„Du bist selbst schuld an deinem Unglück!“ Ein Einspruch gegen das neoliberale Mantra und ein Manifest kritischen Denkens
Du bist überfordert, weil du deine Zeit nicht richtig planst. Du verdienst nicht genug Geld, weil du nicht hart genug arbeitest. Du bist verantwortlich für die Klimakatastrophe, weil du die Joghurtbecher nicht richtig entsorgst. Du bist selbst an allem schuld! So lautet die Ideologie unserer Zeit. Vorgetragen wird sie von Politikern wie Ökonominnen, Influencern wie der eigenen Familie. Ausgeblendet werden dabei sämtliche gesellschaftlichen Bedingungen. In 13 persönlichen Essays fragen die wie die persönliche Schuld sämtliche Lebensbereiche erobern konnte. Ihr Buch leistet sich den Luxus des Zweifels am scheinbar Selbstverständlichen. Es ist ein Manifest kritischen Denkens für die Gegenwart.
Mit Beiträgen von Christian Baron, Dietmar Dath, Aladin El-Mafaalani, Sebastian Friedrich, Sarah-Lee Heinrich, Özge İnan, Şeyda Kurt, Sophie Lewis, Maximilian Pichl, Anke Stelling, Wolfgang M. Schmitt, Ann-Kristin Tlusty und Matthias Ubl.
Wolfgang M. Schmitt betreibt unter dem Motto »Kino anders gedacht!« seit 2011 Die Filmanalyse auf YouTube. Mit Ole Nymoen spricht er in ihrem gemeinsamen Podcast Wohlstand für Alle über Geld sowie ökonomische Ideengeschichte und politische Ökonomie.
Großartige Sammlung sehr informativer und zum Nachdenken anregender Texte über (individuelle) Schuld und ob es die so überhaupt geben kann.
Wir haben viele Dinge gelernt, von denen wir glauben, dass sie in Stein gemeißelt sind.
Sei es unser Rechtssystem, das Denken in Generationen, wie sexualisierte Gewalt aussieht und wer da wie Schuld hat oder dass wir alle durch individuelle Lebens- und Kaufentscheidungen die Klimakatastrophe aufhalten können.
Die Themen in dieser Anthologie sind vielfältig, die Schreibenden zeigen Haltung, manche Texte sind schön bissig. Ich mag das persönlich sehr und habe mir super viel markiert.
Gut, der ein oder andere Beitrag kreist vielleicht etwas zu sehr um die schreibende Person selbst oder ist weniger zugänglich, aber im Großen und Ganzen habe ich sehr viel mitgenommen. Das Buch lohnt sich.
5 Sterne sind sehr viel und ich bin in letzter Zeit durchaus großzügig mit den Sternen, aber bei einer Essay-Sammlung ist das ja so eine Sache. Es gibt in dem Band einige Beiträge, die wirr geschrieben sind, weil das Thema zu groß für 20 Seiten ist (Sophie Lewis), Beiträge, die ziellos, aber schön zu lesen sind (Seyda Kurt), und Beiträge, die ein bisschen gestelzt sind (Aladin El-Mafaalani). All das wird aber mühelos wettgemacht von den wunderbaren, klar argumentierenden, lustigen und (nicht im abgeschmackten Sinne) tief menschlichen Beiträgen von Wolfgang M. Schmitt, Anke Stelling und Christian Baron. Allein dafür lohnt es sich sehr, dieses Buch zu lesen und nochmal zu lesen.
Spanender Sammelband zur politischen Agenda der Vereinzelung und der Schuldzuschreibung gegenüber dem*der Einzelnen. Insgesamt wurden 13 Themen von verschiedenen Autor*innen beleuchtet. Dementsprechend unterschiedlich sind die Essays. Besonders erkenntnisreich für mich waren die Essays über Generationen und Recht, auch den zu Klima fand ich sehr gut. Berührend fand ich den über Armut. Fast schon gewohnt wirr war der Beitrag von Sophie Lewis über Familie. Mir hätten noch Beiträge über Rassismus, Arbeit, Stress gefallen - vielleicht Anregungen für einen zweiten Band.
Augenöffnende Anthologie zum Thema „Schuld“. Im Rahmen verschiedener Unterthemen, die als Blickwinkel dienen, wird Schuld analysiert. Manche mochte ich mehr, manche weniger, was auch daran liegt dass ich ein paar wohl nicht ganz verstanden habe. Da jeder Essay von einer anderen Person geschrieben ist, stößt man so auf neue Autor*innen/ Essayist*innen mit denen man sich in Zukunft mehr beschäftigen möchte. Oftmals ging es, grobgesagt, um folgende Kette: Kapitalismus, spezifischer Neoliberalismus-> Individualismus -> Selbstverantwortung -> „Schuld“. Besonders spannend fande ich die Analysen und persönliche Erzählungen zur Schuldgefühlen bei sowohl Armut als auch Arbeitslosigkeit. Und wie diese aktiv vermittelt werden. In gewisser Weise finde ich das Buch auch befreiend. Die neoliberale Ideologie mit ihren falschen Versprechen zu kritisieren und den Blick weg vom Individuum- hin zum System zu wenden erleichtert den Leistungsdruck. Ich kann es jedem ans Herz legen, insbesondere falls man sich für soziologische/politische/gesellschaftliche Themen interessiert !
In 13 Essays wird der Argumentationsfigur "Selbst Schuld" kritisch auf den Grund gegangen. Bsp. betrachtet Özge İnan die Geschichte der Schuldfrage bei sexueller Gewalt aus einer juristischen Perspektive (so wird bspw. bei kaum einer anderen Straftat die Schuld auch bei dem Opfer gesucht). Wolfgang M. Schmitt schreibt über die vermeintliche Schuld gegenüber dem Nationalstaat und die Wehrpflicht. Matthias Ubl befasst sich mit der falschen Zuschreibung von Schuld an Generationen (deren Konzept generell kritisiert wird). Weitere Themen sind Klimawandel (Existenz-, Konsum- & Systemschuld), soziale Ungleichheit, die Pandemie etc. Insgesamt gibt es jedoch einige Punkte die (zwangsläufig?) wiederholt ausgeführt werden, bspw. die Idee der Protestantischen Arbeitsethik von Weber. Die Texte reichen von privaten Erzählungen (oft angereichert mit theoretischen Ausführungen - wie der Essay zu Instagram) bis hin zu abstrakten Argumentationsgängen (bspw. der Text von Dietmar Dath). Das Buch lässt sich recht gut lesen (wenn man sich einmal darauf eingestellt hat, in wenigen Seiten viele verschiedene Gedankengänge zu verschiedensten Themen nachzuvollziehen). Je nach Interessen können einige Essays aber zu theoretisch oder auch zu profan wirken. Wenn man nicht den Anspruch hat alle 251 Seiten gefesselt verschlingen zu wollen, sind aber sicherlich für jeden einige interessante Ansätze und Argumente mitzunehmen.
Das Buch ist für mich persönlich zum perfekten Zeitpunkt erschienen, da mich das Thema gerade auch sehr beschäftigt. Finde die Idee und Umsetzung absolut gelungen. Die Texte haben so viele Themen abgedeckt, was einerseits toll ist, um sich von unterschiedlichen Seiten mit "Schuld" im Kapitalismus auseinander zu setzen, andererseits hätte ich von vielen Essays auch gerne noch mehr Seiten gelesen. Klar, manche Kapitel haben mich nicht so abgeholt, aber selbst die waren inhaltlich top. Absolutes Highlight war das Kapitel von Wolfgang, der seine pointierte Kritik mit persönlichen Erlebnissen verbindet und so sehr menschlich und eindrucksvoll macht. (Hat nur meine epub Ausgabe von netgalley kein Inhaltsverzeichnis gehabt? Das brauche ich nämlich dringend)
Anthologien lesen ist ja immer so ne Sache, aber die hier argumentiert meist sehr klar und hat, find ich, eine tolle Auswahl von Autor*innen. Erwartbare Highlights: Özge İnan zu sexualisierter Gewalt und Dietmar Dath zur Alltagstheologie; andere Texte, die am meisten in mir auslösten: Christian Baron zu Armut und Anke Stelling zu Gesundheit. Uneingeschränkte Empfehlung!
Klassischer Fall von 3,5 Sterne; einige gute bis sehr gute Texte, paar so lala, vereinzelt eher schlechte. Roter Faden des Buches ist wirklich sehr lose, zT wenig bis keine Auseinandersetzung mit Schuld-Begriff, aber all in all genügend kluge Texte für positiven Gesamteindruck.
Ich finde es sehr schwierig die Essaysammlung im gesamten zu bewerten und hätte wirklich gerne 4 Sterne gegeben, weil sehr viele Essays sehr lesenswert sind. Allerdings gibt es dann doch vereinzelte, die ich wieder rum nur sehr ungern gelesen habe und welche die ich mittelmäßig bis gut fand, was der GroßTeil war. Insgesamt möchte ich das Buch aber dennoch auf jeden Fall weiterempfehlen, weil jeder Essay einen wichtigen Denkanstoß gibt. Nur zu den 4 Sternen konnte ich mich leider nicht durchringen.
"Selbst schuld" (2024) ist eine von Ann-Kristin Tlusty und Wolfgang M. Schmitt herausgegebene Anthologie zum Thema Schuld. Schuld bedeutet individuelle Vorwerfbarkeit. Sie ist eng verknüpft mit neoliberaler Individualisierung, die Scheitern als Ausdruck persönlichen Versagens begreift. Gesellschaftliche Schuldzuweisungen werden internalisiert und führen zu Selbstdisziplinierung, Vereinzelung und Entpolitisierung. Ein Beispiel ist der durch eine Werbekampagne des Ölkonzerns BP bekannt gewordene ökologische Fußabdruck, der individuelle Konsumentscheidungen für den Klimawandel verantwortlich macht und so Politik und Unternehmen entlastet.
Diesen interessanten Grundgedanken beleuchten die Autor*innen für verschiedene Bereiche, etwa das Strafrecht, den Klimawandel, Generationenkonflikte oder sexualisierte Gewalt. Einige sehr fundierte Texte beleuchten Klassismus, Armut und soziale Ungleichheit. Sie beschreiben, wie die Illusion von Leistungsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu schwindender gesellschaftlicher Solidarität führt. So dient die Idee der Meritokratie dazu, bestehende Ungleichheiten zu legitimieren und privilegierte Personen psychologisch und gesellschaftlich zu entlasten.
Dass das Buch recht wenig auf ideengeschichtliche Hintergründe des Schuldkonzepts eingeht, sehe ich als eine Stärke. Dadurch ist es sehr zugänglich. Manche Texte haben mich allerdings irritiert, etwa wenn Schmitt über den Nationalstaat schreibt. Seine zentrale These, Bürger*innen seien dem Staat nichts schuldig, ist zwar irgendwie sympathisch. Aber was folgt daraus für einen Sozialstaat und eine solidarische Gesellschaft? Umso befremdlicher ist, dass Schmitt von Aufenthalten in Luxushotels, Champagnerkonsum und - relativ zusammenhanglos - Urlaubsflirts erzählt. Ist das der "linke[...] Hedonismus" (S. 211), den er fordert? Und wie genau soll der gesellschaftlich funktionieren?
Während ich zu Beginn begeistert war, kann ich das Buch insgesamt nur mit Einschränkungen empfehlen. Da es aber ja nicht schaden kann, sich auch mal über Texte zu ärgern und so seine eigenen Positionen zu schärfen, würde ich sagen: Die vielen sehr interessanten Beiträge rechtfertigen dennoch eine Empfehlung.
Ein wichtiger Debattenanstoß, der hoffentlich ein wenig Nachhall erzeugt. Die einzelnen Texte sind zwischen zehn und zwanzig Seiten lang, es handelt sich also nicht um tiefgreifende Analysen, sondern eher um Einführungen in die verschiedenen Themenbereiche (Armut, Familie, Recht, sexualisierte Gewalt und weitere). Von literarischem Essay über Erfahrungsbericht bis hin zu analytischen Texten finden sich verschiedene Ansätze, in die Themen einzuführen oder einen Bogen zu spannen, um eine Kernthese zu etablieren. Die besten Texte sind von Maximilian Pichl (Recht), Dietmar Dath (Alltagstheologie), Anke Stelling (Gesundheit) und, für mich das Highlight des Buches, der Beitrag über den Nationalstaat von Wolfgang M. Schmitt.
»I feel guilt, I feel guilt Though I know l've done no wrong, I feel guilt« Marianne Faithfull, Guilt
"Ideologien stellen Modelle dar, mit deren Hilfe wir uns die soziale Welt erklären: Sie vereinfachen und bieten im besten Fall Orientierung. Sie bergen aber auch die Gefahr, Aspekte dieser Welt auszublenden oder zu verzerren."
„Arm, unglücklich, erschöpft? Dann mangelt es wohl am richtigen Mindset, am Willen, an ausreichend Disziplin. Kurz gefasst: selbst schuld."
"Viele sozialwissenschaftliche Untersuchungen legen mittlerweile nahe, dass es so etwas wie Generationen empirisch gar nicht gibt. Das heißt, dass der Zeitpunkt unserer Geburt keine signifikanten Auswirkungen auf unsere Einstellungen hat, sondern dass unser Denken und Handeln vielmehr von diversen anderen Faktoren beeinflusst wird."
"Dieses Abrackern betrifft längst nicht mehr allein die bezahlte Lohnarbeit. In nahezu allen Lebensbereichen ist gefragt, was der Soziologe Andreas Reckwitz als »investive Statusarbeit« bezeichnet: Permanent müssen Leistungen erbracht werden, die die eigene soziale Position optimieren. Die Sprachlern-App, die Yogastunde, der ETF-Ratgeber und die Therapiesitzung: All das ist, zumindest in manchen Milieus, Teil der ununterbrochenen Arbeit am eigenen sozialen Status, eine Investition in sich selbst."
"Erwerbslosigkeit mit Faulheit gleichzusetzen ignoriert die zahlreichen Gründe, aus denen Menschen keiner Arbeit nachgehen. Natürlich wird es dabei Menschen geben, die Grundsicherung beziehen, weil sie schlicht keine Lust auf Erwerbsarbeit haben. Es geht nicht darum, diesen Fakt zu leugnen. Sondern darum, ihn ins Verhältnis zu anderen Fakten zu setzen: Jede:r vierte:r Bürgergeldempfängerin ist ein Kind. Weit über die Hälfte der sogenannten erwerbsfähigen Leistungsbezieherinnen steht »dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung«, weil sie studiert, zur Schule geht, Angehörige pflegt und kleine Kinder großzieht. Viele Menschen beziehen Grundsicherung, weil sie chronisch krank sind oder mit psychischen Leiden zu kämpfen haben, weil sie nicht arbeiten dürfen oder können - oder weil sie zwar arbeiten, aber nicht ausreichend verdienen."
"Und da wird eine Frau nun mal schneller zur Zielscheibe, je leichter sie bekleidet ist. Oder? In dieser Annahme, die die meisten hinnehmen wie ein Naturgesetz, versteckt sich ein brandgefährliches Narrativ: Die Vergewaltigung wird als Sexualakt und letztlich triebgesteuerte Tat eingeordnet, als gewaltsame Form der Sexualität statt als sexualisierte Form der Gewalt."
"Prominente Künstler etwa, denen Ex-Partnerinnen missbräuchliches, aber nicht nachweisbares Verhalten vorwerfen, einfach weiter zu unterstützen und zu feiern, ihnen Rollen und Bühnen und Mikrofone zu bieten, perpetuiert letztlich die atale Gesetzlosigkeit des mächtigen Mannes."
"Dass zu Sexualität ein sicherer Rahmen gehört, in dem ein Nein für sich stehen darf, ohne dass es der andere hinterfragt, schmollt oder sich angegriffen fühlt. Schützend kann außerdem ein Bewusstsein über traditionell-männliche Egos wirken, über die Gefahr, die von ihnen ausgehen kann, wenn sie verletzt werden. Es gehört die Ermutigung aller Menschen dazu ihre Grenzen lieber einmal zu viel aufzuzeigen als einmal zu wenig.“
"Kommende Generationen sollen so oft hören, dass bei sexualisierter Gewalt der Täter und nur der Täter Schuld hat, »Ja, aber ...« ist, sondern »Wer sonst?«."
"Die Regel ist klar: Wenn das Familienleben dich nicht erfüllt, bist du das Problem, nicht die Familie."
"Ich denke über die scharfsinnige Kapitalismuskritik nach, in meinem Kopf zeichne ich Pfeile und Stichpunkte, die sich zu einem bahnbrechenden Argument reihen: Kapitalismus → Individualismus → Zerstreuung / Selbstvermarktung im Internet → Aufstiegsversprechen durch soziale Kontakte → Sucht → Schuld. Und das in einem Kreisdiagramm. Oder so."
"Selbst eine Person, die in Armut lebt, kein Auto besitzt und nicht fliegt, liegt mit ihrem ökologischen Fußabdruck weiter über dem Zielwert von zwei Tonnen pro Jahr. Dies alles zeigt, wie eingeschränkt Appelle an einen ethischen Konsum sind. Es ist durchaus sinnvoll, über den eigenen Konsum, den persönlichen Einfluss auf Klimawandel und Umweltzerstörung nachzudenken und das eigene Handeln in Richtung eines ressourcenschonenden Daseins anzupassen. Eine Perspektive für grundlegende Veränderungen bietet der verengte Fokus auf den eigenen Bauchnabel allerdings sicher nicht."
"Der eine findet sein Glück im täglichen Konsum der ihm schmackhaft gemachten Waren, während die andere ein frugales Leben führt. Der Beitrag beider Lebensstile zum Klimawandel und zur Naturzerstörung ist, global betrachtet, nahezu identisch."
„Selbst schuld!“ ist ein Essayband, der sich mit dem immer präsenter werdenden Druck auf das Individuum auseinandersetzt, Verantwortung und Schuld für gesellschaftliche Krisen zu übernehmen. Die Herausgeber:innen Wolfgang M. Schmitt und Ann-Kristin Tlusty gehören zu den aufstrebenden Stimmen der aktuellen Kulturkritik: Schmitt ist bekannt durch seinen Youtube-Kanal Die Filmanalyse und den wirtschaftskritischen Podcast Wohlstand für alle, Tlusty arbeitet als Kultur- und Redaktionswissenschaftlerin bei Zeit Online und hat bereits eigene Essays veröffentlicht. Sie haben für diesen Band dreizehn Autor:innen eingeladen, die in persönlichen Essays über soziale Schuldzuschreibungen und gesellschaftliche Missstände schreiben.
Worum geht's?
Die Essays widmen sich der Frage, warum das Individuum immer wieder die Schuld für gesellschaftliche Probleme tragen soll, die in Wahrheit systembedingt sind. Ob Klimawandel, Armut oder soziale Gerechtigkeit – immer öfter wird suggeriert, dass einzelne Menschen ihre Probleme nur durch Eigenverantwortung lösen könnten. Die Autor:innen gehen darauf ein, wie das neoliberale System das Individuum zum Sündenbock macht, um von strukturellen Ursachen abzulenken. Die Beiträge reichen von sachlichen Analysen über autobiografische Berichte bis hin zu Essays mit ironischen Untertönen. Ein Beispiel ist das Vorwort, in dem bereits deutlich wird, wie der „Schuldvorwurf“ als Instrument genutzt wird: Statt das System zu hinterfragen, wird Schuld auf Streikende, Betroffene sexualisierter Gewalt oder den Klimaschutz übertragen. Ein wichtiges Thema ist auch, wie sich Scham und Schuld zu einer sozialen Kontrolle verbinden und die Eigenverantwortung dem Gemeinwohl entgegenstellt.
Meine Meinung
Als große Liebhaberin von Essaybänden, besonders wenn sie aktuelle und sozialkritische Themen ansprechen, hat mich "Selbst schuld!" sofort angesprochen, und meine Erwartungen wurden wieder einmal mehr nicht enttäuscht. Essays wie „Aufstiegsgeschichten“ von Sarah-Lee Heinrich, „Recht“ von Maximilian Pichl und „Instagram“ von Şeyda Kurt bieten spannende Perspektiven auf die Frage, wie gesellschaftliche Strukturen und ihre Missstände Menschen subtil zur Selbstbeschuldigung drängen. Besonders gefallen haben mir die abwechslungsreichen Formate und der Ansatz, Themen mal sachlich-analytisch und mal autobiografisch-persönlich zu behandeln, was dem Essayband eine schöne Vielfalt verleiht.
Die Texte zeigen, wie tief verankert die neoliberale Überzeugung ist, dass jede:r das eigene Glück schmieden kann, und wie diese Ideologie Probleme wie Armut und Ungleichheit ignoriert oder sogar auf die Betroffenen selbst projiziert. Das Vorwort bringt dies hervorragend auf den Punkt, wenn es aufzeigt, wie bequem es ist, wenn Einzelne die Verantwortung übernehmen sollen – anstatt das System infrage zu stellen. Mich hat der Band in vielen Themen neu sensibilisiert, besonders im Hinblick auf Klassismus, den ich bisher nicht im Detail betrachtet hatte. Einzige kleine Schwäche: Einige Essays hätten einheitlich gegendert sein können, da das teils uneinheitlich gehandhabt wird, was den Lesefluss stört. Dennoch verstehe ich, dass hier die persönliche Schreibweise der Autor:innen Vorrang hatte. Und natürlich sprechen einen manche Beiträge mehr an als andere. So waren bspw. meine Highlights die Beiträge von Sarah-Lee Heinrich ("Aufstiegsgeschichten"), Maximilian Pichl ("Recht"), Özge İnan ("Sexualisierte Gewalt") Sophie Lewis ("Familie"), Şeyda Kurt ("Instagram") und Sebastian Friedrich ("Klima").
Fazit
"Selbst schuld!" ist ein hochaktueller und reflektierter Essayband, der wichtige Fragen stellt und deutlich macht, dass gesellschaftliche Verantwortung nicht allein bei den Einzelnen liegen kann. Eine klare Empfehlung für alle, die sich kritisch mit den Mechanismen der Schuldzuschreibung und dem Einfluss des Neoliberalismus auseinandersetzen möchten. 4,5 von 5 Sternen.
Bei eine Essaysammlung ist die Bewertung nicht leicht, besonders wenn sie so unterschiedlich sind wie hier, obwohl sie thematisch gut zusammenpassen. Bei einigen musste ich mich etwas zwingen, sie zu Ende zu lesen, aber andere waren umso besser, voller Denkanstöße und interessanter Ideen und Ansichten.
Zum einen der Aufsatz von Christian Baron "Armut", in dem er analysiert, warum die Arbeiterklasse die für sie nachteiligen Umstände hinnimmt, nämlich weil sie die kapitalistische Produktionsweise als Naturgesetz akzeptiert hat. Vor dem Hintergrund lässt sich gut verstehen, warum gerade diejenigen, die harten körperlichen Arbeiten nachgehen, es trotz erheblicher Produktionssteigerungen für unlogisch halten, dass die Vier-Tage-Woche gefordert wird. Dass sich eine moralische Ökonomie etabliert hat, in der Armut als gesellschaftsschädliches Verhalten gilt, was dann als Rechtfertigung dient, das menschenwürdige Existenzminimum kürzen zu dürfen. Obwohl es eine ureigene Aufgabe des Staates ist, Armut zu beseitigen und er einen Teil seiner Daseinsberechtigung verliert, wenn er diese Aufgabe nicht erfüllt. Allerdings ist der Staat inzwischen so weit zum Selbstzweck verkommen, dass das nicht mehr hinterfragt wird. Außerdem täuscht er geschickt darüber hinweg, dass er diese Aufgabe nicht erfüllt, indem er bedeutungslose Preise auslobt, für Menschen, die sich besonders dafür einsetzen, den Armen zu helfen. Natürlich ist es gut, wenn z.B. Spenden gesammelt werden, damit Kinder in armen Familien Schulsachen bekommen, aber warum ist das überhaupt erforderlich? Erinnert mich etwas an die Orphan-Crushing Machine. Für mich trifft Baron mit der Aussage ins Schwarze, dass es egal ist, ob jemand die Schuld an seiner Armut trägt, wichtiger ist, dass der Staat ihm seine menschenwürdige Existenz sichert.
Auch der Aufsatz von Ann-Kristin Tlusty "Faulheit" hat mir sehr gefallen. Sie behandelt den protestantischen Arbeitsethos, weil darin protestantische Werte wie Sparsamkeit, rastlose Strebsamkeit, Verachtung von Trägheit u.s.w. auf die kapitalistische Wirtschaftsweise übertragen wurden und so ein endloses Streben und Arbeiten zur Norm wurde. Der Mensch lebt darin nicht, um zu leben, er arbeitet nicht einmal, um zu leben, sondern er lebt, um zu arbeiten und wer das nicht tut, verliert logischerweise sein Recht zu existieren. Und wer nichts hat, wer arm ist, der hat das verdient. Davon geht zumindest die Mehrheit in einer Meritokratie aus, in der die Herrschenden herrschen, weil sie es sich durch Leistung verdient haben. Dass Kinder nicht zu Leistung in diesem Sinne fähig sind und ihre Armut damit nicht selbst verdient haben, kann übergangen werden. Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und vielleicht haben sie es ja mittelbar verdient, weil eben ihre Eltern nicht zu den Leistungsträgern™ unserer Gesellschaft zählen.
Das lesenswerte Essay von Alladin El-Mafaalani "Soziale Ungleichheit" trifft ähnliche Aussagen.
Sebastian Friedrich geht in seinem Essay "Klima" auf die titelgebende Problematik ein und zeigt auf, dass der Klimawandel sich nicht als individuelles Problem lösen lässt, sondern es systemische Ansätze braucht. Die Schuld wird aber gern beim Einzelnen gesucht, weil zum einen im Neoliberalismus die Eigenverantwortung schon immer betont wird, sowie dass jeder Einzelne für das Ganze verantwortlich ist, das Ganze aber nicht für den Einzelnen und zum anderen diejenigen, die den Klimawandel am stärksten vorantreiben, so nunmal ihr Geld verdienen und sich das nicht nehmen lassen wollen.
Das letzte Essay stammt von Dietmar Dath "Alltagstheologie" und war, wenn auch etwas schwerer verständlich, ein guter Abschluss.
Insgesamt kann ich das Buch empfehlen und das als jemand, der selten Essaysammlungen liest.
'Selbst schuld' ist ein hochaktueller, sozialkritischer und vielseitiger Essay-Band. Die Autor*innen der Beiträge verstehen durch die Bank ihr Handwerk. Sie reflektieren die Themen Schuldzuweisung und Vereinzelung mal angriffslustig, mal humorvoll, jedoch immer mit viel Haltung, aus unterschiedlichen Perspektiven und argumentativ absolut überzeugend. Ich mochte die unterschiedlichen Tiefen und Stile, die die Texte bieten, sehr. Sie lockern die Lektüre ungemein auf und machen die Gedanken einer breiten Leserschaft zugänglich. Meine persönlichen Highlights waren die Essays von Anke Stelling und Wolfgang M. Schmitt. Letzterer hat mit seinem Beitrag über den Nationalstaat den besten Text verfasst, den ich im kompletten Jahr 2024 gelesen habe. Es lohnt sich alleine für diesen, die Anthologie zu kaufen!
eine gelungene auswahl an texten, bei der man tatsächlich auch mal einen roten faden erkennt. obwohl sie alle unterschiedliche gesellschaftliche themen aufgreifen, ist die frage oder das gefühl nach schuld das latent verbindende element. zwar sind nicht alle gleich gut, aber okay. dafür sind sie aber alle sowohl thematisch als auch inhaltlich in ihren verweisen auf andere publikationen, ereignisse und diskussionen hochaktuell. es ist kein erneuter aufwasch, bei dem man sich ein paar texte zusammengesucht hat. zumindest wirkt es so.
Es ist essenziell, der modernen Leistungsgesellschaft kritisch gegenüberzustehen, da sie nicht nur die vermeintlichen Gewinner der Akademikerklasse, sondern auch die Verlierer der Arbeiterklasse belastet. In diesem Kontext finde ich die Analysen von Michael Sandel sehr treffend, auch wenn die Verbesserungsvorschläge in seinem Buch Vom Ende des Gemeinwohls eher kurz greifen.
Eine ähnliche Kritik an der Leistungsgesellschaft habe ich im Buch Selbst Schuld sehr geschätzt, insbesondere die Beiträge von Sarah-Lee Heinrich, Matthias Ubl, Şeyda Kurt und Anke Stelling. Vielen Dank!
Das Buch hat mir recht gut gefallen. Die Texte von Baron, Inan, Friedrich und natürlich WMS waren wirklich gute und interessante philosophische Abhandlungen über Schuldideologie im Kapitalismus. Die anderen Texte erschienen mir eher mittelmäßig, teils repetitiv (wenn man andere Werke kennt), teils wurden originelle Aspekte von Schuld angeschnitten, jedoch eher stümperhaft und wirr ausgearbeitet. Aber alles in allem war es schön zu lesen.
Alle Essays waren verschieden und haben auch verschiedenes ausgelöst. Besonders berührt hat mich der Text von Sarah- Lee Heinrich und sehr hängengeblieben sind mir die Essays zu Klima, Nationalstaat und Gesundheit. Befreiend fand ich die sich durchziehende Systemkritik und die Erkenntnis, das Schuld ein Mittel zum regieren ist aber ich mich nach lesen des Buchen auch nicht schuldig fühlen muss mich manchmal schuldig zu fühlen
Ich störe mich daran, dass Menschen keine Empathie oder Unterstützung zuteil wird, sobald man selbst Schuld sei. Das Buch beleuchtet, wie weit unsere Entscheidungen aber von den (meist politischen) Umständen abhängen. Die Themenauswahl finde ich gut getroffen. Nicht alle Essays sind leicht zugänglich, ich konnte aber aus jedem Essay für mich etwas mitnehmen.
solide anthologie. hat für mich jetzt ehrlich gesagt nichts weltbewegend neues geboten bzw. neue denkanstöße gebracht, aber hey, letztlich geht’s doch darum, dass der diskurs auch nach twitter fortgesetzt wird.