Einen Tag und eine Nacht ist Abel in Berlin unterwegs. Er sucht Joe, seinen Freund, der ihm Heimat bedeutet wie die vertraute Stadt, die sich so rasant verändert. Wie lange war Joe nicht zu Hause, hat er Abel verlassen, geht jetzt eigene Wege? So pilgert Abel durch die Subkultur. Märchenbrunnen und Tiergarten, Kneipen, die Sauna unterm Dach, Orte des Begehrens und fremder Umarmung. Wurden sie für ihre Liebe zur Gefahr? Hat der junge Ostberliner Abel zu viel erhofft vom Leben mit Joe, zugezogen aus katholischer West-Privinz? Hatten sie überhaupt eine Chance? Abels Odyssee öffnet auch den Blick auf seine Herkunft, dieses "Märchenland", das er nicht festhalten kann, vielleicht ebenso wenig wie den Freund. Michael Sollorz' Romandebüt "Abel und Joe" beschwört mit ungeheurer Zärtlichkeit, Witz und einer lakonisch-präzisen Sprache das Gestern im Heute. Dabei fängt er nicht nur das schwule Lebensgefühl der 1990er Jahre ein, sondern auch die Verlorenheit jener Generation, die nach der deutschen Wiedervereinigung im Osten des Landes neu anfangen musste. Die Neuauflage zum 30. Jubiläum ist eine Einladung, diese zeitlos-melancholische Liebesgeschichte wiederzuentdecken.
Michael Sollorz’ Abel und Joe ist ein fiebriger, verstörender, poetischer Trip durch eine kaputte Welt – Ost-Berlin in den frühen 90ern, zwischen Mauerfall, Identitätskrise und der Wucht einer Aids-Pandemie, die wie ein schleichender Schatten über allem liegt. Es ist kein klassischer Roman mit klarer Handlung, sondern eher ein innerer Monolog, ein Flimmern, ein Ringen mit Verlust, Schuld und Sehnsucht.
Abel taumelt durch Erinnerungen, durch Ruinen seiner Kindheit, durch eine Liebe zu Joe, die nie wirklich da war und doch nie verschwindet. Joe ist überall und nirgends. Abel will, dass er ihn findet – und gleichzeitig nicht. Die Suche nach Joe ist eine Suche nach Halt, nach sich selbst, nach einem Ort, an dem das Schwulsein nicht Gefahr bedeutet, nicht Stigma, sondern einfach nur sein darf. In den Trümmern einer untergegangenen DDR-Gesellschaft, die nie Platz für Anderssein hatte, wirkt die Vergangenheit wie ein toxischer Rückhalt – vertraut, aber zerstörerisch.
Sollorz gelingt es, diese Ambivalenz mit bedrückender Genauigkeit einzufangen. Besonders stark wird das im inneren Bild eines endlosen Sommers, das Abel beschreibt:
„Manchmal ist der Sommer wie ein Mensch, dachte Abel. Er bedrückt dich, du wirst müde; du hast ihn satt und willst, dass er geht. Du sehnst dich nach der klaren, kühlen Luft, nach der Winterruhe des Alleinseins. Manchmal zeigt er, dass er gehen möchte, doch du bemerkst es kaum. Du hast dich so an ihn gewöhnt, dass du nicht mehr weißt, ob du ihn willst. Es gibt aber auch Zeiten, in denen du ihn kaum noch spürst, weil du stumpf und blind bist vor Furcht, dass er sich leise davonstiehlt. Im nächsten Jahr erkennst du den letzten Tag.“
Dieses Zitat ist vielleicht das Herz des Romans: Es beschreibt nicht nur die Beziehung zu Joe, sondern auch Abels Verhältnis zur Welt, zum Leben, zum eigenen Körper. Der Text ist durchzogen von Schmerz, Verlorenheit und dieser seltsamen Wärme, die nur Menschen empfinden, die tief verletzt wurden und trotzdem noch hoffen.
Abel und Joe ist kein Buch, das man leicht liest. Es will nicht gefallen. Es will nicht versöhnen. Es bleibt wie ein Fiebertraum im Kopf – schmerzhaft, poetisch und wichtig. Ein leises, intensives Zeugnis schwulen Lebens in einer zerrissenen Zeit.
Hält die schwule Einsamkeit bedrückend gut fest. Abel sucht seinen Freund Joe, doch je länger die Nacht geht, umso ferner schwindet Joe aus Abels Leben, und Abel verliert sich in seinen Fehlern, Erinnerungen, anderen Körpern und dem Alkohol. In einem Ost-Berlin, das nun einfach nur mehr Berlin ist, wirkt Abels zerbrochene Identität wie ein todgeweihter Fremdkörper, der nirgendwo hingehört und zu niemandem dazugehört. Und wer die schwulen 90er kennt, weiß, was ihn erwartet.
Das Buch ging dann doch irgendwie zu großen Teilen an mir vorbei. In der ersten Hälfte konnte ich gut folgen und mochte die hüpfenden, assoziativen Schilderungen, in der zweiten Hälfte hab ich (oder das Buch) dann leider den Faden völlig verloren. Man erfährt nicht so viel über die Gefühlswelt von Abel, dafür viel über zufällige Dinge die ihm ins Auge fallen. Auch was jetzt genau mit Joe los ist, bleibt unklar. Jedenfalls mir.