Molly MacCarthy ist eine entfernte Cousine von Virginia Woolf und ein Mitglied des Bloomsbury-Kreises. Beide wachsen in wohlhabenden bildungsbürgerlichen Haushalten auf. Aber anscheinend hat Molly vergleichsweise mehr Glück mit ihrer Familie gehabt als die berühmtere Cousine. Abgesehen von der Internatszeit wächst sie recht glücklich mit mehreren Geschwistern in Eton in Sichtweite des königlichen Schlosses auf. Der Vater ist Vize-Schulleiter in Eton, die Mutter schreibt und empfängt in ihrem Haus eine Vielzahl gelehrter und berühmter Menschen. Oft versinkt sie aber derart in ihren eigenen Gedanken, dass sie ihre Kinder vergisst.
„Ganz in metaphysische Spekulationen versunken, wirkt sie wie ein Fisch, der aus dem Fluss des Zweifels springt, um einige kleine Fliegen der Gewissheit zu erhaschen.“ Mit dem titelgebenden Zitat charakterisiert MacCarthy ihre exzentrische Mutter.
Die Autorin entwirft in ihrem autofiktionalen Text (1924) ein lebendiges Bild ihrer Kindheit, manchmal träumerisch, oft mit großer Distanz und Ironie gegenüber ihren steifen viktorianischen Zeitgenossen:
„Dabei muss man wissen, dass sich damals kein Dichter angesichts der Natur in Schweigen hüllen konnte. Alle spürten um sich herum Rätsel und Erhabenheit und sie schienen ununterbrochen einen großen Chor oder eine Symphonie über den Frühling, die Sonne, die Erde, das Wasser und die Luft zu ersinnen.“
MacCarthy schreibt keine zusammenhängenden Memoiren, sondern fädelt Erinnerungsperlen auf. Der Besuch eines ehrwürdigen Bischofs, dem ihre Mutter entflieht, um mit einem Internatsschüler am Fluss französische Literatur zu lesen; die Familienkonferenzen vor dem „Grand Livre“, dem Haushaltsbuch, bei denen entschieden werden muss, ob man am Vogelfutter oder am Wein für die Gesellschaften sparen sollte; die Gefühle des heimwehkranken Kindes im eiskalten Schlafsaal der „Barmherzigen Schwestern“ und schließlich die Ungewissheit, wie sie ihr Leben als Erwachsene gestalten soll. Nach der Lektüre des „Jahrbuch[es] der englischen Frauen“ hat sie sich den Beruf der Hygiene-Inspektorin ausgesucht. Ihre Mutter versetzt ihr nach einem Lachanfall einen typisch viktorianischen Dämpfer:
„‘Es tut mir leid, mein Schatz, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass das geschieht. Du wirst dich damit abfinden müssen, stets eine englische Dame zu bleiben, die in einem Moment das eine und im nächsten etwas anderes macht‘, sagte sie äußerst trocken.“
MacCarthy beschreibt eine Ära, in der die Welt für ihre Klasse in England noch in Ordnung ist. Sie tut das mit der Distanz einer Frau des frühen 20. Jahrhunderts nach den Umwälzungen des Ersten Weltkrieges. Der Tod der Königin, deren Begräbniszeremonien in Windsor sie hautnah miterlebt, hat ihrer Jugend ein Ende gesetzt.
MacCarthy ist keine Schriftstellerin der Moderne wie ihre Cousine Virginia, die ihr im “Times Literary Supplement“ eine bewundernde Buchkritik schenkt (im letzten Teil des Buches abgedruckt). Dennoch sind ihre Erinnerungen ein farbiges Bild ihrer Welt. Tobias Schwartz hat das Werk übersetzt und mit einem informativen, aber zuweilen etwas umständlich formulierten Vorwort und vielen Anmerkungen im Anhang versehen.
Ein Kleinod für Freunde englischer Literatur! Viereinhalb Sterne.