
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Kracht scheint mir mit dem Buch - so kritisierenswert der Hauptcharakter auch handelt, beziehungsweise eher nicht handelt - nicht einfach mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern auch sein eigenes Ringen mit der eigenen Ohnmacht gegenüber der komplexen Realität darzustellen.
Denn im Vergleich zu seinem Protagonisten weiß das Buch zumindest (aufzuzeigen), wie man der leidbringenden, komplexen Realität nicht begegnen sollte: Purer Eskapismus, pure Verdrängung, Regression, Flucht zurück zur Natur und zu sich selbst, das Anschließen an pseudo-weltverbesserische, in Wahrheit aber noch mehr Schrecken bringende politische Bewegungen, die Abgabe des eigenverantwortlichen Denkens, etc.
Aber was diesem Negativ als Positiv entgegenzusetzen wäre und wie man der Realität wirklich begegnen sollte, weiß das Buch auch nicht zu sagen und bleibt damit ein Stück weit in der Ohnmacht stecken.
Das Buch mahnt aber durch den letzten Satz an, dass es eben nicht genügt, zu wissen, was alles falsch ist, und sich selbstberuhigend auf dieses Wissen zurückzuziehen, sondern dass es eigentlich notwendig wäre, diese Ohnmacht positiv zu überwinden. Nur wie das gelingt darüber ist es ratlos.
Und in diesem ratlosem Ringen um den bestmöglichen Umgang mit der komplexen und leidbringenden weltpolitischen Realität, der sich viele Individuen ohnmächtig ausgeliefert fühlen, scheint mir das Buch auch 25 Jahre nach seinem Erscheinen ganz auf der Höhe der Zeit zu sein.