Oschmann legt hier eine bewusst zugespitzte, auf Kenntlichmachung der Probleme durch Anklage zielende Streitschrift in bester Tradition (J'accuse!) vor. Neben die erläuternde Aufzählung realer Benachteiligungen Ostdeutscher (fehlendes Kapital, fehlende Repräsentation, fehlende materielle Gleichbehandlung, fehlender Besitz im eigenen Landesteil usw.) tritt die radikale Kritik des westdeutschen Umgangs damit. Zum einen erscheint (hilflose) Kritik an einem Zustand immer nur dann als "Jammern", wenn - mit Rancière - die Sprache der Befehle nicht mehr in die Sprache der Probleme übersetzt werden kann. Der "Jammerossi" ist mithin jemand, der Probleme sieht, die zu lösen die von Wessis beherrschten Strukturen weder in der Lage noch gewillt sind. Insofern dem "Ossi" sowohl politische Repräsentanz (statt angemessener politischer Mitbestimmung auf Landes- oder Bundesebene gibt es das paternalistisch verfasste Amt des "Ostbeauftragten") als auch mediale Ausdrucksmöglichkeit (weder überregionale noch regionale Tageszeitungen kommen aus dem Osten oder haben ostdeutsch besetzte Redaktionskollegien) verwehrt bleiben, muss er statt selbst zu reden das "Reden über ihn" hinnehmen.
Wie aber wird "über ihn" geredet? Oschmann bemerkt treffend, dass der Osten mit Sachsen identifiziert und dann als sowohl sprachlich wie intellektuell defizitär abgehandelt wird. Das ist insofern konsequent, als nur das systematische Vergessen- Machen der von Sachsen ausgehenden Revolution die Rede vom "diktaturgeschädigten Ossi" (=Nazi) möglich macht. Oschmann bringt dagegen zu Recht die dem gemeinen Wessi abgehende Erfahrung einer anderen Form von Demokratie in Erinnerung, nämlich die partizipative, auf Selbst6ermächtigung abhebende Form von Volksherrschaft, die den DDR- Bürgern sofort nach dem Beitritt wieder genommen wurde. Während dem Wessi die repräsentative Demokratie, in welcher die gewählten Repräsentanten grundsätzlich nicht machen, was sie im Wahlkampf versprochen haben, als die einzig denkbare erscheint, hat der als "Ossi" bezeichnete Ex- DDR- Bürger schmerzlich erfahren, was es bedeutet, statt Selbst- nun Fremdbestimmung zu bekommen und mit Abwicklungen, Alteigentümer- Ansprüchen etc. pp. einem kapitalstärkeren und durch seine Eliten die "neuen Länder" beherrschenden "System" ausgeliefert zu sein. Oschmann zeigt deutlich wie kein zweiter, dass hier die Gefahren für die bundesdeutsche Demokratie liegen, was Wessis allerdings nicht begreifen dürfen, weil das ihr Selbstbild, alles für "den Osten" getan zu haben (inklusive Solidaritätsbeitrag- lach!), ins Wanken brächte. Das Bild vom undankbaren und dazu noch faschistischen Ossi passt da viel besser. Voller Ironie macht Oschmann hier klar, dass nicht nur Wendungen wie "Abwicklung", "Aufbau Ost" oder die Rede von "Mitteldeutschland" (MDR) direkt dem Nazi- Vokabular entstammen, sondern Nazi- Kunst oder Nazi- Sportfunktionäre, auch Minister und Bundespräsidenten etc. völlig "normal" einen Nazi- Hintergrund haben konnten und samt diesem zur "deutschen Geschichte" gehören, während DDR- Kunst, von ihren Funktionären oder auch nur Funktionseliten zu schweigen, ebenso selbstverständlich nicht zur "deutschen" Geschichte gehören. Das wissen und sehen die Ossis genau und nehmen es dem Wessi übel.
Ja, Oschmann spricht von Wessis und rechnet mit der Empörung des Lesers, um sie gegen ihn oder sie zu wenden: Warum darf man eigentlich im grün- linksliberalen Milieu ungestraft und ohne darüber nachzudenken vom "Ossi" reden, während man doch sonst so empfindlich auf sprachliche Diskriminierung von Minderheiten reagiert? Warum geht man gegen den Gender- Pay- Gap auf die Straße, findet es aber normal, dass es einen Geografical- Pay- Gap gibt, insofern sich die Wessis Ossi- Land als Billig- Lohn- Land (im Bereich Textil minus 49 %!) halten? Bei all der Betonung von Diversität und Individualismus nimmt man Pauschalisierungen wie "die Ossis" und "der Osten" billigend in Kauf.
Das hat übrigens Tradition und bezieht sich genauso auf die unterschiedlichen Bewertungen von West- (=gut, moralisch vorbildlich und erfolgreich) und Osteuropa (= schlecht, diktaturaffin, wirtschaftlich erfolglos und moralisch zurückgeblieben). Könnte es sein, dass sich hier ganz tief unten das Strukturproblem des Kapitalismus samt seinem ideologischen Überbau verbirgt? Italien hat seinen armen Süden, die USA haben ihren Rust Belt, Frankreich ein Stadt- Land- Problem und der ganze "Westen" hat ein Problem mit dem "globalen Süden", der ja auch eine Art "Osten" (China!) ist. Und überall passiert das Gleiche: Armut führt zu rechtsnationalistischen Tendenzen und Überzeugungen, wenn die Armen gleichzeitig von Verächtlichmachung (Sächsisch!) und Erniedrigung (Russland!) betroffen sind. Das Ideologische ist daran, dass der grün-liberale gut verdienende Mittelschicht- Wessi mit seinem Elektro- Drittwagen und dem veganen Lebensstil, der Avocados, Bananen und Kiwis für sich fliegen lässt, aber Billig- Urlaubsflieger verurteilt, in seiner moralischen Überlegenheit nicht begreifen kann und darf, dass sein Wohlstand die Armut der anderen notwendig zur Voraussetzung hat. Gegen diese Einsicht wappnet er (oder sie) sich mit Sprachregelungen, die kein Problem lösen, ihm oder ihr aber das Gefühl moralischer Überlegenheit geben. Der gemeine Ossi hat es da besser: Ihm sind die Phrasen, was sie sind: Phrasen! Und insofern er darin ein System erkennt, lehnt er das "System" gleich als Ganzes ab. Wer von wirklichem (und nicht nur einem kulturalisierten Begriff von) Faschismus redet, darf von Kapitalismus eben nicht schweigen. Oder er wird der Heuchelei überführt und ihm wird nichts geglaubt.
Oschmann ist einer der wenigen Professoren mit ostdeutscher Herkunft und insofern privilegiert. Er ist auch kein Sozialist. Vielleicht spart er deshalb Vorschläge, wie man die Situation ändern könnte, bewusst aus. Aber das ist kein Manko, denn man muss das Gesagte nur spiegelbildlich lesen, um einen Katalog von Dingen in der Hand zu haben, die zu ändern wären. Manches ginge relativ leicht (Benachteiligung bei Löhnen und Renten, Weihnachtsgeld, eine Eliten- Quote nach Herkunft usw.), anderes bliebe Wunschtraum (z.B. das Grundproblem nicht- proportionaler Entwicklungen in kapitalistischen Volkswirtschaften und der Weltwirtschaft), aber würde man anfangen, sich dem "Problem DDR" als einem Problem gesamtdeutscher Geschichte zu stellen, würde man die Bürger aus den Ostländern für sich reden und arbeiten lassen und aufhören, sie von oben herab zu belehren, wäre die AfD vielleicht noch zu stoppen. Oschmann hat es versucht. Sein Beitrag ist der mit Abstand am meisten erhellende, wenn es um den angeblich "braunen Osten" geht. Ich habe dennoch keine Hoffnung, dass sich seine Einsichten durchsetzen werden, empfehle das Buch aber trotzdem allen Wessis zur Lektüre und zum Darüber- Nachdenken (möglichst ohne Schnappatmung). Ossis kennen das alles, dürfen es aber auch lesen. Schon wegen der besseren Selbsterkenntnis.