Jump to ratings and reviews
Rate this book

Unschlecht: Roman (LP)

Rate this book
German

626 pages, Kindle Edition

First published January 1, 1970

Loading...
Loading...

About the author

Gerold Späth

19 books1 follower
Gerold Späth ist ein Schweizer Schriftsteller. Gerold Späth ist in eine Orgelbauerdynastie in Rapperswil hineingeboren. Nach der Sekundarschule absolvierte er eine Lehre als Kaufmann. Späth arbeitete bis 1975 im Familienbetrieb. 1970 erschien sein Debütroman «Unschlecht». Seither hat er unzählige Romane, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke verfasst – viele davon tragen sich in Rapperswil zu: «Rapperswil ist der Raum, in dem meine Geschichten wohnen, hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich die Übersicht und die Durchsicht», so Späth. Späth wohnt heute nicht nur in Rapperswil, sondern auch in Irland und Italien.

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
3 (33%)
4 stars
4 (44%)
3 stars
2 (22%)
2 stars
0 (0%)
1 star
0 (0%)
Displaying 1 - 3 of 3 reviews
Profile Image for Peter.
329 reviews159 followers
October 21, 2024
Reread after many years. Still one of the most powerful ‘Schelmenromane (rascal novels)’ ever written. This was Späth‘s first novel in 1970 I think, a shame that he is almost forgotten now, even in his native Switzerland. When orphan and fisherman Unschlecht (‘Unbad’) comes of age, he inherits a fortune, including an island on lake Zürich. Unschlecht being a bit simple, the good citizens of Rapperswil try to rip him off. They haven’t reckoned with Unschlecht’s elemental force, though. Hilarious and bittersweet chaos ensues… Hugely forceful and inventive writing. One of the best books I have ever read: totally original, massively tragicomic (in the tradition of Rabelais), and entertaining. Späth must have been very popular in Rapperswil after this novel!
Profile Image for Markus.
289 reviews98 followers
May 7, 2018
Heute werden Bücher nicht mehr verbrannt, sie werden beerdigt, vergraben, verschüttet, they are buried - so schreibt Nathan "NR" Gaddis irgendwo auf GR - wie wahr. Bücher verschwinden einfach vom Bildschirm, werden nicht mehr aufgelegt und werden vergessen. Mein Hang zum Stöbern, dem heute, Internet sei Dank, viel bequemer und erfolgreicher nachzukommen ist, bringt immer wieder verschollene Schätze zu Tage und bereichert mein buried shelf, wie auch mit diesem gewitzten Erstlingswerk des Schweizers Gerold Späth, erschienen 1970, erhältlich im Antiquariat.

Der bloßfüßige Inselhans, närrischer Simpel, Vollwaise und Fischer in Rapperswil am Zürichsee erbt zu seiner Volljährigkeit ein Millionenvermögen samt Insel und wird über Nacht zum Sehr Verehrten Herrn Johann Ferdinand Unschlecht, Alleinerbe. Das unverhoffte Glück dauert jedoch nur kurz und der Held gerät in ernsthafte Schwierigkeiten. Es bleibt ihm nur die Flucht, die ihn über Paris und London nach Deutschland zu neuem Namen und Ansehen führt. Man könnte sagen, es handelt sich um einen Bildungsroman im Gewand eines Schelmenromans. Oder auch umgekehrt.

Der Leser erfährt wie in der Seebezirksfiliale der Wirklichen und Redlichen Sankt Gallischen Kantonalsbank Direktor Honegger beinahe eine Herzattacke erleidet, als Unschlecht sein gesamtes Guthaben nur einmal kurz ansehen will, wie eine Fronleichnamsprozession auf Grund einer wundersamen Fischvermehrung aus dem Ruder gerät, wie der Friedensrichter Rickenmann Unschlecht in ein halbseidenes Etablissement mit homoerotischen Vorführungen schleppt und sich ihm als Vermögensberater anbietet, wobei gleich ein Kistchen Goldbarren verschwindet und wie in der Walpurgisnacht die stockbetrunkenen Gäste auf Unschlechts Insel spltternackt um ein riesiges Feuer tanzen und ausgediente Altarbilder, Heiligenfiguren und andere wurmstichige Kirchenschätze abfackeln, die sich unser Held von Hochwürden und Päpstlichem Geheimkämmerer Stadtpfarrer Ochs für 50.000 Franken hat andrehen lassen. Es wird berichtet, wie die Feuerwehr erfolglos versucht, Unschlechts Haus in Brand zu setzen, von einer sehr feuchten Wallfahrt, von mehreren Wasserleichen und von vielen weiteren regionaltypischen Lustbarkeiten.

Als typischer Schelmenroman gelesen, enthüllt diese Folge grotesker und saftig-derber Abenteuer neben der urwüchsigen Naivität Unschlechts auch den Bestand an Verlogenheit, Eitelkeit, Neid, Raffgier, Bosheit, Engstirnigkeit und all jenen reizenden Eigenschaften, welche die kleinbürgerliche Gesellschaft so überaus liebenswert machen.

Aus der Sicht eines Bildungsromans tritt Unschlecht anfangs als der archetypisch naive Tor auf, geerdet und eins mit sich und der Natur. Mit seiner Volljährigkeit erhält er einen Pass und ein ominöses gelbes Kuvert. Der Pass stellt seine selbstverständliche und besondere Identität in Zweifel: »Besondere Kennzeichen: keine«. Empört ergänzt er eigenhändig: »Große Füße schöne Augen graugrün gesunde Zähne und noch alle.« Solcherart füllt er alle weiteren leeren Seiten des Passes: » ... Kann gut fluchen Huereseich! Schofseckel! Tumme Siech! Pfyffeteckel! Herrgottschternechaib!« Ans Ende hängt er sein großes Unschlechtsiegel: »Leck mich am Arsch!«

Die Gesellschaft verlangt vom heranwachsenden Menschen die Entwicklung einer besonderen Persönlichkeit und verhindert diese zugleich durch die Forderung nach Anpassung und Konformität. Unschlecht wird zwar durch Pass und Vermögen die Mitgliedschaft in der Gesellschaft offiziell verbrieft, er selbst verweigert sich jedoch den bürgerlichen Konventionen und lebt weiter sein archaisch triebhaftes Wesen. Er wird von den ehrhaften Bürgern nach Strich und Faden ausgenommen, zugleich verachtet und immer mehr geächtet. In seiner urtümlichen Männlichkeit endet er als Sexobjekt im Kellerverlies einer dekadenten Esoterikerin. Gottseidank gelingt ihm die Flucht ins Ausland und in die schützende Anonymität.

Lange Irrwege und ein schmerzhafter Lernprozess machen ihn mürb, lassen ihn sein altes Selbst abstreifen und führen zu seiner Neuerfindung mit neuem Namen und neuen Papieren. In Deutschland heiratet er am Ende in eine schwerreiche Familie ein und findet auf Schloss Katzenstein endlich seine neue Identität, allerdings zu einem hohen Preis. Er stellt fest, dass »nur mehr seine Unterschrift zähle«, er selbst aber »nichts« mehr sei. Und am Ende der Beschreibung seines Herrensitzes heisst es: »Es roch nach Heimatmuseum«.

So die Späth'sche (und meines Empfindens sehr schweizerische) Version eines modernen Bildungsromans. Es gibt kein Leben außerhalb der Gesellschaft. Der Held kann seiner endgültigen Sozialisation zu einem Nichts in einem Heimatmuseum nicht entgehen.

Spontan fallen mir dazu zwei Landsleute Späths ein, nämlich Gottfried Keller mit seinem Bildungsroman Der grüne Heinrich , dessen Identitätsdilemma mit einem frühen Tod endet (bzw. mit der Resignation als Beamter in der zweiten Fassung), und Max Frisch, dessen ganzes Werk ja um seinen Nabel kreist und als einziger langer Bildungsroman verstanden werden könnte. In einem seiner letzten und vielleicht seinem besten Werk Der Mensch erscheint im Holozän löst sich am Ende die Identität mit dem Verschwinden der Erinnerung restlos in der Demenz auf. Ist ein Dasein als Außenseiter, als buckliger Oskar in der Schweiz gar nicht möglich?

Nicht nur Keller, Frisch oder Grass kommen mir in den Sinn. Form und Sprache lassen Anklänge an Grimmelshausens Simplicissimus entstehen, der Überschwang an Ideen und oft boshafter Komik erinnern an Boccaccio, Rabelais und natürlich an Sterne und seinen Tristram Shandy . Späths Unschlecht steht den großen Vorbildern in nichts nach: es ist eine verquere und sehr moderne Mischung aus farbenfroher Fabulierkunst, liebevoll angestaubtem Lokalkolorit, sprachlicher Experimentierfreude, spitzbübischen Neologismen und schwizerdütschen Unaussprechlichkeiten. Die Erzählstimme wechselt immer wieder zwischen erster und dritter Person, der Leser wird oft persönlich angesprochen. Obwohl der Text durchwegs in Hochdeutsch geschrieben ist, beginnt es in meinem Kopf nach Schweizer Mundart zu klingen, ein seltsamer Effekt, der mir bei deutschen, bayrischen oder österreichischen Autoren noch nicht aufgefallen wäre. Insgesamt ein ganz großes Vergnügen für Liebhaber/innen origineller Sprachkunst.

Gerold Späth wurde in den 1970/80ern nach seinem Debut recht bekannt, galt als großes Talent und wurde auch mehrfach ausgezeichnet, ist aber heute wieder fast vergessen, was schade ist. Er hat zahlreiche weitere Romane geschrieben, die ebenso originell und lesenswert sein dürften.

Obwohl die den Roman bevölkernden Rapperswiler Würden- und Leistungsträger samt ihrer Umtriebe sicher frei erfunden sind, hat die Stadt Rapperswil dem Orgelbaubetrieb Späth, dem der Autor entstammt, nach dem Erscheinen von Unschlecht alle Aufträge verweigert, was jedoch wieder zurückgenommen wurde, als der Autor auch im Ausland Bekanntheit erlangte.

Für mich waren die Abenteuer des Johann Ferdinand Unschlecht eine gelungene Abwechslung mit hohem Spaßfaktor nach vielen eher schwergewichtigen Büchern. Ein Heidenspaß mit ★★★★★!
Profile Image for Matthias.
426 reviews8 followers
March 4, 2020
Derart viel Unzucht und reine Freude am Fabulieren findet man selten dieser Tage.
Displaying 1 - 3 of 3 reviews