Eingeladen hat Marie-Louise niemanden, und doch klingelt ihr »Hausfreund« David, ausgestattet mit Blumen und Champagner, schon vor dem Frühstück. Sie ist noch im Pyjama. Angekündigt hat sich hingegen ihr eineiiger Zwilling, der neuerdings Marius heißt, um gemeinsam den runden Geburtstag zu feiern. Nur kommt er nicht allein. Seine Freundin Olivia weckt allerhand Begehrlichkeiten, und großen Hunger hat sie auch. Die Haushälterin Ivana führt unbemerkt Regie, behält die Ruhe und alles im Blick.
Eine exzentrisch überfüllte Architektenvilla im Wienerwald wird zur Bühne dieser zunehmend schrillen Dinnerparty, die vom Pizzaservice beliefert wird. Die Stimmung ist ebenso angespannt wie erotisch aufgeladen. Es wird laufend nachgeschenkt und vor allem gestritten. Darüber, wie man wurde, was man ist, was gesagt werden darf und zu befürchten wäre und wohin das alles führen kann. Irgendwann fällt ein Schuss. Ob Marie-Luise am nächsten Tag zum Damenschach gehen kann, ist durchaus ungewiss.
Dieser satirische Roman überzeichnet und entlarvt schwungvoll den grotesken Leerlauf der öffentlichen Rede. Eine intelligente, gegenwärtige Komödie in fünf Akten, die auch von den Sehnsüchten ihrer liebenswürdigen Figuren erzählt.
Finn Job wurde am 8. Mai 1995 in Hannover geboren. Nach seinem Abitur zog er nach Berlin und brach allerlei Studiengänge ab, um in Ruhe lesen zu können. Er arbeitet als Kellner und Lektor. Hinterher ist sein erster Roman.
Inspired by the Commedia dell'arte, so traditional Italian theater that is based on types instead of individuals and involves masks, Job's sophomore effort is a satirical chamber play that also pays homage the Austrian folk play à la Ödön von Horváth - it's no coincidence the novel is set in the Vienna woods, much like the classic Geschichten aus dem Wiener Wald. Revolving around the topic of suppressed or failed sexual desire as well as gender identities, the book tells the story of embittered 50-year-old Marie-Luise who invites her twin Marius, a trans man, to a birthday party in her mansion. In a dialogue-heavy ever-evolving extravaganza, the two debate left-wing and right-wing stances on postmodern hot topics, both trying to look behind the other's mask.
Even the architecture reflects the composition around opposites and funhouse mirrors, with Marie-Luise trying to overcome her dead husband's minimalism and replacing it with opulence (her DEAD husband was called THOMAS and we get an intricate flashback with the two visiting VENICE - hello, gay metaphors via Death in Venice by Thomas Mann). Cultural references abound when the three minor characters - Marius' lesbian British girlfriend Olivia; the housekeeper Ivana; and David, a 60-year-old psychiatrist - get involved in discursive cascades that escalate into verbal and physical violence (yes, there's also references to The God of Carnage).
Job stands in the tradition of pop literature, he is an elegant radical and, at 29 years old, a young talent of German-language lit. His work tends to be very over-the-top and fearless. I can't wait to see what he does next.
Finn Job kehrt der Autofiktion den Rücken zu und schreibt weiterhin gut, kurzweilig und vor allem sehr unterhaltsam, unterließe er nur endlich seine schier unerträgliche Bildungshuberei. Ich habe doch längst begriffen, dass er nicht nur jegliche Konzepte der Psychoanalyse durchdrungen, sondern auch sämtliche Werke der klassischen Literatur aufgesogen hat, nebenbei ein wahrer Cineast und beispielloser Kunstkenner ist und generell die Klaviatur des westlichen Bildungskanons wie kaum ein Zweiter beherrscht. Die ständigen Verweise auf die grandes hommes et dames des beaux arts scheinen mir innerhalb der Geschichte einfach keine Funktion zu haben, außer natürlich den Bildungsstand der Protagonisten zu untermauern, aber dazu hätte man nicht zum Exzess greifen müssen - dieser wiederum symbolisiert zwar vordergründig das prätentiöse Wesen der Antihelden, hinter diesem versteckt sich aber eigentlich die Eitelkeit Jobs. Die zahlreichen Referenzen dienen scheinbar lediglich der Selbstvergewisserung eines betont intellektuellen Autoren. An einigen Stellen werden den Charakteren auch etwas zu offensichtlich die Worte des Schriftstellers in den Mund gelegt, sodass ich ihn buchstäblich durch die Zeilen spürte.
Abseits davon hatte ich viel Spaß beim Lesen. Job zeichnet seine Charaktere mit einer mühelosen Finesse und einer wohlwollenden Schonungslosigkeit, sodass ich trotz aller offensichtlichen Verfehlungen und Unannehmlichkeiten eine gewisse Grundsympathie für alle Figuren hegte. Ich genieße dialoglastige Kammerspielszenarien, egal ob Hitchcock oder Familiendrama, und Job versteht es - wie bereits in seinem soliden, aber etwas weniger gelungenen Debütroman Hinterher bewiesen - eine mitreißende Dynamik, eine genuine Sogwirkung zu kreieren, die mich jedes Zeitgefühl verlieren ließ. Keine Ahnung, wie lange die Schicksalsgemeinschaft tatsächlich miteinander verbringt, aber ich wollte einfach nicht, dass dieses Buch endet. Es handelt sich entgegen der Lesart einiger Kritiker meines Erachtens trotz einiger sehr kluger Kommentare nicht um ein außergewöhnlich relevantes Buch, obwohl allerlei gesellschaftspolitische Themen nebenbei verhandelt werden (teilweise etwas holzschnittartig), aber gegen Unterhaltungsliteratur im besten Sinne hatte ich noch nie etwas einzuwenden. Und ich freue mich schon sehr auf zukünftige Theaterinszenierungen
Ich hatte diese Rezension dummerweise bereits verfasst, bevor ich die letzten fünfzehn Seiten las, auf denen die Konstellation ihre ganze Sprengkraft vollständig entfaltet. Ich bin noch unentschlossen, ob ich Jobs Klimax genial oder viel zu dick aufgetragen finde.
Ivana als Harlekin ist selbstverständlich der Star der Geschichte. Eine der schönsten Szenen ist die, in der sie kurzzeitig die vierte Wand durchbricht.
Vergnüglich eskalierendes Kammerspiel im Wienerwald. Guter offener Schluss. Ein Roman voll moderner Themen in nostalgischem Gewand. Für die junge Josefstadt.