Die unvergessliche Reise eines trauernden Sohns zum Grab des Vaters
»Sohn ohne Vater« erzählt auf mitreißende, eindringliche Weise von einem trauernden Sohn, vom Zusammenhalt einer Familie, der trügerischen Erinnerung und einer Reise in ein fremdes Land – zur Mutter und zum toten Vater.
Es ist früh am Morgen, als die Mutter anruft, um ihm zu sagen, dass sein Vater gestorben ist. Der Erzähler weiß nicht, was er tun soll. Er ist allein in seinem Schmerz. Wer kann ihm helfen, wer ihn trösten? Nach und nach wird ihm Er muss in die Türkei. Er muss zu seiner Mutter, muss sie stützen – und am Grab des Vaters stehen, um sich von ihm verabschieden zu können.
Der Erzähler, ein Schriftsteller aus Kiel, leidet unter Flugangst. Er bittet zwei Freunde, ihn mit dem Wohnmobil mitzunehmen. Gemeinsam planen sie die über Linz, Szeged und Edirne bis nach Edremit und zurück. Über fünftausend Kilometer. Es ist der Beginn eines abenteuerlichen, fiebrigen Roadtrips quer durch Europa, der geprägt ist von den flirrenden Erinnerungen an den Vater und seine vielen an den Ehemann, an den Akkordarbeiter, an den Geschichtenerzähler oder den Siebzigjährigen, dessen gefärbte Koteletten eine ganze Feriensiedlung in Aufruhr versetzen konnten.
Mit seinem neuen Roman stellt sich Feridun Zaimoglu die Frage, wie wir jene erinnern, die uns am nächsten stehen und uns doch manchmal seltsam fremd erscheinen, die uns lieben und prägen, um die wir uns sorgen – und die wir trotz allem irgendwann einmal gehen lassen müssen.
Born in Turkey, Zaimoglu migrated with his parents to Germany in 1965. He is a poet and visual artist, and his central themes are the problems of the second and third generation of Turkish immigrants to Germany.
Der Erzähler wird von seiner Mutter aus der Türkei kontaktiert, die ihm mitteilt, dass der Vater verstorben ist. Dies wirft ihn ziemlich aus der Bahn und er beschließt sehr schnell, dass er hin muss, um sich am Grab vom Vater zu verabschieden. Seine Flugangst zwingt ihn jedoch die Reise in Form eines Roadtrips anzutreten. Während der Reise hat er Zeit, sich mit dem Verlust und mit seinen Erinnerungen auseinander zu setzen.
Diesem Roman konnte ich so gut wie gar nichts abgewinnen. Was sich nach einer emotionalen und tiefgründigen Geschichte anhörte, hat sich für mich als kaum anrührend und vor allem wenig nachvollziehbar entpuppt. Häufig löste der Text bei mir gehobene Augenbrauen und Kopfschütteln aus, anstatt emphatische Gefühle auf Grund der Thematik.
Zum Teil liegt es an den kaum nachvollziehbaren Denkweisen des Protagonisten, die viel zu häufig im Lesefluss irritieren. Zum anderen sind die Dialoge, meines Erachtens, fast alle eine Katastrophe. Was die Figuren in dem Roman zueinander sagen wirkt künstlich und überhaupt nicht glaubhaft. Vielleicht wollte der Autor keine Realitätsnähe in den Interaktionen seiner Charaktere? Aber was wollte er dann? Ästhetik? Auch das ist hier, meiner Meinung nach, nicht geglückt.
Lediglich die Erinnerungen des Protagonisten an Tage in seinem damaligen Kinder Hort haben mir ganz gut gefallen. Wir sprechen hier aber von nur wenigen Seiten, leider.
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, muss jedem überlassen sein, wie er den Weg der Trauer geht. Feridun Zaimoglu ist den Weg einmal quer durch Europa gefahren, als sein Vater hochbetagt aus dem Leben scheidet. Seine Trauer ist tief, und er lässt uns dabei sein und zurückschauen auf das, was war.
Als die Mutter den Ich-Erzähler anruft, der starke Parallelen zum Autor hat, und ihm sagt, dass sein Vater nicht mehr ist, wird sehr schnell klar wie sehr ihn das mitnimmt. In der Türkei werden die Toten sehr schnell beerdigt und so wird er es zum Begräbnis nicht mehr schaffen. Aber er reist mit seinen beiden Freunden Aras und Tan in einem Wohnmobil über Serbien und Bulgarien, sowie Griechenland in die Türkei. Während die beiden alles für ihn regeln, wirft er Blicke zurück, und wir erfahren nicht nur, wie die Familie als Gastarbeiter in Deutschland gelebt hat, welche Hürden sie nehmen musste und wie sie es geschafft haben, ihren Kindern viel mit auf den Weg zu geben, sondern wir werfen auch einen Blick auf die Beziehungen. Was macht einen Sohn aus? Welche Bindungen machen den Vater zu einem „Role Model“ und was bleibt, wenn man kein Sohn mehr ist, weil der Vater nicht mehr lebt? Die Reise gestaltet sich nicht immer einfach, was unter anderem an einem farbkopierten Fahrzeugschein liegt. Mit Voranschreiten der Geschichte rückt die Mutter immer mehr in den Fokus. Sie ist nicht nur der Elternteil, der übrig bleibt, auch als Geschichtenerzählerinnen hat sie eine wichtige Rolle.
Ich habe vorher noch nichts von Zaimoglu gelesen und kann feststellen, dass es schon eine besondere Erfahrung ist sich in seinen Text zu vertiefen. Er erzählt Geschichten und spart nicht an Details. Dabei sind sie anspruchsvoll und literarisch moduliert. Mir fiel es nicht immer leicht, jedem Gedanken mit hoher Motivation zu folgen. Die Trauer und Melancholie, die über dem Roman liegt machte sich beim Lesen auch in meiner Brust breit. Ich musste ein ums andere Mal damit kämpfen, nach dem Buch zu greifen. Wenn ich mir Stellen laut vorgelesen hab, erschloss sich mir die Lyrik in der Art seines Schreibens auf andere Art und Weise. Auf einmal bekam ich Zugang, und es fühlte sich richtig gehend gut an. Die Sätze sind dann wunderschön, aber eben auch ohne jede Leichtigkeit. Eine Sprache zwischen Schwere und Poesie.
Wenn ihr das mögt, dann ist dieses Buch eine tolle Erfahrung, wenn nicht sogar eine Offenbarung. Es braucht aber Zeit und kann nicht mal eben weggelesen werden.
Deutscher Buchpreis Longlist # 6 Mein persönliches Ranking Platz 11 von 20 (English below!)
Feridun Zaimoglu hat ein halbes Buch geschrieben, das meiner Meinung nach eines der besten auf der diesjährigen Longlist sein könnte, und dann beschlossen, es in einen Fiebertraum des Herumirrens, trinkens und ausgeraubt werdens umschlagen zu lassen.
Mit anderen Worten: Ich bin verwirrt. Aber nicht unglücklich.
Was ich an Sohn ohne Vater liebe, ist vor allem die wunderbare Prosa. Die Sätze sind wunderschön, und der Text hat einen Fluss, der mich auf eine Reise in die Erinnerungen und die Trauer des Autors mitnimmt. Die Handlung ist dabei sehr einfach: Der autofiktionale Erzähler erhält einen Anruf von seiner Mutter. Sein Vater ist in der Türkei gestorben und wird zu schnell beerdigt werden, als dass er ihn ein letztes Mal besuchen könnte. Der Autor muss also nun trauern, sich entscheiden, ob er seine Mutter besuchen will, um sie zu unterstützen, und herausfinden, wie er das bewerkstelligen soll, da er Flugangst hat und als Schriftsteller pleite ist. Die ganze Zeit reflektiert er über das Leben seines Vaters und seine eigenen Erinnerungen.
Ich fand es toll, einmal über ein Kind eines sogenannten „Gastarbeiters” zu lesen, das nicht in den 80er oder 90er Jahren geboren wurde – ein Genre, das den deutschen Buchmarkt in den letzten Jahren bereichert hat –, sondern in den 60er Jahren. Ich war fasziniert von seinen Erinnerungen daran, was Deutschland für ihn als Kind bedeutete, von seinen Erinnerungen an Familienurlaube – eigentlich von allem.
Doch dann, nachdem das Buch schon halb vorbei ist, findet der Protagonist endlich einen Freund und einen Wohnwagen und jemanden, der ihm das Geld leiht, das er für die Reise durch den Balkan braucht. Und dann beginnt das Reisen, Anhalten, Umherirren, Ausgeraubtwerden von kahlköpfigen Kindern und alten Frauen. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich nur eine Seite umgeblättert und plötzlich den Faden der Geschichte völlig verloren. Ich habe immer noch gerne gelesen, war aber plötzlich in einem ganz anderen Film. Fünf Sterne für die erste Hälfte, drei für alles, was dann geschah. Trotz allem aber ein lesenswertes Buch!
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German Book Prize #6:
Feridun Zaimoglu has written half a book I think might prove to be one of the best of this years longlist, and then decided to spice it up by making me lose the plot and wrote a fever dream full of wanderings, musings and the occasional mugging.
In other words: I am confused. But not unhappy.
What I love about Sohn ohne Vater (Son without Father) is, first of all, the amazing prose. The sentences are beautiful, and the text has a flow that takes me on a journey into the author's memories and grief. The plot is very simple: The autofictional narrator receives a call from his mother. His father has died in Turkey and will be buried too quickly for him to visit one last time. The author must decide whether to visit his mother to support her and how to manage this, given that he is afraid of flying and also broke because he is a writer. Throughout this process, he reflects on his father's life and his own memories.
I loved reading about the child of a so-called 'Gastarbeiter' who wasn't born in the '80s or '90s — a genre of books that has enriched the German book market in recent years — but in the '60s. I was fascinated by his recollections of what Germany meant to him as a child, his memories of family holidays — really, by everything. Then, after half of the book has passed, the protagonist finally finds a friend and a caravan, and someone to lend him the money he needs for the trip across the Balkans. And there the stopping, wandering, getting robbed by bald children and old women starts. I felt as though I had turned just one page and lost my place in the story completely. I read on and found much to like, but I must admit it left me a little perplexed. Five stars for the first half, three for whatever happened afterwards – but still a book worth reading, I think.
Das kann sich keine KI ausdenken. Am besten gefielen mir die Erinnerungen des Erzählers an seine Zeit in einem Münchner Schulhort. Wie sich Kinder die Welt zusammensetzen, aus Eindrücken, Gerüchten und kühnen Schlussfolgerungen. Passagen, die Erinnerungsströme freisetzen. Der Roadtrip selbst ist fiebrig, man kann es nicht anders sagen. Es ist streckenweise enervierend, dann wieder herzzerreißend. Die Erinnerungen an den Vater sind auch Gastarbeitergeschichte, der Familienausflug nach Spanien großes Kino. Und immer und überall Geschwätz, böser Blick, Verwünschungen, schwere Träume. Der Tod des Vaters hat den Erzähler schwer erwischt, Sohn ohne Vater.
liebe Güte was für ein Drama! Der Vater eines 60jährigen stirbt mit 90 Jahren, ja und, warum muss der Sohn so ein Gewesen daraus machen. Machen das alle Türken, wenn ein Angehöriger stirbt? Diese Mentalität verstehe ich nicht. Die Sprache ist auch etwas seltsam. Der Sohn kann nicht Autofahren, nicht fliegen, nicht bahnfahren- ein Freund muss ihn mit dem Wohnmobil von Deutschland in die Türkei fahren, um das Grab seines Vaters zu besuchen. - so ein Schwachsinn.
Männer werden sich beim Anblick dieser schönen Frauen ritzen „und die unerheblichen blutigen Kratzer zum Belecken anbieten.“ Ok, das ist sick!
#NichtMeinBuch
Der Inhalt:
Ein Deutscher mit türkischen Wurzeln erfährt, dass sein fast 90jähriger Vater gestorben ist. Die Eltern lebten nach vielen Jahren in Deutschland wieder in der Türkei. Der erwachsene Sohn will zu seiner Mutter, hat aber Flugangst und fährt auch nicht selbst Auto. Ein Verwandter bringt ihn daher nach Istanbul. Der Roman erzählt von teils absonderlichen Ereignissen auf der beschwerlichen Reise, von der Trauer des Sohns, von Erinnerungen an den Vater und von Erinnerungen des Vaters - gemeinsame Erlebnisse und Erzählungen aus früheren Zeiten.
Meine Meinung:
Die Trauer des Ich-Erzählers, die Verzweiflung und Entwurzelung nach dem Tod des Vaters wird gut transportiert. Das Ringen mit Anpassung und Abgrenzung in der Familie und Gesellschaft ist interessant. Nur ist die Sprache so gar nicht meins und die Geschichte wird zunehmend absurder. Das ist mir zu zwanghaft, zu alptraumhaft, zu organisch, voller Selbstekel und Ekel vor anderen Menschen, mit einem Touch Verfolgungswahn und einer den geschilderten Details dann doch unangemessen pompösen Sprache. Aber ich kann halt auch mit Kafka nichts anfangen. Vielleicht ist „Sohn ohne Vater” etwas für “„Das Schloss”- oder “Der Prozess”-Fans. 🤷🏻♀️
Der Autor hat sich ein sehr schwieriges Thema ausgesucht: Es geht um Trauer, Verlust und Erinnerungen. Ich muss zugeben, dass er mir viele neue Wörter, Ausdrücke und Redewendungen gezeigt hat. Dennoch verwirrt mich sein Schreibstil sehr. Das ständige Hin und Her zwischen Gegenwart und Erinnerungen macht das Buch schwer verdaulich.
Vor ein paar Jahren erschien ein anderes Buch – Dschinns von Fatma Aydemir –, das sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigt. Ich finde Dschinns wesentlich anspruchsvoller und bewegender.
Es ist so eindringlich geschrieben, dass man meint, den Autor jetzt zu kennen. Das ist natürlich nicht der Fall. Manche Kapitel sind verstörend und irritierend, und sie gehen nicht aus dem Kopf. Das ist durchaus ein Zeichen, dass die Literatur etwas erreicht. Viele Formulierungen Sind so ungewohnt, so bereichernd, so sprachgewaltig, wie man es vom Autor gewohnt ist. Was ist ein Gewinn, dieses Buch gelesen zu haben.
Einem Roman, in dem der Protagonist um seinen Vater trauert, kann also dennoch eine komische Qualität anhaften. Absurde Gedanken, hervorgerufen durch den Verlust eines geliebten Menschen, werden gepaart mit skurrilen Szenen, die rassistische Stereotypen hinterfragen, jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit nicht jedem Leser gefallen. Zaimoglu vermag es, zum Lachen zu bringen und zum Nachdenken anzuregen, wenngleich man sich in den gedoppelten Erzählsträngen etwas verliert.
Ich fand die Sprache schön und die Geschichte sehr spannend, ich hatte nur beim Lesen immer wieder das Gefühl, nicht ganz zu verstehen, worum es eigentlich geht.