Cemile Şahin hat in ihrem zweiten Roman „Alle Hunde sterben“ episodenhaft die Stimme den Menschen gegeben, die Folter, Misshandlung, Gewalt, kurz Terror in jeglicher Form erfahren haben. Es erzählt auch vom Überleben. Auch wenn die Geschichten fiktiv sind, haben alle einen realen Hintergrund.
Der Roman beginnt mit zwei Bildern, eine rote Seite mit der amerikanischen Uhrzeit und einem amerikanischen Parkplatz. Außerdem verortet die Künstlerin das Geschehen im Westen der Türkei, in einem Hochhaus, die 17 Stockwerke hat.
Neun Stimmen werden gehört.
Necla, Murat, Nurten, Birgül, Sara, Umut, Haydar, Metin und Devrim.
Jede*r von ihnen lebt in unterschiedlichen Stockwerken, es gibt keinen linearen Erzählstrang. Einige Geschichten überschneiden sich. Alle vereint, dass sie nicht mehr in der Türkei leben wollen. Auch vereint sie, dass ihre Familie und die Protagonist*innen unmittelbar kriminalisiert, bestraft und verfolgt werden. Nur weil sie Kurd*innen sind.
Sie berichten wie sie geflüchtet und in diesem Hochhaus gelandet sind. Murat berichtet wie wichtig es ihm ist, nicht als Opfer dargestellt zu werden. „Opfer werden umgebracht. Ich bin noch am Leben. Opfer können sich nicht zur Wehr setzen. Ich tue das, indem ich davon berichte.“
Mehrere Male musste ich eine Lesepause einlegen. Die Gewalt, den willkürlichen Terror - den diese Charaktere ausgesetzt sind - gleichzeitig das Wissen, dass einige Menschen diesem Terror immer noch real erleben, geht sehr unter die Haut und bleibt als bitterer Nachgeschmack. Sie ist bei jeder Episode unterschiedlich klar und sehr bildhaft beschrieben. Ich denke dabei auch an einige Freund*innen und ihre Geschichten und wie immer noch Menschen aus der Türkei flüchten und all ihre Existenz verlieren.
Schonungslos und hart ist die Sprache. Und Cemile Şahin schafft es auf einer multidimensionalen Ebene, den verfolgten Menschen einen Raum zu geben.