Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert leben im Wiener Rothaus rund ein Dutzend Prostituierte in einem Bordell namens „Rothaus“, darunter die „schwarze Katherine“ mit ihrer sechsjährigen Tochter Milada. Ein Hofbesitzer hatte sie geschwängert und sich wenig überraschend geweigert, sie zu heiraten. So wächst das aufgeweckte Kind Milada in einem Bordell auf, was ihr weniger schlecht bekommt, als man erwarten würde. Das Kind darf in die Schule gehen und erwirbt im Rothaus so viel Erfahrung und Selbstbewusstsein, dass sie, die zunächst ebenfalls zur Dirne wird, bald in dem Bordell die Strippen zieht.
Habt ihr schon mal von diesem Roman oder seiner Autorin gehört? Ich auch nicht, bevor er von einem Mitglied unserer Lesegruppe als Monatslektüre vorgeschlagen wurde (danke, Markus!). Und das dürfte nicht so sein, denn selten habe ich ein so kraftvolles, sprachgewaltiges und mit faszinierenden Charakteren bestücktes Werk aus dem frühen 20. Jahrhundert gelesen wie dieses. Von der ersten Seite an besticht Else Jerusalem mit ihrer Schreibkunst, die ganz hoch einzuschätzen und dennoch wunderbar lesbar ist.
Jerusalem bricht das Tabu und erzählt von Prostituierten unterschiedlichster Herkunft und ihrem scheinbar unvermeidlichen Schicksal. Wie Brigitte Spreizer in ihrem Nachwort „Else Jerusalem – eine Spurensuche“ schreibt:
„Die Provokation, auf die Else Jerusalem besteht, liegt darin, dass sie die Prostitution nicht als Gegenteil, sondern als Teil der (bürgerlichen) Gesellschaft betrachtet“.
Milada entwickelt sich schnell zum zentralen Charakter des Romans, bleibt dabei jedoch keineswegs der einzige spannende Charakter: Sowohl die verschiedenen Prostituierten, die wechselnden Bordellchefinnen und vor allem Horner, der zu Miladas Mentor wird, sind plastische, multidimensionale Charaktere. Horners Passagen gehören überhaupt zu den stärksten des Romans, es ist eine Freude sie zu lesen, einiges habe ich sogar mehrfach gelesen. Horner ist es auch, der uns über die Bedeutung des Buchtitels aufklärt, sofern man sich das bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht selbst erschlossen hat. Auf das entsprechende Kapitel „Der Philosoph“ folgen einige Abschnitte, in denen das Buch etwas schwächelt, denn Milada verliebt sich, was Befürchtungen weckt, das Werk könnte in eine bestimmte Richtung abdriften. Dies ändert sich jedoch schnell wieder und schadet nicht meinem begeisterten Gesamteindruck des Romans.
Man mag sich fragen, wie dieses Meisterwerk so in Vergessenheit geraten konnte. Andererseits war dies das Schicksal vieler Autorinnen, die zu Zeiten des Nationalsozialismus geächtet wurden.
Ich wünsche mir, dass dieser Klassiker der feministischen Literatur eine Renaissance erlebt, lest es!