Im Frankfurter Nordend erliegt Herr Jackopp der Anziehungskraft von Frl. Czernatzke und begehrt ausgerechnet in der legendären Kneipe Mentz, wo nicht nur geflippert, gewürfelt und gebechert wird, sondern wo auch gesellschaftspolitische Utopien entstehen (etwa mit der Gründung des Vereins zur Abschaffung der Sexualität wegen der unerträglichen Banalität der dabei anfallenden Vorgänge), den sofortigen Vollzug des Geschlechtsverkehrs. An diese Schlüsselszene des Romans schließt sich eine Kaskade rätselhafter Verhaltensweisen und merkwürdiger Vorgänge an, die vom Erzähler, dem ständigen Begleiter des Herrn Jackopp, süffisant und mit Liebe zum skurrilen Detail kolportiert werden.
Must Read für alle Junghippies...das Leben findet eben doch in einer Kneipe statt und wer mit wem, war schon immer das Wichtigste...auch bei den 68'ern. Immer noch nutze ich den Namen Kloßen als Synonym für einen besonderen Menschen...kann ich mal bei Dir scheißen?
Das Buch beschreibt eine Woche im Leben der Protagonisten, in der absolut rein gar nichts passiert, aber das beschreibt Henscheid bis ins kleinste Detail. Ich habe mich lange nicht mehr über ein Buch so amüsiertere über dieses. Jetzt hoffe ich, dass ich bald Teil zwei und drei der "Trilogie des laufenden Schwachsinns" lesen werde.
Wie schon vom Vorredner festgestellt: Es passiert rein gar nichts und die Erlebnisse des nicht sehr inhaltsvollen Lebens werden auf das dramatischste aufgebauscht... kann man mögen, wird aber über knapp 300 Seiten auch sehr eintönig.
Seine Kollegen bei der Frankfurter Ulk- und Satirezeitschrift waren Robert Gernhardt, Wilhelm Genazino, F.W. Bernstein, Chlodwig Poth, F.K. Waechter, Hans Traxler, Alice Schwarzer, Elsemarie Maletzke, Günter Wallraff, Bernd Eilert. Sein größtes Idol als Schriftsteller war Fjodor Dostojewski, für ihn einer der größten Humoristen der Weltliteratur, weil er seine Figuren rhetorisches Chaos und Lawinen des Geschwätzes anrichten lässt. Eckhard Henscheid, Humorist aus Amberg in der Oberpfalz, Mitte der sechziger Jahre von einer mittelbayerischen Provinzzeitung ins studentenbewegte Frankfurt gelangt. (Dessen modische Philosophen und politische Demagogen er von da an auf Jahrzehnte hinaus mit Spott und Häme überschütten sollte: Prof. Theodor W. Adorno wie den Taxifahrer und Lederjackenträger Joschka Fischer aus Gerabronn in Hohenlohe.)
1972 schickte er einen Aufruf herum, er wolle einen Roman in der Art von Dostojewskis „Dämonen“ schreiben, in dem lauter Szenelieblinge wie Gernhardt (Herr Norbert Gamsbart), Maletzke (Fräulein Czernatzke), Genazino (Herr Domingo), Eilert (Herr Rösselmann) und noch ein paar Volldeppen eine Woche lang beim „Pizza-Peter“ im Frankfurter Nordend sich zum Saufen und Dauer-Durcheinander-Reden treffen würden. Es würde lustig werden. Man möge doch Anteilscheine zeichnen, dafür gebe es, falls das Buch sich je verkaufe, nachher auch eine Gewinnausschüttung. Das Buch „Die Vollidioten“ verkaufte sich über alle Erwartungen und noch auf viele, viele Jahre hinaus als Jugendszene- und Studentenhit in den Läden von Zweitausendeins, wie warme, frische Semmeln – und immer exklusiv, nie bei den Buchhandlungen, das gilt heute noch (also nach „Zweitausendeins“ googlen, mag es auch zum Seniorenservice geworden sein). Es sei unfassbar spaßig, man werde tagelang lachen, hieß es dann dort. Was nicht mal stimmt. Aber bei der Frage, welches der gelungenste humoristische Roman aus der Geschichte West-Deutschlands zwischen den Jahren 1949 und 1989 ist, habe ich bislang noch keine überzeugendere Antwort bekommen als: „Die Vollidioten“ des Eckhard Henscheid.
Dieser Henscheid ist, kleine Warnung vorher, kein Schreiber für Leute, die in geraden Kanälen zu denken pflegen, immer wissen, was gut und was böse, wer ihr Freund und ihr Feind ist, kein Roman, der auf Seite 200 tut, wonach es auf Seite 20 schon mal aussah. Hier tritt am Anfang der wichtigtuerische Erzähler Eckhard auf, behauptet, „in unserer Stadt“ würden gespenstische, schreckerregende Machenschaften verfolgt, von denen er im Folgenden den Mantel des Verschweigens reißen werde. Aber dann erzählt er, wie der flott dumm-dreiste Macho-Anmache um sich spritzende Schweizer Herr Jakopp ziemlich vergeblich daran arbeitet, das Mensch Czernatzke „flachzulegen“. Die auch der Erzähler ganz gerne für sich gewönne, aber er sei so dezent und gesittet, sagt er jedenfalls.
Kurz gesagt, es passiert überhaupt nichts. Es werden ständig prätentiöse intellektuelle Schwachsinnsreden vertickt, wo man schon auch ein wenig Einblick in die deutsche Geistesgeschichte mitbringen sollte, um deren Blödelei halbwegs zu durchsteigen. (Sagen wir mal: deutsches „Monty Python“, die Zeit war es ja.) Das Buch war Henscheids populärstes, ist nach wie vor sein berühmteste, und, so halbwegs, immer noch sein bestes (da gibt’s zwei, drei heiße Konkurrenten). Aber wie die gesammelten Henscheid-Werke überhaupt ist es von akutem Aus-der-Zeit-Fallen bedroht. Es lebt schon sehr von seinem Milieu, dem halbwegs erfolgreichen, halbwegs gescheiterten akademischen in großen, brummenden BRD-Städten zu einer Zeit, als der Frühling von 1968 allmählich in die Jahre kam.
Meines Erachtens war Henscheid immer schon ein Jungs-Autor. (Aber keiner für Schwule, er ist so was wie der heterosexuellst vorstellbare Mensch, soweit man dieses nur gut mit ihm meint.) Es sind Maulhelden, die mit Halbbildung und angeblichem Revoluzzertum glänzen, während sie Abend für Abend irgendwas spielen in ihrer Stammkneipe und sich einen ansaufen. Sie kündigen „Angriffe“ auf die schönen Frauen allemal flüssiger an, als sie sie jemals ausführen. Henscheid sollte das sein Leben lang tun: aus ziemlich kümmerlichen, schrägen Typen seine privaten Lichtgestalten erzeugen. Gerade der Elendste bekommt am Ende einen Heiligenschein. Hier im Buch könnte das Herr Kloßen werden, ein Gast aus Norddeutschland, der sich bei allen aus dieser Runde verschuldet hat, nichtsdestotrotz tagsüber kurz auf Besuch bei allen vorbeigeht, um aberwitzige Geschäftsideen vorzuschlagen, zur Inangriffnahme fehlt ihm momentan nur ein ganz kleiner Vorschuss; - und die Steuerrückzahlung in zwei Wochen, die stehe doch felsenfest.
Ich habe mir in den 1980-er Jahren, als ich die „Vollidioten“ zum ersten Mal las, recht gut vorstellen können, dass viele jüngere Frauen diesen verschmitzten Henscheid durchaus nicht leiden könnten. Allerdings bin ich mehrfach im Leben bei Henscheids Lesungen gewesen (sein Glanzstück war die Parodie auf den Kritiker Reich-Ranicki, bei der dieser mit tausend geröhrten Rs das Loblied auf den Schweizer Modernisten HeRRRmann BuRRRgeRRR anstimmt). Jedes Mal waren Frauen im Publikum, die ihm mehr oder weniger zu Füßen sanken. Verstehe einer die Frauen!