"Die resiliente Demokratie braucht kein Feindbild, aber einen starken Sinn für das, was Menschen miteinander verbindet und zusammenhält."
Dass Menschen mitfühlend und solidarisch sein können, bestätigen uns inzwischen die Neurowissenschaften. Dieser sechste, soziale Sinn braucht allerdings auch die Stütze einer entsprechenden «politischen Kultur». In ihrem glänzend geschriebenen Buch zeigen Aleida und Jan Assmann kulturelle Rahmenbedingungen für Gemeinsinn auf und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Stärkung unserer Demokratie.
Die gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Debatten sind von schroffen Alternativen geprä Brauchen wir universale Werte, oder müssen die Eigenarten unterschiedlicher Nationen und Kulturen anerkannt werden? Ist die Linderung von Not eine Sache des zivilgesellschaftlichen Engagements, oder befestigt man damit ungerechte Strukturen, die nur der Staat ändern kann? Aleida und Jan Assmann zeigen, dass solche Fragen falsch gestellt sind. Denn wir brauchen universale Werte und den Respekt vor kollektiven Identitäten. Und zivilgesellschaftliches Engagement ist sehr wohl in der Lage, Strukturen zu verändern. Auf der Spur von Schlüsselbegriffen wie Solidarität, Brüderlichkeit, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Empathie und Respekt und in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Menschenbildern und Beziehungsstrukturen innerhalb und außerhalb Europas bestimmen sie neu, was Gemeinsinn sein kann. Sie fragen nach den Grundlagen einer demokratischen politischen Kultur und zeigen die Wirkungskraft von Gemeinsinn konkret an ermutigenden Beispielen von Schwimmbädern und Stolpersteinen bis hin zu Aufräumaktionen und Tafeln.
Aleida Assmann is a Professor of English Literature and Literary Theory in the Department of Literature, Art and Media at the University of Konstanz in Germany. She has also been a guest lecturer at universities including Rice, Princeton, Yale, and the University of Chicago. She is the author of several German-language books and has received international recognition for her scholarship, including the Max-Planck-Research Prize for History and Memory in 2009 and an Honorary Doctorate from the Theological Faculty at the University of Oslo in 2008.
Nichts gegen das Buch. Wer sich mit dem Thema nicht wirklich beschäftigt hat und sich fragt, wo so viele notwendige und - im Sinne des Gemeinsinns - schöne Verhaltensweisen hin sind, der wird ein paar Fingerzeige auf Zusammenhänge vor allem geistesgeschichtlicher und intellektueller Provenienz finden. Das reicht von Aristoteles über den ausführlich besprochenen Kant bis hin zu Sartre und Ghandi sowie den Gegenparts, vor allem Nietzsche und Schmitt. Persönlich habe ich in den Ausführungen zu Schmitts Grundannahmen und ihren Folgen noch dies und jenes gefunden, an das ich vorher nicht gedacht hatte. Meint, die Ausführungen zum dichotomischen Denken in Freund- Feind- Kategorien und der Bezug auf die philosophiegeschichtliche Diskussion über das Wesen des Menschen (gut oder böse) waren erhellend. Zwar liegt auf der Hand, dass, wer den Menschen wesentlich von Natur aus als "böse" begreift, zur Einhegung des Bösen auf einen starken Staat setzen und damit potentiell zur Diktatur tendieren wird (umgekehrt traut man den "Guten" eher konsensuale Selbstverwaltung im Sinne von "Demokratie" zu), dennoch ist mir erst in diesem Zusammenhang wirklich klar geworden, in welch hohem Maße diese Theoriekonstruktion von Schmitt den Nationalsozialismus entlasten konnte und warum es deshalb immer wieder Schmitt- Renaissancen (verstörenderweise auch auf Seiten der Linken) gab und gibt.
Sonst erschöpft sich das Buch (für mich) in Interpretationen von Bekanntem und zum Teil der von anderen aktuelle Büchern (Oschmann, Mau). Auch der Appendix mit Beispielen sich immer wieder neu durchsetzenden bürgerlichen Engagements im Lichte der Wiederentdeckung von "Gemeinsinn" ist eher entbehrlich. Sei's drum. Was dem Buch aus meiner Perspektive wirklich anzulasten ist, das ist der konsequent geistesgeschichtliche und damit ganz im "Gut-bürgerlich-Akademischen" verbleibende Erklärungshorizont. Trotz der etymologischen Nähe von "Kommunismus" und "sens communis" gibt es keinen Reflex auf die marxistische Diskussion zu Themen wie Vereinzelung, Verdinglichung, Konkurrenz usw. Folgerichtig wird die Rolle der materiellen Produktions- wie Reproduktionsbedingungen von Gesellschaft im Kapitalismus als treibende Kraft der Zerstörung von Gemeinschaft, Solidarität usw. konsequent ausgeblendet. Gegen diese Kräfte können aber die verlorenen oder gefährdeten gesellschaftlichen wie familiären und privaten Bindungskräfte weder der nationalen noch regionaler usw. Gemeinschaften bewahrt oder gar wiederhergestellt werden. Damit bleibt das Buch eine mehr oder weniger gelungene intellektuelle Übung, die realpolitisch folgenlos bleiben muss. Schade drum. Nicht einmal die Rolle des "reinen" Intellektualismus der neuen akademischen Eliten für die Formierung der diversen Identitätsdiskurse, die ebenfalls angerissen werden, wird hier wirklich tiefgründig erfasst. Das steht alles schon woanders genauso oder gelegentlich treffender formuliert. Dieses Manko ist freilich, anders betrachtet, auch eine mögliche Stärke. Wie oben angedeutet, kann es Leser/innen, die sich neu mit dem Themenfeld vertraut machen wollen, einen guten Überblick über vergangene und gegenwärtige Diskussionen bieten. In diesem Sinne bleibt es trotz der formulierten Kritik grundsätzlich empfehlenswert.