Childerich von Bartenbruch, der schmächtige, doch zu unglaublichen Wutausbrüchen neigende Majoratsherr in Mittelfranken, hält sich - nicht ganz zu Unrecht - für einen Nachfahren der Merowinger. Gleichzeitig verfolgt er hartnäckig die Realisierung seiner Idee von der totalen Familie. Durch eine ungewöhnliche Heirats- und Adoptionspolitik gelingt es ihm, sein eigener Vater, Großvater, Schwiegervater und Schwiegersohn zu werden...
Heimito von Doderer lebte fast ausschließlich in Wien. 1916 geriet er in russische Gefangenschaft und kehrte erst 1920 zurück. Er studierte Geschichtswissenschaft. Seit der Veröffentlichung seiner Hauptwerke "Die Strudlhofstiege" (1951) und "Die Dämonen" (1956) gilt er als einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller.
nicht nur der bizarrste roman von heimito von doderer: "die merowinger - oder die totale familie" ist eventuell das verrückteste romandestillat, welches jemals in österreich aus einem autorenhirn hervorgebracht wurde. vom beginn weg geht es um wut, und mit der vorstellung eines unter dieser erkrankung leidenden patienten wird auch sofort eine recht unfassbare behandlungsmethode eingeführt, die es möglich macht, vorrübergehend von der wut geheilt zu werden. der auf diese weise erfolgreich seinen lebensunterhalt verdienende arzt ist nur eine von vielen figuren dieses romans: im zentrum steht childerich von bartenbruch, ein zwar kleinwüchsiger aber nichtsdestotrotz (oder gerade deswegen) zu unglaublichen wutausbrüchen fähiger adeliger mensch, der neben all seinen unangenehmen eigenschaften auch die angewohnheit hat, seinen bart metamorphierend den bärten der männer anzupassen, deren frauen er geheiratet (und auf diese weise vernichtet) hat: er übernimmt anteile der bärte in seinen immer verrückter gestalteten bart. sein ziel: die totale familie in sich zu vereinen. doderer hat in diesem buch all das skurile und verrückte seiner anderen, "seriösen" romane verdichtet und einen "kardinalsspaß" der erfrischendsten sorte abgelegt, der mich nicht losgelassen hat: ich empfand das buch wie rockmusik so fesselnd und durchrüttelnd in seiner mitreissenden sprache und brachial-erfrischenden komik.
ich stehe ja immer noch schwer unter dem eindruck der genialität der strudelhofstiege und der dämonen. wären die merowinger nicht von doderer, hätte ich sie wohl nicht fertiggelesen - unglaublich zähe 300 seiten, die sich wie mindestens 800 anfühlten. im umfang einer kurzen novelle wäre das vielleicht eine ganz witzige und kurzweilige angelegenheit gewesen, aber nach 50-70 seiten hat bei mir das gähnen und mitunter auch der ärger eingesetzt - über die verschwendete zeit und darüber, dass mir hier einer eine "familiengeschichte" vorsetzt, die die ganze erste hälfte des 20. jahrhunderts - bis in die 1950er jahre - abdeckt und es schafft, zwei weltkriege und nationalsozialismus in nicht mehr als insgesamt vielleicht zehn halblustigen halbsätzen zu streifen. die zwei sterne sind also als eher großzügig zu verstehen - siehe meinen ersten satz.
“Verzeihen Sie, Doctor, aber das ganze ist doch ein Mordsblödsinn.” “Ja freilich, freilich Blödsinn!” rief der Doctor Döblinger, beglückt, von diesem sehr geschätzten Leser endlich und richtig verstanden worden zu sein. “Wie denn anders?! Und was denn sonst als Blödsinn?! Alles Unsinn -”
Diese auf der letzten Seite des Buches statt findende Unterhaltung fasst zusammen was man gerade gelesen hat. Unsinn und Blödsinn. Aber wie viel Spaß ich dabei hatte! Eine wunderbare Satire, entsetzlich grobschlachtig und durchaus derb in der Handlung, aber sprachlich mit einer solchen Finesse verfasst, einfach fabelhaft. Es gilt über die bei Erscheinen noch nicht sonderlich auffälligen Sexismen hinweg zu sehen um das Buch vollends genießen zu können, aber schlußendlich bekommt jeder in diesem Buch sein oder ihr Fett weg.
the most absurd book I have read in a long time (possibly ever). grotesque genealogy, dynastic fates, anger issues and a satire of science. all this in and around a small town in Franconia. glorious.
tl;dr Childerich III tries and fails to establish the total family and gets very angry in the process. The fall of the Merovingians repeats itself in the 1950s.
Ich besitze das Buch gebunden Bd. 9 Bd. der Ausgabe aus dem C.H. Beck Verlag. Dieser Doderer ist (nur) etwas für Doderer Feinspitze und Leser die dem Absurd-Grotesken zugetan sind. Ein blödelnder und erzählerischer Rundumschlag - da geht's um nix. Doderer hat unter Wutanfällen gelitten und die Merowinger dürften sein Blitzableiter gewesen sein. Dinge die er loswerden musste und nicht in seinen "seriösen" Romanen und Erzählungen unterbringen konnte oder durfte, landeten hier. Hier wird geprügelt, am Bart gerissen, getreten, an den Ohren gerissen, geschlägert und überfallen - und das ohne ausreichende Gründe, einfach so. Childerich der III (von mäßiger Statur) besitzt aber ein Vehikel, das in zu Ruhm und Rache führen kann: seine das ungewöhnliche Maß weit übersteigende Manneskraft. (So stehts im Buch und in der Doderer Bio. von Klaus Nüchtern: Kontinent Doderer eine Durchquerung, C.H.Beck Verlag). Eine nebulöse sabotierende Geheimgesellschaft existiert auch noch, deren Hauptaufgabe "die Störung ernster Männer bei der Erfüllung schwerer Berufspflicht" ist. Insgesamt eine riesige, böse Gaudi und mich wunderts, dass auch Leser die nicht in Österreich und da besonders in Wien sozialisiert worden sind, Zugang zu diesem unsinnigen "Mordsblödsinn" finden konnten. Noch ein Zitat aus Nüchterns Doderer Biographie: "So gesehen könnte man "Die Merowinger" als den Kropf des Doderer'schen Euvres auffassen: jenen Ort, an dem all das entsorgt wird, was zu heftig, zu dreist, zu peinlich ist, als dass es andernorts untergebracht werden könnte." Ein schräges Buch für Feinspitze.
Bachmeyer, der von Zornausbrüchen geplagt ist, konsultiert Dr. Horn. Dieser therapiert den Patienten mit Schwester Helga zu Meyerbeers Marsch aus dem „Propheten“ und einer Nasenzange. Dr. Horn - eine Koryphäe auf dem Gebiet der Wuttherapie wird neuer Nachbar des Schriftstellers Doctor Döblingers. Horn als neuer Nachbar leistet dem Schriftsteller gegenüber eine Geldzahlung, um ihn aufgrund des entstehenden Lärms durch die Patienten am 5., 10, und 20. eines Monats zu entschädigen. Horn setzt sich schon vorher mit den Beamten in den entsprechenden Ämtern telefonisch auseinander, um den Patienten den Eindruck zu geben, dass seine Therapie fruchtbar ist. Auch den Nachbarn, der unter Herrn Döblinger wohnt, lernen wir kennen: Herrn Zilek, der so dünn sei, „dass man, wenn er nur einen Türspalt öffnete, ihn schon zur Gänze erblicken konnte“. Danach folgt ein langer Abschnitt über Childerich von Bartenbruch. Klein, weich und schon früh faltig und eben von schlimmsten Wutanfällen heimgesucht. Nach und nach heiratet er erst selbst (Frau stirbt früh), dann die Frau des Großvaters, dann des eigenen Vaters, sodass er alle Reichtümer an sich bindet. Und dann????? Nahm mein Interesse so schlagartig ab, dass ich das Buch nach ca. 130 Seiten zur Seite legen musste. Ich hätte es gerne geschafft, aber diese Dauergroteske ist nicht meins. Schade.
Absurd, grotesk und blödsinnig, obwohl: Ein starker, humorhinterlegter und schwungvoller Einstieg.
Und dann? Nur noch: Grimme, Grimme, Grimm, Wut, Fussspreizung, Prügel, Keilerei und Geldgeilheit.
Die Idee einer totalitären Struktur in der Familie (die Familie bin ich!) als NSDAP Verfechter auch irgendwie innovativ in der Literatur platziert.
Wenn auch wohl als Österreichische Adelssatire beabsichtigt, schnell langweilig und hart kauend werdend. Womöglich muss man tiefer in den Hintergründen stecken, um dem Werk mehr abzugewinnen.
Was für eine seltsame Mischung von Gelehrtheit und Albernheit, die man von dem hochgeehrten Autor der Strudlhofstiege nicht ohne weiteres erwartet hätte!