lm Prolog betont Merkel, dass die Nacht vom 4. auf den 5. September 2015 für sie eine Zäsur darstellte. In jener Nacht entschied sie, die aus Ungarn kommenden Flüchtlinge nicht aufzuhalten. Diese Entscheidung markierte für sie ein politisches “Davor” und “Danach”. Diese Zäsur veranlasste sie dazu, nach ihrem Amt ein Buch zu schreiben, in dem sie ihre Motive und Entscheidungen erklärt. Das ist bemerkenswert, da Merkel bisher nicht als eine Politikerin galt, die ihre Politik ausführlich erklärte.
Dieses Versprechen zu Beginn kann als Messlatte für die Bewertung des Buches herangezogen werden. Merkel verspricht, sich nachträglich um Ehrlichkeit zu bemühen, falsche Entscheidungen zu benennen und gleichzeitig zu denen zu stehen, die sie für richtig hält. Dies weckt insbesondere hinsichtlich den Entscheidung 2015, der Abhängigkeit von Russland im Energiesektor oder ihrer Fehleinschätzung Wladimir Putins große Neugier.
Im Kapitel „Glückliche Kindheit“ spricht über ihre Familie, Geschwister oder Freunde und reflektiert ehrlich über ihre Beziehung zum Sozialismus. Sie spricht von kindlichen Annäherungsversuchen an das System und frühen Enttäuschungen, die ihr die Unzulänglichkeiten der DDR offenbarten. Ihr Vater, ein Pfarrer, und ihre Mutter entwickelten sich von leichten Kritikern zu erbitterten Gegnern der DDR. Ein Wendepunkt für die Familie war die Niederschlagung des Prager Frühlings.
Merkel beschreibt auch ihre ersten Schritte in der CDU, ihren Weg ins Bundestagsmandat in und die Bedeutung ihrer engen Mitarbeiterin Beate Baumann. Diese habe ihr nicht nur in politischen Herausforderungen, sondern auch beim Verfassen humorvoller Reden geholfen. Baumann sei ein Grund, warum Merkel zur „mächtigsten Frau der Welt“ werden konnte, wie es einst von The Times beschrieben wurde.
Bereits vor der Veröffentlichung des Buches bemerkten viele politische Beobachter ein bestimmtes Muster bei Merkel. Sie veröffentlichte ihr Buch bei einem von einer Frau geführten Verlag, gab ihr erstes Interview dazu Anne Will und die die Titelgeschichte im Spiegel wurde von der weiblichen Co-Chefredakteurin verfasst. Auffällig ist zudem, dass das Hörbuch von einer Frau eingesprochen wurde.
Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt, äußerte einst ironisch, Merkel sei die beste Kanzlerin gewesen, die die Grünen je hatten – insbesondere zwischen 2015 und 2021. Trotz der offensichtlichen Ironie und potenziellen Interessenkonflikte lässt sich feststellen, dass Merkel eine sozialdemokratische Transformation der CDU vorangetrieben hat.
Seit Kurzem fällt jedoch auf, dass Merkel dazu eine Art feministische Neuorientierung durchläuft. Diese These wird etwa durch ihren Kommentar zur Ampelkrise (“Männer…”) oder durch ihre klare Distanzierung von der neuen CDU-Führung unter Friedrich Merz sowie die Rückgabe ihres Vorsitzes der Konrad-Adenauer-Stiftung gestützt.
In einer Podiumsdiskussion am Rand vom G20-Gipfel vor einigen Jahren wurde Merkel gefragt, ob sie sich als Feministin sehe. Ihre Antwort lautete, sie sehe sich nicht in einer Kategorie mit bekannten Feministinnen wie Alice Schwarzer, und weigerte sich indirekt die Frage zu bejahen. Es wäre so einfach ja zu sagen, da Feminismus "nur" die Unterstützung der Gleichberechtigung der Frauen politisch rechtlich und gesellschaftlich bedeutet.
Merkel reflektiert im Buch ihr Zögern, und begründet ihre vorsichtige Antwort mit ihrer Sozialisierung und politischen Erfahrung. Für sie war es strategisch klüger, sich nicht in eine von Männern als Angriffsfläche benutze „Schublade“ stecken zu lassen.
Merkel gehört zu einer Generation von Frauen, die ihre Weiblichkeit oft bewusst verstecken mussten, um Karrierechancen zu haben. Gleichberechtigung bedeutete damals, möglichst unauffällig oder „männlich“ aufzutreten, sodass Unterschiede kaum sichtbar wurden. Nun, losgelöst von den Zwängen ihres Amtes, scheint sie die Freiheit zu besitzen, offen über ihre Gedanken, ihre Vergangenheit und ihre Überzeugungen zu sprechen.
Im Kapitel „Feministin?“ thematisiert Merkel außerdem ihre ambivalente Haltung gegenüber dieser Bezeichnung.
Dort spricht sie über weibliche Vorbilder wie Marie Curie und Simone de Beauvoir, deren Werke sie in der DDR las, obwohl sie Beuvoirs Idealisierung des Sozialismus kritisch sah. Merkel betont, dass wahre Gleichberechtigung nur in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft möglich sei. Sie wisse selbst, dass in der sozialistischen DDR keine Parität oder Gleichberechtigung herrschte - weder in den Fabriken noch im Politbüro.
Sie erzählt auch von den Herausforderungen, als Frauenministerin 1994 das Gleichberechtigungsgesetz am Arbeitsplatz durchzusetzen. Sie schildert eine bemerkenswerte Episode mit Wolfgang Schäuble, an den sie sich wandte, um seine Unterstützung für das Gesetz zu gewinnen. In der damaligen CDU, die stark konservativ geprägt war, und angesichts des Widerstands aus wirtschaftlichen Kreisen, wäre das Gesetz ohne Schäubles ausdrückliche Unterstützung nicht realisierbar gewesen.
Aus heutiger Perspektive erscheint es fast pervers, dass ein solches Gesetz innerhalb der CDU auf derart massive Ablehnung stieß. Besonders interessant fand ich diesen Aspekt, weil Schäuble in seinen Memoiren, die ich kürzlich las, diese Geschichte überhaupt nicht erwähnte – obwohl er viele politische Stationen detailliert darstellte. Für ihn wäre dies eine Gelegenheit gewesen, sich im Nachhinein als Förderer der Frauenbewegung zu positionieren.
Diese Auslassung zeigt jedoch Schäubles Gespür für historische und politische Relevanz. Er handelte in diesem Fall staatsmännisch und ohne merkliches persönliches Kalkül, sondern im Sinne einer übergeordneten politischen Verantwortung.
Interessant fand ich auch Merkels Erinnerungen an die Debatte um §218 und die dazugehörigen Diskussionen. Sie schildert, dass sie sich zum ersten Mal innerhalb ihrer Partei fremd fühlte, da sie eine klare Außenseitermeinung vertrat. Sie hielt psychologische Pflichtberatungen für Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch beabsichtigen, für notwendig, lehnte jedoch deren Protokollierung strikt ab. Ihrer Meinung nach würde dies das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patientin langfristig beschädigen. Zudem betonte Merkel, dass das Gesetz in seiner damaligen Form den Eindruck vermittelte, Frauen als unmündig darzustellen und sie vor ihrer eigenen Emotionalität „schützen“ zu wollen, was sie richtigerweise als sexistisch empfand.
Merkel berichtet auch von fragwürdigen Äußerungen einiger Parteikollegen, etwa bei der Diskussion um das Erbrecht nicht ehelicher Kinder. Ein Abgeordneter stellte die provokante Frage, ob „das Ergebnis einer philippinischen Nacht“ dieselben Rechte wie ein deutsches Kind haben solle. Solche Aussagen verdeutlichen, mit welchen Vorurteilen und Ressentiments sie in ihrer Partei konfrontiert war.
Interessant ist auch, dass bei der Abstimmung über §218 der Fraktionszwang aufgehoben wurde, da es sich um eine Gewissensfrage handelte. Dennoch stimmte Merkel letztlich aus Fraktionsdisziplin dem Antrag der CDU zu, was überrascht, da sie zuvor ausführlich ihre Bedenken geschildert hatte. Besonders eindrücklich beschreibt sie, wie sie bei ihrer Rede zu diesem Thema in der Fraktion unter starkem physischem und psychischem Unwohlsein litt – mit Symptomen wie Nackensteifheit, Schweißausbrüchen und Krämpfen. Ein solcher Zustand trat in ihrer gesamten politischen Laufbahn, selbst bei schwierigen Verhandlungen mit Diktatoren, nie wieder auf.
Merkel begründet ihre damalige Haltung mit den „vielen Scheren im Kopf“, die sie prägten. Dazu gehörte auch die spürbare Ablehnung von Helmut Kohl, die sie nicht noch weiter verstärken wollte. Als Kabinettsmitglied war sie verpflichtet, ihm ihre Entscheidung vor der Abstimmung mitzuteilen, was sie zusätzlich unter Druck setzte. Merkel gibt zu, dass sie aus heutiger Sicht anders gehandelt hätte, räumt jedoch nur minimal ein, dass sie damals möglicherweise ihrer Karriere und ihrer Position in der Fraktion Priorität eingeräumt habe.
Ob ihre retrospektive Reflexion und angeblich damals vorhandene "feministische" Grundhaltung glaubwürdig ist, bleibt für mich – jemand, der diese Zeit nicht miterlebt hat – schwer zu beurteilen. Letztlich sollten Historiker diese Ambivalenzen bewerten. Mich persönlich hat ihre Argumentation in diesem Kapitel nicht vollständig überzeugt.
Merkel betont an verschieden stellen, dass sie das Buch primär für junge Menschen und nicht für Historiker geschrieben hat. Daher geht sie an einigen Stellen nicht ins Detail. Dennoch bietet es faszinierende Einblicke in die menschliche Seite der Politik: Politik wird von Menschen gemacht, und ihre Überzeugungen sowie ihre Persönlichkeit können entscheidend sein. Das erscheint banal, ist aber bemerkenswert angesichts des enormen Spielraums, den Schlüsselakteure haben, und der weitreichenden Folgen ihrer Entscheidungen.
Merkel teilt auch persönliche Erfahrungen mit anderen Präsidenten, etwa mit Trump. Ihre Skepsis ihm gegenüber erklärte sie durch seine Immobilienwelt-Herkunft, weil er glaube in der Politik sei es genauso: Man könne eine Immobilie nur einmal vergeben. Diese Denkweise, so Merkel, erschwere es, eine Politik zu entwickeln, bei der alle Beteiligten irgendwas zu gewinnen haben und dadurch Kompromisse eingehen.
In den Kapiteln “Wir schaffen das” und “Ein freundliches Gesicht” spricht Merkel ausführlich über die Flüchtlingskrise im Sommer 2015. Sie schildert die Ereignisse chronologisch, beginnend im April 2015, bis hin zur Entscheidung, die Flüchtlinge aus Budapest aufzunehmen, sowie die Öffnung der Grenzen am 5. September. Merkel beschreibt die immense Herausforderung, vor der sie stand, und erklärt, warum sie keine wirklichen Alternativen zu ihrer Entscheidung sah. Sie macht deutlich, dass ein Abweisen der Flüchtlinge nicht nur EU-Recht verletzt hätte, sondern auch die moralische und juristische Legitimität Europas gefährdet hätte.
Merkel geht auch auf die Versäumnisse ein, die bereits Monate zuvor offensichtlich wurden. Bereits im April 2015 war die Problematik der steigenden Flüchtlingszahlen absehbar. Die Frage, ob es alternative Handlungsmöglichkeiten gegeben hätte, stellt sich dennoch. Sie betont jedoch, dass die Entscheidung, den Flüchtlingsstrom aufzuhalten, gegen das europäische Recht verstoßen hätte und somit nicht im Einklang mit den Prinzipien stand, die sie für unverhandelbar hielt.
Ein anderer bemerkenswerter Punkt in diesem Abschnitt ist Merkels Rückblick auf ihren inneren Dialog zur Kanzlerkandidatur 2017. Sie reflektiert, dass ein Verzicht ihrer Kandidatur der AfD womöglich den Wind aus den Segeln genommen hätte. Gleichzeitig hebt sie hervor, dass die sozialpolitische Verschiebung der CDU nach links, die oft als “Sozialdemokratisierung der Partei” beschrieben wurde, eine Lücke im rechten politischen Spektrum geschaffen habe. Diese Lücke konnte von der AfD, die zu diesem Zeitpunkt nach der Griechenlandrettung politisch wieder fast bedeutungslos schien, gefüllt werden.
Merkels Entscheidungen und deren Folgen werfen auch ein Licht auf die von Josef Strauß bereits vor Jahrzehnten formulierte Warnung, dass es rechts der CDU keine politisch legitimierte Partei geben dürfe. Durch den von Merkel eingeschlagenen Kurs ist diese Warnung jedoch Realität geworden – zumindest aus heutiger Sicht, da die AfD nicht nur existiert, sondern sich als feste politische Kraft etabliert hat. Aktuell steht sogar ein Gruppenantrag für ein AfD-Verbot in den Startlöchern, was zeigt, wie weitreichend die Auswirkungen der politischen Verschiebung innerhalb der deutschen Parteienlandschaft sind. Unabhängig von der persönlichen Bewertung Merkels Entscheidungen im Jahr 2015 bleibt deutlich, dass diese einen maßgeblichen Einfluss auf die langfristige politische und gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands hatten.
Das ist zwar nur meine persönliche Meinung, aber ich teile Merkels Ansicht, dass sie 2015 rückblickend nicht anders hätte handeln können. Ich denke, dass, wenn Deutschland 2015 von einer SPD-Regierung geführt worden wäre, es gar nicht zu einem so starken Aufstieg der AfD gekommen wäre. Dennoch ist anzumerken, dass eine so weitreichende Entscheidung nur unter einer konservativen Regierung die notwendige Unterstützung in der politischen Mitte finden konnte. Solche großen politischen Entscheidungen werden oft antizyklisch getroffen, das heißt, von einer Regierung, die entgegen ihrer eigenen Ideale handelt, weil es staatspolitisch notwendig ist, ganz nach dem amerikanischen Sprichwort:
Only Nixon could go to China.
Obwohl ich Merkels Entscheidungen in anderen Bereichen kritisch sehe, bewundere ich ihre Standhaftigkeit und wie konsequent sie bis heute zu ihrem Satz “Wir schaffen das” steht. Sie argumentiert, dass eine Nation, die Herausforderungen wie die Wirtschaftskrise, die Eurokrise oder die Wiedervereinigung bewältigt habe – wenn auch nicht geräuschlos, aber im Rückblick erfolgreich – auch den Zustrom von einer Million Menschen verkraften könne. Besonders beeindruckend finde ich ihre Aussage, dass Deutschland nicht mehr ihr Land wäre, wenn es seine Prinzipien über Bord werfen würde.
Das zeigt, dass moralisches Handeln für sie keine Schönwettertugend ist, sondern auch in Krisenzeiten Bestand haben muss..
Natürlich wurden Fehler gemacht, vielleicht sogar große. Doch im Kern halte ich ihre Entscheidung nach wie vor für richtig. Es ist jedoch bemerkenswert, dass Merkel in ihrem Buch auch Aussagen tätigt, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen. Beispielsweise sprach sie davon, dass die 3.000 Kilometer lange deutsche Grenze nicht kontrollierbar sei. Die Grenzkontrollen während der EM 2024 und als Reaktion auf den Anschlag in Solingen haben gezeigt, dass entsprechende Maßnahmen durchsetzbar sind, wenn der politische Wille vorhanden ist.
Merkel spricht in ihrem Buch auch über den sogenannten “Merkel-Erdoğan-Deal”, wenngleich sie den Begriff “Deal” ablehnt, da er etwas Negatives oder Schmutziges implizieren würde. Ich persönlich finde den Begriff allerdings treffend. Auch wenn meine grundsätzliche Ablehnung bleibt, kann ich durch ihre Schilderungen aus staatspolitischer Sicht besser nachvollziehen, warum sie so gehandelt hat. Es bleibt jedoch ein Fakt, dass Erdoğan durch die Abhängigkeit Europas an Legitimität gewonnen hat. Diese neu gewonnene Macht gegenüber Europa nutzte er, um sein innenpolitisches Profil zu stärken, was ihm vermutlich zumindest teilweise zum Sieg in der Präsidentschaftswahl 2016 verholfen hat.
Viele politische Beobachter sahen in Olaf Scholz 2021 eine “männliche Version” von Merkel: ein Kanzler, der für Reaktion statt Vision steht, für Umfragenpolitik, für Entscheidungen, die nicht stark genug erklärt werden, und für vorsichtige Anstöße in die Mitte der Gesellschaft. Eine Gemeinsamkeit, die damals kaum jemand ansprach, ist jedoch, dass sowohl Merkel als auch Scholz eine gewisse Unfähigkeit zur Selbstkritik zeigen. Das wird besonders beim Thema Klima und Energie deutlich.
Merkel verteidigt im Buch den Atomausstieg, den sie als Physikerin weiterhin für richtig hält, und erklärt die Hintergründe ihrer Entscheidung. Gleichzeitig geht sie im nächsten Kapitel auf die Abhängigkeit von billigem Gas aus Russland ein und rechtfertigt auch diese Entscheidung. Sie argumentiert, dass günstiges Gas eine Voraussetzung für erfolgreiche Minsk-Verhandlungen war und sie in der deutschen Politik und Wirtschaft kaum Unterstützung für einen radikalen Kurswechsel fand. Außerdem hätte ein damaliger Umstieg auf LNG ähnlich hohe Energiepreise wie heute verursacht.
Dieses Argument mag vertretbar sein, doch wenn man wirtschaftlich argumentiert, müsste eine der beiden Entscheidungen – der Atomausstieg oder die Abhängigkeit von russischem Gas – falsch gewesen sein. Wenn die Abhängigkeit von russischem Gas, wie heute offensichtlich, ein Fehler war, dann war der zu frühe Atomausstieg eine Fehlentscheidung. Ideal wäre es gewesen, gleichzeitig auf Gas und Atom zu verzichten und stattdessen auf erneuerbare Energien zu setzen. Doch Merkel hat den Ausbau der erneuerbaren Energien nicht mit der nötigen Konsequenz und Begeisterung vorangetrieben. Das führt zu der Schlussfolgerung, dass zumindest eine dieser beiden Entscheidungen nicht richtig war. Merkel zeigt allerdings keine Bereitschaft, dies zuzugeben, obwohl hier keine Meinungsfrage, sondern eine klare Faktenlage vorliegt.
Neben dem wirtschaftlichen Aspekt spricht Merkel auch über die politischen Beziehungen zu Russland. Scharfsichtige politische Beobachter erkennen, dass es in Russland keinen Unterschied zwischen Wirtschaft und Politik gibt, da beide Bereiche fest in staatlicher Hand liegen. Die Wirtschaft ist ein Mittel zur Durchsetzung der geopolitischen und imperialistischen Ziele Putins. Merkel sieht das jedoch anders: Für sie bleibt Gazprom ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das nichts mit geopolitischen Machtspielen zu tun hat. Dieses Festhalten an einer überholten Perspektive wirkt angesichts der heutigen Erkenntnisse stur und unreflektiert.
Bei der Vorstellung ihres Buches im Berliner Theater sprach Merkel über einen Film, der Neville Chamberlain in einem anderen Licht zeigte. Er wurde darin nicht als der Premierminister dargestellt, der durch Appeasement-Politik Hitler in die Karten spielte, sondern als jemand, der England durch seine Politik Zeit verschaffte, sich auf die offene Konfrontation vorzubereiten. Diese Perspektive ist legitim, wurde aber von Robin Alexander (Welt am Sonntag) als fragwürdiger Vergleich kritisiert. Merkel sieht offenbar Parallelen zwischen Chamberlains Politik und ihrem eigenen Umgang mit Russland und der Ukraine – insbesondere ihrer Haltung zur NATO-Aufnahme der Ukraine und der militärischen Unterstützung.
Dieser Vergleich ist (auch unter der Annahme Chamberlain hat richtig gehandelt) trotzdem nicht passend. Die von Merkel und Sarkozy 2008 aktiv verhinderte NATO-Aufnahme der Ukraine bleibt umstritten. Es lässt sich nicht abschließend beurteilen, ob eine solche Aufnahme der Ukraine langfristig Sicherheit gebracht hätte, doch rückblickend ist klar, dass viele Fehler gemacht wurden. Bei Merkel fehlt selbst dieses minimale Eingeständnis. Dies passt ins Bild einer Kanzlerin, die oft Krisen und unmittelbare Herausforderungen erfolgreich handelte, wie etwa in der Wirtschafts- und Eurokrise, aber bei anderen Entscheidungen langfristige Konsequenzen ausblendete.
Merkel erinnert in ihrem Buch an eine Aussage Putins, die er ihr gegenüber gemacht haben soll: „Du wirst irgendwann nicht mehr Kanzlerin sein, und dann wird die Ukraine der NATO beitreten – und das will ich verhindern.“ Obwohl sie sich an den Kontext nicht erinnert, verdeutlicht dieses Zitat Putins Entschlossenheit, seinen neo-imperialistischen Kurs zu verfolgen, was ihre Rechtfertigung weiterhin absurder aussehen lässt.
Eine besondere Geste ist die namentliche Erwähnung und der Dank an politische und nicht-politische Wegbegleiter. Merkel nennt beispielsweise die Sekretärinnen, den Koch des Kanzleramts und ihre persönliche Make-up-Künstlerin. Dadurch werden diese Menschen in einem historischen Werk namentlich verewigt, was menschlich nur zu begrüßen ist.
Am Ende bleibt ein interessantes Buch, welches vieles über Merkel als Person offenbart und vielen Historikern dabei helfen wird ihr politisches Vermächtnis einzuordnen. Merkel sieht keine Entscheidung ihrer Kanzlerschaft kritisch. Die Veraäumnisse bei Digitalisierung und Klimaschutz und die Abhängigkeit von Russland und die darauffolgenden wirtschaftlichen Folgen werden fast gar nicht kritisch eingeräumt.
Die einzigen Fehler, die Merkel zugibt waren das Rauchen in der Öffentlichkeit und Fehltritte in Interviews wie zum Beispiel als sie atomaren Müll mit Mehl verglich.
Dennoch verdient die Krisenkanzlerin Respekt und Dank für ihr Management in der Wirtschaftskrise, Finanzkrise,Eurokrise, "Flüchtlingskrise" und Corona-Krise.
Insgesamt knappe 4/5 Sterne.