Es fühlt sich etwas komisch an, über so ein Buch wie über irgendeinen Roman zu urteilen. Trotzdem ein paar kurze Worte, da dieses Buch nicht einfach mit einer Sterne-Bewertung abgehakt werden sollte:
Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer beschreibt in ihrer Autobiografie sehr eindrücklich ihr Leben im Untergrund des nationalsozialistischen Berlins. Sie erzählt vom alltäglichen Terror, von der ständigen Flucht, dem Herumirren auf der Suche nach einem Obacht für wenigstens ein paar Nächte, der Angst, wem man vertrauen kann, dem Ausnutzen ihrer Not, aber auch von Hilfsbereitschaft von Fremden. Sie erzählt von der Einsamkeit, ihren Schulgefühlen gegenüber ihrer deportierten Familie, und von ihrem kaum zu fassenden Mut.
Was diese Autobiografie enorm greifbar macht, ist die alltägliche stückweise Zunahme der Repressionen gegen Jüdinnen und Juden, die dann im Zivilisationsbruch der Shoah münden, und die gleichzeitig schier fehlende Vorstellungskraft dafür, dass so etwas, was dann wirklich geschah, überhaupt geschehen konnte. Kurz vor Ende des Kriegs, als Margot Friedländer, inzwischen nach Theresienstadt deportiert, die aufgrund der nahenden sowjetischen Truppen aus Auschwitz verlegten Häftlinge sieht, zeigen sich endgültig die ganzen Ausmaße des Grauens: „Menschen, die keine Menschen mehr waren. Viele waren schon tot, aber die Toten waren kaum von den Lebenden zu unterscheiden. Die Augen lagen tief in den Höhlen, die Wangen waren eingefallen. Nur die Nasen stachen spitz aus den Gesichtern hervor. Die Menschen trugen eine Art gestreifter Pyjamas, aber meist waren es nur noch Lumpen, von den nackten Schultern hingen Stofffetzen, die irgendwann einmal Jacken gewesen waren. Anstelle von Schuhen trugen sie Holzpantinen. Kaum jemand hatte ein ganzes Paar Schuhe. Die meisten hatten nur einen, manche gar keinen an. Viele hatten Ödeme in den Beinen, die dadurch so dick angeschwollen waren wie Elefantenbeine, anderen waren nur noch Gerippe. Etwas fiel mir in die Arme, ein Mensch, so schwach, dass ich ihn tragen musste. Er war federleicht.“
Was in diesem Moment auch klar wird, ist, dass Margot Friedländer ihre Mutter und ihren kleinen Bruder nie wieder sehen wird.
Unbedingte Leseempfehlung.