365 Geschichten über die Welt und das Leben – persönlich, ehrlich, klug. Monika Helfer macht aus kleinen Alltäglichkeiten große Erzählungen, erzählt mitreißend von Abenteuern und Begegnungen, unternimmt literarische Streifzüge durch die Natur. Im Rhythmus eines ganzen Jahres zieht uns dieses Lebensbuch hinein in das reiche Universum einer großen Schriftstellerin, voller Merkwürdigkeiten, voller Schönheit. Nach der Lektüre bleiben das Glück und der Trost, der Spezies Mensch anzugehören, die so wunderbar, so grausig, so schön, so verrückt, so traurig, so lustig ist. – „Wie Annie Ernaux ist Monika Helfer eine Meisterin der kurzen Form“, Die Zeit
Monika Helfer (1947), vormals Monika Helfer-Friedrich, ist eine österreichische Schriftstellerin. Thema ihrer Bücher sind oft schwierige Familienbeziehungen, wobei sie einen besonderen Fokus auf die Kinderperspektive legt. „Die Figuren in Monika Helfers Büchern haben Mut, Überlebenswillen und den gesunden Trotz eines Kindes, nämlich den Trotz, sich von gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Kategorisierungen nicht beirren zu lassen“, so Dorothea Zanon in ihrer Laudatio anlässlich der Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.
Hinweis vorweg: Das hier sind für mich keine Geschichten. Ich nenne sie konsequent Fragmente. Weil genau das mein Leseerlebnis war: Bruchstücke, Notizen, angerissene Gedanken. Keine erzählten Bögen, keine Entwicklungen, kein Nachhallen. Wer das Buch als Sammlung von Kurzgeschichten liest, liest es aus meiner Sicht schon falsch.
Ich bin mit großen Erwartungen an dieses Buch gegangen. Monika Helfer ist für mich eine Autorin, der ich viel zutraue. "Die Bagage", "Vati", "Löwenherz", das alles waren Bücher, die mich getragen haben, die etwas freigelegt haben, ohne sich wichtig zu machen. Umso größer ist meine Enttäuschung hier.
Das Konzept klingt erst einmal ambitioniert: 365 Texte, einer für jeden Tag des Jahres. Aber je weiter ich gelesen habe, desto stärker hatte ich das Gefühl, dass hier nicht aus Notwendigkeit geschrieben wurde, sondern aus Pflichtgefühl gegenüber einer selbst auferlegten Struktur. Wie ein literarischer Abreißkalender. Jeden Tag ein Text, egal ob er trägt oder nicht. Und genau das ist mein Hauptproblem: Ich habe mich ständig gefragt, warum dieses Fragment existiert. Warum genau dieses noch. Warum in dieser Form. Viel zu oft fand ich darauf keine Antwort.
Sprachlich haben mich diese Texte regelrecht aufgerieben. Die Sprache wirkt bewusst schlicht, kurze Sätze, wenig Ausschmückung, regional eingefärbt. Das kann funktionieren, und bei Helfer hat es das früher auch getan. Hier aber kippt es für mich ins Altbackene, manchmal fast Befremdliche. Wörter wie Ziehmädchen oder Stockmädchen wirken nicht nur aus der Zeit gefallen, sie reißen mich komplett aus dem Text. Dazu kommen seltsame, sperrige Formulierungen, die so klingen, als hätten sie Jahrzehnte in einer Schublade gelegen und seien jetzt hervorgezogen worden. Für mich war das kein Stil, sondern ein ständiger Stolperstein.
Inhaltlich bleiben die Fragmente erschreckend dünn. Menschen ohne Namen, nur Rollen: der Mann, die Frau, der Psychiater. Beziehungen, die sich fast immer um dieselben belanglosen Konflikte drehen. Ehepaare, die sich seit Jahrzehnten nicht verstehen und es offenbar auch nie lernen werden. Das mag es geben, aber in dieser Häufung wirkt es auf mich nicht wahrhaftig, sondern klischeehaft und ermüdend. Mich hat nichts davon berührt, weil ich zu keiner Figur eine Beziehung aufbauen konnte. Alles bleibt auf Abstand. Kalt. Schwer. Mutlos.
Besonders irritierend fand ich die Haltung der Erzählerin. Über vielen Fragmenten liegt für mich ein besserwisserischer Ton, manchmal sogar etwas Überhebliches. Als wüsste sie mehr als alle anderen Figuren, die wieder einmal grundlegende Einsichten nicht begriffen haben. Das hat bei mir weniger Erkenntnis ausgelöst als Fremdscham. Ich fühlte mich nicht eingeladen mitzudenken, sondern belehrt.
Was mich zusätzlich gestört hat, ist die ständige Unklarheit darüber, was hier eigentlich erzählt wird. Sind das Erlebnisse? Beobachtungen? Erfundenes? Verarbeitung? Notizen aus einem inneren Archiv? Diese Unschärfe kann selbstverständlich reizvoll sein, wenn sie etwas öffnet. Hier hat sie für mich aber alles vernebelt. Viele Fragmente deuten Situationen an, die viel hergeben könnten, brechen aber genau dort ab, wo es interessant werden würde. Das eigentlich Ärgerliche daran ist, dass Monika Helfer genau diese Verdichtung und Tiefe in früheren Büchern längst gezeigt hat und hier bewusst oder unbewusst darauf verzichtet. Es bleibt beim Anreißen, beim Andeuten, beim Fallenlassen.
Der Titel "Wie die Welt weiterging" wirkt auf mich im Nachhinein fast irreführend. Wenn damit die persönliche Welt der Autorin gemeint ist, ihre täglichen Gedanken, Beobachtungen, inneren Bewegungen, dann mag das passen. Als Leser aber habe ich das Gefühl, dass diese Welt mir verschlossen bleibt. Ich sehe Splitter, aber kein Ganzes. Und ich spüre keinen inneren Drang, dieser Welt weiter zu folgen.
Vielleicht bin ich der falsche Leser für dieses Buch. Das frage ich mich ernsthaft. Und doch irritiert mich genau das, weil ich Helfers autofiktionale Romane sehr geliebt habe. Umso schmerzhafter ist diese Enttäuschung. Ein Buch mit über 800 Seiten, das sich anfühlt wie ein digitalisiertes Notizbuch, ungefiltert, unverdichtet, ungeprüft auf Notwendigkeit.
Ich vergebe daher nur einen Stern. Nicht aus Bosheit, sondern aus ehrlicher Ratlosigkeit. Für Leserinnen und Leser, die Monika Helfer noch nicht kennen, würde ich dringend empfehlen, mit "Die Bagage" zu beginnen. Dort zeigt sich, was diese Autorin kann. Dieses Buch hier leider nicht.