Marlene Streeruwitz' Roman »Auflösungen.« entwirft ein Bild des heutigen New York
New York im März 2024, wenige Monate vor der Wiederwahl Donald Trumps. Die Wiener Lyrikerin Nina Wagner hat die Sorgen um den richtigen Umgang mit ihrer Tochter und die Lügen ihres Ex-Mannes in Wien zurückgelassen und unterrichtet für ein Semester an einer New Yorker Universität. Doch die Umstände in den USA haben sich mit der Pandemie weiter zugespitzt. Die Freunde sind einem noch schärferen Lebenskampf ausgesetzt, und alle Kultur droht verdrängt zu werden. »Auflösungen.« ist ein Nachruf auf verloren gegangene Wünsche und die Bestandsaufnahme zerstörter Hoffnungen.
Aufgewachsen in Baden bei Wien studierte Streeruwitz nach einem abgebrochenen Jusstudium Slawistik und Kunstgeschichte in Wien. Seit 1992 werden ihre Theaterstücke an zahlreichen Bühnen aufgeführt. 1996 erschien ihr erster Roman, Verführungen. 3 Folge. Frauenjahre, für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. In schneller Folge sind seither Romane, Theaterstücke, Novellen und theoretische Schriften erschienen. Die feministisch orientierte Streeruwitz gilt als eine der politisch engagiertesten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen. Mit ungewöhnlicher Schärfe kommentierte sie die politischen Ereignisse in Österreich (ÖVP/FPÖ-Koalition) im Jahr 2000. Im November 2006 wehrt sich die österreichische Schriftstellerin öffentlich gegen die Inszenierung des neuen Stückes von Elfriede Jelinek, „Ulrike Maria Stuart“, im Hamburger Thalia Theater. In einer Szene des Stückes wird Streeruwitz in der Inszenierung von Nicolas Stemann als sprechende Vagina dargestellt. In einer Ausgabe des Spiegels kritisiert Streeruwitz, dass das Thalia Theater weiterhin das Stück in ungeänderter Form zur Aufführung bringt. „Ich will als handelndes und denkendes Subjekt nicht auf ein sprechendes Geschlechtsorgan reduziert werden.“, beklagt Streeruwitz im „Spiegel“. Dass es sich dabei um eine Satire handle, will Streeruwitz nicht gelten lassen: „Deutschsprachiger Humor war immer ein Mittel der Verächtlichmachung.“
Streeruwitz schreibt brutal, stakkatohaft und kompromisslos über Kulturbetriebssorgen und Identitätsbrüche. In Auflösungen inszeniert sie eine Höllenfahrt, die zwischen der Lakonie eines Uwe Johnson aus Jahrestage und einer satirischen Selbstdistanznahme einer Iris Hanika aus Echos Kammern hin und her pendelt. Alle Romane spielen in New York. Es geht um Theater, um Sex, um Affären und Erbschaften:
Wabenleben. Von David hatten sie gesprochen. Und dass diese Anjelica ihn bewache wie ein Drachen im Märchen die Prinzessin. Aber das war die falsche Analogie gewesen. Der Drachen hatte ja sicher sexuelle Absichten, und Anjelica wollte die Erbschaft. Oder waren Erbschaften eine Metapher für sexuelle Absichten, weil erst Geld Sex möglich machte?
Nina Wagner, Lyrikerin und 56 Jahre alt, hält eine Poetologievorlesung in New York und trifft alte Bekannte wieder. Alkoholismus spielt eine große Rolle. Sie will dem Leben in Wien entkommen, wo sich ihre Tochter Franzi um ihren Vater George kümmert, einem abgehalfterten Politiker und Ninas Ex-Ehemann. Um die Mutter-Tochter-Beziehung dreht sich weite Teile des Textes wie auch um die im Nichts zu verpuffende Affäre mit einem gewissen Leon:
Aber das? War es Bindungsangst von [Leon]? Aber nach dem ersten Mal? Und er hatte. Er war. Das war. Ja. Das war guter Sex gewesen. Oder nein. Er hatte sie gefickt. Einfach gefickt. So ein Fickprogramm. Das erste Mal. Das war so. Oft so. Wie sprechen lernen. Alle Worte versuchen. Noch keine Sätze. Wortgruppen. Das war normal.
Problematisch an dem Roman, auch noch nachdem ein gewisser Plot wie aus dem Nichts im Text aufpoppt, bleibt die irre, sich verzettelnde, orientierungslose Figur der Nina Wagner, die im Grunde völlig hilflos der großen weiten Welt gegenübersteht und ständig nur dazugehören will. Sie langweilt sich, fühlt sich ungeliebt, ungewollt und sucht nach einer Aufgabe, nachdem ihre Tochter sie aus der Fürsorgepflicht entlassen hat, sehr zu Ninas Missfallen.
Und es war ein Reflex. Immer, wenn es ihr. Schlecht ging. Nicht so gut ging. Dann wollte sie diese Sicherheit. Dass es wenigstens dem Kind gut ginge. Die Franzi zahlte ihr das mit Ablehnung zurück. Empfand das als Einengung. Sträubte sich, sich zu verabschieden. Ging grußlos davon. Nannte es ein Drama zu viel, wenn sie sich so großartig verabschieden wollte.
Die Enge, die Furcht, die Sehnsucht nach Sex bestimmen Streeruwitz neuestem Roman. Es geht in ihm nur um die gegenseitige Anerkennung und Zusprechung von Preisen, um die Wohnungen und Nicht-Wohnung in New York, das schlechte Gewissen, aber dennoch den genossenen Luxus und eben um den Sex, die wahre Liebe, die sich nicht einstellen will. Nina Wagner fühlt sich überflüssig. Streeruwitz zeigt erbarmungslos brutal die Leere der Gedanken auf und enthüllt schonungslos eine zusammenfallende Psyche. Leider verstärkt Streeruwitz‘ Stil diese Tendenz und erzeugt durch den Text hindurch eine kaum erträgliche Enge und daraus entstehende Klaustrophobie, die fast an Selbstverleugnung und symbolische Selbstzerstörung heranreicht. Am Ende wollte ich mit nichts von beidem mehr etwas zu tun haben.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): Nina Wagner, 56 aus Wien, Lyrikerin. ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: NW sieht vor der Grenzkontrolle eine Frau liegen, die sich übergeben hat, reist in die USA ein, lässt sich zu ihrer Unterkunft fahren, gibt in den USA Lyrik-Seminare. Sie lernt ihre Nachbarinnen kennen, ein altes Pärchen, Norma Finkelstein und Gladys Sloper und der Hund Winston. Inhalt der Seminare steht nicht im Vordergrund vielmehr NWs Einsamkeit. Ihre erwachsene Tochter, Franzi, Pathologin, kümmert sich um ihren Vater, George, der Alkoholiker ist und von dem sich NW getrennt hat. Zudem hat NW eine Affäre mit Leon gehabt, der sich nach dem ersten Sex nicht mehr zurückmeldet. Die Gedanken kreisen nun um das Dasein-Wollen für die Tochter und das Nicht-Melden Leons. Sie hat einen Bekanntenkreis in New York, u.a. Jack, der auch Alkohol krank ist und Henry, einem Professor von der Columbia zusammen ist. Sie kennt auch David, einen Theaterkritiker, der sich zurückgezogen hat, und durch seinen Gatten Glenn eine Wohnung geerbt hat, entfernt befreundet mit Jack und Henry. Sie besucht auch die altgewordene Judith Ren-Lay, Freundin von Jack und Henry, ehemals Tänzerin, Dramaturgin, die durch einen Autounfall gehbehindert ist, schwere, komplizierte Fußbrüche. Makler lauern vor ihrer Tür, um ihr die Wohnung abzukaufen. Judith erzählt von Jeff, der in Miami lebt, dessen Angebot, gemeinsam nach dem Tod seiner Lebensgefährtin Myrtle dorthin zu ziehen, Judith aber nach einem kurzen Versuch abgelehnt hat. Zudem trifft sie eine ehemalige Affäre, Erich, aus Wien, dessen zweideutiges Angebot NW ablehnt. Die eigentliche Geschichte beginnt, als NW einem Obdachlosen, der in der prallen Sonne liegt, helfen will und hierbei auf nicht geklärte Weise hinfällt und ihren Kopf an einem Bordstein stößt. Schwer verletzt liegt sie herum. Ein Krankenwagen eilt herbei. Neben sich stehend versteht sie kaum, was passiert, als man ihr statt ihres Rucksackes zwei Taschen gibt. Es stellt sich heraus, dass sich in ihnen Drogen befinden. Im Krankenhaus flieht nun NW vor der Polizei, mit blutendem Hinterkopf. Sie hat nur ihr Handy, aber kein Geld. In einer Bar bittet sie, auf Toilette gehen zu können. Sie lernt Lawrence kennen, einen Veteranen, der sie zu verarzten verspricht. Sie begleitet ihn. Er verarztet sie. Dort lernt sie seine Haushälterin Milli kennen. NW geht, wird von einer Latino-Familie angebettelt. Sie bringt diese zu Lawrences Wohnung, wo die Familie mit dem kleinen Kind von Milli versorgt wird. Vor der Tür trifft sie Lawrence, der für sie beide eingekauft hat. Sie küssen sich, dann geht sie. Sie erhält eine Nachricht von Franzi, dass George vermisst ist, und eine von Jack, dass er sich bereit erklärt, zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen. Sie verabredet sich mit Jack, fährt mit der Metro schwarz, trifft am verabredeten Ort Andrew, der nun trocken ist und bei seiner reichen Mutter in Tucson lebt. Jack nimmt am Treffen teil. Danach begleitet sie ihn nach Hause. Dort nimmt sie sich 20 Dollar und geht sich auf dem Nachhauseweg einen Chardonnay kaufen. Unter der Tür in ihrer Wohnung haben die Nachbarinnen ihr eine Nachricht hinterlassen, sie solle sofort zu ihnen. Dort bekommt sie den vermissten Rucksack wieder, mit all ihren Dokumenten. Als sie wieder auf dem Gang steht, auf dem Weg zu ihrer Wohnung, erhält sie die Nachricht von ihrer Tochter, dass George tot ist. ●Kurzfassung: Ein Künstlerin, geschieden, von ihrer Tochter entfremdet, lebt im Kulturmilieu New Yorks. Als sie einen Obdachlosen helfen will, kommt es zu einem Unfall. Sie steht plötzlich unter Verdacht, Drogen zu besitzen und flieht irre und verletzt durch New York, bis sie am Ende wieder in ihrer Wohnung auftaucht und von ihrer Tochter hört, dass ihr Ex-Ehemann und der Vater ihrer Tochter gestorben ist. ●Charaktere: (rund/flach) – sehr komplex, widersprüchlich, fast überhaupt nicht fassbar, völlig aufgelöst, neben sich, viel Alkohol, Phantasmagorien. ●Besondere Ereignisse/Szenen: Retardierende Erzählung, die NW schreibt über eine seltsame, sich prostituierende Figur, während ein Kind unter der Decke versteckt wird, der Mann keine Erektion zustande bekommt, sie aber Geld für das Kind nehmen muss. Zusammenhänge kaum zu verstehen, insbesondere der Transsexualitätsaspekt nicht. ●Diskurs: Politik, Trump, Palästina, Demokratie und vor allem Geld und Kulturbetriebssorgen. … liest sich stellenweise sehr satirisch. Nina Wagner fungiert nicht als ernsthafte, überzeugende Person. Sie wirkt getrieben, unselbständig, ängstlich und reflektiert sich auch so. Sie identifiziert sich rein über ihre Wirkung auf andere und will nichts lieber als dazugehören. Ihre Angst vor Ablehnung treibt sie in verhängnisvolle Situationen. Ihre Reflexionen verschaffen ihr keinen Ausweg. Die Situation lässt sich als klaustrophobisch und pathologisch. Insofern kein sehr freier Text. Zudem wirkt der Inhalt schleppend und trist. --> 2 Sterne
Form: ●Wortschatz: sehr repetitiv, mehr auf Rhythmus aus, impressionistisch. ●Type-Token-Ratio: 0,122 relativ gering – eintönig. (Musil 0,23 - Genre 0,11) ●Satzlängen-Verteilung-Median: 5,67 – sehr kurz, sehr stakkatohaft. Standardabweichung 4,12 Wörter. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter) ●Anteil der 1000 häufigsten Wörter am Gesamttext: 78,5% (Musil/Mann <70% - Genre >80%) ●Wortartenverteilung: 2-3% … sehr karg. (Adjektive - Musil 13%, Adverbien 7%) ●Stimmige Wortfelder: keine seltsamen Szientismen, oder historische Einlagen, eher aktuell, mit Anglizismen versetzt. ●Satzstrukturen: sehr einfach; ist der Stil von Streeruwitz. ●Wiederkehrende Motive/Tropen: „das Kind“, „die Franzi“ – der bestimmte Artikel bei Figuren. ●Innovation: hohe, starke, eigenwillige Prosa, sehr stimmig als Auflösungsprozess, überhaupt sehr stimmig als Aufgabe, Selbstaufgabe, Selbstzerstörung des Denkens. --> 5 Sterne
Erzählstimme: ●Eindruck: sehr hastiges, unkontrolliertes personales Erzählen aus der Sie-Perspektive, gleitet ab in ein Ich, in den Gedanken. Ein halb außen, halb innen. Vollständige Immersion in die Figur, die sich selbst distanziert, kritisch betrachtet. ●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): sehr reflektiert, konsequent perspektiviert. Die Situation der Erzählweise ist nicht klar – da Vergangenheit, im Rückblick, und doch immersiv, daher ist die Person im Text reflektiert, die Erzählhaltung selbst aber nicht. Die Erzählinstanz gibt sich nicht preis. Sie verschwindet. ●Erzählverhalten, -stil, -weise: unmittelbarer stream-of-consciousness, sehr psychologisch ausgelegt, sehr als Psychologismus vorexerziert, eine Selbstzertrümmerung, ein Gedankenlabyrinth. ●Einschätzung: sehr enge, anstrengende Erzählweise, die keinen Ausweg lässt, die tatsächlich Beklemmung erzeugt, da die Erzählinstanz sich in Kreisen bewegt, sie nicht durchschreiten kann, gefangen in ihren eigenen Gedanken und ihr Publikum mitgefangen nimmt. Wegen der unreflektierten Erzählhaltung erscheint es fast Genre-haft, aber grausam konsequent. --> 4 Sterne
Komposition: ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): eher klaustrophobisch eintönig, da personal, aber die Person selbst nicht äußerst interessant in ihrer Wahrnehmungsweise. ●Extradiegetische Abschnitte: die Erzählung, die Nina Wagner schreibt, die völlig aus dem Kontext gerissen erscheint, hierzu auch noch rätselhaft verklausuliert, als eine Art Allegorie auf sich selbst. ●Lose Versatzstücke: Bis auf die Gedichte und die Erzählung „Rückkehr aus Bozen“, nein. Etwas arg kursorische Reflexionen über Jackie Kennedy etc … ●Reliefbildung: sehr flach, sehr eng. ●Einschätzung: keine Auflockerung, kompositorisch wie eine Hatzjagd, unangenehm. --> 2 Sterne
Leseerlebnis: ●Gelangweilt: ja, besonders am Anfang ●Geärgert: ja, über die Figur und ihre Irrationalismen ●Amüsiert: nein ●Gefesselt: nein, außer, als sie mit einem Fremden mitgeht, Angst. ●Zweites Mal Lesen: auf keinen Fall. --> 2 Sterne
Einer der besten Romane, die ich zuletzt gelesen habe. Hochaktuell, sprachlich sehr besonders und gleichzeitig perfekt zum Inhalt passend, inklusive der Mischung aus Deutsch und Englisch. Eigentlich ein Stream of Consciousness-Roman in bester Virginia Woolf-Tradition, die Handlung spielt in ca 1 Woche und meistens ist die Protagonistin zu Fuß in einem heruntergekommenen Post-Corona New York unterwegs. Ich habe das Buch verschlungen!
Manchmal fühlt es sich an, als würde man in einen Mixer steigen, auf Stufe „Weltuntergang“ gestellt, und trotzdem noch hoffen, dass am Ende ein Smoothie rauskommt. Genau so liest sich „Auflösungen.“ – nur dass der Mixer hier New York ist und der Smoothie eher ein Cocktail aus Pandemie, Politik und privaten Katastrophen. Marlene Streeruwitz schickt uns mitten hinein in die Großstadthitze, den Wahnsinn einer zerfledderten Gesellschaft und das Kopfchaos einer Frau, die eigentlich nur Literatur lehren will, aber plötzlich mit den Absurditäten des Lebens jongliert.
Nina Wagner stolpert von Alltagskrisen in philosophische Gedankenspiralen, und das alles mit einer Mischung aus Verzweiflung, Scharfsinn und lakonischem Humor. Manchmal habe ich gedacht: „Mensch, entspann dich doch mal!“ – aber gleichzeitig konnte ich nicht aufhören, weiterzulesen, weil ihre Perspektive so gnadenlos ehrlich ist. Da werden nicht nur politische Zustände zerpflückt, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen mit chirurgischer Präzision seziert.
Natürlich ist das Ganze nicht leichte Kost. Streeruwitz schreibt so, dass man ständig das Gefühl hat, zwischen den Zeilen lauert noch ein zweiter, dritter, zehnter Text. Wer hier eine flauschige Feel-Good-Story erwartet, hat die falsche U-Bahn erwischt. Aber gerade dieses sperrige, ungeschönte Erzählen macht den Reiz aus.
Am Ende bleibt ein schräger Mix aus Melancholie, Wut, Hoffnung und dieser Art von Lachen, das man raushaut, obwohl einem eigentlich gar nicht danach ist. Vier Sterne von mir, weil es manchmal zu verkopft und verkünstelt daherkommt – aber hey, wenn Literatur nicht auch mal Kopfgymnastik sein darf, was dann?