Dinçer Güçyeter erzählt vom Schicksal türkischer Griechen, von archaischer Verwurzelung in anatolischem Leben und von der Herausforderung, als Gastarbeiterin und als deren Nachkomme in Deutschland ein neues Leben zu beginnen.
»Unser Deutschlandmärchen« erstreckt sich vom Anfang des letzten Jahrhunderts bis beinah in die Jetztzeit. Dinçer Güçyeter lässt nichts aus, keine Vergewaltigung, kein Missverständnis, keinen Konflikt am Arbeitsplatz, ganz gleich ob in der Schuhfabrik, beim Bauern auf dem Feld oder in der eigenen Kneipe. Und dann ist da noch die Erwartung der Mutter an den heranwachsenden Sohn, der ihr als starker Mann zur Seite stehen soll, selbst jedoch eine gänzlich andere Vorstellung von einem erfüllten Leben hat.
Dieser preisgekrönte Roman ist eine Familiengeschichte in vielen Stimmen. Frauen mehrerer Generationen und der in Almanya geborene Sohn erinnern sich in poetischen, oft mythischen, kräftigen Bildern und in Monologen, Dialogen, Träumen, Gebeten, Chören.
Eine neue Stimme - endlich! Kurzmeinung: Ich gratuliere zum Leipziger Buchpreis! Von mir gibt es eine Leseempfehlung. Inhalt: Fatma wächst in einer bitterarmen Familie in der Türkei auf. Ihre Mutter muss ihre Kinder irgendwie durchbringen und verdingt sich zu niederen Arbeiten, der Mann ist abhanden gekommen, man haust in einer Hütte. „Der Boden ist so kalt, so kalt“, ist ein Eindruck, der Fatma bis zu ihrem Lebensende als Erinnerung bleibt. Der kleine Bruder erkrankt in der Kälte lebensgefährlich, seine Behandlung kostet. Alles kostet. Als sich deshalb ein Freier findet, der die 17jährige mit nach Deutschland nehmen will, willigt die Mutter nach anfänglichem Zögern ein, denn Fatma soll für die gesamte Familie der Brückenkopf nach Deutschland in ein besseres Leben sein. Fatma fügt sich. Dank für ihr Opfer stellt sich lebenslang nicht ein. Nicht einmal von den tatsächlich nachgezogenen Familienmitgliedern. Es ist kein Märchenland, in das die junge Ehefrau kommt. Sprache und Gewohnheiten sind fremd. Nirgendwo kann sie einen der typischen türkischen Teekocher bekommen, der für einen türkischen Haushalt wohl lebensnotwendig ist. Fatmas Ehemann erweist sich alsbald als Traumtänzer und als lebensuntüchtig. Es ist die junge Fatma, die in die Fabrik geht und den Familienkarren aus dem Dreck zieht. Ihre Stellung in der türkischen Gemeinschaft verbessert sich dadurch nicht: sie ist doch nur eine Frau.
Der Kommentar und der Leseeindruck: Dinçer Güçyeter ist eine neue, frische und lebendige Stimme am Literatenhimmel! Ungewöhnlich, außergewöhnlich sogar. Man merkt, dass der Autor hauptsächlich als Lyriker unterwegs ist. “Unser Deutschlandmärchen“ ist durchsetzt von längeren lyrischen Passagen, in ihnen drückt sich viel Gefühl aus. Gut, dass ich Gedichte mag, so kann ich mich mehr und mehr der Schönheit dieser lyrischen Passagen hingeben. Ja, der Roman ist ein Text, der eine gewisse Hingabe erfordert. Eigentlich bescheibt der Autor "nur" seine Familiengeschichte, aber wie er das macht, ist ungewohnt für deutsche Ohren. Mutter und Sohn treten in einen Dialog. Fatma erzählt davon, wie sie in Deutschland behandelt wird, als Gastarbeiterin gilt sie nur etwas, solange sie funktioniert, der Sohn fragt sich, wie sie das alles ausgehalten hat. Die Leser fragen sich das auch. Der Sohn erzählt davon, wie er schon als kleines Kind das Gefühl hat, er muss die Mutter unterstützen. Er erkennt seine Mutter als eigentlich starke Person, die aber ihre Individualität der Familie zuliebe geopfert hat; niemals wehrt sie sich, nie sorgt sie für sich selber und ihre Position in der türkischen Gemeinschaft ist sogar noch schlechter als in der deutschen. Beim Hören/Lesen wird man wütend. Auch in dem Roman spürt man Wut und ein Gefühl der Ohnmacht. Warum wehrt sich Fatma nicht, warum spricht sie nicht deutliche Worte zuhause, warum fordert sie von ihrem Mann keine Unterstützung ein, warum lässt sie es zu, dass er das Geld sinnlos ausgibt, das sie schwer erarbeitet hat und dass er nicht mithilft im Haushalt, obwohl Fatma mittlerweile sogar zwei Jobs hat und zwei kleine Kinder? Man muss aber auch oft schmunzeln, ich mag die Selbstironie, die im Text steckt. Und ich liebe manche Formulierungen, zum Bespiel diese „es waren die 1980er, da spielte das Pathos Gott“.
„Unser Deutschlandmärchen“ ist nicht so sehr eine Abrechnung mit Deutschland, obwohl Fatmas Enttäuschung über mancherlei Zustände durchaus durchschlägt und die türkischen Hintergründe kaum in Frage gestellt werden (mag die Zukunft in Deutschland nicht rosig gewesen sein, gab es wenigstens eine; in der Türkei gab es keine). „Unser Deutschlandmärchen“ ist eine zögerliche und tastende, auch schmerzliche Geschichte des Ankommens, die bis in die dritte Generation andauert. „Unser Deutschlandmärchen“ fasziniert gerade durch die Lyrik. Ich möchte die Lyrik nicht missen in dem Text. Und in den einander gegenübergestellten Monologen von Mutter und Sohn kommt allerhand zur Sprache: Liebe und Hass, Auflehnung und Unterordnung, Familie und Gesellschaft. Das Suchen und Tasten nach einem Platz in der Welt. Das Tasten nach eigener Individualität. Wer bin ich außerhalb meines Mannseins und Sohnseins, fragt sich Dinçer. Bin ich ein Metallarbeiter oder ein Dichter? Geht beides miteinander? Ja, unbedingt!
Fazit: „Unser Deutschlandmärchen“ ist ein ungewöhnlicher Text von besonderer sprachlicher Schönheit, sehr beeindruckend ist das, sogar erhebend, und inhaltlich ist er eine Auseinandersetzung zweier unterschiedlicher Kulturen, die jeweils ihre Vorzüge und ihre Nachteile haben. Ich hoffe, wir hören und lesen noch einiges von Dinçer Güçyeter. Gratulation zum Leipziger Buchpreis!
Und eine Leseempfehlung gibt es obendrein!
Kategorie: Anspruchsvolle Literatur Buchfunkverlag, 2023 für das Hörbuch/ mikrotext, 2022 Auszeichnung: Leipziger Buchpreis, 2023
This is a brilliant novel about a Turkish family who migrate to Germany. Its focus is on the mother and her first son. It relates in poetic prose the struggles of the family coping with what it means to leave one culture for another very different one, and the sacrifices a mother makes for her son but also the sacrifices a son makes to live up to his mother’s expectations. I found it a highly enjoyable read and can recommend it.
Ein rundum gelungenes, vielschichtiges und poetisches autobiografisches Romandebüt, das Themen wie Migration, Identität, Heimat, Familie und Geschlechterfragen behandelt.
Am Tag, als Dinçer Güçyeter den Preis der Leipziger Buchmesse 2023 erhielt, habe ich “Unser Deutschlandmärchen” beendet, das ich letztes Jahr bei einem Gewinnspiel gewonnen hatte. Der Autor verarbeitet darin einen Teil seiner Familiengeschichte, insbesondere aus der Sicht seiner Mutter Fatma, die als sogenannte Gastarbeiterin nach Deutschland kam, einen dort bereits lebenden türkischen Mann heiratete und einige Jahre später Dinçer zur Welt brachte. Sie kommt hier mit all ihren Sorgen und Wünschen, unerfüllten Hoffnungen und Erwartungen an ihren Sohn zu Wort. Schwer als Fabrikarbeiterin arbeitend, war sie immer die Hauptverdienerin der Familie, während ihr Ehemann das Geld nicht zusammenhalten konnte. Dinçer sollte daher der fleißige und tugendhafte Arbeiter werden, der sein Vater nie gewesen war. Wie er mit diesem Druck umging und seinen eigenen Weg fand, erzählt er hier auf eindrückliche Weise nach.
Gerade an den Rissen, in denen die schwierige Dynamik zwischen Mutter und Sohn heraus sickerte, ist das Buch besonders stark. Der Autor erzählt seine Geschichte größtenteils in Prosa, zwischendurch in Chören, Theaterszenen oder Gedichten und verwischt damit die Grenzen von Roman, Lyrik, Memoir und anderen Genres.
Der Stilmix ist für mich persönlich leider nicht ganz aufgegangen. Am stärksten berührt haben mich immer die Stellen, in denen konventionell erzählt wird, mal von Dinçer an seine Mutter gerichtet, mal andersherum von Fatma an ihren Sohn gewandt oder generell in Ich-Perspektive. Die durch Gesang und Verse aufgeworfenen Bilder waren für mich hingegen teilweise schwer zugänglich - vielleicht gingen hier auch oftmals Verweise unbemerkt an mir vorbei.
Zudem kamen mir die verschiedenen Teile oft etwas willkürlich zusammengewürfelt vor. Wenn auch lose chronologisch angeordnet, erkannte ich selbst im Nachhinein kein übergeordnetes System. Es sind kleine Anekdoten, Gedankenfetzen, Nachrichtenausschnitte, Erinnerungen, die sicherlich sorgsam ausgewählt wurden, um hier ihren Platz zu finden - aber worin diese Auswahlkriterien lagen, erschloss sich mir immer weniger. Normalerweise kann ich mit solchen Vignetten gut umgehen, aber in diesem Fall wollte sich nur schwer ein Gesamtbild ergeben. Im Endeffekt fehlte mir in vielen Teilen die Durchschlagskraft und ein dichteres Gefüge, um in meiner Erinnerung haften zu bleiben.
Ich sehe dennoch, dass hier etwas gewagt wird, dass Dinçer Güçyeter ein unkonventionelles Register auffährt, um sich seiner Familiengeschichte anzunähern. Der Umstand, dass der Autor damit viele Menschen mehr überzeugen konnte als mich, freut mich sehr und zurecht wird endlich einer Stimme aus diesem Abschnitt deutsch-türkischer Geschichte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zuteil.
Ich hab ein bisschen gebraucht, um mich auf dieses ungewöhnliche Buch einzulassen. Aber dann! "Unser Deutschlandmärchen" ist ein besonderer Text und erzählt eine besondere Geschichte, auch wenn manche vielleicht meinen, hier einfach eine "weitere Gastarbeiter*innen-Story" vor sich zu haben. Dinçer Güçyeter, Sohn türkischer Einwanderer*innen, Werkzeug- und Theatermacher, Poet und Gabelstaplerfahrer aus Nettetal gelingt es, gleichermaßen märchenhaft und lyrisch wie präzise sezierend über seine Familie und die deutsche Gesellschaft zu schreiben. Dabei hilft es auch, dass immer wieder Fatma erzählt, seine Mutter, die mit einem ganz anderen Blick auf das Leben und die Politik schaut. Das Deutschlandmärchen ist wie alle guten Märchen sind: schrecklich und beängstigend, tröstlich und mitunter auch zum Lachen bringend. Es ist reine Poesie und hoch politisch. Den Preis der Leipziger Buchmesse hat es zurecht bekommen und ich bin so froh, dass es dadurch auch meine Aufmerksamkeit bekam.
Bitte lest auch die Rezension von @cheap.and.cheerful!
Was für eine Lesefreude! Poetisch heiter nähert sich Dinçer Güçyeter dem Leben seiner Mutter. Die Ich-Perspektive eröffnet ihrer Stimme neue Räume: sie schimpft, sie witzelt, sie berichtet, sie schwärmt, sie lamentiert. Wunderschöne Texte über das Leben einer jungen Türkin, die in Deutschland nicht den erhofften Traum findet, und doch ein Märchen erzählt. Dann dazwischen gestrickt: Dinçers eigene Perspektive. Verspielt und schlüpfrig. Aufgeregt und neugierig. Die große Offenheit und lyrische Sprache des Buches laden ein, in der Perspektive der Menschen zu verweilen, und etwas zu entdecken, etwas zu verstehen, etwas zu fühlen.
„Aber nur so konnte ich meine eigene Geschichte mir in die Fasern stechen, denn ich wollte nicht nach deinem Muster mein Leben verschwenden. War bereit, dass mich das Leben mit all seinen Werkzeugen neu schnitzt, mir neue Wunden öffnet, mich bluten lässt, mir den sicheren Hafen überschwemmt.“
„Ja, auch ich habe Sehnsucht. Die Sehnsucht, die oft mehr Gewicht hat als das Schicksal.“
„Aus unerfüllten Träumen schnipseln wir Konfetti und lassen diese auf uns herunterfallen.“
„Weiter mir Sezen Aksu! ENTWEDER SOLL MAN MICH LIEBEN ODER TÖTEN… das dritte Lied auf dem Album, ein vertontes Gedicht von Gülten Akin. Ich verliebe mich in diese Zeile, notiere sie in mein Heft. Der nächste Schrott war, diese Zeilen ein wenig umzuformulieren und zu glauben, dass es mein Werk sei. Bis man seine eigene Sprache findet, kann es Jahre dauern. Manchmal kann aber auch ein ganzes Leben zu kurz dafür sein.“
„Viele erlebten ihre Rückkehr nur noch im Sarg, viele sind verweht, ohne Zweige, ohne Wurzeln, sie tragen ihre verschwiegenen Geschichten mit sich. Ich sag es immer wieder, zwischen Himmel und Erde haben sie hier Millionen Geschichten aufgestapelt. Du versuchst jetzt einen Bruchteil davon aufzuschreiben, schön.“
Türkengeschichte einer Familie aus der Sicht mehrerer Generationen; alle erleben sie was schlimmes, suchen verzweifelt nach Identitäten und Selbstsicherheit, ganz besonders die Frauen, die ja fast immer nur Opfer der Männer sind. Es wird von den üblichen Problemen erzählt, aus der Sicht verschiedener Leute. Erzählt wird dies in einer penetrant langweiligen, stupiden und pöbelhaften Sprache, zwar authentisch, da türkisch, aber dennoch irgendwann zu viel. Da kann ich auch mit türkischen Arbeitskollegen reden, das ist genauso anstrengend. "Digga isch schwörs dir, isch hab sie gef*ckt".
Dann wird über jenen faulen Sohn Yilmas rumgesäuselt und das erste was ein Türke will, wenn er dieses Idiotenland erreicht, ist sich ein Mercedes kaufen. All so Nebensächlichkeiten halt. Authentisch, aber wie gesagt, langweilig. Dann das übliche, für 20 Mark konnte Türke damals in der Türkei viel kriegen. Ja, ja, das muss man schon wissen. Fabrikarbeit, Schuhe nach Hause bringen, Heidi zu Leidensgenossin machen, es wird auch "gef*ckt, in die Scheide gespritzt" (einfach wundervoll diese degenerierte Sprache) usw. usw.
Ich hab keinen Schimmer was alle an diesem Schund finden. Herr Gügüter kann man kaum als Schriftsteller bezeichnen. So schlecht haben früher noch nicht mal Kinder geschrieben.
Unerträglich prätentiös. Fehler über Fehler in der Eigenübersetzungen des Autors ("heiliger Allah") und dieser Zwang mit Vulgärsprache edgy sein zu wollen. Können türkeistämmige Autoren vielleicht auch mal ein schönes Stück Literatur in Deutschland verfassen oder muss es immer darum gehen "ich bin aber anders als andere Kanacken!" in Gesichter deutscher Leser zu schreien?
Die Geschichte der Gastarbeiter und Migranten hat wahrlich besseres verdient.
Dinçer Güçyeter schreibt wie Caroline Wahl denkt, dass sie schreibt. Mit so einem wunderbaren Gespür für Worte macht er die Geschichte so greifbar ohne je plakativ zu sein. Manchmal brauchte ich etwas, um mich auf die Sprache einzulassen und hab an lyrischen Stellen nicht alles verstanden, aber das ist vermutlich gewollt und in jedem Fall sehr ok! Genießen konnte ich es trotzdem! Ich bin auf jeden Fall ganz begeistert - ebenso von der Inszenierung des Romans im Gorki Theater!
I'm late to the party, aber „Unser Deutschlandmärchen“ ist das beste Buch, das ich seit längerem gelesen habe. Sprachlich und inhaltlich eine absolute Ausnahme in der deutschen Gegenwartsliteratur, hat mich diese einfühlsame, raue Familiengeschichte echt umgehauen.
„Unser Deutschlandmärchen“ ist so viel mehr als Autofiktion: Dinçer Güçyeter wächst als Kind einer türkischen Gastarbeiterfamilie in Nettetal an der deutsch-niederländischen Grenze auf. Seine Familiengeschichte ist ein vielstimmiger, lyrischer Chor der Machtlosen. Neben seiner eigenen Stimme ertönen hier nur die Stimmen der Frauen, vor allem die seiner Mutter Fatma.
Fatma wird 1965 mit einem ihr fremden Mann verheiratet und mit ihm nach Deutschland geschickt. Yılmaz, Dinçers Vater, verkalkuliert sich ein ums andere Mal und ist in kurzer Zeit hochverschuldet. Das Überleben der kleinen Familie lastet auf Fatmas Schultern: sie schiebt zwölfstündige Schichten in der Fabrik, arbeitet danach als Erntehelferin, in der Saison bleiben ihr gerade einmal vier Stunden Schlaf. Fatma führt den Haushalt, kümmert sich um Dinçer und seinen Bruder Özgür, betreibt die Kneipe, die Yılmaz übernommen hat, ist für die nachgezogene erweitere Familie da. Die Männer in Fatmas Welt sind meistens gar nicht anwesend und wenn doch, belästigen sie die jungen Frauen, die in der Kneipe von Yılmaz arbeiten, verspielen das Geld, sind faul und gewalttätig.
Schon im Alter von sieben Jahren gilt Dinçers Solidarität der Mutter und den Frauen. Er hilft bei der Arbeit, unterstützt, wo er kann, kauft seiner Mutter von seinem ersten selbstverdienten Geld ein paar Stöckelschuhe, um ihr eine Freude zu bereiten. Doch Dinçer ist anders: er schreibt, er fühlt mit, er wird nie der Arbeiter, der starke, geschäftstüchtige Beschützer und Ernährer sein, den seine Mutter sich wünscht.
„Unser Deutschlandmärchen“ ist die Geschichte der brutalen Entwurzelung einer Frau, einer Waise, einer Arbeiterin, einer Migrantin, die auf so vielen Ebenen ein Mensch zweiter Klasse bleibt, ein Mensch ohne Stimme. Und damit für die Geschichte anderer Gastarbeiter*innen steht, auf deren Rücken Deutschlands Reichtum wächst.
„Keiner verlässt ohne Grund, ohne tiefe Zerrissenheit seinen Geburtsort, keiner tut das, der von seiner Arbeit, seiner Ernte satt wird.“ „Ich sag es immer wieder, zwischen Himmel und Erde haben sich hier Millionen Geschichten aufgestapelt. Du versuchst jetzt, einen Bruchteil davon aufzuschreiben, schön. Wir haben uns das nie getraut, wir sahen Offenheit als Schwäche. Ihr, deine Generation, wird vielleicht all das Aufgestapelte hemmungslos lüften, in die Welt streuen. Glaub mir, auch wenn ich es spät begriffen habe, was dein Schreiben bedeutet, es füllt in mir eine Leere, bitte, schreib weiter, auch das hier, das alles musst du aufschreiben.“ „Denn der Westen wusste auch, nur mit Menschen wie mir, die verstummen, nicht hinterfragen, konnte das Rad sich weiterdrehen.“
Als Dinçer mit fünf im Kindergarten Deutsch lernt, wird er schnell zum „staatlich geprüften Dolmetscher“ der Familie. Bis heute finanziert er seine Stimme, seine Poesie, seinen Verlag für Lyrik, ELIF, als Gabelstaplerfahrer. In einem unglaublich eindrücklichen Zwiegespräch gegen Ende des Buches findet Dinçer Güçyeter die wahrsten Worte eines Sohnes an eine Mutter, die ich je gelesen habe. Dieser Autor schreibt um sein Leben, für seine Selbst(er)findung, um Worte zu schaffen nicht nur für sich,sondern auch für seine schweigende Mutter.
Ehrlich gesagt, hat sich das angefühlt wie ein Schlag in die Magengrube. Man empfindet einerseits erschütternde Trauer und dann doch so eine tiefgreifende Wut und Ekel, der mir Gänsehaut verliehen hat. Die Tatsachen, die Realitäten und Wahrheiten so vieler Menschen, werden ungefiltert, nicht verschönert und so vulgär beschrieben, wie das Leben auch so ist. So viele unterschiedliche Menschen, die doch eine Lebensgeschichte teilen.
Ein sehr ehrliches, direktes Buch. Die Geschichte ist wie viele Gastarbeiter-Geschichten tragisch und traurig aber irgendwie kommen die Emotionen nicht wirklich rüber. Ich habe es mehr wie einen Bericht gelesen. Die Informationen kommen an, einen wirklichen Bezug zu den Figuren entstehen nicht. Die experimentellen Passagen sind wohl Geschmackssache, auch die vielen Metaphern und Bilder mit denen Gefühle und Gedanken beschreiben werden wurd jeder anders bewerten, für mich waren sie etwas lang und ermüdend. Es ist trotz allem ein wichtiges Buch von einem bemerkenswerten Autor.
Conforme vamos creciendo va creciendo no solo nuestra historia, sino también la de nuestros padres, la de nuestros abuelos, la de aquellos que nos precedieron e hicieron vida antes que nosotros. Como en un amalgama polifónico, Dinçer Güçyeter escribe aquí una especie de memorias familiares que conforman asimismo lo que es construir un hogar a pesar de, lo que implica emigrar en busca de una vida mejor, lo que se expresa mediante el hecho de existir mismo: adecuarse a todo aspecto de la vida, sepamos encajarlo o no. El autor esboza así la vida de su familia desde la llegada de su madre al mundo. Es su madre quien también habla en estas memorias, Fatma, a través de Dinçer. Ambos se querrían mucho, serían capaces de morir el uno por el otro, y también de vivir el uno por el otro. El padre no, el padre se volvería ausente, endeudaría a la familia, buscaría en otros lados aquello que Fatma no está dispuesta a tolerar pero que en el fondo perdonaba porque él era bueno con ella.
Es esta la historia de una pareja adolescente greco-turca que emigra a Alemania en busca de otra vida, otros impactos en su ámbito socioeconómico. Tanto el padre pero más la madre, trabajarán y laburarán por una mejoría en sus deudas y el autor mismo nos dice que él también trabajará como obrero para ayudar en casa y pagar a Hacienda. No quiero inmiscuirme mucho contando sus vidas, pero son estas polifónicas. Es, este libro, un libro polifónico donde las voces de cada persona y personaje hablan sin que nadie les obligue a ello. Hay una especie de indagación y desquite de los prejuicios que podemos formar en el mundo occidental así como en el oriental. Tenemos, así, cierta búsqueda de la identidad de Dinçer y de su madre Fatma que, con providencia, se labrarían su lugar en Alemania.
Es Un cuento de hadas alemán una historia de superación personal, pues el autor nos habla de que finalmente logrará encauzarse hacia el mundo literario y artístico (actualmente es creador de teatro, poeta y editor), algo que nunca se dio en su familia y de lo que tuvo que labrarse muy fuerte y conscientemente. Está escrito como si fuera una larga elegía compuesta por la esperanza como protagonista. Sin duda es un libro lírico, que compone diversas formas (prosa, poesía, canciones, teatro) y que nos arrebulla hacia dentro muy dentro de lo que nos compone como seres humanos. Llamo a mi reseña Heridas abiertas porque abiertas son las heridas que la propia vida hace a los protagonistas de estas historias. Las morales hacia Dinçer, las terribles cirugías de Fatma. Creo que no he podido encontrar un titulo mejor que declarase este libro como un recodo en el que asentarse a meditar, a dar voz, a conjurar y conjugar la lengua y el lenguaje que todo lo enhebra.
De este modo, este libro se compromete fielmente a ser un cuento que es reposable sobre las emociones humanas, que nos nutre, cuyos afectos pueden enervarnos o pueden enternecernos. Hay, mucha ternura en este libro. Como si acaso es lo que el autor tratase de buscar. Un amor que subyace a pesar de todo, a pesar de las distancias y a pesar de los lugares y los terrenos. Creo que Dinçer desarrolla muy bien a su familia y la manera en la que están contadas estas historias nos aclaran por donde van las ideas, los lugares míticos, las infancias perdidas, las búsquedas inacabables de quien busca una mejor vida y de quien te quiere una mejor vida. Al fin y al cabo, las heridas supuran sangre, y esta sangre familiar nos remite a que no toda herida cicatriza en el momento exacto y momento oportuno. A veces, simplemente, hay que esperar. Ser conscientes de que la cicatrización siempre se da poco a poco, carne sobre carne, cerrando y suturando con hilos de historias la vida.
Schon lange habe ich mich nicht mehr so schwer getan mit einer Rezension, und das liegt vor allem daran, dass so viel wichtiges in 'Unser Deutschlandmärchen' drin steckt. Es handelt sich um einen autobiographischen Roman, der jedoch nicht erst mit der Geburt des Autors beginnt, sondern schon vorher mit dem Leben seiner Großmutter Hanife und dann seiner Mutter Fatma. Dabei wird fortlaufend immer wieder die Perspektive und die Erzählstimme gewechselt. Mitunter kommt es zu wechselseitig vorgetragenen Diskussionen zwischen Dinçer und Fatma, ab und an gibt es auch Stilbrüche in Form von Gedichten, Liedern oder reinen Dialogen.
Der Roman behandelt so viele Themen, die ein (oder mehrere) Leben ausmachen: das Aufwachsen in Armut, immer wieder Zurechtkommen müssen in anderen Welten: dem türkischen Dorf, der Großstadt, einem anderen Land, der ausbeuterischen Arbeitswelt. Auf der einen Seite erzählt Güçyeter hiermit eine 'klassische' Gastarbeitern*innen-Geschichte, zeigt dabei aber auf, dass jede Geschichte für sich steht. Er fokussiert sich auf die Frauen, die im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland kamen, dann aber sehr schnell selbst ausgebeutet wurden und zusätzlich noch ihre Männer aushalten mussten, dazu waren sie natürlich alleine zuständig für sämtliche Care-Arbeit.
Es ist herzzereißend, wie die Familie permanent ums Überleben und finanzielle Stabilität kämpft, und dabei immer wieder das Gefühl vermittelt bekommen, in Deutschland nicht erwünscht zu sein - sei es durch fehlende Anerkennung und Unterstützung bei Arbeitsunfällen, oder sehr drastisch in Form der rechtsextremen Anschläge in Solingen und Mölln.
Ebenfalls herzzerreißend empfand ich Dinçers Suche nach seiner Mutter, nach dem, was von ihr übrig bleibt, wenn die Aufopferung und Ausbeutung nicht wäre. Wie beide an ihren unerfüllten Erwartungen aneinander leiden und sich doch so lieben.
Ansonsten bitte ich Content Notes ansehen, da an manchen, wenigen Stellen diskriminierende Sprache reproduziert wird.
Auch dieses Buch wurde an der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, ansonsten wäre es mir kaum in die Hände gefallen. Doch dieses ist eines jener Bücher, von denen mensch hinterher froh, es gelesen zu haben. Bücherpreise haben also doch noch ihr Gutes.
Als ich jünger war, wurden türkische Gastarbeiter/innen stets belächelt, wenn nicht sogar noch minder geachtet. Würde ich mit heutigem Wissen anders handeln? Ich hoffe zu sagen, ja. Ich hoffe, dass sich die Zeiten geändert haben, in welchen Menschen bloss aufgrund ihrer Herkunft be- und verurteilt werden. Hat sich dies geändert? Ich weiss es nicht. Aber ich hoffe auf jeden Fall, dass ich mich verändert habe. Erwachsener und reifer geworden bin.
Dinçer Güçyeter erzählt hier die Geschichte seiner Mutter, seiner Familie, von sich selbst. Von Kulturen, Armut, Hoffnungen und der Realität. Oftmals fand ich mich mit Tränen in den Augen. Tränen der Rührung. Tränen der Wut. Tränen der Verzweiflung.
Güçyeter gehört in die Kategorie eines Saša Stanišićs. Jener, die die deutsche Sprache zu bedienen lernen, ihr ihre Schönheit entlockt und damit das Unschöne aufzeigen. Wie es ist, heimatlos zu sein. Entweder "der Türke" oder "der Deutsche", beides gleichzeitig und doch keines so richtig. Von der Aufopferung der Mutter, der immerwährenden Arbeit, von Krankheit und davon, sich selbst zu bleiben.
Ein kleines Büchlein mit grosser Wucht. Die beigefügten Fotographien machen alles noch greifbarer, realer. Es ist keine Schauergeschichte, die uns hier erzählt wird. Wir sind dabei, wenn Menschen Menschen sind. In ihrer Seltsamheit, in ihrer eigenen Welt, in ihrem Durcheinander.
Vielen Dank für dieses Buch, Dinçer. Mach weiter so!
„Siehst du, wie ein Verrückter schreibe ich Gedichte, wie ein Wahnsinniger gehe ich auf die Bühnen, lese meine Texte vor, ich erlaube es dem Leben, mich in unterschiedliche Formen hineinzusetzen, egal, wie peinlich, wie albern es aussieht!"
Ich verstehe, warum das Buch den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat, spielt es doch künstlerisch und einzigartig mit (Text-)Formen und Figuren. Das schreit quasi nach einer Nominierung für den Deutschen Buchpreis.
eindrücklich und geradezu lyrisch erzählt dinçer güçyeter die geschichte seiner familie über generationen hinweg und vom aufwachsen als kind türkischer gastarbeiter in deutschland. hat seine strecken, aber webt ein oft bewegendes, sehr nahes und emotionales bild, das oft fragmentarisch bleibt und gerade darin einen teil seiner stärke findet.
Teil 2 meiner Lesereise durch die Nominiertenliste zum Preis der Leipziger Buchmesse. Von dem deutschen Autor mit türkischen Wurzeln habe ich bislang nichts gehört, einen Wikipediaeintrag hat er. Unser Deutschlandmärchen ist sein erster Roman und es ist ein tolles Debut. In feinsinnigen Episoden schildert er aus Sicht seiner Mutter, seiner eigenen Sicht, aus Sicht der Großmutter und ein wenig auch aus Sicht des Vaters den Übergang von der anatolisch traditionellen Lebensweise zum Leben in der ganz anderen Kultur Deutschlands, den Lebenskampf der sogenannten Gastarbeiter der ersten Generation (die meist eher wie Sklaven, auf alle Fälle als ghettoisierte [gut sie haben auch selbst ihre Ursprungskultur erhalten wollen] Außenseiter behandelt wurden), aber v.a. eine unheimlich starke und harte Frau, die es versteht, unter Einsatz ihrer Gesundheit, die Familie durch die schwierigen Zeiten in Deutschland zu bringen, mit einem Mann, der als ein wenig größenwahnsinniger Nichtsnutz und wirtschaftlicher Träumer dargestellt wird und dem sie mehr oder weniger zwangsverheiratet folgte, wobei sie bereits an ihrer Mutter erlebt hat, dass einer Frau nichts geschenkt wird. Wie liebevoll und einfühlsam es Gücyeter versteht, seine Mutter zu beschreiben, auch das nicht immer einfache Verhältnis zum Sohn und umgekehrt, das hat mich am meisten beeindruckt, von dem Roman, dem ich viele Leser wünsche.
reread für hausarbeit! bitte bitte alle lesen!! wirklich das emotionalste buch welches ich je gelesen habe und einfach pflichtlektüre für ganz deutschland !! wunderschön. traurig und zugleich kraftvoll. ein text, der zum weinen, mitfühlen und bewundern einlädt, denn güyçeter schreibt auf eine atemberaubend schöne weise und trifft mitten ins herz. eine zutiefst persönliche und intime geschichte, die dennoch als starke, repräsentative stimme für eine generation steht, welche lange überhört wurde. kann ich euch allen nur ans herz legen.
Sehr interessante Biografie - cool gesetzt, sehr abwechslungsreich und mit Fotos. Ich habe es sehr gerne gelesen, es war sehr ungewöhnlich, aber es gab Einblicke in das Seelenleben der Gastarbeiter-Familie in den 70iger Jahren. Zudem spielt es in Nettetal, quasi umme Ecke. Note: 2-
"O poveste despre Germania noastra" este probabil cea mai minunată carte citita anul asta❤️
Aceata este o poveste despre dezrădăcinare, rezilienta femeii in societate, diferențe culturale/ generationale, si in special o poveste de familie. Cu multe rele si puține bune.
Elementul cel mai interesant e ca Güçyeter da voce mamei si bunicii sa își spună poveștile, asa cum le-au trăit si simțit, el intervenind in poveste doar cand cronologia ajunge sa il includă si pe el.
Ceva la Fatma îmi amintește de bunica mea. Nu pentru ca a trecut prin relocare/migrație, dar avea aceiași rezilienta si putere de a supraviețui indiferent de conditiile date. A crescut copii ei, nepotii, copii vecinilor si muncea pentru Cooperativa. Acestea sunt femeile care fie rămân văduve de tinere, fie tin casa ca si cand ar fi singure, când soțul e pierdut in bautura sau jocuri de noroc.
La toate acestea, Güçyeter adaugă elementul migrației in Germania, relocarea intr-un nou mediu cultural si social, care într-un final te respinge.
Cateva citate preferate:
"După care am ajuns aici: gări, vagoane, spații înguste, locuințe umede, mobilă cu picioare lipsă... Fără tată, fără patrie, al doilea pas înspre dezrădăcinare. Cu timpul, după ce m-am împiedecat și am schiopătat de multe ori, mi-am găsit locul. Am învătat să trăiesc si cu crestătura, cu tăietura asta. O femeie, o orfană, o muncitoare, o imigrantă, multe lucruri si-au lăsat amprenta asupra mea."
"Germania este astăzi una dintre cele mai puternice tări din lume, de ce si cum s-a ajuns aici, noi chiar n-am contribuit oare cu nimic?"
"Să le fie copiilor mai bine, mai usor, si să trăiască într-o societate pașnică, ăsta a fost gândul generatici mele. Dar odată cu flăcările s-au carbonizat și speranțele noastre, flăcările aste vă înconjoară acum si pe voi. După cum am mại spus, nimeni nu-și părăsește ţara, pământul, din simplă plăcere, si noi am sperat la o viaţă mai bună, dar nu ne-am așteptat ca pretul să fie atât de mare."
„Im Elternhaus, im Vaterland, hier in Deutschland, egal, wo ich war, überall habe ich den Buckel mitgetragen, diese gesenkten Blicke. Alle haben mir erklärt, was ich zu machen habe, alle haben das Recht, zu bestimmen, für sich beansprucht. Niemand wollte wissen, wie es mir, wie es uns ging. Alle wussten, das Feuer war überall, unter jedem Teppich, in jeder Ecke. Das Feuer wird weitergetragen, von Generation zu Generation, und je länger man schweigt, desto tiefer sinkt es in seinen Diwan.“
Danke für Erzählungen, Erinnerungen, Empfindungen die viele von uns fühlen und kennen aber selbst nicht aussprechen können. Dinçer Güçyeter hat einer Gruppe von Menschen eine Stimme gegeben und unseren Gedanken Form verliehen.
So schön, die Beziehung zwischen Dincer und seiner Mutter wird auf so vielen Ebenen ausgestaltet. Mochte die Gesprächssituationen zwischen den beiden am meisten.
Sehr bewegende Geschichte und toll geschrieben! Kann sehr gut verstehen, weshalb es den Leipziger Buchmessen Preis gewonnen hat. Muss man gelesen haben.
Der Begriff "Gastarbeiter" drückt schon aus, was von tausenden Migrant*innen, die voller Hoffnung nach Deutschland kamen erwartet wurde: das Land sollte nach verrichteter Arbeit wieder verlassen werden. Der Autor erzählt, wie es sich anfühlt zwischen zwei Welten aufzuwachsen, vollständig aktzeptiert wird man in keiner von beiden. Eine lyrische Symbiose aus Dialogen, Briefen und Erinnerungen, die dem Schmerz nachfolgender Generationen von Arbeiter*innen Raum geben.