Jump to ratings and reviews
Rate this book

Die erste halbe Stunde im Paradies

Rate this book
Was bedeutet es, für einander da zu sein?


Als Kinder waren sich Anne und ihr älterer Bruder Kai sehr nah. Gemeinsam kümmerten sie sich jahrelang um ihre chronisch kranke Mutter, obwohl sie dafür noch viel zu jung waren. Doch das fröhliche, von Musik und Gesang erfüllte Familienleben zerbrach schließlich an der Krankheit. Mittlerweile ist Anne Anfang dreißig und Pharmavertreterin. Kontakt zu Kai hat sie keinen mehr – eigentlich hat sie zu niemandem so richtig Kontakt, abgesehen von den Ärzten in ihrem Reisegebiet, mit denen sie lange Gespräche über das Thema Schmerz führt. Denn Anne hat ein Sie will umsteigen, von Beruhigungsmitteln auf das hochwirksame, aber umstrittene Schmerzmittel Fentanyl. Da meldet sich auf einmal Kai und bittet sie, ihn aus einer Entzugsklinik abzuholen. Zwischen den beiden ungleichen Geschwistern kommen nach jahrelangem Schweigen Dinge zur Sprache, die nicht nur die Vergangenheit, sondern auch Annes Traum, den Schmerz zu besiegen, in ein völlig neues Licht rücken. Kann Anne endlich verzeihen – ihrem Bruder und sich selbst?


»Janine Adomeit hat einen fesselnden, tief berührenden Roman geschrieben – über unsere Fähigkeit zur Begegnung und zur Liebe auch dann, wenn wir im Stich gelassen wurden.«
Deniz Utlu


»Ein lebenspraller und leichtfüßig erzählter Roman.«
Daniela Dröscher

265 pages, Kindle Edition

Published February 12, 2025

1 person is currently reading
138 people want to read

About the author

Janine Adomeit

4 books2 followers

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
20 (45%)
4 stars
22 (50%)
3 stars
2 (4%)
2 stars
0 (0%)
1 star
0 (0%)
Displaying 1 - 12 of 12 reviews
Profile Image for Literatursprechstunde .
196 reviews96 followers
May 17, 2025
„Die erste halbe Stunde im Paradies“ hat mich als Medizinerin thematisch geradezu magisch angezogen, denn Suchtthematiken, gerade wenn sie literarisch verarbeitet sind, finde ich besonders spannend. Ich möchte die Rezi mit einem Zitat beginnen, das glaube ich der Grund ist, warum uns von dem Buchcover ein Gürteltier entgegenblickt.

„Da verstand ich endlich, was mich seit der Kindheit gequält hatte: die unerträgliche Gleichzeitigkeit unvereinbarer Gefühle. Das Dilemma, etwas nur zusammen mit seinem direkten Gegenteil empfinden zu können und daher nie zu wissen, wonach ich handeln sollte. Mir selbst nicht trauen zu können. Mag sein, dass der Panzer, der mich heute umgibt, sich aus der Not heraus gebildet hat. Doch irgendwann war es keine Not mehr, sondern eine bewusste Entscheidung, ihn zu behalten und mit jedem Jahr dicker werden zu lassen, dick und stark wie die Platten eines Gürteltiers.“

Autorin Janine Adomeit wechselt zwischen zwei Zeitebenen, die zum einen die Gegenwart des Geschwisterpaars Anne und Kai in ihrem Erwachsenenleben abbildet und zum anderen die Vergangenheit, also ihre Kindheit.
Anne arbeitet erfolgreich als Pharmareferentin, wohingegen Kai gerade einen Drogenentzug aufgrund einer Fentanylsucht (ein Opioid) hinter sich hat. Ironischerweise bereitet Anne gerade einen Vortrag über opioidbasierte Schnerzbehandlung vor (und wird dazu angehalten, doch bitte nicht über die Gefahren einer solchen Therapie zu referieren). Schon früh wurden die beiden mit der Härte des Lebens konfrontiert, als bei ihrer alleinerziehenden Mutter eine schwere, chronische Erkrankung diagnostiziert wurde (Anne war 10 und Kai 17). Die Autorin benennt die Krankheit zwar nicht explizit, aber mir war schnell klar, dass es sich um Multiple Sklerose handelt (kurze medizinische Erklärung dazu, für alle, die es genauer wissen möchten: MS wird auch als die Krankheit mit den tausend Gesichtern bezeichnet, denn die Vielgestaltigkeit der Symptome ist enorm - es beginnt oft mit Sehstörungen, aber auch Lähmungen, Probleme beim Laufen oder extreme Erschöpfungszustände zählen ins Repertoire der Erkrankung, uvm. Es handelt sich um eine in Schüben verlaufende, chronische Erkrankung des Zentralnervensystems).

Die beiden Kinder übernehmen fortan die Pflege ihrer Mutter, denn sie möchte lieber auf Hilfe von außen verzichten, da sie die Angst hegt, dass ihre Kinder sonst in Obhut genommen werden könnten. Die Krankheit der Mutter nimmt einen schweren Verlauf und das Geschwisterpaar struggelt zunehmend mit der Versorgung ihrer Mutter, nicht nur körperlich wird es immer schwieriger die täglichen Routinen zu stemmen, sondern auch psychisch. Kann eine Familie eine solche Last tragen oder zerbricht sie letztlich an den Herausforderungen und der großen Verantwortung, der die beiden Geschwister ausgesetzt sind?! Ihr könnt Euch die Antwort wahrscheinlich schon denken, denn nicht umsonst befindet sich Kai in der Gegenwarts-Erzählebene am Ende eines Drogenentzugs.

„Aber die erste halbe Stunde im Paradies - die Zeitspanne, in der niemand etwas von einem will oder braucht und man selbst auch von niemandem etwas will oder braucht und daher nichts wehtun kann -, diese erste halbe Stunde stelle ich mir vor wie Glück.“

Die verhandelten Themen des Romans wie Opioidsucht, innerfamiliäre Konflikte, Care-Arbeit und Vergebung mochte ich sehr. Besonders gut gefallen hat mir die psychologische Darstellung der inneren Konflikte der Figur Anne. Doch leider fehlte mir genau dies bei Kai - ich hätte gerne mehr über seine Motive zum Drogenkonsum gelesen und wie genau es dazu kam. Auch ist der Verlauf der Multiple Sklerose Erkrankung der Mutter ein besonders schwerer (was natürlich möglich ist) - doch ich hätte es geschätzt, wenn die Autorin in irgendeiner Form nochmal darauf eingegangen wäre, da es das Bild der Erkrankung sehr einseitig abbildet und möglicherweise Menschen, die es medizinisch nicht richtig einzuordnen wissen, die Erkrankung in einer Art und Weise wahrnehmen könnten, die nicht der Norm bezüglich der Schwere des Verlaufs entspricht. Das ist aber Meckern auf hohem Niveau, denn Janine Adomeit hat einen überaus lesenswerten Roman verfasst, der mich emotional sehr mitgerissen hat, nicht ohne ein schelmisches Augenzwinkern an manchen Stellen, denn die Autorin hat einen feinfühligen Sinn für Humor. Trotz den dargestellten Schicksalen und dem Leid der Figuren, empfand ich das Buch auch als tröstlich, denn ich habe mich an der einen oder anderen Stelle selbst wieder gefunden, verstanden und gesehen gefühlt - danke dafür, Janine Adomeit!
Profile Image for Dunja Brala.
605 reviews47 followers
February 12, 2025
Ich gehöre ja eher zu den Menschen, die ihre Gefühle ziemlich offen legen. Das Herz auf der Zunge hilft mir meistens große Krisen zu überstehen. In diesem Buch jedoch begegnen wir Menschen, die ihre Gefühle unter einem dicken Panzer verstecken. Was das mit einem macht, arbeitet die Autorin eindrucksvoll heraus.

Annes Mutter ist schwer krank, die ehemalige Sängerin leidet unter Immobilität, begleitet von Zittern und Stürzen, und ihr Zustand wird von Woche zu Woche schlechter. Sie bräuchte eigentlich externe Unterstützung, doch die verweigert sie und schwört ihre Kinder darauf ein, dicht zu halten. Die 11jährige und ihr 17jähriger Bruder Kai tun alles, um ihre Mutter zu unterstützen. Das bringt beide nicht nur einmal an ihre Grenzen. Die ehemals lebenslustige Mutter wird von beiden so sehr geliebt, und doch macht sie ihnen das Leben nicht gerade leicht. Sie appelliert an das Verantwortungsgefühl und beschwört den Zusammenhalt der Familie. Zu groß ist ihre Sorge, dass ihr die junge Tochter weggenommen wird. Also landen alle 3 in einer Überforderung, die sie nicht zu bewältigen wissen und klammern sich an eine Hoffnung, die es eigentlich gar nicht mehr gibt.
Obwohl mein Mitgefühl für die Mutter sehr groß war, spürte ich gleichzeitig doch eine riesige Wut auf sie. Das, was sie ihren Kindern zugemutet hat, werden beide ein Leben lang ausbaden müssen. Sie wirkte auf mich, bisweilen wie ein großes Kind, geprägt, von dem Willen sich Autonomie zu erhalten, und der Sturheit, das alleine zu schaffen. Sie betont des Öfteren, dass sie ja noch keine Hilfe braucht, und fordert sie im nächsten Moment von ihren Kindern ein. Die Dynamik zwischen Bruder und Schwester hingegen fand ich sehr berührend. Die beiden brauchen sich sehr und unterstützen sich bedingungslos. Umso trauriger, dass sie doch auseinander driften.
Denn auf einer zweiten Zeitebene erleben wir wie Anne , eine erfolgreiche Pharmareferentin, an ihrer Karriere feilt. Um ihre Verletzlichkeit nicht an die Oberfläche kommen zu lassen nter nimmt sie drastische Maßnahmen, die nur ein Ziel verfolgen: ihre Gefühle nicht Oberhand gewinnen zu lassen. Doch dann meldet sich ihr Bruder bei ihr, zu dem sie viele Jahre keinen Kontakt mehr hatte. Was zwischen den beiden vorgefallen ist, müsst ihr selber lesen.

Janine Adomeit hat es geschafft realistisch darzustellen, wie eine glückliche Familie durch eine chronische Krankheit gepaart mit Gründen wie Scham, Unwissenheit und falschem Stolz, untergeht. Somit spielt sich hinter verschlossenen Türen ein Alltagsdrama ab, von dem ich befürchte, dass es so oder ähnlich wirklich vorkommt.
Alle 3 Hauptfiguren sind sehr gut gezeichnet und mir, jede auf ihre Art, ans Herz gewachsen. Der Roman hat große Emotionen bei mir hervorgerufen, für mich immer ein wichtiges Kriterium für ein Highlight. Ich hab mit dem fast erwachsenen Kai gelitten, der so gerne alles schaffen will und unter der Belastung zu zerbrechen droht. Ich hätte Anne gerne in die Arme genommen, die so gerne groß sein möchte und dabei so viel Kraft aufbringen muss, es allen recht zu machen. Und ich hätte die Mutter gerne umarmt und gleichzeitig geschüttelt, um ihr deutlich zu machen, dass ihre Sorge um die Kinder eigentlich nur fehlgeleiteter Egoismus ist. Dabei hat mich besonders begeistert, wie Adomeit es geschafft hat mir das manchmal zweifelhafte Handeln der Personen glaubhaft zu vermitteln. Das fehlt mir in ähnlichen Geschichten, wie z.B. „22 Bahnen“, wo die prekäre Situation nicht authentisch vor der Öffentlichkeit verschleiert wurde. In diesem Roman konnte ich es nachfühlen und mir vorstellen, dass genau so Parentifizerung stattfindet. Das Einfordern von Fürsorge bis hin zur Selbstaufgabe gibt es auch in anderen Konstellationen häufiger.
Auch die kleinen Nebenschauplätze, die immer direkt mit der Handlung verknüpft sind, waren interessant erzählt. Wunderbare Einsprenksel waren die Vermerke auf klassische Musikstücke, die ein Bindeglied zwischen den Hauptfiguren ist und aus der kranken Mutter eine leidenschaftliche Person machen. Überhaupt ist der Plot fesselnd und ich bin nur so durch die Seiten geflogen. Es ist mir schwer gefallen von den Figuren Abschied zu nehmen und ich würde so gerne wissen, wie es mit Anne und Kai weitergeht.

Eine große Leseempfehlung, für alle die spannend erzählte Geschichten über Menschen mögen, die theoretisch in unserer Nachbarschaft leben könnten. Für mich auf jeden Fall ein Jahreshighlight!
Profile Image for LeserinLu.
329 reviews39 followers
February 26, 2025
Janine Adomeit erzählt in „Die erste halbe Stunde im Paradies“ von Kai und Anne, die als Kinder zu früh erwachsen werden mussten. Die Geschwister wuchsen mit ihrer chronisch kranken, alleinerziehenden Mutter auf – und hatten bald mehr und mehr die Rolle der Pflegenden, halten jedoch fest zusammen. Als Erwachsene haben sie sich längst aus den Augen verloren. Doch als Kai sich nach Jahren wieder meldet, muss Anne sich nicht nur ihm, sondern auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen. Sie arbeitet für einen Pharmakonzern, doch ihr zunehmendes Interesse an Opioiden und insbesondere Fentanyl ist mehr als nur berufliche Neugier.

Besonders beeindruckt hat mich, wie der Roman Fragen wie familiäre Verantwortung, die Rolle von Verwandten als Pflegenden und verdrängte Wut mit einer beeindruckenden Klarheit verhandelt. Die Pflegeproblematik wird ungeschönt gezeigt: der immense Druck, die mangelnde Unterstützung, die still ertragenen Opfer. Dennoch wird auch die tiefe Verbundenheit zwischen den Geschwistern gezeigt. Diese realistischen, schmerzhaften Beschreibungen haben mich sehr beschäftigt. Die Einblicke in Annes Arbeit als Pharmareferentin, durch die man die Gelegenheiten bekommt, hinter die Kulissen hinter der Schmerzmittelindustrie zu schauen, fand ich unglaublich spannend. Ich hatte zur Opioidkrise in den USA bereits Dokus und Serien gesehen, aber der Roman zeigt eindrücklich, dass auch Deutschland nicht davor gefeit ist.

Adomeits Stil ist nüchtern, aber genau dadurch so eindringlich – die Emotionen entstehen zwischen den Zeilen. Ich habe den Roman fast an einem Stück gelesen, weil er mich so gefesselt hat. Diejenigen, die nun befürchten, dass es in dem Roman nur um düstere Themen geht, kann ich beruhigen: Es gibt auch in schwierigen Zeiten noch einen Funken Hoffnung auf Zusammenhalt und Verbundenheit.
Profile Image for Clarissa.
706 reviews21 followers
April 26, 2025
Dieses Buch liest sich sehr gut weg, obwohl so viele schwere Themen behandelt werden.
Kinder, die ihre Eltern pflegen müssen und dadurch ihre Kindheit verlieren und viel zu viel Verantwortung tragen müssen, viel schwerer geht es kaum. Auch die extrem komplexe Geschwisterbeziehung ist sehr berührend und die Figuren fühlen sich echt an.
Auch überraschend spannend fand ich die Einblicke in die Pharma-Branche! Immer wieder zum kotzen, dass selbst so elementar für die Gesundheit wichtige Unternehmen kapitalistisch aufgebaut sind.
Ich bin keine Fachperson und würde mir niemals ein Urteil zu den Fragen über Schmerztherapie anmaßen, aber die Überlegungen zu Ethik in der Pharmaindustrie haben sehr mit mir resoniert.
Insgesamt eine große Empfehlung; viele sonst eher selten thematisierte Bereiche werden angesprochen!
An die extreme Kühle der Hauptfigur und Erzählerin konnte ich mich nicht gewöhnen, aber es wird wiederum klar, warum sie so ist - sehr drastisch und konsequent.
Profile Image for auserlesenes.
364 reviews17 followers
March 9, 2025
Anne Kupper hat mit Anfang 30 noch großen Ehrgeiz im Job. Die Pharmareferentin möchte eine begehrte Stelle im Innendienst. Doch ausgerechnet bei einer beruflichen Fortbildung, die sie diesem Ziel näher bringen soll, kommt ihr ihr Bruder Kai (41) in die Quere. Die Begegnung nach vielen Jahren katapultiert sie gedanklich zurück in ihre Kindheit, in der die beiden für ihre an Multiple Sklerose (MS) erkrankte Mutter Elli sorgen mussten, bis die Situation eskalierte…

„Die erste halbe Stunde im Paradies“ ist ein Roman von Janine Adomeit.

Eingeleitet von einem Prolog, umfasst der Roman 22 Kapitel. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Anne und auf zwei Ebenen: Es gibt einen Vergangenheit- und einen Gegenwartsstrang.

Die Sprache ist ungekünstelt und klar, aber atmosphärisch und eindringlich. Lebensnahe Dialoge und anschauliche Beschreibungen wechseln sich ab.

Drei Figuren stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Anne, Kai und deren Mutter. Die Personen werden mit psychologischer Tiefe dargestellt. Besonders Annes Gedanken und Gefühle werden gut greifbar.

Der Inhalt des Romans ist harte Kost und hat mir einiges abverlangt, denn ich konnte das Leid der Kinder kaum ertragen. Einerseits geht es um das Pharmageschäft und insbesondere um den Vertrieb des Schmerzmittels Fentanyl, dessen hohe Suchtgefahr oft unterschätzt wird. Andererseits geht es um den körperlichen Verfall eines Elternteils, der an MS erkrankt ist und pflegebedürftig wird. Insofern behandelt der Roman den Schmerz in zwei Ausprägungen: den körperlichen und den seelischen.

Anders als die Autorin in einem Interview erklärt, sehe ich das zentrale Problem des Romans nicht im Loyalitätskonflikt der Kinder, die über ihre Lage außerhalb der Familie nicht reden dürfen, sondern in der Parentifizierung und ihren psychischen Langzeitfolgen. Durch die kindliche Perspektive Annes wird erst recht spät deutlich, wie katastrophal die Situation im Hause Kupper ist und wie egoistisch das Verhalten der Mutter ist. Die unangemessene Verschiebung der Verantwortung wird nur in einem Dialog angerissen. Dabei ist die Sache eigentlich klar: Hier kümmerte sich nicht die Mutter um ihre minderjährigen Kinder, sondern die Kinder um ihre pflegebedürftige Mutter. Dies hat schwerwiegende Konsequenzen: ein Kind wird wiederholt abhängig und muss zum Entzug, das andere zeigt emotionale Abwehrstrategien und ein ungesundes Sozialverhalten. Dies alles stellt die Geschichte zwar dar. Allerdings wird die Chance verpasst, deutlich zu machen, wie viel mehr getan werden müsste, um Kinder vor solchen Überforderungen zu schützen, aber auch wie hilflos Kinder sind, wenn sie zur Pflege ihrer Eltern gezwungen werden. Damit hätte der Roman sein volles Potenzial ausschöpfen können.

Auf den rund 270 Seiten entwickelt die Geschichte eine zunehmende Spannung, ohne übertriebene Dramatik und Logiklücken. Die Handlung ist durchweg stimmig. Auch das realistische Ende hat mich überzeugt.

Der interessante Titel, der sich schon nach den ersten Kapiteln erklärt, ist durchaus passend gewählt. Das ungewöhnliche Covermotiv mit dem Gürteltier hat ebenfalls einen Bezug zum Inhalt des Romans.

Mein Fazit:
„Die erste halbe Stunde im Paradies“ ist ein schmerzhafter Roman von Janine Adomeit über die Problematik der pflegenden Minderjährigen. Eine Lektüre, die vor allem familiäre Missstände offenlegt, die betroffen und wütend macht.
Profile Image for Sabine.
186 reviews8 followers
February 9, 2025
Wow. Lest nicht "22 Bahnen", lest das.
Profile Image for Tanja Schöttl.
172 reviews
July 17, 2025
Eine tiefsinnige Geschichte über die unterschiedlichen Lebensrealitäten zweier Geschwister. Empfehlenswert!
Profile Image for Christiane Fischer.
516 reviews6 followers
February 12, 2025
„Er ist einmal alles für mich gewesen - alles, worauf ich mich verlassen und woran ich glauben konnte. Für mich hat er die ganze Welt zusammengehalten. Und dann ist er aus ihr herausgefallen und auf einem fremden Planeten gelandet, während ich zurückgeblieben bin.“ (S.111)

DIE ERSTE HALBE STUNDE IM PARADIES
Janine Adomeit

Vor 20 Jahren:
Anne und Kai sind Geschwister - eng verbunden, obwohl fast sieben Jahre Altersunterschied zwischen ihnen liegen und sie eigentlich nur Halbgeschwister sind. Gemeinsam kümmern sie sich um ihre chronisch kranke Mutter. Während die elfjährige Anne einkauft, kocht und wäscht, übernimmt der ältere Kai die offiziellen Wege und begleitet die Mutter zum Arzt. Anne soll im Hintergrund bleiben, denn die Angst ist groß, dass das Jugendamt sie entdeckt und aus der Familie reißt.
Doch die Situation spitzt sich immer weiter zu. Die Mutter wird zum Pflegefall, kann sich kaum noch allein bewegen, und die Last auf den Schultern der Kinder wächst ins Unerträgliche.

Heute:
Anne ist Pharmareferentin, alleinstehend, bewusst kinderlos und hat seit Langem keinen Kontakt mehr zu ihrem Bruder Kai. Beruflich könnte es nicht besser laufen: Sie arbeitet für das große US-Phamaunternehmen P&H im Bereich Schmerzmittel. Ihre Aufgabe ist es, das umstrittene Schmerzpflaster Fentanyl auf dem norddeutschen Markt einzuführen - möglichst ohne die stark abhängig machende Nebenwirkung zu erwähnen.

Gerade befindet sie sich auf einer großen Tagung des Unternehmens, wo sie einen Vortrag halten soll, als ihr Bruder anruft und sie bittet, ihn aus einer Drogenentzugsklinik auf Pellworm abzuholen.

Janine Adomeit zeichnet auf zwei Zeitebenen ein eindringliches Porträt zweier Geschwister, die viel zu früh Verantwortung übernehmen mussten - überfordert, ohne Kindheit, ohne Jugend.

Die Art und Weise, wie beide ihre Traumata auf ganz unterschiedliche Weise verarbeiten, hat mich tief bewegt. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, mich in die kühle Anne hineinzuversetzen, doch nach wenigen Kapiteln ließ mich das Buch nicht mehr los. Ich habe es in nur zwei Tagen verschlungen.

Eine klare Leseempfehlung!
5/5
Profile Image for Franziska Dreßler.
140 reviews
March 14, 2025
Was sagt uns der Schmerz?

Dieser wundervolle und emotionale Roman behandelt sehr komplex das Thema des Schmerzes. Nicht nur den Schmerz über Trauer und Verlust, sondern auch den, die eine Sucht und eine chronische Erkrankung mit sich bringt. In Rückblenden verstehen wir von Kapitel zu Kapitel mehr, wie es zum Bruch der Geschwister kam und wie ausschlaggebend dabei die MS- Erkrankung der Mutter war. Besonders dieser Aspekt ist für mich herausragend ausgearbeitet: die Liebe der kleinen Familie zueinander. Die Mutter, die sich hingebungsvoll um ihre zwei Kinder kümmert, die Kinder, die sich plötzlich um ihre Mutter kümmern müssen und die Last, die die Pflege eines Familienangehörigen mit sich bringt. Der Roman zeigt, wie plötzlich zwei Kinder das Gewicht der Verantwortung auf ihren noch viel zu jungen Schulter tragen und daran auf die ein oder andere Weise selbst zu zerbrechen drohen. Was beide gemeinsam haben, ist dabei den Panzer, den sie sich zulegen. Ein Panzer so dick und stark wie die Knochenplatten eines Gürteltiers.

Die Perfektion des Romans liegt für mich dann auch in den Nebenthemen, die so passend das Gesamtbild abrunden: der Einblick in die Pharmaindustrie, der Frage über die richtigen Herangehensweise einer Schmerztherapie und des ethischen Konflikts, ob nicht Medikament viel zu schnell in viel zu hoher Intensität verschrieben werden. Wichtige gesellschaftliche Themen, die uns alle auf die ein oder andere Weise betreffen.

Die Emotionen, die dieser Roman auslöst, die Fragen die er aufwirft, die klingen in meinem Kopf nach, wie die Opern, die ihn durchziehen und werden mich noch lange an ihn denken lassen.
98 reviews1 follower
October 30, 2025
Sehr gut geschriebenes Buch über Vertauschte Rollen in Familien, Fürsorge, Verantwortung und Pharmaunternehmen.
Displaying 1 - 12 of 12 reviews

Can't find what you're looking for?

Get help and learn more about the design.