Gletscher schmelzen, Arbeitswelten verschwinden, Ordnungen zerfallen. Verluste bedrängen die westlichen Gegenwartsgesellschaften in großer Zahl und Vielfalt. Sie treiben die Menschen auf die Straße, in die Praxen der Therapeuten und in die Arme von Populisten. Sie setzen den Ton unserer Zeit. Während sich die Formen ihrer Bearbeitung tiefgreifend verändern, scheinen Verlusterfahrungen und Verlustängste immer weiter zu eskalieren. Wie ist das zu erklären? Und was bedeutet es für die Zukunft? Andreas Reckwitz leistet Pionierarbeit und präsentiert die erste umfassende Analyse der sozialen und kulturellen Strukturen, die unser Verhältnis zum Verlust prägen. Unter dem Banner des Fortschritts, so legt er dar, wird die westliche Moderne schon immer von einer Verlustparadoxie angetrieben: Sie will (und kann) Verlusterfahrungen reduzieren - und potenziert sie zugleich. Dieses fragile Arrangement hatte lange Bestand, doch in der verletzlichen Spätmoderne kollabiert es. Das Fortschrittsnarrativ büßt massiv an Glaubwürdigkeit ein, Verluste lassen sich nicht mehr unsichtbar machen. Das führt zu einer der existenziellen Fragen des 21. Jahrhunderts: Können Gesellschaften modern bleiben und sich zugleich produktiv mit Verlusten auseinandersetzen? Ein wegweisendes Buch.
Andreas Reckwitz is a German sociologist and cultural theorist. He is professor at the institute of social sciences at Humboldt University Berlin.
Reckwitz studied sociology, Political science and philosophy in Bonn, Hamburg and Cambridge. He graduated 1994 in Cambridge, overseen by Anthony Giddens. He achieved his Dr. phil. in 1999 at Hamburg University. From 2001 to 2005 he worked there as assistant professor at the sociological faculty. In 2005 he became professor for sociology and sociology of culture at Konstanz University, 2010 professor for sociology of culture at the Viadrina European University in Frankfurt (Oder). In 2020 Reckwitz became professor for sociology and sociology of culture at Humboldt University in Berlin.
Reckwitz is a prominent proponent of social practice theory and contributed to its development as an encompassing social and cultural theory. This serves as basis for his works on subjectivation, creativity and singularization of the social life.
In 2017 he published his work on the structure of the current late modern society ,Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, which was published in English in 2020 as The Society of Singularities. In this book he analyses how economy, work, information technlogy, lifestyle, classes and politics follow a system which values singularity and devalues non-sigularity.
Reckwitz wrote several articles for the newspaper Die Zeit and appeared as an interview partner on the German national radio Deutschlandfunk Kultur discussing current socio-cultural and political trends and issues in western societies.
In 2019 Reckwitz was awarded the Gottfried Wilhelm Leibniz Prize of the German Research Foundation.
In seinem neusten Werk „Verlust. Ein Grundproblem der Modernen“ beschäftigt sich der derzeit vielleicht wichtigste Gegenwartssoziologe mit der Fragestellung, ob und inwiefern sich das Fortschrittsnarrativ der modernen Gesellschaft im Zuge eskalierender Verlusterfahrungen und Verlustängste, ausgelöst durch Klimawandel, wirtschaftlichen Niedergang & Co. noch aufrechterhalten lässt. Doch meine hohen Erwartungen an das Buch des von mir ansonsten sehr geschätzten Andreas Reckwitz konnten leider nicht erfüllt werden.
Zwar ist es durchaus beeindruckend wie strukturiert und ausdifferenziert Reckwitz seine Verlusttheorie entfaltet. Auch schätze ich seine Fähigkeit und Ambition in größeren Dimensionen zu denken. Im Hinblick auf die einzelnen Aspekte, die Reckwitz in seine Verlusttheorie integriert, wie dem Versicherungswesen, der Psychotherapie oder dem Rechtspopulismus, stimme ich in der Bewertung auch weitgehend mit ihm überein. Doch einerseits ist es dem Werk anzukreiden, dass es diesen sehr verschiedenen Phänomenen keine eigene oder gar neue Bedeutung hinzugefügt wird. Stattdessen sind sie lediglich Teil einer gefühlt endlosen, deskriptiven Dauerschleife. Andererseits wird der hohe Systematisierungs- und Ausdifferenzierungsgrad seiner Darstellung auf Kosten einer klaren Thesenbildung erreicht. Einige theoretische Verästelungen weniger hätten vermutlich einen größeren Spannungsbogen zur Folge gehabt.
Am Ende ist es, trotz aller zutreffenden Beobachtungen, die es zu Protokoll gibt, eine Art Metastudie ohne jede Pointe. Der spannendste Teil von „Verlust“ sind bezeichnenderweise die letzten 10 Seiten, in denen Reckwitz drei Zukunftsszenarien entwirft. Dass er diese gewohnt zurückhaltend und im Unterschied zu vielen anderen Soziologiewerken weniger reißerisch konzipiert, empfand ich wiederum als sehr gelungen.
Somit verbleibt bei mir ein mittelmäßiger Gesamteindruck, auch wenn ich Andreas Reckwitz für seine Theorien und seine Art Soziologie zu betreiben weiterhin sehr schätze. „Die Gesellschaft der Singularitäten“ sowie „Das Ende der Illusionen“ haben mir im direkten Vergleich aber einfach mehr zugesagt
Andreas Reckwitz' bisheriges Meisterstück ist nichts weniger als eine um die vom Autor so genannte Spät- (nicht Post-) Moderne erweiterte neue „Dialektik der Aufklärung“ (Adorno/ Horkheimer). Das Fortschrittsparadigma der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft wird nach ihren Schattenseiten hin analysiert und es wird danach gefragt, was dem Vergessen anheimfallen musste und bis heute dem Verschwinden preisgegeben wird. Die Dynamik der Kapitalverwertung bringt dabei ein "Verlustparadox" hervor, das in der Gleichzeitigkeit von Fortschrittsversprechen (vgl. KI-Boom) und "Verlusteskalation" (Umweltzerstörung, Diversitätsverluste, Rohstoffknappheit usw.) besteht. Beides wird nach ihrer sowohl kulturellen als auch nach der materiellen Seite hin gefasst, weil "kulturelle Praktiken", die von "einem kollektiv geteilten Weltwissen und dessen Interpretationsformen abhängen [...] zugleich notwendig materiale Praktiken [sind]." (41) Die so verstandene "Praxisphilosphie" wendet sich also gegen jeden Dualismus von Kultur und materieller Produktion, weil nur deren Verschränkung in der "Doppellogik" von Wiederholung (Tradition) und Neubeginn (=schöpferische Zerstörung) der "zeitlichen Prozessualität der sozialen Welt zugrunde [liegt]" (43). Man ahnt die Spitze gegen das Silicon Valley wie gegen einen „Basis“ und „Überbau“ trennenden Vulgärmarxismus.
Von diesen grundlegenden Überlegungen ausgehend behandelt der Autor eine schier unglaubliche Zahl von Verlusttypen (kulturelle Verluste, Stabilisierungsverluste, Statusverluste etc. pp.), deren krisenhaftes Ineinander schließlich zu der heute kaum mehr schleichenden (wenn auch bereits seit Langem andauernden) "Sinnwelterosion" (73) führe. Interessant, dass Reckwitz den "Verlust" nicht allein in der Vergangenheit verortet, sondern ihn um die Kategorie des "Erwartungsverlusts" (75) erweitert. Es sind eben diese Erwartungsverluste, die den Horizont positiver Zukunftshoffnungen verdüstern und zu Zukunftspessimismus führen. Man sieht hier allerdings auch eine "verstärkte Verlustsensibilität" am Werk, die versucht, "subjektive oder kollektive Traumata als solche zu benennen..., um den radikalen Selbst- und Weltverlust kulturell bearbeitbar zu machen." (81) In der Folge kommt es dann zur Herausbildung einer "Figur des Dritten", die sich vor allem in "die Schuldigen, die Gewinner und die Beobachter" (110) aufspaltet und logisch konsequent Kategorien wie "Täter" und "Opfer" hervorbringt, die ihrerseits wiederum nach "Siegern" und "Verlierern" (111) unterschieden werden usf. (Das ist dann anschlussfähig an die verbreiteten Populismen, wie auf den Seiten 392 ff. nachzulesen ist. Sie speisen ihre Energie aus "Verlustkontroversen" (406), die in der sozialen Arena um die Anerkennung und die Sichtbarmachung von Verlust- oder Opferidentitäten etc. geführt werden.) Das alles wird jedenfalls präzise definiert, anhand von Beispielen voneinander unterschieden und jeweils in kurzen, gut lesbaren Abschnitten dargestellt.
Gegliedert ist der Band in drei Teile, wobei Teil I (wie beschrieben) verschiedene Arten der "Verluste" behandelt, ehe Teil II die klassische Moderne untersucht, als deren Charakteristikum Reckwitz die "ständige Optimierung" aller materiellen Lebensprozesse hervorhebt, was notwendig "im Rahmen der Zukunftsorientierung die Vergangenheit grundsätzlich (abwertet)." (128) Beschrieben wird der Prozess von seinem Beginn in der Renaissance/frühen Neuzeit an, wobei er sich im 20. Jahrhundert beschleunige und ausweite, ehe er im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts seine Paradoxien bis hin zu einer partiellen Umkehr des Verhältnisses von Fortschrittsglauben und Konservatismus mit einer Verschiebung hin zur Zukunftsskepsis entfaltet. Das ist dann die Situation der Spätmoderne. Bedenkenswert ist der Befund, die "Dynamik der kapitalistischen Ökonomie speis(e) sich aus positiven Zukunftserwartungen, die nichts anderes als Zukunftsfiktionen mit erfreulichem Inhalt darstellen". (138) Das meint ja nichts anderes, als dass der Bestand des gegenwärtigen ökonomischen Systems durch den von ihm selbst heraufbeschworenen Schwund des Zukunftsoptimismus in seiner Existenz bedroht ist. Immerhin ein interessanter Aspekt möglicher Untergangsszenarien dessen, was fälschlicherweise als quasi naturgegebene Wirtschaftsform begriffen bzw. uns als solche immer wieder neu verkauft wird. Apropos verkaufen: "Freiheit und Überfluss stehen als Doppel im Zentrum ihres kulturellen Imaginären, denn sie bezeichnen das Versprechen der Moderne, dass man in ihr im Kern gewinnt: an Freiheit einerseits, durch Überfluss andererseits." (145) Nun ja, wenn der Überfluss also endet (u.a. durch Klima- oder Rohstoffkrisen etc.), dann endet auch das Versprechen der Freiheit. Wir können es gerade live und in Farbe beobachten...
Inwieweit Reckwitz als Soziologe wertvolle Fingerzeige in angrenzende Gebiete wie Philosophie oder Geschichtswissenschaft bereit hält, verdeutlichen viele kleine Hinweise wie etwa die Beobachtung, die "Basisnarration des Fortschritts ist gleichsam die eines Bildungsromans des Subjekts oder der Gesellschaft insgesamt". (151) Hier wird, ganz nebenbei, der "geistes"wissenschaftliche Ansatz von Literaturtheorie auf seine materiellen Existenzbedingungen zurückgeführt. Das ist souverän, denn in Analogie zum Bildungsroman wird konstatiert: "Es droht schließlich eine systemische Krise, wenn die Verlusterfahrungen und -antizipationen in ein zukunftsskeptisches Verhalten münden" (155) und auch die institutionellen Garanten der Fortschrittserwartungen in die Krise geraten. Das ist das Ende des bürgerlichen Aufstiegsversprechens, das notwendig zum Ende des Bildungsoptimismus führt und damit nicht nur weitere Bildungsromane verunmöglicht, sondern auch erklärt, warum die heutige Jugend so etwas nicht mehr lesen mag und Zuflucht lieber in Fantasy oder Dystopien sucht.
Großen Raum in der Darstellung nehmen die verschiedenen Strategien der modernen "Verdrängung des Todes" (155) bzw. der seelischen Bewältigung von Trauer und Traumata im spätmodernen „Zeitalter der Singularitäten“ (Reckwitz) und damit dem der Vereinzelung und Einsamkeit ein. (Freilich wird der vorherige Befund hier erweitert durch die Einsicht, dass "Gemeinschaften" mitnichten nur "Phänomene vormoderner Gesellschaften" seien. Für Reckwitz ist das jetzt ein "modernisierungstheoretischer Irrtum" (271) und als Beispiele führt er die durch Migration und Flucht sich neu herausbildenden sprachlichen oder ethischen Communities oder sogar Parallelgesellschaften in westlichen Gesellschaften an, die ein Phänomen der Spätmoderne seien.) Davon ab wird der trotz allem in der Moderne stattfindende emotionale Umbau u.a. am Beispiel des Zerbrechens der Großfamilie wie der Veränderungen in der Liebessemantik dargestellt, was mich freut, da ich hier endlich qualifizierte Unterstützung für das Vertreten der bei Luhmann ("Liebe als Passion") bereits anklingenden These von den Wandlungen und der Veränderlichkeit sogenannter (allgemein-)"menschlicher Gefühle" finde. Gemeint ist hier vor allem der historisch fortschreitende Prozess einer "emotionale(n) Sensibilisierung" (191), der so etwas wie Elternliebe zu ihren Kindern oder auch "Liebe" selbst erst ermöglicht.
Spannend sind dann auch die Ausführungen zur "Verlustantizipation", die zuerst in neuen Formen des Spiels und dann in der Börsenspekulation modernes Risikobewusstsein hervorbringen, ohne das weder Überseehandel noch koloniale Ausbeutung auf anderen Erdteilen möglich gewesen wäre. Auch hier ganz nebenbei der Hinweis, wo die Triebkräfte zu suchen seien, die zur "Wahrscheinlichkeitsrechnung" (242) wie zur Formierung des Versicherungssystems und hier besonders der "Lebensversicherung" (243) geführt haben. Aber das ist nur ein Aspekt möglicher "Präventionsregime(s)" (278), die im Folgenden vor allem in ihren institutionellen Ausprägungen untersucht werden. Institutionen sind berufen, die unsicheren Verhältnisse zu stabilisieren, aber Reckwitz zeigt (was schon zu vermuten war) ihre schwindenden Fähigkeiten auf, diesem Anspruch gerecht zu werden. Es sei die "Subjektivierung des Fortschritts" (322), die in der Spätmoderne (vgl. auch 354 ff.) kollektive Glückserwartungen erschwere bzw. als Resultat ihrer Brüchigkeit zu eher privaten Optimismuskonzeptionen führe. (Als Beleg wird das Auseinanderklaffen von Erwartungen an die private bzw. an die gesellschaftliche Zukunft angeführt, wobei sich die privaten Zukunftserwartungen diametral entgegengesetzt positiv zu den als negativ angenommenen gesellschaftlichen Abstiegs-Entwicklungen verhalten- 323.)
Die großartige Analyse des gewordenen Zustands der Gegenwartsgesellschaft endet dann mit der wenig optimistischen Aussicht darauf, dass sich Verlusterfahrungen und Verlusterwartungen in der Spätmoderne zu Befindlichkeiten verfestigen, die zur Wahrnehmung einer "Verlustpotenzierung" (415) zu multiplen Krisen führe. Dabei seien es diese "miteinander verketteten Krisentypen", die "eine Legitimationskrise" (417) des Systems nach sich zögen. Was dagegen zu tun sei, da hält sich der Autor bedeckt, denn er ist zur Analyse angetreten und nicht dazu, eine neue Gesellschaftstheorie zu begründen. Das scheint legitim, bietet doch die Analyse bereits viele Fingerzeige, in welche Richtungen weitergedacht werden kann und muss. Auf jeden Fall ist Andreas Reckwitz zuzustimmen, wenn er als Fazit formuliert: "Auch eine reparierte Moderne ist unvollkommen, eine nagelneue Gesellschaftsmaschine ohne Dellen und Fehler ist nicht in Sicht. Wer auf sie hofft, geht dem modernen Mythos des permanenten Neuanfangs auf den Leim." (419) Linken Reformfreunden von den Grünen über die SPD bis hin zur Partei Die Linke sei's ins Stammbuch geschrieben! Und was den mentalen Überschwang jugendlicher Nerds und anderswie Technikbegeisterter anbelangt, so trifft subjektiv wie im Allgemeinen zu, dass die "Moderne [...] von Anfang an von einem mitreißenden Ideal der Jugendlichkeit geprägt [war]... Nach 250 Jahren wird es Zeit, dass sie erwachsen wird und lernt, klug mit den Verlusten umzugehen." (424) Mit dieser Hoffnung endet das Buch, wobei ich meine, Reckwitz weiß, wie andere auch, dass die fortschreitende Infantilisierung zumindest westlicher Gesellschaften den Schwerpunkt dieser Hoffnung eher in Richtung der anderen Pole einer künftigen multiplen Weltordnung verschiebt, als dass sie hier "bei uns" beheimatet sein könnte. Aber solche Verschiebungen sind historisch nicht neu und so kommt es darauf an, wie man sie bewertet, um darin eine Katastrophe oder eben eine Hoffnung zu sehen. Ich denke, Chinesen, Inder, Afrikaner und andere sind auch klug und lernen aus dem, was wir positiv wie negativ im Modernisierungsparadigma über die Welt gebracht haben. Ob sie es dann besser machen? Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Ist das Buch zur Lektüre zu empfehlen? Auf jeden Fall! Braucht man dafür besondere Vorbildung oder soziologisches Grundwissen. Eher nicht. Wer mitdenken will, wird den Autor verstehen.
Sehr nachvollziehbar geschrieben, weshalb ich dieses Buch sogar an nicht-wissenschaftlich Lesende empfehlen würde, allerdings fehlt mir ein bisschen das ‚und jetzt?‘, der für mich zu der angestrebten neuen, selbstreflexiven Sichtweise auf Gesellschaften beitragen würde. Zudem etwas repetitiv, ich habs trotzdem gern gelesen und finde die zugrundelegende Prognose valide.
Het geloof in de vooruitgang lijkt verloren. Waar generaties konden vertrouwen op de voortgang van de moderniteit en het toenemen van de welvaart, daar daalt nu het besef in dat de komende generaties het wel eens heel wat minder zouden kunnen treffen dan onze huidige generatie.
Iedere vooruitgang had altijd al een keerzijde. Onlosmakelijk gaat er door het gebruik van techniek iets van de natuur, van de samenleving, en van ons persoonlijk welzijn verloren. Dat gaat verder dan alleen de nostalgie van “Langs het tuinpad van mijn vader”. Het gaat ook over het verlies aan biodiversiteit, milieuproblemen, klimaatopwarming, verlies van gemeenschapszin, verloedering, stress, etc. Zolang de verworvenheden voor een groot deel van de bevolking een vooruitgang betekenden, werd het verlies voor andere groepen, andere landen en de natuur, min of meer voor lief genomen, als “nevenschade van de vooruitgang”.
Kunnen we een antwoord vinden op de opkomende ‘verliesgolven’, met name de klimaatproblemen en de vergrijzing? Verbaast de moderniteit ons andermaal met nieuwe technologie (AI, kernfusie, DNA-reparaties, etc.), zodat de nevenschade weer beheersbaar wordt, of stevenen we af op een definitieve Apocalyps? Of weten we op een beheerste manier het verlies onder controle te krijgen door de moderniteit aan banden te leggen, door onze materiële wensen aan te passen aan de natuurlijke omgeving, en door het verlies op een goede manier te verwerken?
In dit omvangrijke boek brengt Andreas Reckwitz, hoogleraar sociologie aan de Humbold universiteit van Berlijn, de maatschappelijke ontwikkelingen in beeld, waarbij hij laat zien dat in de huidige ‘postmoderniteit’, de mogelijkheden van “verliesverwerking” steeds moeilijker worden. Klimaat en natuur raken uitgeput, de medische wetenschap stuit op grenzen van de maakbaarheid, en de maatschappij raakt verder verdeeld. Waar vroeger de samenleving en de religie de mensen hielpen met “verlieswegwerking” en met acceptatie, daar zoekt men nu de schuldige bij de "elite" en de falende overheid.
Het boek geeft een brede sociologische weergave van het vastlopen van de moderniteit. Het biedt helaas geen oplossingen, anders dan bescheidenheid en het verkennen van nieuwe vormen van het leren omgaan met verlies (zoals liefde voor het erfgoed, de toekomst van onze kinderen). Misschien hadden we ook niet meer mogen verwachten. Het is een mooie analyse van onze postmoderne toestand, maar de analyse blijft beschrijvend.
Nergens worden technologische of economische ontwikkelingen aangevoerd als redenen voor bepaalde tendensen – of alleen heel oppervlakkig. Het blijft bij de beschrijving van de optredende sociale patronen. Uiteindelijk biedt het uitgebreide begrippenapparaat rond verlies -golven, -escalatie, -controversen, geen gereedschap om politieke tegenstellingen te plaatsen en te becommentariëren.
De auteur had zeker meer scherpte in de discussie kunnen brengen door zich af te vragen waarom populisten wel voor technische vooruitgang zijn, en gelijktijdig totaal ongevoelig voor klimaatverlies en verlies aan biodiversiteit. Waar is het ontzag voor wetenschap en cultuur gebleven? Wie houdt wie voor de gek? Waar komt die enorme woede vandaan? Niet alleen nu, maar natuurlijk ook al in de jaren dertig. Het is niet alleen het verlies over wat verloren gaat, het is ook de haat tegen het kosmopolitische leven, de woke gendergelijkheid, de internationale solidariteit, kortom, tegen de moderniteit zelf.
In zijn wat wijdlopige en onderkoelde vorm toch een goede analyse van de tijd.
Die Epoche der Moderne ist geprägt vom Gedanken des Fortschritts. Der Glaube daran und sogar der Imperativ des Fortschritts prägt alle Bereiche unseres Lebens – von der Ökonomie, der Gesellschaft bis in unser privates Leben sind wir vom Gedanken durchdrungen, dass alles immer besser werden muss. Das Problem ist aber: Wir machen immer wieder die Erfahrung des Verlusts. Manche Verluste sind Konstanten und unumgänglich (wie der Tod), andere Verluste werden sogar paradoxerweise erst durch den Fortschritt produziert. Dieses Paradox begleitet die Moderne seit ihrem Beginn. Klassischerweise haben sich Wege herausgebildet, den Verlusten zu begegnen. Dazu gehören Strategien der Absicherung, der Verlustbearbeitung, aber auch der Unsichtbarmachung von Verlusten und deren Entwertung. Reckwitz beschreibt, wie sich in der Spätmoderne (also ab ca. 1970) die Verluste intensivieren. Diese Verlusteskalation bildet neue Verlustidentitäten aus, die wiederum neue Techniken des doing loss erfordern. Dazu gehören neben einem neuen Umgang mit kulturellem Erbe und Ungerechtigkeiten der Vergangenheit auch Erscheinungen wie der politische Populismus. Dieser wird angetrieben durch Dynamiken, die durch Verluste entstehen: Indem er die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer aufteilt, die Verlierer als „Opfer“ anspricht, ihre negativen Verlusterfahrungen aufgreift und die Wiederherstellung von Gerechtigkeit durch Rache an den „Gewinnern“ verspricht.
Besonders dieser letzte, politische Aspekt hat mich an dem Buch von Reckwitz interessiert. Er hat schon durch seine Theorie der „neuen Mittelklasse“ und die damit einhergehenden Auf- und Abwertungen gesellschaftlicher Gruppen im Hinblick auf Status, Wohlstand, Teilhabe und Zukunftsaussichten für mich sehr viel Klarheit geschaffen, um die Entstehung von Bewegungen wie der AfD zu erklären. Mit diesem äußerst klugen und detailreichen Buch schafft er es, diese Entwicklung weiter zu erklären. Vereinfacht gesagt: Der Rechtspopulismus ist ein Symptom für einen missglückten Umgang mit den Verlusterfahrungen von ganzen Bevölkerungsgruppen. Im Hinblick auf Ostdeutschland haben wir es sogar mit einem doppelten Verlust zu tun, was den enormen Erfolg der AfD dort begünstigt.
Es ist offen, wie die Geschichte weitergeht. Ob die Moderne mit ihrem Fortschrittsgedanken sich wieder fängt und fortsetzt oder ob sie an ein Ende kommt. Reckwitz zeigt am Ende auch einen Weg, wie die Moderne sich durch eine Transformation so wandeln könnte, dass sie mit Verlusterfahrungen so umgeht, dass diese nicht mehr als Störfaktor wahrgenommen, sondern integriert werden. Dazu würde gehören, die Verlusterfahrungen ernst zu nehmen und auf angemessene Weise zu bearbeiten. Im politischen Leben würde das auch bedeuten, die Spaltung der Gesellschaft in „Gewinner“ und „Verlierer“ zu überwinden und damit dem Populismus die Grundlage zu entziehen. Das ist anstrengender als „Demos gegen Rechts“. Aber in meinen Augen der einzige Weg, wie wir politisch und gesellschaftlich weiterkommen.
Ein wirklich lesenswertes Buch! Man muss allerdings bereit sein, dem Autor durch lange und detailreiche deskriptive Passagen zu folgen, die einige Geduld erfordern.
Andreas Reckwitz beschreibt in seiner soziologischen Theorie des Verlusts, wie die Moderne mit ihrem Fortschrittsoptimismus in Zeiten von Klimawandel und Strukturwandel – also sichtbaren Verlusten für gesellschaftliche Teilgruppen – zunehmend Schwierigkeiten hat, diese Verluste zu verarbeiten. Es resultieren gesellschaftliche Reaktionen wie Rechtspopulismus oder Askesebewegungen.
Reckwitz geht dabei gewohnt rigoros-systematisch vor, was bedeutet, dass die ersten 120 Seiten ein relativ trockenes Aneignen von begrifflichen Werkzeugen sind. Am interessantesten sind schließlich die letzten 50 Seiten, in denen er moderne "doing loss"-Praktiken skizziert und einen Ausblick auf mögliche Zukunftsentwicklungen gibt.
Für mich bleibt das Buch insgesamt hinter den hohen Erwartungen zurück, die seine vorherigen Werke geweckt haben. Zusehends werden doch sehr separate Phänomene in einem relativ dünnen Theoriefundus verbunden. Die Theorie selbst wirkt dabei weniger pointiert und trifft den Zeitgeist nicht so überzeugend wie in "Die Gesellschaft der Singularitäten". Zudem fällt der diagnostische Ausblick auf die letzten Jahre im Verhältnis zur Buchlänge sehr kurz aus. Trotz dieser Schwächen bleibt es ein lesenswertes Buch.
Der gelungenste Satz ist für mich der letzte Satz des Buches, der das Grundproblem hervorragend metaphorisch verdichtet: „Die Moderne war von Anfang an von einem mitreißenden Ideal der Jugendlichkeit geprägt, das sich aus Orientierung an Neubeginn und an der Zukunft speiste. Nach 250 Jahren wird es Zeit, dass sie erwachsen wird und lernt, klug mit den Verlusten umzugehen.“
Ich habe mich in diesem Buch schlecht zurecht gefunden.
Beziehungsweise mir fehlte u.a. auch ein Nivelierung: Jeder Mensch kommt mit null Besitz und abhängig von anderen auf die Welt - also was soll auf dieser Basis Verlust sein?
Een absolute aanrader voor iedereen die iets van 'de geesten van deze tijd' wil begrijpen. Een zeer grondig en diepgravend boek over onze actualiteit. Ik heb hem in het Nederlands gelezen.