Dass in der aktuellen Krise alle Menschen und Staaten gemeinsam handeln müssen, ist unbestritten. Eine überalterte Gesellschaft wie in Deutschland, in der zu wenig Kinder geboren werden, um die nötigen Fachkräfte auszubilden, kann sich nicht leisten, Einwanderung abzulehnen, das Rentenalter vorzuziehen und Arbeitszeitverkürzungen zu fordern. Kriege und Klimawandel fordern sofortiges Handeln und eine Kultur der geistigen Beweglichkeit. Warum es uns so schwer fällt, Veränderungen zu ersinnen und umzusetzen, erklärt Stefan Klein anschaulich am Untergang der gescheiterten Hochkultur der Maya, aber auch an ermutigenden Erfolgen wie der Abschaffung der Sklaverei, der Gleichstellung von Frauen und dem Abschaffen des Rauchens in der Öffentlichkeit.
„Sieben Illusionen“ verhindern, dass wir die Realität wahrnehmen, fesseln uns an Vertrautes, das Sicherheit vermittelt, lassen uns Unerfreuliches ausblenden, neue Erkenntnisse abwehren, Rattenfängern auf den Leim gehen (Brexit, US-Wahl) oder uns mit fehlendem eigenen Einfluss herausreden (Selbstwirksamkeit). Besonders eindringlich stellt der Autor das Nash-Gleichgewicht dar, eine Situation, in der Einzelpersonen oder ganze Staaten tatenlos in einem Zustand verharren, der den Beteiligten nur Nachteile bringt (Überfischung der Meere, CO²-Ausstoß, PKW-Verkehr, Flugverkehr, Stadtklima, Fleischverzehr, toxisches Milieu Sozialer Medien). Wie verbale Aufgeschlossenheit bei Verhaltensstarre, Realitätsverzerrung in Gruppen, konservative und nationalistische Einstellungen, sowie mangelnde Empathie für Andere den Aufbruch in die Zukunft bremsen, das nimmt im Buch breiten Raum ein.
Am Beispiel von Semmelweis‘ Forschung zum Kindbettfieber listet Stefan Klein auf, wie der Fortschritt durch Beharren auf Überholtem, Arroganz und Statusdenken ausgebremst werden kann – zu Lasten aller Beteiligten. Je intelligenter und geistig beweglicher ein Berufsstand, umso stärker waren zu seiner Zeit offenbar das Beharrungsvermögen und umso eloquenter die Ausreden. Ein Zustand, der unserer aktuellen Situation verblüffend ähnelt, mit dem Unterschied, dass Semmelweis u. a. scheiterte, weil er seine Erkenntnisse nicht gefällig genug präsentieren konnte. Als Positivbeispiele muntert Klein seine Leser:innen auf mit spektakulären Reformen zur Reduzierung des privaten PKW-Verkehrs in zahlreichen Großstädten, die er zugleich als Abkehr vom Konsum sieht und als Hinwendung zu einer gesünderen, glücklicheren Lebensweise direkt vor der eigenen Haustür. Ein Rückblick auf die symbolstarken Anti-Raucher-Kampagnen in den USA und Deutschland soll dazu ermuntern, sich nicht abschrecken zu lassen, eine lebenswerte Zukunft zu denken.
Kleins Werkzeugkasten für einen Aufbruch besteht aus der Forderung, bei sich selbst anzufangen, persönliche Veränderungen durch Feedback und Belohnungssysteme zu unterstützen, an kleine Auslöser und große Wirkung zu glauben – und überzeugende Geschichten zu erzählen, um eine gute Sache zu verkaufen. Seine Mahnung, für eine lebenswerte Zukunft vom finnischen Bildungssystem zu lernen, das mehr auf Urteilsfähigkeit als auf Faktenwissen setzt, fällt jedoch aus dieser Reihe heraus. Es lässt sich nicht von Einzelpersonen und nicht gleich nächste Woche umsetzen – aber auch die legendären Anti-Raucherkampagnen brauchten ihre Zeit.
Ein ermutigendes, flüssig lesbares Buch.