Ach, Mann. Leider eine Enttäuschung. Viele von euch wissen, dass Saša Stanišić zu meinen absoluten Lieblingsautoren gehört (und daran hat sich natürlich nichts geändert!), aber Möchte die Witwe... konnte mich leider so gar nicht überzeugen.
Lustigerweise hatte ich gar nicht mitbekommen, dass 2024 ein neues Buch von Stanišić erscheinen würde. Ich verfolge den deutschen Buchbetrieb nur so mit halben Auge (...wenn wir ehrlich sind: mit einem Achtelauge) und fiel dann im September aus allen Wolken, als ich sah, dass dieser Kurzgeschichtenband erschienen war. Stanišićs Kurzgeschichten fand ich bisher nicht sooo gut wie seine Romane (Fallensteller bekam von mir mit Mühe eine 3-Sterne-Wertung), aber das Cover der Büchergilde-Ausgabe (einige von euch wissen, dass ich Stanišić exklusiv in den Büchergilde-Ausgaben sammle) war so einnehmend, dass ich es doch sofort lesen wollte. But here's the catch: ya girl isn't even a member of the Büchergilde. Ist mir zu teuer, lohnt sich für mich nicht. Und daher habe ich dann mit Adleraugen jegliche Second-Hand-Buchverkaufsseiten beobachtet, bis endlich auf Kleinanzeigen ein Exemplar des Buches für 8 fucking € (god bless you, Frieda!) angeboten wurde. Das Problem: Frieda wohnt in Treptow-Köpenick, icke in Spandau. Der Weg zu ihrer Wohnung (und somit zum lang ersehnten Buch) entpuppte sich als 70-minütige Odyssee quer durch Berlin mit ausgefallenen Bussen und Umleitungen, but we made it, bitches. Ich habe das Buch am 11. Oktober abgeholt und noch am selben Tag gelesen. I came, I saw, I conquered.
Also dit erstmal als Präambel, jetzt zum eigentlichen Inhalt des Buches. Möchte die Witwe... versammelt 12 Kurzgeschichten auf 253 Seiten. Stanišić stellt den Geschichten voran, man möge sie doch bitte der Reihe nach lesen. Nichts leichter als das, hatte eigentlich och nüscht anderes damit vor, aber jut.
Einige Geschichten waren wirklich amüsant und brachten mich zum Lachen ("Neue Heimat", "Mo, der Panther, und Petra, der Funker", "Möchte die Witwe..."), doch die meisten Geschichten fand ich ziemlich nichtssagend ("Traumnovelle", "Gegen das Kind in Memory Unentschieden holen", "Es pfeift der Wind..."). Oft stellte ich sogar einen Kitsch und einen "Lebensweisheiten"-Stil fest, der total untypisch für Stanišić ist. Like girl, what happened? Stanišić ist ein politischer Autor, ist er schon immer gewesen, aber in diesem Buch ist sein Messaging so platt und grob, dass ich es leider nicht gelungen finde, obwohl ich seine politische Haltung teile. Irgendwie hat das alles nicht so richtig in die Geschichten passt und wirkte sehr aufgesetzt/gewollt, z.B. wenn er in "Der Hochsitz" schreibt: "Ich mochte nicht, dass wir die Anwesenheit unserer Körper in diesem Land permanent erklären mussten." Like, ich check's, geht mir nicht anders, aber irgendwie hätte ich es anders ausgedrückt? So wirkt es irgendwie sehr gestellt und verkopft. Aber vielleicht geht es da auch nur mir so.
Was mir wiederum sehr gut gefallen hat, ist, dass wir den alten Georg Hovarth wieder antreffen. Ich mag's total, dass Stanišić einem das Gefühl vermittelt, all seine Bücher würden (oder könnten) im selben Universum spielen. Super fun!
Und auch beim Durchgehen meiner Notizen und Anmerkungen zum Buch ist es einfach überraschend wenig, was ich sagen möchte und noch weniger, was hängengeblieben ist. Es sind nicht mal drei Monate seit meiner Lektüre vergangen und ich habe schon fast alles vergessen, was in diesem Buch vorkam. Da gab es im letzten Jahr wirklich ganz viele Bücher, die deutlich eindrücklicher waren und mich mehr verfangen haben. Wie dem auch sei, ich freue mich auf den nächsten Stanišić... und die Hey, hey, hey, Taxi!-Reihe, die Stanišić mit seinem Sohn schreibt und die von Katja Spitzer illustriert wird, habe ich zum Beispiel noch nicht gelesen. Da könnte man sich auch mal ranmachen. Stanišićs Schreibstil und Humor sind nämlich toll, egal in welchem Genre. (Das hat bspw. auch Wolf bewiesen, Stanišićs Jugendbuch, das ich ebenfalls 2024 las und das mir deutlich besser gefiel. Aber das nur am Rande. Cheers!)
& P.S. Nur falls ihr euch wundert: Stanišićs Kommentar hier unten galt meiner ursprünglichen Rezension, in der ich mich darüber aufregt hatte, dass mir "niemand Bescheid gegeben hat", dass ein neues Buch von ihm erschienen ist. Lieb den Kerl einfach.