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Fehldiagnose: Wie Ökonomen die Wirtschaft ruinieren und die Gesellschaft spalten

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Deutschland steckt in einer Dauerkrise. Die Wirtschaft stagniert, der Lebensstandard vieler Menschen ist dramatisch gesunken und die AfD gewinnt an Zustimmung. In diesem Buch zeigt der renommierte Ökonom Tom Krebs, dass eine Fehldiagnose marktliberaler Ökonomen und die entsprechenden Fehlentscheidungen der Bundesregierung für die schlechte Lage in Deutschland verantwortlich sind. Um den Wohlstand zu retten und den Zusammenhalt zu stärken, muss sich die deutsche Politik von der marktliberalen Märchenwelt der Ökonomen befreien. Denn nur ein Ansatz, der die Sorgen der Menschen ernst nimmt und gleichzeitig eine positive Vision der Zukunft bietet, kann uns aus der Misere führen.

281 pages, Kindle Edition

Published October 7, 2024

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Tom Krebs

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Profile Image for Lennart Andreotti.
11 reviews1 follower
December 22, 2024
Ein erstklassiges Buch, für alle die verstehen wollen, warum die Neo Liberale Politik seit den 80er Jahren unsere Wirtschaft kaputt gemacht hat. Tom Krebs beschreibt sehr gut, warum die meisten Ökonomen unserer Zeit ein falsches Bild von der Wirtschaft und den freien Markt haben und zeigt zu dem auf, wie sich vernünftige Wirtschaftspolitik, soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz vereinen lassen.
Profile Image for Tim.
181 reviews7 followers
January 18, 2025
Tom Krebs' "Fehldiagnose" ist einerseits eine Einzelfallstudie zu einer bestimmten Phase der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte, der Energie- oder Gaskrise zwischen dem Beginn des russischen Angriffskrieg im Februar 2022 und dem Ende der Ampelkoalition im November 2024. (Das Buch ist im Oktober 2024 erschienen, also vor dem Ampel-Aus, aber das Ampel-Aus passt bestens in das Narrativ, das von Krebs entwickelt wird.) Der Fokus liegt dabei auf der Wirtschaftspolitik der Ampel und den (Fehl-)Prognosen ihrer Berater:innen aus den Wirtschaftswissenschaften. Andererseits holt Krebs zu einem Rundumschlag gegen marktliberale Wirtschaftswissenschaften und ihren Einfluss auf die Regierungspolitik aus. Die Irrtümer und Fehlratschläge aus den Wirtschaftswissenschaften seien dabei kein Einzelfall, sondern finden sich bei vielen weiteren, vergangenen und gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Fragen.

Die Mikroerzählung ist schnell umrissen: Marktliberale Ökonom:innen empfahlen der Bundesregierung, möglichst schnell aus den russischen Gaslieferungen auszusteigen (da höchstens eine kleine Rezession drohe) und alles weitere den Marktkräften zu überlassen – zum Glück ist die Bundesregierung auf diese Schocktherapie nicht eingegangen. Nachdem die Gaslieferungen aus Russland mittlerweile beendet und andere Lieferwege geöffnet wurden, erklären Ökonom:innen (Wirtschaftswachstum höchstens leicht negativ) und Bundesregierung (Weigerung, eine wirtschaftliche Schieflage zu beschließen, die zur Aussetzung der Schuldenbremse notwendig wäre) in seltener Einigkeit die Wirtschaftskrise als beendet. Das sei aber eine Fehlschätzung. Ohne Gaskrise wäre nach Corona ein hohes Wirtschaftswachstum zu erwarten gewesen. Es handele sich sehr wohl um eine Wirtschaftskrise, wenn ein eigentlich zu erwartender Boom ausbleibt, selbst dann wenn im Ergebnis ein Nullwachstum steht. Keine Schrumpfung ist kein Erfolg, wenn bei besserer Wirtschaftspolitik die Wirtschaft stark gewachsen wäre. Gleichzeitig sind beide Seiten völlig blind für den Reallohnverlust der letzten Jahre, obwohl dieser für die wirtschaftliche Lage des Kern der Bevölkerung entscheidend sei und zur Rettung der Demokratie zwingend korrigiert werden müsse. (Wie z.B. auch Isabella Weber sieht Krebs einen empirisch gestützten, starken Zusammenhang zwischen Inflation bzw. Reallohnverlusten und Wahlerfolgen antidemokratischer Parteien.) Lehrreich ist auch Krebs' Erklärung der verschiedenen Energiepreisbremsen die 2022/23 in der Diskussion waren (in Kap. 4): Solche Erklärungen hätte ich mir in der Medienberichterstattung gewünscht!

So viel zu Krebs' wirtschaftshistorischer Einzelfallstudie. Was ist nun das Problem, das dahintersteht, und dazu führt, dass deutsche Wirtschaftspolitik von Fehler zu Fehler eilt? Die Ökonom:innen lebten in einer Fantasie-, Märchen- oder Traumwelt ihrer Modelle und seien trotz wiederholtem Scheitern ihrer Prognosen nicht in der Lage, von ihren Modellen auf empirisch informierte Alternativen der Politikberatung umzusatteln. Aus der Finanzkrise 2007/08, ihrem Fehlalarmen bei der Einführung des Mindestlohns und ihrer andauernden Ratlosigkeit angesichts der Kinderarmut haben sie jedenfalls nichts gelernt. Krebs' Referenzpunkte sind dabei John Maynard Keynes, Karl Polanyi und Karl Marx (sowie etwas Michael Sandel): Keynes betone zurecht, dass Unsicherheit und unklare Erwartungen Wachstum verhindern, und fordere nicht etwa nur, dass der Staat die Nachfrage durch höhere Ausgaben fördern solle. Polanyi habe in "The Great Transformation" zurecht heraus gearbeitet, dass Unternehmen ohne staatliche Unterstützung und Planung gerade nicht in der Lage sind, große Transformationen zu stemmen (wie den Umbau des Energiesystem, das mit dem Ausstieg aus russischem Gas nicht abgeschlossen ist). Marx' Analyse von Machtverhältnissen helfe, die Fehler marktliberaler Modelle bei der Anwendung auf den Arbeitsmarkt zu korrigieren.

Krebs scheut nicht vor Ratschlägen zurück. Anders als z.B. Drosten, der sich tunlichst höchstens als Bürger, aber nicht als Wissenschaftler für Fragen der Pandemiepolitik (wie Schulschließungen und Impfpflicht) für sprechfähig hält, ist Krebs um klare politische Positionen nicht verlegen: "Ohne den Nachweis negativer Beschäftigungseffekte [=Entlassungen] gilt für den Mindestlohn: Je höher [= zumindest einmal 15€ ab 2025], desto besser" (133). Oder auch: "Je weniger Einfluss die FDP auf die Regierungspolitik hat, desto besser ist das für die Zukunft Deutschlands" (136). Krebs' Rezept besteht darin, Investitionen anzukurbeln, sowohl die staatlichen als auch die privat-wirtschaftlichen durch passgenaue staatliche Förderung, die sich innerhalb der Rahmenbedingungen eines green new deal (Investitionen in die grüne Transformation) und eines fair new deal (Subventionen nur bei fairen Arbeitsbedingungen, z.B. Tarifbindung) bewegen. Weitere no brainer bei Krebs sind die Erhöhung des Mindestlohn, der Erhalt des Bürgergelds, die Bekämpfung der Kinderarmut durch eine Kindergrundsicherung sowie eine Vermögens- und/oder Erbschaftssteuer zur Finanzierung des Bildungssystems – und zwar schon aus ökonomischen Gründen und unabhängig von Gerechtigkeitsgründen (die zweifellos auch bestünden). Damit geht dann freilich eine Abkehr von der Schuldenbremse bisherigen Zuschnitts und klassischer deutscher Politik der Erhöhung der "Wettbewerbsfähigkeit" einher, aber – das ist Krebs wichtig – keine Abkehr von Wachstum. Grüner Wachstum sei nicht nur möglich, sondern auch erstrebenswert. Nicht nur in diesem Punkt unterscheidet sich Krebs von populären linken Positionen. Auch in den prominenten Vorschlägen für ein Klimageld sieht Krebs nichts als marktliberale Hilflosigkeit: Wenn Menschen Mitte 50 ihren Arbeitsplatz verlieren oder das von den Großeltern geerbte Familienhaus ohnehin nur mühsam halten können, sei eine Klimageld – egal ob 150€ oder 300€ pro Jahr – keine Hilfe, sondern gehe an dem eigentlichen Problem vorbei, die notwendige Transformation ohne einschneidende Verluste für den Kern der Bevölkerung zu gestalten. Und eine AfD-Regierung werde durch ein Klimageld schon gar nicht verhindert. Krebs geht allerdings nicht auf alle wirtschaftspolitischen Themen ein, Migration und Rentenversicherung sind die Themen, die höchstens nebenbei einmal erwähnt werden.

Der Vergleich mit Wolfgang Münchaus "Kaput", das ich zufällig unmittelbar davor gelesen habe, ist lehrreich: Beide sind sich einig, dass die gegenwärtige wirtschaftliche Lage in Deutschland sehr schlecht sei und sie machen dafür verfehlte Grundsätze der Wirtschaftspolitik verantwortlich. Krebs wendet sich anders als Münchau aber sehr deutlich gegen die Vorstellung, das deutsche Modell sei am Ende angekommen und Deutschland daher ein "kranker alter Mann" (97–101). Das sei schon deshalb seltsam, weil bis Ende 2019 keine Indizien für eine Krise vorlagen und unisono eine positive Entwicklung der Wirtschaft erwartet wurde. Die Diskussion immer wieder auf "strukturelle Faktoren" – Krebs nennt hohe Arbeitskosten, überbordende Bürokratie und den demografischen Wandel – zu lenken, führe nur dazu, der Wirtschaftspolitik eine Ausrede an die Hand zu geben und die Erwartungen vorschnell auf ein Minimum zu reduzieren. Im Ergebnis werden die Bundesregierungen eingeladen, darauf zu vertrauen, dass der Markt schon alles regeln werde, wenn man nur auf einen angemessenen Mindestlohn verzichtet und sich auf Bürokratieabbau und Steuersenkungen beschränkt. Das ist vergleichsweise leicht umzusetzen, aber keine Wirtschaftspolitik, die ernsthaft den Wohlstand aller Bürger:innen verbessern will.

Irritiert hat mich Krebs' Ablehnung von Strafen als Instrument wirtschaftspolitischer Maßnahmen und sein optimistischer Blick auf grünes Wachstum. Krebs hat einen weiten Begriff von Bestrafung, so dass auch Verbote Strafen sind (z.B. 121). Das gilt aber höchstens für manche Verbote: Das Verbot, ohne Anschnallgurt Auto zu fahren, ist jedenfalls keine Strafe. Warum sollte dann das Verbot, neue Gasheizungen einzubauen, eine Strafe sein? Krebs fordert, statt Verboten lieber das erwünschte Verhalten, also klimafreundliche Technologien wie Wärmepumpen, zu fördern und mit dem "Ordnungsrecht" Mieter vor Mieterhöhungen aufgrund energetischer Sanierung zu schützen. "Keine staatliche Förderung bekommen" und "keine Mieterhöhung wegen energetischer Sanierung" sind nicht weniger Bestrafungen als das Aussteigen aus einer schädlichen Technik dadurch, dass sie nach und nach ersetzt werden muss. Verbote und Förderungen/Ordnungsrecht sind auch alles andere als inkompatibel. Beim grünen Wachstum ist es nicht so, dass mich Krebs' Argumentation nicht überzeugt. Mir ist eher unklar, was überhaupt seine Argumentation ist. Er verweist einerseits auf eigene Modellierungen auf Basis der Arbeiten von William Nordhaus, andererseits darauf, dass in Deutschland bereits eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und THG-Emissionen stattgefunden hat. Bei dem ersten Punkt bleibt mir Krebs zu vage, was die Details angeht. Es wundert mich, dass in einem Buch, das vor zu viel blindem Vertrauen in die Wirtschaftswissenschaften warnt, am Ende ein "mir kann man aber vertrauen" herauskommt. Bei dem zweiten Punkt fehlt mir eine Diskussion des Unterschieds zwischen Entkopplung und Klimaneutralität. Was wir aktuell sehen, ist too little, too late und eröffnet noch keinen Pfad zur Nettonull. Die Repliken auf Ulrike Herrmann und Jason Hickel sind auch hier eher dünn. Das ändert freilich nichts daran, dass wie lobenswert es ist, dass ein Ökönom Reallohnverluste nicht schönredet oder als Ergebnis des Leistungsprinzip und/oder "notwendiger" Marktmechanismen weißwäscht, sondern ein politisches Rezept bietet, dass ihre Bekämpfung ins Zentrum stellt, ohne die grüne Transformation in Frage zu stellen.
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