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Triumphgemüse

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Chaussee Enthusiastow
Was für ein Jahr: Im Herbst 1999 heimste Jochen Schmidt für seine Geschichte "Harnusch mäht als wärs ein Tanz" einen ersten Preis beim Berliner Open-Mike-Literaturwettbewerb ein, kurz darauf verpasste ihm der Spiegel in einer investigativen Reportage über die literarische Subkultur der Boomtown Berlin das Echtheitszertifikat des "Jungen Wilden". Dabei schaut der Mann so nett vom Klappentextfoto, als wolle er sich bei seiner Schwiegermutter zum Five o'clock tea vorstellen.

Die Geschichten in Schmidts Debüt-Band mit dem wunderbaren Titel Triumphgemüse weisen den Autor eher als Schlitzohr mit Hang zur Melancholie aus. Da sind die elegischen Oderbruch-Erzählungen, die scheinbar aus der Zeit gefallene Landschaften und skurrile Charaktere beschreiben, nur auf den ersten Blick putzige Alte wie den Sensenbauer Harnusch und den ewig grantelnden Herrn Tatziet. Die Geschichten um den Jungschriftsteller Jürgen Riep, eine Friedrichshainer Woody-Allen-Ausgabe, führen uns von den Rändern des neuen Deutschlands in den Berliner Osten. Von Schmidts kometenhaftem Aufstieg in den Literaturbetrieb kann sein literarisches alter ego allerdings nur träumen.

Entsprechend grimmig fallen dessen Witze über die Konkurrenz aus -- neben "Stoffels Terrorbuch" bekommt vor allem die Verfasserin von "Datsche, demnächst", nur halbherzig als "Julia Lehmann" kostümiert, ihr Fett weg. Neid? "Ich bin nicht neidisch, ich bin Jesus Christus, und ich will, dass ihr euch zur Poesie bekehrt: zu Thomas Mann, Thomas Bernhard, Beckett und all den anderen." Schmidt bekennt sich zu seinen Vorbildern, deren Tonfälle er sich scheinbar mühelos anverwandeln kann, ohne die eigene Stimme darüber zu verlieren. Die Schnoddrigkeit des Vortrags ist an den Erfahrungen auf Ostberliner Lesebühnen geschult, wo Schmidt regelmäßig mit seinen Kollegen von der "Chaussee der Enthusiasten" auftritt. Die Kunst, mündliche Sprache, Dialekt und Slang so ins Schriftliche herüberzuholen, dass sie ihren Charme nicht verlieren, versteht Schmidt meisterhaft.

Von der Super-Illu-Ostalgie organisierter Honecker-Lookalike-Partys oder bierseeliger Puhdys-Schunkeleien sind Schmidts traurige Helden meilenweit entfernt -- dennoch bleiben sie eigentümlich fixiert auf jene Ost-Vergangenheit, die, als sie noch graue Wirklichkeit war, niemanden hinter dem Ofen hervorgelockt hätte. Die inzwischen zur Folklore geronnene, ferne Welt ist plötzlich Ziel einer vagen Sehnsucht. Konsequenterweise reist Jürgen Reip in der letzten Geschichte des Bandes nach Moskau, das zerfledderte Russisch-Lehrbuch der siebten Klasse im Gepäck. Dort, zwischen Studentenwohnheim, bröckelnder stalinistischer Zuckerbäckerarchitektur und Gagarin-Denkmal wird ihm bewusst, "dass er inzwischen auf der anderen Seite steht, und nichts dafür geleistet hat".

In Schmidts lässig, wie von einem guten Freund nebenhin erzählten simplen Alltags-Stories erfahren wir mehr über die Brüche des letzten Jahrzehnts als aus einem Regalmeter historischer Monografien. Auf den von der Kritik hartnäckig geforderten ultimativen Wende-Roman können wir, Triumphgemüse lesend, gut und gern verzichten. --Niklas Feldtkamp

246 pages, Paperback

First published August 16, 2000

5 people want to read

About the author

Jochen Schmidt

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Jochen Schmidt ist 1970 in Berlin geboren und lebt dort. Er liest jede Woche in der "Chaussee der Enthusiasten". Er arbeitet auch als Journalist für die "SZ", "FAZ", "taz" und andere.

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