Rom von Von Sklaven, Bio-Römern, Traumdeutern, vierbeinigen Zirkusstars, Normalos und Außenseitern.
Rush Hour in den Hauptstraßen, Obdachlose unter den Brücken und prächtige Wochenendhäuser, hohe Einwanderungszahlen und Unisex-Toiletten – New York? Berlin? Rom zur Kaiserzeit! Diese Zeitreise ist ein Muss für alle Geschichtsinteressierten, die mehr über das echte Leben im Alten Rom wissen möchten.
Was war eigentlich auf den Straßen los, während die ruhmreichen Gladiatoren sich in der Arena die Schädel einschlugen und Feldherren venividivici das Römische Reich vergrößerten? Wie lebte es sich in der kosmopolitischen Hauptstadt, berühmt für eine blühende Wirtschaft, mit Smog und Stau? Und in einer Klassengesellschaft mit dekadentem Luxus und großer Armut? Der provokante Slogan »60-Jährige von der Brücke!« wurde schon zur römischen Kaiserzeit heftig diskutiert.
Karl-Wilhelm Weeber führt als kundiger Cicerone mit viel Witz und Esprit durch das Rom der Kaiserzeit, er erzählt, was Nachtigallen kosteten (lebend) und wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, das 10. Lebensjahr zu erreichen. Wir erfahren, dass Xenophobie in der Einwanderungsstadt (Griechen! syrische Frauen!) die Ausnahme war, Diskriminierung von Menschen mit Behinderung aber gang und gäbe, dass schon damals Raubbau an der Natur betrieben und kritisiert wurde, und dass – funktionierender Rechtsstaat hin, florierende Wirtschaft her – das Leben für die Allermeisten kein Zuckerschlecken war.
REZENSION – Schon in seinen früheren Sachbüchern ging es dem Althistoriker und früheren Gymnasiallehrer Karl-Wilhelm Weeber (75) immer darum, das Alltagsleben der griechisch-römischen Antike nach 2000 Jahren lebendig werden zu lassen. Auch in seinem neuen im April beim Galiani Verlag veröffentlichten Buch „Als Rom noch nicht Antike war. Reise in die Römerzeit“ gelingt ihm dies in leicht verständlicher Alltagssprache wieder und gleichzeitig, Analogien zu unserem heutigen Leben und zu aktuellen Themen unserer Zeit herzustellen. Als hätten wir uns mit einer Zeitmaschine zwei Jahrtausende zurück versetzen lassen, stehen wir zur Rush Hour auf einer Hauptstraße der überfüllten Millionen-Metropole mit Luftverschmutzung und Verkehrschaos, erleben normale Alltagsszenen, lernen das Leben der Sklaven in der Stadt, aber auch jener auf dem Land kennen. Wir begegnen Ex-Sklaven, die als Senatoren Rom mitregieren, aber auch normalen Bürgern ebenso wie antiken „Bio-Römern“ und Umweltschützern. Wir erfahren, dass schon damals Raubbau an der Natur betrieben und dies gleichzeitig kritisiert wurde. Wir begegnen Prostituierten, die zwar damals wie heute am Rand der Gesellschaft standen, aber doch jungen Männern zu Übungszwecken sogar empfohlen wurden, damit junge Mädchen von ihnen unbehelligt blieben. Wir lesen über Kriminelle unterschiedlicher Art wie Straßenräuber und Taschendiebe, vor denen damals wie heute Reisende gewarnt werden. Meist sind Bücher über das antike Rom wissenschaftliche Arbeiten ausgewiesener Historiker, in denen wir über Kaiser und Senatoren, über die wohlhabende Oberschicht in ihren Palästen und über antike Schriftsteller und Dichter lesen, deren Werke zu übersetzen, vielen Gymnasiasten die von ihren Lehrern erhoffte Begeisterung für den Latein-Unterricht verleidet hat. In Weebers Buch erleben wir dagegen – aufgeteilt in 15 spannende Kapitel, die wiederum nach sachlichen Stichpunkten untergliedert sind – die pulsierende Metropole zur Kaiserzeit aus Sicht der freien und unfreien Normalbürger. Wie lebten diese „Normalos“ in der kosmopolitischen Hauptstadt, einer Metropole mit Migranten aus eroberten, in Kultur und Religion unterschiedlichen Provinzen? Wie lebte es sich in einer Klassengesellschaft mit einerseits dekadentem Luxus und andererseits größter Armut? „Dass es Obdachlose gab, dass sie unter Brücken übernachteten und Passanten um Almosen anflehten, ist keine Frage, aber die Größenordnung ist völlig unklar“, weiß auch der Autor um die Schwächen mancher Quellen, „weil die allermeisten Quellen aus der Schicht der Wohlhabenden stammen, und diese sich wenig um die Menschen kümmerten, die im Schatten der Gesellschaft lebten.“ Auch nahm es mancher zeitgenössische Geschichtsschreiber mit Fakten nicht immer so genau: „Es ist völlig unstrittig, dass die Geschichte von [Räuberhauptmann] Bulla Felix und seinen 600 Räubern viele legendenhafte, fiktionale Züge aufweist und dass [Geschichtsschreiber] Cassius Dio sie ausgeschmückt hat, um dem ungeliebten Kaiser Septimius Severus eins auszuwischen.“ Doch die meisten Fakten kann Weeber in seinem Buch in einem 25-seitigen Literatur- und Quellennachweis belegen – wie den Preis für lebende Nachtigallen, dass man 60-Jährige von der Brücke stoßen sollte, da sie altersbedingt arbeitsunfähig für die Gesellschaft nicht mehr von Nutzen waren und nun auf Kosten anderer leben mussten. Interessant ist auch, dass Kaiser Augustus mit seinen „Vigiles“ die erste professionelle Feuerwehr Roms gegründet hat, deren Hauptaufgabe zwar die Brandbekämpfung und -prävention war, aber durch ihre nächtlichen Patrouillengänge zugleich für die Sicherheit der Passanten und Einwohner vor Schlägern, Straßenräubern oder Einbrechern sorgte. Weebers Buch „Als Rom noch nicht Antike war“ ist eine anschaulich, kurzweilig und unterhaltsam geschriebene Geschichtsschreibung für all jene, die sich für das ganz normale Alltagsleben im Imperium Romanum interessieren. „Die vorliegende Darstellung möchte … ein lebendiges Rom präsentieren“, schreibt der Autor in seiner Einführung, „das die Sterilität und Verstaubtheit mancher Klassik-Vorstellungen hinter sich lässt. Dabei geht es … um ein ergänztes und erweitertes Rom-Bild, in dem auch die 'Normalos' ihren Platz finden.“ Auf diese Weise über das Alltagsleben im antiken Rom informiert zu werden, wäre für viele Gymnasiasten der Latein-Unterricht mit Karl-Wilhelm Weeber als Lehrer sicher viel spannender und Latein wieder eine lebendige Sprache. Denn sie werden in der Schilderung sozialer, kultureller und politischer Aspekte überrascht feststellen, wie viele Parallelen es zur heutigen Gesellschaft noch gibt und welche für sie aktuellen Themen schon das Leben der „alten Römer“ bestimmten.