Auf dieses Buch hab ich mich viel zu lange so doll gefreut. Immer wieder ist es vom Bücher Stapel gerutscht. Aber das hatte alles seinen Sinn, denn es wollte in einer Woche gelesen werden, in der viel Schnee und Eis in der Luft lag. Welches Wetter eignet sich besser dazu, um in den Alpen des 19. Jahrhunderts in einem abgelegenen Dorf einer freiheitsliebende Frau beim Frieren und Kämpfen zur Seite zu stehen?
Theres ist das einzig überlebende Kind des Lachermeyer Bauern. Auch die Mutter muss sie beerdigen und so kann man sich denken, wie früh sie Verantwortung für Tätigkeiten übernehmen muss, für die sie eigentlich noch zu jung ist. Aber sie fügt sich nicht in ihr Schicksal, sondern träumt von der Freiheit, vom Fliegen und vom Anders sein. Es gibt keinen Platz für diese Gedanken in dem Tiroler Bergdorf. Schon früh ist geregelt, dass sie den Leopold, ihren besten Freund heiraten soll, damit die beiden Höfe eine Einheit bilden. Doch dann taucht Xaver auf und zerstört die Zukunftspläne der Väter. Seine vermeintliche Weltgewandtheit übt einen großen Reiz auf Theres aus. Das bleibt nicht ohne Folgen und damit nimmt ihr Schicksal eine Wendung. Sie zieht hoch ins Gebirge und lebt dort in der Einsamkeit. Nur ihr treuer Freund Leopold kümmert sich ab und an. Als „alte“ Frau Ende 30 erleben wir Theres als helfendes Kräuterweib, die nur dann großen Zuspruch erfährt, wenn ihre Heilkunst zum Erfolg führt.
Schon mit dem ersten Kapitel weiß man, woran man hier ist! Da wird nicht lang mit Landschaftsbeschreibungen die Sympathie der Leser*innen gewonnen, sondern ungeschönt gezeigt, wie brutal und direkt das literarische Erlebnis sein wird. Das fällt aber nicht der Opulenz dieses Bergromans zum Opfer.. Vilsmeier hätte seine wahre Freude an diesem Stoff gehabt. Unerfüllte Liebe, der Bruch mit Traditionen, das harte Leben in den Bergen und die Engstirnigkeit der Dorfbewohner prägen Theres Leben. Auch die Blindheit der Jugend, Trotz und Intrigen finden hier ihren Platz. Ob Regina Denk mit Theresa eine starke Frauenfigur geschaffen hat, fällt mir schwer zu sagen. Sie kämpft gegen tradierte Rollenbilder an, aber sie geht nicht als Gewinnerin aus diesen Kämpfen hervor. Manche ihrer Entscheidungen fußen auf mangelnden Vorbildern, Naivität und dem großen Wunsch jeglicher Anpassung zu entfliehen. Das behindert manchmal ihren Blick auf das Gute. Regelrecht verblendet ist „Resal“ in Bezug auf Xaver und legt sich damit große Steine in den Weg, der so viel leichter hätte sein können.
Die Autorin hat hier großartige Arbeit geleistet. Wer den Roman „Lazar“ von Nelio Biedermann lobt, kommt an diesem Text eigentlich nicht vorbei. Wo der Roman über verarmten ungarischen Adel wie eine ebenmäßige Perlenkette erscheint, wirkt „Die Schwarzgeherin“ wie ein dreireihiges Bergkristallcollier mit eingearbeiteten Hirschgrandln und emaillierten Portraitminiaturen. Man weiß gar nicht, was man zuerst betrachten soll. Das Drama ist intensiv, heftig und ursprünglich zugleich.
Denk legt einer Detailverliebtheit - sowohl beim Setting, als auch bei der Sprache - an den Tag, dass man sich als lesebegeisterte Person nur so suhlen möchte in den Ereignissen, den Sprachbildern und der Ausarbeitung der Figuren. Ein Wimmelbild voller Verbindungen und Metaphern. Wer sehr gerne interpretiert wird hier glücklich. Und wer nach einem Lieblingscharakter sucht, hat hier eine große Auswahl (genauso wie die Entscheidung für einen Lieblingsfeind) Ersteres sah ich in Leopold, der mein Herz erobert hat. Was Letzteres betrifft, so bin ich mir noch nicht ganz sicher, da gibt es mehrere Kandidaten.
Die süddeutsche Sprachfärbung hat mir beim Lesen großen Spaß gemacht und verleiht dieser Komposition die richtige alpine Würze. Und die regelmäßige Spiegelung der eigentlichen Handlung in Form des Lebenszyklus eines Steinadlerweibchens, waren pure Alpenmeditation. Die unterschiedlichen Zeitebene sind dankenswerterweise mit Monat und Jahreszahl versehen, das hilft bei der Orientierung.
Eingebettet ist der Roman in einer Rahmenerzählung, die am Ende einen größeren Sinn hat. Wir werden angeregt, mit zu rätseln und manchmal ein wenig in die irre geführt. Sowas macht mir beim Lesen große Freude. Am Ende waren mir die schroffen Felsen ein bisschen zu glatt geschliffen, aber das hat dem Lesevergnügen und der Genugtuung keinen Abbruch getan.
Dass ein paar Fragen offen bleiben, ist nicht weiter schlimm, auch wenn mich sehr interessiert hätte, woher Theres ihr medizinisches Know-how hat und in der Logik mancher Zeitabläufe finde ich so manchen Haken, aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Ich war von der ersten bis zur letzten Seite, gefangen in dieser Landschaft voller Überlebenswillen und Missgunst.
Ihr seht, ich bin begeistert und habe jetzt schon mein zweites Highlight in diesem Jahr gefunden. So müssen Bergromane sein!
Ich empfehle das Buch allen, die einem kraftvollen Bergpanorama nicht widerstehen können und den Lokalkolorit im tiroler Alpenraum als Genuss empfinden, wenn dessen Bewohner auch alles andere als handzahm sind.