Reise am Rande der Einsamkeit – Flucht und Todesverarbeitung.
Inhalt: 3/5 Sterne (Selbstvergegenwärtig - langatmig)
Form: 4/5 Sterne (rhythmisch-ozeanisch)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (intensive Todesauseinandersetzung)
-->12/3 = 4,0 = 4 Sterne
Nach Die kalten Nächte der Kindheit, das hauptsächlich im poetisch-autobiographischen Stil gehalten ist, montiert Özlü in Suche nach den Spuren eines Selbstmordes eine weitere Ebene in den Textfluss: eine Reise von Hamburg über Prag, Triest nach Turin, um einerseits Italo Svevos und Cesare Paveses Spuren nachzuforschen, aber auch um den Tod einer nahestehenden Freundin, Christa, zu bewältigen. Özlü schreibt keinen Roman, eher eine poetische Todesverarbeitung, eine Interjektion gegen die Einsamkeit, gegen die Verlassenheit:
Es ist nicht nur seine Schwermut, seine Hoffnungslosigkeit, seine Einsamkeit, die ich in diesen kleinen Gebäuden, in diesen Gärten wiederfinde, durchlebe. Es sind die Bäume, die Verlassenheit dieses Grüns, die heute genauso zeitlos sind wie damals, und bedrücken und bedrücken und bedrücken. Nirgends auf der Welt empfing mich die Einsamkeit so stark wie im Giardino Valentino. Nicht einmal in dem stillen Grün am Rande von Stockholm. Es ist etwas hier. Es ist etwas in dieser Stadt. Es ist etwas in diesem Grün, was ich nicht benennen kann, was seinen Todestrieb nährte, vertiefte, vollendete, dem er entfliehen musste, nicht entflohen ist, sondern sich davon treiben ließ.
Texte dieser Art leben vom Feuer des Erzähl-Instanz, und Özlü hat viel Intensität, viel Wucht, viel inneren Antrieb, die Widersprüchlichkeiten, die Desillusionen und Frustrationen aus sich herauszuschreiben. Ihr dient das Schreiben als Ventil, als Verarbeitung und Erweiterung einer ins Leere laufenden Psychomaschinerie, die sich ihr wie ein Schraubzwingenscharnier aufs Gemüt legt. Sie kämpft, und Suche nach den Spuren eines Selbstmordes legt Zeugnis davon ab:
Als er eine weitere Tür öffnet, erwarte ich einen Schrank oder eher ein Badezimmer. Wir betreten einen dunklen Raum. Die Holzläden sind geschlossen. Ich nehme die dunkle Enge wahr. Nicht nur die dunkle Enge. Ich nehme den Selbstmord wahr. Die Kluft verschwindet. Er ist in meinem Wesen. In jeder Zeit und in der Zeitlosigkeit meines Wesens. Ich bin erfüllt mit seinem ewigen Selbstmord. Allein wäre ich hier zusammengebrochen. Ich hätte mich auf dieses Bett gelegt. Ich hätte geschrien. Und geweint. Hier ist Tod. Tod jeder Art. Selbstmord. Das Zimmer ist ein Sarg. Ein Grab, ein verstecktes Grab im Zimmer 305 des Hotel Roma.
Pavese, ein Schriftsteller der 1940er des italienischen Neorealismus, eine Vor-Form der Nouveau Roman-Ästhetik oder als metaphysisch-entleerter Existentialismus, hat das Kämpfen gegen die Einsamkeit 1950 aufgegeben, sein Handwerk des Lebens, das sich die Ich-Erzählinstanz bei Özlü zurückerobern möchte. Ihr Weg geht vor allem über die sinnliche-leibliche Nähe, über sexuelle Erfahrungen, hautnahem Kontakt zu den Mitmenschen. Dort glüht sie. Dort öffnet sich sie anderen, weniger für die Worte als über die Vertraulichkeit der Berührungen in der Dunkelheit.
In diesem Sinne lässt sich Suche nach den Spuren eines Selbstmordes als kämpferisches und widerständiges Buch bezeichnen, eines, das eine Schriftstellerin zeigt, die viel zu geben gehabt hat, nur nicht genügend Zeit dazu bekommen hat. Sie starb bereits 1986 mit nur 43 Jahren. Ihr Text gesellt sich in jedem Fall in das Spannungsfeld einer Ingeborg Bachmann, Brigitte Reimann und Emine Sevgi Özdamar mit bspw. Ein von Schatten begrenzter Raum.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Insgesamt angenehme poetische Prosa, die über eine Fahrt aus dem Norden Deutschlands hinunter zum Balkan und dann nach Norditalien handelt, wo das lyrische Ich den Spuren des Selbstmordes von Cesare Pavese nachforscht. Auf dem Weg wollen ihr viele Männer an die Wäsche, und sie denkt über den Tod und das Leben, die Abschiede und die Unmöglichkeiten des Zusammenlebens nach. Für sich sehr hermetisch, sprunghaft, assoziativ, eher wie ein Gedankenstrom, eine Art innere Anhörung dessen, was das lyrische Ich auf dieser Reise überkommt. In seiner poetischen Schreibweise, seinen Auslassungen und Ausschweifungen überzeugt mich der Text, der kein Roman, auch keine Erzählung zu sein anstrebt, aber einen roten Faden besitzt, die Reise. Es ist eher Lyrik, Selbstsuche, Bericht, dynamisches Sich-selbst-Erfassen, gehobene, geformte Briefmitteilung an Unbekannt.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, durch die Thematik – Leben, Lust, Einsamkeit, Tod.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, durch die Intensität der Sprache, Originalität.
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, auch schön, da rhythmisch, immersiv, fließend.
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, denn das lyrische Ich bringt sich zum Erwachen, erwacht.
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, im Rahmen von Pavese, oder in Bezug auf Bachmann, oder andere türkische Schriftstellerinnen.
--> 5 Sterne
Inhalt:
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) IE, eigentlich das lyrische Ich (LI), findet heraus, dass Pavese und sie beinahe am selben Tag geboren sind, mit der Zeitverschiebung eingerechnet. Zeit in Berlin. Schmerzen des Seins. Hört Don Giovanni. Besuch der Kneipe „Alte Liebe“ mit einem Freund. Jemand ist gestorben, unklar wer. Vermischung mit Erinnerungen an Wien. Nichtlineare Erzählweise. Reise beginnt in Hamburg. Nimmt Zug nach Berlin Bahnhof Zoo. Unterhaltung mit studiertem Katholiken über Krieg, Holocaust und die CDU. Erinnerungen aus 1961 mischen in ihr Bewusstsein. Datum: 5.7.1982. In Berlin. Sie besucht Freunde in Storkwinkel, beschließt nach Prag zu fahren, vom Ostbahnhof aus. Sie lernt einen Künstler kennen, Latislav. In Prag besucht sie das Grab von Kafka. Erinnerungen an den Besuch von Wien aus (stets vor und zurück in der erzählten Zeit). Latislav hat ihr aufgelauert. Sie verabschieden sich. Sie fährt Richtung Wien. Übernachtet dort im Prinz-Eugen-Hotel. Sie hat Zahnschmerzen.
2.) Sie versucht zu schlafen. Wegen der Zahnschmerzen unmöglich, durchnächtigt nach 30 Stunden wird sie am Ersten Kärntner-Ring abgeholt, von einem Er, der sie fast nicht erkannt hätte. Sie fahren die E5 Richtung Süden, der Route, die türkische Gastarbeiter auf der Reise zurück in die Türkei nehmen. Rückblick vom Hotel Niš aus. Ihr Mitfahrer hat sie zurückgelassen. Er ist unterwegs in die Türkei, in ihre Heimatstadt – vor Zagreb gibt es einen Zwischenfall, sie steigt aus, weiß aber nicht wohin. Sie hat Zahnschmerzen. Das Verhältnis zwischen den beiden wird nicht klar. Sie trennen sich, treffen sich aber in Zagreb wieder. Sie will nach Belgrad. Sie fahren wieder gemeinsam.
3.) Brüllende Zahnschmerzen. Samstag, 10.7., sie fährt mit dem Zug den Weg zurück. Eine Christa ist gestorben, die gemeinsame Bekannte? Achim, Freund Christas?
4.) In Triest, im Hotel. 11. Juli. Sie hat mit einem Griechen angebandelt. Der Grieche fährt nach Turin zu einem Rolling Stones-Konzert. Schmerzen. Fußballweltmeisterschaft findet statt. Endspiel: Deutschland-Italien. Siegesjubel.
5.) 12. Juli. Forscht Svevo Italo nach, besucht die Tochter. Eindrucksvolle Gestalt, hat Englisch bei James Joyce gelernt. Am 13. geht sie zu Svevos Grab. Läuft durch Triest am 14. Ist mit Achim die E5 runter gefahren. Sie fährt nach Turin. Trifft den Griechen wieder. Sie wird von einem Maschinisten angebaggert. Dann vom Kaffeeverkäufer, der noch bei seinen Eltern lebt.
6.) Befindet sich in S. Stefano Belbo, in der Nähe von Turin. Rückblick auf Einfahrt nach Turin. Besuch bei Paveses Verleger. Besuch des Hotels, in welchem er Selbstmord begangen hat, Hotel Roma. Ein junger Sekretär, Orazio, führt sie ins Zimmer 305.
7.) Christas Tod, Traum. Achim und sie, Süm und LI hat es nicht am Totenbett ausgehalten.
8.) Orazio begleitet sie nach S. Stefano Belbo. Er findet sie außergewöhnlich. Sie schlafen miteinander. Besuch Nutos, Freund Paveses, Handwerker.
9.) Rückkehr nach Turin. Sie nimmt Zimmer 211 im Hotel Roma, nicht 305. Erinnerung an den Sommer im Vorjahr mit Christa und Achim. Caffé Platti. Turin, 19. Juli. Abfahrt aus Turin am 20. Juli, 8 Uhr 36. Tag zuvor bei Paveses Schwester. Keiner da.
●Kurzfassung: Eine gemeinsame Freundin stirbt, Christa. Achim, ihr Lebenspartner und die Ich-Erzählerin trauern in Berlin. Später im Jahr bringt sie ein Kind nach Hamburg zum Flughafen. Sie selbst fährt über Berlin nach Prag, Wien, dann über Belgrad, Triest nach Turin, um den Spuren von Pavese nachzuforschen. Einerseits denkt sie über ihr Leben, über Christa und Pavese nach, um im Schmerz ein neues Lebensgefühl zu entwickeln.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Gespräch mit Katholiken in der Bahn über den Holocaust.
●Diskurs: Einsamkeit, Tod eines Freundes, Allein-Sein.
… Stimmungsmäßig Bodo Kirchhoff: „Seit dem er sein Leben mit einem Tier teilt“ – wegen Italien und der Erschöpfung; Jehona Kicaj: „ë“ – wegen der Zahnschmerzen und der Balkanreise; Heinz Strunk: “Es ist immer so schön mit dir” – wegen Wien und der Balkanreise, der Desperation, der Urlaub in dem Betonhotel.
… vor allem geht es um den vorzeitigen Tod, durch Krankheit (Christa), durch Selbstmord (Pavese).
… es ist eher eine Art lyrisches Schreiben um eine Erfahrung und Todesverarbeitung herum, Tod Svevos, Kafkas, Christas und Paveses, und ihr eigener Selbstmordversuch im Kindesalter. Die Thematik bricht sich in der Form. Die Handlung selbst teilweise zu konfus, zu unklar, zu indirekt erzählt, dass sich die Umstände unklar herausarbeiten lassen. Daher vom Plot her teilweise zäh.
--> 3 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) lange, rhythmische, poetische Sätze, Welt- und Todesmetaphern, sehr holistische, Zeit überspannende Erzählweise, zwischen Vergangenheit und Zukunft in Schwebe gehaltene Gegenwart. Sprache abwechslungsreich, eindringlich, sehr erfahrungsnah, wie Briefe, wie direkte Mitteilung, als Botschaft dennoch ästhetisch gefiltert, verarbeitet, so dass das Ganze weniger roh erscheint, eher mittel-unmittelbar. Es besitzt nicht ganz den letzten Schliff in der Rhythmik und Sprachfärbung.
--> 4 Sterne
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