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Der Westen im Niedergang: Ökonomie, Kultur und Religion im freien Fall

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Der prominente französische Historiker Emmanuel Todd sagte bereits 1976 das Ende der Sowjetunion voraus. In seinem neuen Buch wagt er wieder den Blick in die Er prognostiziert den endgültigen Niedergang der westlichen Welt. Im Kern verrottet, aber nach außen expandierend steht der Westen einem Russland gegenüber, das sich stabilisiert hat und nunmehr konservativ auf die Länder der restlichen Welt wirkt, die den USA und ihren Verbündeten nicht in ihre Kriege folgen wollen. Deren Niederlage in der Ukraine ist bereits nahezu Fakt, sagt Todd. Schlussendlich ist es deshalb unvermeidlich, dass es zu einem Einfrieren des Konfliktes zwischen der Europäischen Union und Russland kommt. Ein Europa befreit von US-amerikanischem Einfluss könnte das Ergebnis sein. Deutschland kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, und diese Rolle sollte es selbstbewusst einnehmen - das ist Todds Appell in diesem Buch.
Mit neuem Vor- und Nachwort des Autors speziell für die deutsche Ausgabe!

409 pages, Kindle Edition

Published October 14, 2024

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About the author

Emmanuel Todd

68 books181 followers
Emmanuel Todd is a French historian, anthropologist, demographer, sociologist and political scientist at the National Institute of Demographic Studies (INED) in Paris. His research examines the different types of families worldwide and how there are matching beliefs, ideologies and political systems, and the historical events involving these things.

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Displaying 1 - 5 of 5 reviews
Profile Image for Frank.
592 reviews123 followers
February 11, 2025
Todd besteht darauf, dass jeder Krieg eine Vorgeschichte hat und führt Fakten an, die belegen, dass der Ukraine- Krieg nicht auf einer Alleinschuld Putins beruht, sondern von den USA - wenn auch nicht gewollt oder begonnen - so doch provoziert wurde. Dabei überzeugt die Argumentation am Anfang nicht unbedingt, weil zwar die bekannten Fakten (Russlands Demütigung in den 90er Jahren) präsentiert werden, aber Russlands Rolle dennoch zu sehr im Lichte eines bloßen "Opfers" dargestellt wird. Auch scheint mir die aktive Rolle der Ukraine, die im Status eines failed state agierte und ihren (west)ukrainischen Nationalchauvinismus mit der Unterdrückung der russischen Sprache bis hin zum Krieg (2014) steigerte, etwas überzeichnet. Hier könnten Kritiker in bekannter Manier einwerfen, dass der Text russische Narrative bediene und hier ein "Putin- Freund" schriebe. Auch ist die Auffassung, die USA und Norwegen hätten den Anschlag auf Nordstream II geplant und verübt, bloß eine Samuel Hersh folgende Meinung; neue Argumente werden nicht gebracht, aber derer bedarf es wohl, wenn man die verbreiteten Narrative ernsthaft erschüttern will.

Zunehmend wird jedoch deutlich, dass mit Todd jemand argumentiert, der sich um politischen Realismus bemüht und der daher von platten Dämonisierungen oder billiger Moralisiererei absieht und stattdessen zu verstehen versucht, was rational hinter den Kriegshandlungen steht. Da kommt Putin als auf seine Weise vernünftig handelnder Akteur, der seine (verbrecherischen) Schritte genau kalkuliert, besser weg als die amerikanischen Administrationen, denen Todd wohl zu Recht Verblendung und falsche Einschätzung realer Kräfteverhältnisses (beim Kampf um die "einzige Weltmacht") vorwirft. Dass dabei kein gutes Haar an der EU, Frankreich und Deutschland gelassen wird, ist auch klar. Allerdings irritiert, dass historische Prozesse wie Demokratiefähigkeit oder wirtschaftsorganisatorische Fragen, auch Fragen der "Zugehörigkeit" oder Besonderheit der Ukraine zu bzw. gegenüber Russland auf ein zunächst nicht weiter erläutertes anthropologisches Konzept, nämlich dem der vorherrschenden Familienstrukturen zurückgeführt werden. Bis gut in die Mitte hinein ist das Buch daher bloß sympathisch, weil der Autor meine eigenen Überzeugungen (und Erlebnisse in der Ukraine) bestätigt bzw. teilt und wie ich davon ausgeht, dass dieser Krieg weder für die Ukraine noch die EU oder die USA zu gewinnen ist; aber es bietet nicht wirklich Neues oder Erhellendes.

Das ändert sich in der zweiten Hälfte, die nun wirklich dem Niedergang des Westens (und nicht nur seiner absehbaren Niederlage im Krieg) gewidmet ist. Überzeugend wird anhand statistischer Daten die Unbrauchbarkeit der Wirtschaftskategorie "BIP" für das Verständnis der nachlassenden bzw. nicht mehr vorhandenen Wirtschaftskraft der USA herausgearbeitet. Mit Finanzprodukten könne man zwar Geldwerte in das BIP aufnehmen und sogar die Emissionsgewinne aus dem Dollar- Handel einrechnen, aber mit beidem lassen sich keine Granaten herstellen. Die wirtschaftliche Hardware der USA ist verschlissen oder nach China abgewandert. Dass die US- Eliten zunehmend unfähig sind, ihre eigene Schwäche (als Schwäche der industriellen Basis) zu sehen, führe - wie auch in der Ukraine und in abgeschwächter Form den EU- Staaten (allen voran Frankreich und Deutschland) zu "Nihilismus" als einer mentalen Disposition, die zunehmend irrationales Handeln auf der internationalen Bühne erklärt. Nun beginnt man zu verstehen, was die Familienformen damit zu tun haben, denn selbstverständlich ist es eine westliche Illusion zu glauben, man könne die "universalen Werte" der Aufklärung exportieren und die Welt mit Demokratie, Toleranz und LBTQ- Rechten beglücken. Russlands Homophobie und Ablehnung von LBTQ führen im Rest der (nicht)westlichen Welt eben gerade nicht zu Empörung, sondern zu Verständnis, das in Ablehnung der bisher mehr oder weniger als vorbildhaft verstandenen westlichen Werte mündet. Wenn Familienformen patrilinear- autoritär organisiert sind und die männliche Linie die allein erbschaftsberechtigte ist, macht "transgender" keinen Sinn, sondern muss zwingend als bedrohlich wahrgenommen werden. Dasselbe trifft auf den "Nihilismus" erst ermöglichenden Niedergang der Religionen zu. Mit der nachlassenden Religiosität, auch amerikanischer Klerikalfaschismus hat nichts mehr mit dem Glauben an eine heilige Schrift zu tun, was anhand des Rückgangs der Geburtenzahlen (ergo dem uneingestandenen Vorhandensein von Geburtenkontrolle) in allen westlichen Ländern belegt wird, lassen auch der Zusammenhalt der Gesellschaft (siehe Amok- Läufe etc.) wie das Leistungsethos westlicher Industrietraditionen (Drogenkonsum und Alkohol- Missbrauch als Indikatoren) nach. Und genau dieser Verlust von Gemeinschaftsgefühl, das der neue Nationalismus der Rechten allerorten in Begriffen wie "Heimat", "Familie", "Tradition" oder "Nation" wiederzuerwecken versucht, führt zur nachlassenden Bereitschaft, für die Gemeinschaft zu leiden, zu kämpfen oder gar im Krieg zu sterben. Anders ist das in arabischen Staaten, aber auch nicht in Russland, wo Putin dieselben rechten Symboliken nutzt, aber unfähig ist, sein Land wirklich für den Krieg zu mobilisieren. Daraus leitet Todd ab, dass weder "Europa" noch andere Länder von Russland wirklich etwas zu fürchten haben, da das Land aufgrund seiner schwachen Geburtenrate auf längere Sicht mit sich selbst beschäftigt sein wird. Das ist überzeugend herausgearbeitet.

Bleibt als Gefahr der sich aus alledem nährende Nihilismus, der zu irrationalen Handlungen aufgrund falscher Weltsicht führen kann. Todd kann belegen, was als solches nicht neu ist, sich aber gut in seine Argumentation einfügt, dass die USA weder ihr symbiotisches Verhältnis zu China aufkündigen noch den Übergang zu einer multipolaren Welt verhindern können, ohne Selbstmord zu begehen. Da ihr wirtschaftlicher Niedergang durch keine Neubelebung von Industrie aufzuhalten ist, bleibt der Dollar, der allerdings als Weltwährung zunehmend in Frage gestellt wird. Ohne die Dollar- Hegemonie brechen die anderen Machtpfeiler (Staatseinnahmen) weg- schließlich kostet das überdimensionierte Militär einen Haufen Geld. Innerhalb der EU wird dieses Schicksal, nach Todd, nur Deutschland erspart bleiben, da es - auch wenn es gerade anders aussieht - auf Familienstrukturen basiert, die so affin zum Protestantismus sind, dass Reste der alten Ethik immer wieder zum Tragen kommen können. Das überzeugt mich nur bedingt, aber wir werden es ja sehen. Auf jeden Fall ist richtig, dass die EU aufs falsche Pferd setzt, wenn sie weiterhin ihr Heil im Anschluss an die sterbende Großmacht USA sucht. Spannend die Ansicht von Todd, "Analyse" würde ich das nicht nennen, eher eine starke Meinung, dass Deutschland im Ukraine- Krieg auch deswegen so zögerlich agiert, weil es nach dem Krieg aussichtsreich erscheint erneut eine Allianz mit Russland einzugehen, da die USA zu schwach sein werden, das noch einmal zu verhindern. Ein eurasischer Wirtschaftsraum wäre freilich ein Raum mit Zukunft und Todd traut den rationalen Deutschen zu, sich diese Chance nicht entgehen zu lassen. Ok, das ist eine Meinung, an der ich meine Zweifel habe, weil - bei aller Notwendigkeit, Russland wieder in ein europäisches Sicherheits- und also wohl auch Wirtschaftssystem einzubinden - die moralische Diskreditierung dieses Landes nachwirken wird. Mag aber sein, dass Putins Tod daran etwas ändert- und der lebt ja nicht ewig. Leider geht Todd in diesem Zusammenhang nicht mehr auf Russland ein, ein Land, von dem er wohl doch viel weniger versteht als von den westlichen Staaten und hier besonders von Deutschland und den USA. Auch ein Regierungs- und Machtwechsel ermöglicht in Russland nicht automatisch eine neue Offenheit gegenüber der EU und Deutschland und bei allen wirtschaftlichen Zwängen ist doch die ideologische Komponente nicht zu übersehen. Einen Hinweis darauf gibt Todd selbst, indem er - wie schon gesagt - auch Russland einen dem westlichen vergleichbaren Nihilismus attestiert, der also in gleicher Weise wie im Westen zu unberechenbaren und die Lage verkennenden Fehlschlüssen führen kann.

Das alles mag hier nur kurz angerissen sein. Am Schluss bleibt, obwohl sich das Gesamtbild der Argumentation etwas abrundet, doch der Eindruck, dass viele Anregungen bedenkenswert und gelegentlich auch überzeugend ausgeführt werden, das Ganze aber nicht aus einem Guss ist. Hier muss und sollte weitergedacht werden. Immerhin ist die anfangs nicht vollkommen überzeugende anthropologische Herangehensweisen so spannend, dass ich mich mit Todds diesbezüglichen An- und Einsichten weiter beschäftigen werde. Die beiden Karten, in denen sich die räumliche Verteilung der Familientypen mit der räumlichen Verteilung der Ablehnung von LBTQ und auch ansonsten der von diktatorischen oder "gelenkt- demokratischen" Regimes deckt, sind jedenfalls frappierend. Seit Max Weber ist ja völlig klar, dass mentale Dispositionen politisch werden können und vor allem wirtschaftshistorisch evident wichtig sind. Dem ist weiter nachzugehen und wen das wie mich interessiert, dem sei auch das hier besprochene Buch ans Herz gelegt. Davon ab wird es diejenigen befriedigt zurücklassen, die den USA und der Ukraine eine Mitschuld am Krieg attestieren wollen (sie finden durchaus auch neue Sichtweisen, die das bestätigen), und diejenigen enttäuschen, die der gegenteiligen Meinung sind. Freunde der USA kommen jedenfalls nicht auf ihre Kosten, da sie viel zu verdauen hätten, was ihr Weltbild gerade nicht stützt. Und da Argumente leider unfähig sind, Weltbilder maßgeblich zu beeinflussen, wird auch dieses Buch nicht alle erreichen und kaum Ansichten umstoßen. Wer allerdings noch nicht über eine festgefügte Weltsicht verfügt, für den hält "Der Westen im Niedergang" viele Anregungen bereit, ein wenig besorgter und auf jeden Fall ohne Gottvertrauen in die Zukunft zu schauen. Das eben pflegt Realismus den Menschen anzutun. Es liegt aber nicht am Autor, es liegt an der Welt, wie sie nun einmal ist.
Profile Image for Tom Beetz.
25 reviews2 followers
January 18, 2025
Die Ansätze und Perspektivwechsel sind interessant und erfrischend. Die kritischen Analysen der sogenannten liberalen Demokratien des Westens sind meiner Ansicht nach notwendig, um zu einer sachlicheren Status-Quo-Bestimmung zu kommen, als es durch Tagesmeldungen einschlägiger Medien möglich ist.
Mein großer Kritikpunkt ist, dass das Buch einen geopolitischen wie auch anthropologischen wie auch soziologischen wie auch historischen Rundumschlag versucht, was auf knapp 300 Seiten kaum möglich ist. Dadurch sind einige Analysepunkte stark verkürzt dargestellt oder es werden Themen angerissen, die jedoch trotz ihrer Wichtigkeit keine weitere Beachtung im weiteren Verlauf bekommen.

Das Buch eignet sich meiner Meinung nach gut, um (1) neugewonnenen Gedanken nachzuspüren und sich weiter einzulesen, sowie (2) die eigene Kritikäußerung an einem Text wie diesem zu trainieren.
Kein Analytiker hat mit allem Gesagten recht, so auch nicht Emmanuel Todd. Trotzdem braucht es kritische Stimmen wie seine, um den eigenen kritischen Verstand zu schulen.
Profile Image for Arian Hübler.
25 reviews
January 17, 2025
Seine anthropologischen und sozialen Ansätze sind durchaus gute Denkanstöße, die er gut ausführt, leider scheitern seine geopolitischen und noch stärker seine militärischen Untersuchungen an fehlendem Verständnis und enttäuschenden Informationslücken. Das Buch hätte sehr stark von einer tieferen und kritischeren Auseinandersetzung mit dem russischen Staat und dessen Problemen, besonders der Zersetzung der russischen Opposition vor Nawalny, profitiert, die das falsch-verstehen des russischen Staatsapparates verhindert hätte. Auch die Perspektive auf die Ukraine und Osteuropa stolpert besonders in ihrem historischen Aspekt häufig über voreilige Schlüsse und fragwürdige Selektion von Beispielen.
Profile Image for Georg Sagittarius.
435 reviews6 followers
June 15, 2025
Kurzmeinung: Extrem egomane+"terrorist. [Bilderberger-NWO-]USA (Noam Chomsky mit NATO-EU/DE treibt 3.Wk mE2026: Gerd Gutemann! j-lorber.de! K Eggenstein!
Zum (rechtzeitigen?) Aufwachen (& handeln: Gerd Gutemann! Kurt Eggenstein!), bevor "alles in Scherben fällt" (Klaus Eichner)! Engagiert für Wahrheit & gegen Verdummung, demagogische Russophobie, 3. Weltkrieg...! "Am wichtigsten ist die Haltung der Völker gegenüber dem Krieg. Wie lange können sie die für sie katastrophalen Auswirkungen einer antirussischen diplomatischen oder militärischen [USA-NWO-Weltherrschafts-]Linie akzeptieren?...Solange die [Bilderberger-]Strategen in Washington [CFR, Kissinger, IWF, WWF...] die europäischen [USA-hörigen] Eliten und Völker unter ihrer Kontrolle halten, wird der Krieg also weitergehen [3.Wk! m.E.2026!]" Mit editorischen Mängeln: Endnoten/Register 12/0 S.! Keine Literaturliste!

Prolog: a1) S. 232 "Am wichtigsten ist die Haltung der Völker gegenüber dem Krieg. Wie lange können sie die für sie katastrophalen Auswirkungen einer antirussischen diplomatischen oder militärischen Linie akzeptieren?"

a2) S. 13 "Eine gängige Methode der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs zur Manipulation Deutschlands besteht darin, das historisch verankerte Schuldgefühl der Deutschen, hervorgegangen aus den katastrophalen Erfahrungen der Zeit, zu benutzen, um Deutschlands Bedürfnis anzuregen, endlich wieder auf der »richtigen Seite der Geschichte« stehen zu wollen.

a3) S. 230 "Spaltung und Umkippen Europas: Solange die Strategen in Washington die europäischen Eliten und Völker unter ihrer Kontrolle halten, wird der Krieg also weitergehen. Wenn es etwas gibt, worüber sich Russen und Amerikaner derzeit

einig sind, dann ist es die Einschätzung über die europäische Führung. Sowohl in Washington als auch

in Moskau werden die Europäer als Vasallen und Diener angesehen, die jede Fähigkeit zu eigenständigem Handeln verloren haben. Sie werden verachtet. Die in diesem Buch vorgestellte Analyse einer Konfrontation zwischen westlichen liberalen Oligarchien und russischer autoritärer Demokratie wird bald ihr ganzes Erklärungspotenzial offenbaren."

Zitate aus dem Rezensionsbuch

a) S. 232-34 "Europa scheint in seiner Unterstützung für die Ukraine einmütig, aber nuanciert zu sein. Der größere

Widerstand Italiens und Deutschlands gegen eine militärische Beteiligung scheint mir vor allem auf

eine allgemeine Kriegsfeindlichkeit zurückzuführen zu sein, die sich in den Umfragen vor der

Invasion wiederfindet und auf das Trauma des Zweiten Weltkriegs zurückzuführen ist, in dem diese

beiden Länder auf der falschen Seite standen. In Frankreich und noch mehr im Vereinigten

Königreich bestand am Vorabend des Ukraine-Kriegs noch ein gutes historisches Gewissen, das den

Militarismus begünstigte.

Wenn wir uns mit den oberen Klassen beschäftigen, können wir jedoch feststellen, dass Deutschland

und Italien ihre Wirtschaft weniger finanzialisiert haben und ihre herrschenden Klassen weniger

organisch mit denen der angloamerikanischen Welt verbunden sind. Frankreich hingegen scheint in

einer Finanzialisierung ohne Wiederkehr versunken und kein industrielles Bürgertum dort mehr in der

Lage zu sein, das nationale Wirtschaftsleben gegen eine Verlängerung oder Ausweitung des Krieges zu verteidigen. Dieser Unterschied offenbart ein potenziell demokratisches Element in Italien und Deutschland, indem die herrschenden Klassen die Interessen des Volkes berücksichtigen. Das Macron-Regime zeigt in seiner Entgleisung der ganzen Welt die erstaunliche Entfremdung in Frankreich

zwischen den Eliten und dem Volk.

Am wichtigsten ist die Haltung der Völker gegenüber dem Krieg. Wie lange können sie die für sie katastrophalen Auswirkungen einer antirussischen diplomatischen oder militärischen Linie akzeptieren? Hier finden wir im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine die allgemeine Problematik dessen, was in Westeuropa als »Aufstieg des Populismus oder der extremen Rechten«

bezeichnet wird, ein Aufstieg, der durch die Europawahlen im Juni 2024 bestätigt wurde. Die Medien

werfen dieser bedrohlichen Kraft übrigens immer wieder eine – eingestandene oder geheime –

antidemokratische Sympathie für das Russland Wladimir Putins vor. Und es stimmt, dass der

europäische »Populismus« insgesamt deutlich weniger feindselig gegenüber Russland ist als der

europäische »Elitismus«. Insofern vertritt er ziemlich genau die Interessen der Welt der unteren

Schichten, deren Lebensbedingungen besonders stark von den antirussischen Sanktionen betroffen

waren und bald noch stärker betroffen sein werden.

Klassenausrichtungen, die in einem marxistischen Sinne definiert werden, sind jedoch viel klarer als

ideologische Übereinstimmungen. Die Übereinstimmung der populären westlichen

Wirtschaftsinteressen mit den strategischen Interessen Russlands ist ziemlich ausgeprägt. Die

ideologische Situation hingegen ist mehrdeutig: Während die Feindseligkeit gegenüber der

Einwanderung und damit auch gegenüber dem Islam für den europäischen Populismus grundlegend

ist, ist sie es für den russischen Konservatismus in keiner Weise. Das Regime von Wladimir Putin hat

das Ideal der nationalen Souveränität über alles gestellt und ist der Ansicht, dass eine gute Integration

der 15 Prozent Muslime in der Russischen Föderation für die Nation lebenswichtig sei. Es stellt auch

fest, dass die internationale Unterstützung der muslimischen Welt eine Priorität sei. Der russische

Konservatismus ist dementsprechend »islamophil« und nicht, wie die europäischen Populisten,

islamophob. Es gibt also ein latentes Missverständnis zwischen dem europäischen Populismus und

Russland. Aus diesem Grund halte ich es aus geopolitischer Sicht für besser, die westlichen »

populären« Einstellungen zum Krieg unabhängig von ihrer möglichen politischen Vertretung zu

untersuchen.

Die bereits zitierte Meinungsumfrage sagt uns tatsächlich, dass in Deutschland, Italien und

Frankreich die Ablehnung von Waffenlieferungen an die Ukraine in den unteren Schichten am

stärksten ist.

Die Missbilligung von Waffenlieferungen steigt in Frankreich von 19 Prozent in der oberen

Führungsebene auf 32 Prozent in der unteren Schicht, in Deutschland von 39 Prozent bei denjenigen,

die mehr als 5 000 Euro verdienen, auf 45 Prozent bei denjenigen, die weniger als 1 000 Euro

verdienen. In Italien ist der wirtschaftliche Gradient am stärksten ausgeprägt: Die Ablehnung von

Waffenlieferungen steigt von 25 Prozent bei denjenigen, die mehr als 5 000 Euro verdienen, auf

48 Prozent bei denjenigen, die weniger als 1 000 Euro verdienen.

Das Vereinigte Königreich liefert uns den gegenteiligen Fall einer marginal höheren Missbilligung

an der Spitze der Gesellschaft: 20 Prozent bei denjenigen, die mehr als 5 000 Euro verdienen,

17 Prozent bei denjenigen, die weniger als 1 000 Euro verdienen.

Diese Umfrage wurde durchgeführt, bevor die Niederlage der Ukraine feststand, bevor in den

westlichen Medien die Bilder von jungen Ukrainern auftauchten, die vom Regime gejagt und an die

Front geschickt wurden, und bevor die wirtschaftliche Stimmung in Westeuropa wirklich

pessimistisch wurde.

Wir können also vorhersagen, dass in Italien, Deutschland und Frankreich die Feindseligkeit der

unteren Bevölkerungsschichten gegenüber dem Krieg zunehmen wird.

Es wäre ironisch, wenn in einer Zeit des allgemeinen Rechtsrucks in allen mittleren und südlichen

Teilen des europäischen Kontinents populäre Kreise auftauchen würden, die einen russischen Frieden

befürworten. Das kommunistische Russland hatte in den westlichen Proletariern Verbündete

gefunden. Das konservativ gewordene Russland würde seine Verbündeten immer noch in diesen

westlichen Bevölkerungskreisen finden, die aber inzwischen ebenfalls konservativ geworden sind

(meiner Meinung nach eher konservativ als populistisch oder rechtsextrem). Das Fortbestehen einer

solchen Struktur von Ausrichtungen im Kontext eines konservativen Umschwungs würde an eine

Parallelverschiebung im mathematischen Sinne erinnern.

Lassen Sie uns auf noch antikere Weise enden. Thukydides hatte in Der Peloponnesische Krieg

festgestellt, dass die Konfrontation zwischen Sparta und Athen zu einer Konfrontation zwischen dem

oligarchischen und dem demokratischen Prinzip geworden war, bei der die innerstädtischen

Bürgerkämpfe und die militärische Konfrontation zwischen den Städten allmählich zusammenliefen.

Darauf steuern auch wir in Europa zweifellos zu: Ein militaristisch-oligarchisches Prinzip wird sich

immer deutlicher einer pazifistischen Volksvertretung (in welcher Form auch immer) entgegenstellen.

Da sich die Kriegsentwicklung beschleunigt, bleibt den europäischen Oligarchen nur noch sehr wenig

Zeit, um ihre Völker, wenn sie es denn wollen, in einen Krieg zu ziehen, der kein Ende kennt, außer

das von Europas Wohlstand.

Emmanuel Todd, 9. Juli 2024
Profile Image for Roman Kyrychenko.
11 reviews1 follower
March 4, 2025
„Der Westen im Niedergang“ von Emmanuel Todd ist ein wirklich interessantes Buch. Der Autor verdient meinen Respekt, weil er seine Argumente mit vielen Statistiken, Grafiken und Quellen belegt. Ich habe durch das Buch eine neue Perspektive auf den Westen bekommen, die ich so nicht erwartet hätte. (Aber gespürt hatte)

Trotzdem hatte ich ein Problem mit seiner Haltung zu Russland. Am Anfang dachte ich noch, man sollte ihm die Chance geben und die Situation auch mal aus einer anderen Sicht sehen. Aber als er am Ende schrieb, dass die Ukraine einen Angriff geplant habe, wurde mir klar, welche Meinung er eigentlich vertritt. Das hat mich enttäuscht, denn für diese Behauptung bringt er nicht einen einzigen Beweis – gar nichts.

Generell lobt er Russland durchgehend, ohne auch nur einmal die Brutalität zu erwähnen, mit der das Land seit Jahren Menschen tötet. Das hat für mich den Gesamteindruck des Buches sehr getrübt. Es ist schade, dass ein so kluger Autor die geopolitische Lage so voreingenommen darstellt.
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