Projekt Geilheit oder wie die eigene Fickbarkeit wichtigster Anker eines Menschen wird, der aus nichts als Mangel, Komplexen und fehlender Reflexivität besteht.
Hochspannende Anlage einer Persönlichkeit, die sich an eine eingeschränkte und starre Ordnung kettet und ohnmächtig durchs Leben stöckelt.
Ärgerlich, dass die Autorin eine Sprache und einen Stil wählt, die exakt diese Inkommunikabilität der Protagonistin selbst bedienen, statt sie zu umgehen.
Erzählt wird uns die Story aus der Ichperspektive. Die Icherzählerin ist nur so voller Scham für das was sie ist und versteckt sich vor ihrem eigenen Erzählen. Sie ist in dem Wunsch, wie andere sein zu wollen und dem Streben danach, gefällig zu sein, so dermaßen in sich gefangen, dass sich der Text literarisch überhaupt nicht entfalten kann.
Die vulgäre Sprache, in ihren kurzen, einfachen Sätzen, die sich bishin zu Einwortsätzen verknappen und lediglich berichtend die Ereignisse wiedergibt, dient einem voyeuristischen, drastischen Aspekt.
Wir sind hart und nah an der Protagonistin dran. Durch die fehlende Selbstreflexivität gestaltet sich dies unergiebig, oberflächlich, nahezu unehrlich und unterkomplex.
Eigentlich ein sprachlich und stilistischer fail auf ganzer Linie, da dieser Text den Akt der Kommunikation verfehlt. Der sexuelle Akt dagegen, dient als Kitt, die Inkommunikailität zu umgehen. Ob freiwillig oder erzwungen. Sex dient der Protagonistin als reine Triebbefriedigung, als Symbol für das, was soll, zu sein hat, worüber sie später Macht ausüben kann.
Dieses Buch ist rein auf die Handlung reduziert. Eine Tiefenschärfe oder intellektuelle Resonanz erreicht es an keiner Stelle. Fingernägel lackieren, Muschis rasieren, Tampons und Binden kaufen, sexy Klamotten auswählen, Haare stylen und färben, masturbieren, ficken, blasen, abspritzen… ähm ach ja, bisschen Party, später studieren, auswendig gelernte Zitate aus Büchern aufsagen und dafür für intelligent gehalten zu werden, ist so das Hauptgeschäft des Buches.
Kann ich mich damit identifizieren, läuft natürlich direkt der Unterhaltungswert und die emotionale Betroffenheit auf Hochtouren. Ist dies nicht der Fall, stellt dieses Buch ein literarisches Nichts dar.
Ein Nichts auch in der Verarbeitung der Inhalte. Das Buch erwähnt ua. die Umsiedlung der Familie der Protagonistin, durch den Kohleabbau. Es schildert die Trennung der Eltern und die Verwirklichung des Lebens der Mutter in Berlin. Es zeigt kurze Einblicke in das Leben des Vaters nach der Trennung. Es erwähnt die DDR. Diese ganzen Fäden werden überhaupt nicht bearbeitet. Man fragt sich, warum sie auftauchen, da sie keine Rolle im eigentlichen Konflikt der Protagonistin spielen. Die Seitenstränge werden so blaß und konturlos gestaltet, dass sie nur als Lückenfüller oder kleine Abwechslung dienen, um Graf Zahl eine Verschaufpause zu gewähren, die zahlreichen Stöße bis zur Spermadusche zu zählen.
Nichts von den geschilderten Elementen gibt auch nur annähernd eine Erklärung für das unsichere Verhalten der Protagonistin. Woher kommt ihre heftig entgleiste symbolische Ordnung? Das ist im Buch die reinste Blackbox.
Und wieso erzähle ich nicht um welch wichtiges Thema es eigentlich geht? Die Gewalt vom Typen an seiner „Tussi“ und den Ängsten und dem Trauma das diese Situation bei unserer Protagonistin ausgelöst hat?
Weil auch dieses Thema lediglich als Zaunpfahl im Raum steht und damit überhaupt nicht anschlussfähig gearbeitet wird.
Das ganze Buch zeigt mir ein viel wesentlicheres Dilemma.
Die fehlende Fähigkeit der Selbstbeobachtung und damit das Abschneiden jeglicher Möglichkeit der Bearbeitung des eigenen Mangels oder aus der Festgefahrenheit festgelegter Bedeutungen und Strukturen zu entkommen. Das völlige Versagen von kommunikativen Akten. Die Unfähigkeit von intimen Beziehungen und sozialer Interaktion.
Da es in dem Buch um eine angebliche Liebesbeziehung geht, in der man „Eins gewesen ist. Alles gegeben hat was man hat“, möchte ich sinngemäß Luhmann aus „Liebe als Passion“ zitieren:
„Mann muss die eigene Identität als Garant für Dauer dynamisch einsetzen. An der Liebe wachsen. Man muss bescheinigen, dass man durch ihn und die Liebe zu ihm das eigene Ich entfaltet. Identität muss als Stabilitäts- und Steigerungsbegriff gehandhabt werden.“
Welches Ich? Welche Identität? Welche Dynamik?
Vielen Dank Ruth-Maria Thomas für dieses eindrückliche literarische Zeugnis des Nichts!
Als Hörbuch gehört.