„Wie lange noch? Ich bin müde.“
Dieser Satz ist so treffend – leider nicht nur für das Sterben, das Arno Geiger in Die Reise nach Laredo beschreibt, sondern auch für das Leseerlebnis selbst. Schon früh wird klar, worauf dieser Roman hinauswill: nüchterne, essayistische Verallgemeinerungen, die jede Alltagsbeobachtungen sofort ins Allgemeine ziehen, etwa: „Er fühlt sich jetzt besser als in der Früh, es hat damit zu tun, dass ein Mensch, wenn er gebadet ist, für einige Zeit von sich eine bessere Meinung hat.“ Das mag gedanklich geschniegelt wirken, bleibt aber auffallend austauschbar und zunehmend platt.
“Er hörte einen einzelnen Frosch, ein trübes, in die Länge gezogenes Quaken, das der Sinnlosigkeit des Quakens Ausdruck gab, ein zeitloses Quaken, kalt, trist und grausam.” Aja.
Karl V. denkt hier nicht wie ein Mensch des 16. Jahrhunderts, sondern wie ein moderner Feuilletonessayist: „Karl senkt den Blick, er sieht in seinem Schoß die gichtigen Hände und stellt so die eigene Anwesenheit wieder her. Wer solche Hände hat, der existiert.“ Spätestens bei Sätzen wie „dass Wahrheit und Schönheit oft nichts miteinander zu tun haben. Schönheit ist selten wahr und Wahrheit selten schön. Leider.“ wird aus innerer Verdichtung eine Abfolge von Plattitüden. An anderer Stelle fühlt Karl V. sich “wie ein Brot, das ins Wasser fällt”, da dachte ich kurz, hier hat aber eine KI ein bisschen übertrieben.
Historisch bleibt der Roman erstaunlich leer, erzählerisch passiert fast nichts, Figuren entwickeln sich nicht, alles wabert gedanklich vor sich hin. Viel Reflexion, wenig Substanz, keinerlei historischer Halt. Gar keine Atmosphäre. So bleibt ein ästhetisch geschniegelt formulierter, aber inhaltlich unglaubwürdiger Text, der weder seiner Figur noch seiner Zeit gerecht wird.
Ein sensibler Roman über das Sterben, habe ich in einigen Rezensionen gelesen. Für mich vor allem ein ermüdendes Gedankenkreisen, das sich selbst genügt.
Hier noch ein längeres Zitat, das für mich fantastisch stellvertretend für das ganze Buch steht:
“Die beiden tanzten, jeder für sich. Angelita bewegte sich sanft und fließend, den Blick gesenkt, versunken in ihr Tanzen. Schon nach wenigen Sekunden, so kam es Karl vor, nahm sie niemanden mehr wahr, nur manchmal hob sie kurz den Kopf, sah Geronimo an und lächelte. Auch Geronimo sah nichts und niemanden — außer Angelita. Seine Aufmerksamkeit galt allein ihr. Zu Beginn tanzte Geronimo etwas schneller als das Mädchen, doch bald glichen sich ihre Bewegungen an. Es lag etwas Besonderes darin, wie vertraut die beiden miteinander umgingen, für alle sichtbar: dass diese Freundschaft etwas Besonderes war. Karl beobachtete die beiden. Die Schönheit der Tanzenden weckte in ihm ein helles Gefühl, zugleich empfand er Trauer. Es hatte nicht nur mit der Schönheit der Jugend zu tun, vor allem schmerzte ihn die Gabe der beiden, ganz bei sich zu sein, ganz im Moment. Die Freiheit, alles ringsum vergessen zu dürfen — die hatte Karl nie gehabt. Und dieses unbeschwert Körperliche … die beiden schienen ganz eins damit. Hatte er ebenfalls nie gehabt. Wie versunken sie tanzten, versunken oder enthoben, egal, diese Freiheit … rundherum existierte nichts, alles war unerheblich, kein Morgen, kein Gestern, nur der Augenblick. Karl sagte sich: So war ich nie, so frei, so unabhängig. Vielleicht könnte ich’s jetzt, für einige Augenblicke, für drei Tage, das wäre immerhin etwas. Kann man Unbeschwertheit lernen? Wird man so geboren? Ich weiß es nicht. Aber mit Sicherheit darf man nicht unbeschwert sein, wenn man König ist. Als Wirt vielleicht, aber nicht als König. Jetzt als alter Mann? Alles um mich herum vergessen? Will ich das? Wäre das gut? Will ich tanzen oder kotzen?”
(Auflösung: Kotzen. Ich will kotzen.)